Angst contra Verstand

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits angesprochen, dass Angst ein essentieller Bestandteil meines Lebens ist.

Ich musste (auch noch vom Urlaub aus) ein Telefonat mit dem Jobcenter führen. In mir machten sich bereits tagelang die schlimmsten Befürchtungen breit, wie dieses Telefonat schiefgehen könnte oder was erst passiert, wenn ich gar nichts unternehme. Man kann sagen, ich stand innerlich unter einem enormen Druck.

Wie das bei mir mit dem Telefonieren ist, ich habe es tagelang hinausgeschoben und in dieser Zeit für sämtliche Eventualitäten vorgeplant, in welche Richtung sich das Telefongespräch entwickeln könnte.

Dann habe ich mir irgendwann ein Herz gefasst und angerufen, doch – es geht niemand ran. Mist! Eigentlich sollte ich in diesem Moment frustriert sein, doch mein Verstand sagte mir etwas anderes. Ich hatte mich überwunden und das war wichtig.

Ein paar Stunden später rief das Jobcenter zurück und ich konnte mein Anliegen verständlich rüberbringen und entgegen meiner Befürchtungen erhielt ich keinerlei negative, genervte oder abweisende Reaktion. Habe ich mir also umsonst Sorgen gemacht oder nur versucht mich selbst zu schützen?

Ab und zu gibt es dann auch Situationen, in denen ich es tatsächlich schaffe, diese Art von Angst durch den Verstand einfach auszuschalten (fast wie der Androide „Data“ in Star Trek: Der erste Kontakt, der einfach nur seinen Emotionschip deaktiviert). Es klingt so einfach, ist es eigentlich auch, ich komme aber viel zu selten darauf, dass ich es ja so einfach lösen kann. Ich trete gedanklich aus der Situation hinaus und analysiere sie, ich überlege also, ob es gerade berechtigt ist, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Falls nicht, schiebe ich einfach mein inneres „Schutzschild“ (wenn man die Angst denn als solches sehen will) beiseite und übernehme die realistische Situationsbewertung des Verstandes.

Manchmal kann es so einfach sein, aber noch immer ist die Angst in der Interaktion mit anderen Menschen eines meiner größten Probleme.

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Automatisch oder manuell – Alles selbstverständlich?

Bei meinem und DAB+-Radio (DAB+ ist der digitale Hörfunk) gibt es, wie wohl bei den meisten, die Auswahl zwischen dem automatischen Suchlauf und der manuellen Kanaleinstellung. Ich bevorzuge letzteres, da ich so auch vor Augen habe, was ich im Frequenzbereich finde.

Das scheint gut zu meinem Leben als Autist zu passen, in vielen Bereichen, besonders im Zwischenmenschlichen, muss ich mir das meiste über den Verstand erarbeiten, während Nichtautisten solche Dinge intuitiv aufnehmen, entweder bei der Geburt oder in der frühen Kindheit.

Da bei Autisten die Spiegelneuronen gestört sind, ist die Fähigkeit, nonverbale Signale zu erkennen und selbst auszusenden stark beeinträchtigt. Sehr heikel sind deshalb soziale Regeln oder die sogenannten „ungeschriebenen Gesetzte“, die zum Beispiel beinhalten, was „sich gehört“ und was nicht. Für neurologisch-typische Menschen sind es oft völlige Selbstverständlichkeiten, während Autisten viele dieser Dinge gar nicht wissen, bis man es ihnen sagt. Schnell kann es also zu Missverständnissen oder seitens der „normalen Menschen“ zu falschen Eindrücken der autistischen Person kommen.

Nehmen wir zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, dass man sich entschuldigt, wenn man versehentlich etwas, dass einem anderen gehört, beschädigt hat oder wenn man eine andere Person in irgendeiner Weise verletzt. Ein autistisches Kind wird das schlecht wissen können, es sei denn, man sagt es ihm. Aufgrund solcher oder ähnlicher Situationen entstehen Klischees und Vorurteile, wie zum Beispiel, dass Autisten egoistisch, arrogant und an ihren Mitmenschen überhaupt nicht interessiert seien.

Da alle diese „Selbstverständlichkeiten“ dementsprechend durch den Verstand erarbeitet werden müssen, hat sich ein Autist im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Datenbank von Dingen, die man machen darf/ sollte oder eben nicht machen darf/ sollte, in seinem Kopf angelegt.

Deutlich einfacher wäre es aber, wenn einfach alles als Gesetzestext niedergeschrieben wäre, doch kaum ein nichtautistischer Mensch rechnet damit, dass man solche Dinge nicht wissen könnte. Da heißt es dann beispielsweise: „Na so etwas muss man aber doch wissen!“ oder ganz klassisch: „Das ist doch selbstverständlich!“ Tja, ist es eben nicht.