Was ist Autismus?

Eigentlich bräuchte ich zur Beantwortung dieser Frage ja nur auf den Wikipedia-Artikel verweisen, aber viele können sich aufgrund der Fachbegriffe unter dem, was dort beschrieben ist, nicht viel vorstellen.

Fakt ist, dass man die Frage „Was ist Autismus?“ nicht in einem Satz beantworten kann, nicht nur weil jeder Autist individuell ist, sondern auch weil die Thematik einfach so vieles umfasst.

Allgemein

Offiziell wird Autismus von der Weltgesundheitsorganisation als tiefgreifende Entwicklungsstörung und anderswo auch als seelische Behinderung klassifiziert (es ist aber keine Krankheit und ist auch nicht „heilbar“!).

Bei den Ursachen von Autismus sind sich die Forscher noch nicht ganz einig, man geht aber von einer genetischen Komponente aus.

Es gibt mehrere verschiedene Arten von Autismus, darunter fallen:

  • Asperger-Syndrom
  • Frühkindlicher Autismus (auch Kanner-Syndrom genannt; enthält Niedrig- (LFA) und Hochfunktionalen Autismus (HFA))
  • Atypischer Autismus (enthält Frühkindlichen Autismus mit atypischem Erkrankungsalter, Frühkindlichen Autismus mit atypischer Symptomatik und Frühkindlichen Autismus mit atypischem Erkrankungsalter und atypischer Symptomatik)

Die Autismusformen sind auch nicht an eine bestimmte Intelligenz gebunden, es gibt hoch-, normal- und niedrigintelligente Autisten.

Insgesamt spricht man jedoch vermehrt vom sogenannten „Autismus-Spektrum“ oder den „Autismus-Spektrums-Störungen (ASS)“.

Die Vorstellung eines Spektrums ist tatsächlich gar nicht so falsch, da die Übergänge fließend sind und es teilweise auch Überlappungen gibt. Man kann also nicht unbedingt beim Asperger- vom milden und beim Kanner-Syndrom vom schweren Autismus sprechen.

Es gibt jedoch durchaus Merkmale, durch welche die Formen sich voneinander abgrenzen lassen. Während beim Asperger-Syndrom das Kind in der Regel im normalen Alter anfängt zu sprechen, besteht beim frühkindlichem Autismus, der meist auch bereits in der Kindheit diagnostiziert wird, eine Verzögerung der Sprachentwicklung. Manche Kanner-Autisten lernen niemals sprechen. Beim frühkindlichen Autismus gibt es meist keine motorische Auffälligkeiten, während Menschen mit dem Asperger-Syndrom häufig grobmotorisch und ungeschickt sind, was vor allem mit der Eigenwahrnehmung des Körpers zusammenhängt.

Wahrnehmung

Und da sind wir auch schon beim wohl wichtigsten Thema, was Autismus betrifft: Die Wahrnehmung.

Während Nichtautisten unbewusst irrelevante Reize einfach aussortieren, sodass sie gar nicht mehr wahrgenommen werden, strömen diese (das betrifft sämtliche Sinne, also die akustischen, visuellen, taktilen, gustatorischen und olfaktorischen) bei Autisten ungefiltert auf einmal herein und müssen bewusst unterdrückt oder kompensiert werden.

Ich war zum Beispiel extrem erstaunt als die (nichtautistische) Moderatorin unserer Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz erzählte, dass sie das Piepen der Scanner an der Supermarktkasse nicht hört, während dieses Geräusch für mich manchmal fast unerträglich ist.

Können die Reize nicht mehr bewusst kompensiert werden, weil zum Beispiel zu viel auf die jeweilige Person einströmt, kann es schnell zu einer Reizüberflutung (auch „Overload“ genannt) kommen. Dies äußert sich nicht bei jedem Autisten in der gleichen Art und Weise, kann sich aber auch bis zur vorübergehenden Hilflosigkeit verstärken.

Nicht jeder reagiert bei den gleichen Dingen überempfindlich, es kann übrigens auch Unterempfindlichkeiten geben. Ich persönlich bin sehr geräusch- und lichtempfindlich und wenn mich jemand anfasst, nehme ich das meistens ähnlich wie ein Stromschlag wahr. Außerdem reagiere ich sehr sensibel auf warme (für mich dann schon heiße) Außentemperaturen, Kälte hingegen macht mir wenig aus, auch mein Schmerzempfinden ist deutlich geringer als das anderer Menschen.

Egal welche speziellen Über- oder Unterempfindlichkeiten der jeweilige Autist hat, bei vielen ist die Reizüberflutung ein täglicher Kampf.

Empathie

Sehr wichtig beim Thema Autismus anzuführen ist auch die Fähigkeit oder eben Unfähigkeit sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Entgegen einiger medialer Behauptungen sind Autisten durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden, wenn sie denn vom Verstand her wissen, wann es angebracht ist.

Sich in andere Menschen einzufühlen oder intuitiv zu erkennen, wie es ihnen geht, dazu sind sie nicht oder nur begrenzt in der Lage. Ich erkenne beispielsweise erst, ob jemand traurig ist, wenn diese Person in Tränen ausbricht. Bei Verhaltenstherapien für autistische Kinder wird zum Beispiel gezielt geübt, anhand von Gesichtern Emotionen zu erkennen.

Die mangelnde Empathiefähigkeit ist ein Grund dafür, weshalb Autisten meist eher Einzelgänger sind.

Autisten selbst haben natürlich Emotionen, drücken diese aber meistens anders aus, sodass Umstehende nur selten erkennen, was jener gerade fühlt.

Spezialinteressen

Besonders bei Asperger-Autisten sind Spezialinteressen sehr charakteristisch. Es sind mehr als nur Hobbys, sondern Dinge, mit denen sich jene sehr intensiv beschäftigen und sich einen enormen Wissensschatz darüber angeeignet haben. Für Außenstehende entsteht dann häufig der Eindruck, der Betreffende würde ausschließlich für sein(e) Spezialinteresse(n) leben und vollständig in „seine Welt“ eintauchen.

Manche Autisten haben nur ein Spezialinteresse, die meisten allerdings mehrere.

Rountinen

Autisten benötigen ein geordnetes Umfeld und einen geplanten Tagesablauf. Es mag für Nichtautisten manchmal unverständlich sein, warum ein Autist auf seinen festen und starr wirkenden Rountinen besteht, diese geben ihm aber Sicherheit in einer für ihn fremden und chaotischen Welt. Plötzliche Planänderungen können Autisten dementsprechend unsicher machen oder sogar in Panik geraten lassen. Manche werden unter solchen Umständen auch handlungsunfähig, weshalb es wichtig ist, dass man jene sich selbst so viel Flexibilität schaffen lässt, wie sie ertragen können.

Warum so bleiben wollen?

Warum also wollen die meisten Autisten so bleiben, wie sie sind? Weil Autismus nicht nur aus Nach-, sondern aus nicht viel weniger Vorteilen besteht.

Autisten können nicht nur Dinge hören, die andere nicht wahrnehmen, sie sehen die Details, wo andere nur ein Gesamtbild erkennen können. Sie sind ehrlich, direkt, ordentlich und pünktlich, sie wären also wirklich gute Angestellte in einer Firma.

Eigentlich dürfte es dann doch nur wenige arbeitslose Autisten geben oder? Leider ist das Gegenteil der Fall, da es einfach noch zu viele Klischees über Autisten und allgemein über Menschen mit Behinderung gibt.

Deswegen braucht es Leute, die den Menschen da draußen erzählen, was Autismus wirklich ist.

2 Gedanken zu „Was ist Autismus?

  1. Echt toller Blog

    Meine tiefste Anerkennung 🙂 finde es toll das Du Dich so vortrefflich beschrieben hast. Bei mir wurde ab den 12 Lebensjahr ebenfalls das Asperger Syndrom mit Frühkindlichem Autismus festgestellt. Daraufhin ging ich in eine Sonder,Kleinklasse. Bin auch ein visueller Denker mit einer Begabung im visuellen Bereich dem Zeichnen, und habe auch eine Lehre zum Zierpflanzen,Topfpflanzengärtner gemacht. Wir sind uns wahrscheinlich im Werdegang und unserer Charakteristischen Art sehr ähnlich:)

    Liebe Grüsse und alles gute für Deine Zukunft wünsche ich Dir aus der Schweiz.

    • Aus der Schweiz? Da bin ich gerade im Urlaub. So eine Sonderklasse klingt natürlich gut, nur tun sich mir da schon zwei Bedenken auf. Sicherlich gibt es solche Möglichkeiten nicht flächendeckend und meine Frage wäre dabei auch, was für Schulabschlussmöglichkeiten man in so einer Klasse hätte.
      Schön, dass du auch in den gärtnerischen Bereich gegangen bist. Ich habe in letzter Zeit vor allem die Pflanzenkenntnis für mich entdeckt.
      Viele Grüße/ Grüsse (gerade auch aus der Schweiz)!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s