Als Autist in der Gesellschaft: Selbstverständlichkeiten

Ein jeder hat sie, doch kaum einer kann auf Anhieb sagen, was seine Selbstverständlichkeiten sind. Es sind die ungeschriebenen Gesetzte, die in einer homogenen Gesellschaft funktionieren würden, in unserer heterogenen Realität aber auch hinderlich sein können, wenn es um das Zusammenleben mit anderen geht.

Jeder von uns hat seine ganz individuellen Selbstverständlichkeiten, ob sie nun durch Erlebnisse, Erziehung oder andere Dinge geprägt worden sind. Meine Selbstverständlichkeiten sind wohl Ehrlichkeit, Loyalität, Pünktlichkeit, Respekt und das Einhalten von Gesetzen und Regeln. Ich habe aber im Laufe meines Lebens gemerkt, dass ich meine eigenen Maßstäbe, so logisch sie auch sein mögen, nicht auf andere Menschen anwenden kann, da bei meinem Gegenüber die Prioritäten schon wieder ganz woanders liegen können, so wie das auch bei unterschiedlichen Geschmäckern der Fall ist.

Wozu brauchen wir überhaupt Selbstverständlichkeiten? Unser menschliches Gehirn verarbeitet Eindrücke so, dass sie quasi in verschiedene Schubladen einsortiert werden (das Extrem davon ist das sogenannte „Schubladendenken“). Diese Schubladen brauchen natürlich eine Beschriftung und ein System, damit wir die aufgenommenen Inhalte auch wiederfinden können, also unsere individuellen Selbstverständlichkeiten.

Problematisch wird es da, wo Menschen versuchen, ihre Maßstäbe an andere anzulegen, frei nach dem Motto: „Wenn ich das kann, muss der das doch auch können.“ – eine gefährliche Illusion, die schnell zu Vorurteilen führt.

Ich selbst muss mich gerade ein bisschen von einer Selbstverständlichkeit verabschieden. In sieben Jahren Lateinunterricht habe ich gelernt, dass man zum Beispiel Caesar, anders als in den Köpfen der meisten Deutschen, nicht wie Zesar, sondern wie Kähsar ausspricht, auch wenn das ziemlich nach Käse klingt ;). Nun muss ich in meiner Ausbildung feststellen, dass die Aussprache der an die lateinische Sprache angelehnten botanischen Pflanzennamen wieder völlig anders und dass Botanisch eigentlich auch gar kein Latein ist.

Es gibt auch Selbstverständlichkeiten, die von den meisten Leuten hierzulande als gemeingültig angesehen werden, so zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit. Ich muss gestehen, ich besitze nicht mal ein Smartphone, mein zehn Jahre altes Siemens-Mobiltelefon ist meistens ausgeschaltet und ich bin auch in keinem sozialen Netzwerk. Bei der Erreichbarkeit würde ich also schon mal durchs Raster fallen.

Auch dass die meisten Leute moderne Musik (welche Art auch immer) mögen, ist eine solche Selbstverständlichkeit geworden. Was höre ich gerade? Orchestersuite in h-Moll von Johann Sebastian Bach – und wieder durchs Raster gefallen.

Über was ich aber immer wieder stolpere, ist die Selbstverständlichkeit, dass man normal zur Kommunikation, insbesondere dem Telefonieren fähig ist. Versucht man seinem Gegenüber zu erklären, dass man dort Schwierigkeiten hat oder sogar angstbehaftet ist, stößt man oft auf wenig Verständnis. Es kommen dann Sätze wie: „Nun hab dich doch nicht so!“ oder „Andere können das doch auch.“, doch ich kann das eben nicht ohne große Überwindung.

Auch das „Zwischen den Zeilen lesen“ ist eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht weiter nachdenkt, wenn man sie denn beherrscht, uns Autisten kann das jedoch auf die Füße fallen, ich merke das besonders bei Arbeitsanweisungen. Es wird dann davon ausgegangen, dass der Angewiesene richtig verstanden hat, was gemeint ist, doch plötzlich wundert sich der Arbeitsanleiter, warum der Angestellte etwas ganz anderes macht. Ich bin des „Zwischen den Zeilen lesens“ nicht mächtig und brauche dementsprechend auch sehr konkrete Arbeitsanweisungen, damit ich genau weiß, was ich machen soll und nicht etwas ganz anderes verstehe.

Selbstverständlichkeiten sind etwas völlig Natürliches und „Selbstverständliches“ ;), aber jeder sollte sich bewusst machen, dass seine Maßstäbe nicht für andere auch gelten müssen. Wichtig ist, dass man erst mal weiß, was denn eigentlich die eigenen Selbstverständlichkeiten sind.

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Sind Autisten Egoisten?

Dieses Thema ist eigentlich überfällig, da man als Autist häufig schon von klein auf nach außen hin egoistisch wirkt und sich rechtfertigen muss. Doch könnte im autistischen Gehirn vielleicht etwas ganz anderes vor sich gehen?

Die Saarbrücker Zeitung hat nun einen Artikel veröffentlicht, der für meinen Teil ziemlich an dem, was ich persönlich erlebe, vorbeigeht.

In den Beitrag berichtet ein Asperger-Autist, wie er persönlich die Welt sieht. Liest sich jemand, der sich mit Autisten nicht bestens auskennt, also die Mehrheit der Weltbevölkerung, den Text durch kommt die Person zu dem Schluss: „Autisten sind egoistisch und arrogant. Sie halten sich für etwas besseres und wollen nichts mit anderen Menschen zu tun haben.“

Einige Zitate dieses 29-jährigen Mannes mit dem Asperger-Syndrom wurden zum besten gegeben. Angefangen beim Titel: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums [.]“ Entsetzen kommt wohl auch bei diesem Zitat auf: „Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior.“ (für die Nicht-Lateiner: „homo excelsior“ bedeutet „höherer Mensch“).

Die Autorin hat offensichtlich von diesem (möglicherweise bewusst ausgesuchtem) Autisten auf die gesamte „Spezies“ geschlossen, außerdem wird Autismus als Krankheit angesehen. Den weiteren Inhalt des Beitrages brauche ich nicht wiederzugeben, er ist ja oben verlinkt. Vielmehr will ich versuchen zu erklären, wie ich persönlich die Thematik „Autismus und Egoismus“ erlebe.

Häufig wurde mir rückgemeldet, ich würde egoistisch oder arrogant wirken. Andererseits war ich in der Schule bekannt als derjenige, welcher den anderen immer die Türen aufgehalten hat. Mein Problem ist, dass ich kaum in der Lage bin, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und so nur unzureichend deren Bedürfnisse sehen kann. Ist man deswegen egoistisch? Gibt es nicht einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können? Mir ist es sehr wichtig, dennoch auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, so weit mir das möglich ist. Das ist natürlich anstrengend und manchmal habe ich das Gefühl, bestimmte Menschen wollen es gar nicht wahrnehmen, wenn ich in diesem Bereich Fortschritte mache. Dennoch bin ich durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Passt das zu einem egoistischen Menschen? Dann ist da noch der Vorwurf der Arroganz. Ich sage es gleich: ich sehe mich gegenüber anderen Menschen nicht als überlegen an. Trotzdem scheine ich manchmal auf andere so zu wirken, wenn ich bei einem Thema gerade so richtig in Fahrt bin und sämtliche Einzelheiten präsentiere. Manche Leute denken dann, ich will nur meine Intelligenz zur Schau stellen, was aber ganz und gar nicht meine Intention ist. Ich nehme lediglich die nonverbalen Signale nicht wahr, wenn mein Gegenüber bestimmte Dinge eigentlich gar nicht hören will.

Um wieder zum Artikel zurückzukommen, ich bitte die Autorin darum, sich vor dem Schreiben solcher Texte näher mit dem Thema zu befassen und nicht zuerst in die Klischeeschubladen zu schauen. Es mag Autisten geben, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen, der überwiegende Teil fühlt aber völlig anders. Genauso gibt es auch einige autistische Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben. Kann man denen noch vorwerfen, sie würden nichts von Liebe halten oder kein Interesse an anderen Menschen haben?

Sehr erschüttert bin ich auch über völlig unzutreffende und als Tatsachen hingestellte Behauptungen wie: „Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen.“ Fast der gesamte Text sorgt dafür, dass wir Autisten noch mehr verachtet und ausgegrenzt werden, er schadet in erheblichem Maße der Inklusion. Ist es das, was damit erreicht werden soll? Falls nicht, wäre mir sehr daran gelegen, wenn es eine Richtigstellung geben würde.