Der eiserne Wille

Semesterferien – nun habe ich endlich wieder Zeit, mich meinem Blog zu widmen.
Ich habe eine Eigenschaft, die sicherlich positiv und negativ zugleich sein kann: einen eisernen Willen. Habe ich mich einmal auf ein Ziel festgelegt, lasse ich mich davon auch nicht mehr ohne weiteres abbringen. Klingt erstrebenswert, nicht wahr? Doch leider bedeutet das auch, dass ich mich nur schwer auf Alternativen einlassen kann.

Nun habe ich ja insbesondere in meiner Schulzeit über zehn Jahre Mobbing hinter mir. Mein Weg Leben sähe im negativen Sinne ganz anders aus, hätte ich nicht einen eisernen Durchhaltewillen gehabt, durch den ich mich in vielerlei Hinsicht bis zum Abitur durchgekämpft habe. Aufzugeben kam für mich nicht in Frage, dann hätte ich nur den Leuten, die versuchten mir zu schaden den Sieg geschenkt. Schließlich war es dann so, dass ich es bis zum Abitur geschafft habe, ein großer Teil derer, die mich gemobbt hatten jedoch nicht. Und obwohl die Schulzeit tiefe Spuren in mir hinterlassen hat, konnte ich standhaft bleiben. Leider mussten wir erst vor kurzem wieder von einer Grundschülerin aus Berlin hören, die sich aufgrund von massivem Mobbing das Leben genommen hat, einer der wenigen Fälle, die es mal in die mediale Öffentlichkeit schafften.

Jeder Mensch kommt mal an den Punkt, wo ein Lebensabschnitt zu Ende geht und sich die Frage stellt: „Was kommt als nächstes?“. Ich war schon öfter an so einem Punkt, sei es nach der Schule, nach der Ausbildung und so weiter. Ich hatte meistens sehr konkrete Vorstellungen und darauf, Alternativen in Betracht zu ziehen, kam ich von selbst nicht. Es waren in der Regel Personen aus meinem Umfeld, die mir die Frage ans Herz legten: „Was ist, wenn es nicht klappt?“
Um zum „Eisernen Willen“ zurück zu kommen, mir fiel und fällt es immer wieder schwer, meinen vorgefassten Plan zu ändern geschweige denn, gänzlich über den Haufen zu werfen. Manchmal war es sinnvoll, dass ich auf Anraten meines Umfeldes alternative Pläne einbezog, andererseits behielt ich aber auch immer wieder Recht damit, stur meinem nächsten Ziel entgegen zu laufen, so bei der Wohnungssuche für das Studium in Dresden. Ich hatte ausschließlich ein Wohnungsangebot herausgesucht, eine 2-Zimmer-Wohnung auf dem Dorf, schön abgelegen. Ich wusste, die will ich haben, damit muss und wird es klappen. Es war mit vielen Hindernissen verbunden, aber es hat geklappt!

Von meinem „Eisernen Willen“ profitiere ich übrigens auch auf meinen Fahrradtouren. Wenn ich mal wieder eine besonders lange Strecke fahre, muss ich die ganzen Kilometer natürlich auch wieder zurück. Ich sage mir dann selbst, dass ich es wieder bis nach Hause schaffen muss und auch werde, alles andere wäre keine Option. Es ist sicher für manchen schon ein Grund zu verzweifeln, wenn man sich, wie ich es einmal erlebt habe, etwa 40 Kilometer von Zuhause entfernt und etwa 500 Meter darüber eine Acht in den Vorderreifen fährt.

So eine Willenskraft verlangt aber zugleich nach anderen Eigenschaften, natürlich ist damit die Zielstrebigkeit verbunden, aber auch Geduld und Gelassenheit. Wenn mal etwas nicht so klappt, wie man sich das so vorgestellt hat, darf man sein Ziel nicht aus dem Blick verlieren.

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Ist das journalistische Präzision?

Letzte Woche saßen wir wieder einmal fassungslos vor den Nachrichten und mussten erneut erfahren, dass es wieder einen Amoklauf mit einer Menge Toten an einer Schule in den USA gegeben hat.
Nun, wir Autisten haben da ja schon so unsere Vorahnungen, welche Verlautbarungen da von den Medien wohl wieder zu hören sein werden – und schon ein paar Tage später wurde es hinausposaunt: „Autismus“

Speziell aufgefallen ist mir ein Nachrichtenartikel der ZEIT. Während in anderen Zeitungen/ Nachrichtenportalen nur davon die Rede ist, dass „eine Frau“ der Sun Sentinel (vom Format etwa mit der BILD-Zeitung vergleichbar) sagte, der Amokläufer hätte als Kind eine Autismus-Diagnose erhalten, was ja alles noch sehr relativ und vage klingt, ist sich die ZEIT völlig sicher:

Auch wurde bei dem Attentäter Autismus diagnostiziert, eine neurologische Erkrankung, die oft zu Isolation und Problemen im Umgang mit anderen Menschen führt, sowie die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS.

Dieser Satz mit exakt dem gleichen Wortlaut gibt es in dem Artikel gleich zweimal, aber sehen wir darüber mal hinweg. Sehen wir uns allerdings zum Vergleich den Satz an, der in vielen anderen Quellen zu finden ist, so zum Beispiel bei der WELT:

Eine Frau berichtete der Zeitung „Sun Sentinel“, bei Nikolas sei schon als Kind Autismus diagnostiziert worden.

Die ZEIT versucht also schon wieder, diese schreckliche Tat auf Kosten von Menschen mit Autismus und ADHS zu erklären? Ob er nun wirklich Autismus hat oder nicht ist völlig nebensächlich, denn das kann kein Grund für einen Amoklauf sein. Und hört sich das wirklich nach einem Autisten an, jemand, der begeistert Bilder von Waffen in Sozialen Netzwerken postet? Ich mache jedenfalls um Dinge wie Facebook, Twitter, Instagramm oder WhatsApp einen großen Bogen.

Die ZEIT hat mit ihrem Artikel eines erreicht – dass in den Köpfen der Leute die Vorurteile gegenüber Autisten weiter gefestigt werden. Die Zeitung hat wieder einmal dafür gesorgt, dass man Autisten auch weiterhin als gewalttätige, gefühlskalte Monster ansehen wird, die nach dem Willen mancher Leute vorsorglich weggesperrt gehören. Ist es das was ihr, die „Journalisten“ der ZEIT, wollt?

Wunder Punkt

Während meiner Schulzeit hatten es meine Mitschüler sehr leicht, mich zum Ausrasten zu bringen. Sie wussten genau, womit sie mich aufstacheln konnten. Inzwischen haben es Leute schwer, bei mir einen wunden Punkt zu finden.

Ich würde behaupten, dass jeder Mensch irgendwo mindestens einen solchen wunden Punkt hat, der womöglich auch einen gemütsruhigen Menschen die Selbstbeherrschung verlieren lassen kann.
Wo man mich besonders kränken kann ist, wenn man mir vorwirft unzuverlässig, unordentlich, ungründlich, unpünktlich oder gar faul zu sein. Dadurch fühle ich mich dann besonders angegriffen, es sein denn, ich erkenne sofort, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Treffen diese Punkte in einer Situation aber doch mal zu, mache ich mir selbst mehr Vorwürfe als mein Gegenüber.
Alle diese Tugenden – Ordnung, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pünktlichkeit – würde ich als meine Stärken bezeichnen, typisch Asperger eben. Wenn also jemand auch noch im Recht damit ist, meine Stärken infrage zu stellen, wie würde es dann erst bei Dingen sein, die mir schwer fallen?
Rechtschreibung fiel mir schon immer leicht und Schreibfehler entdecke ich bei anderen meist sofort. Wenn aber mir tatsächlich mal einer unterläuft und der dann noch von anderen entdeckt wird, ist das für mich natürlich eine herbe Schmach.

Es ist halt doch so, dass ich mich sehr über meine Stärken definiere und wenn jemand das Fundament einreißt, was bleibt da noch?
Doch zum Glück geht ein Fundament nicht so schnell in die Brüche. Wo ich früher kaum Kritik zulassen konnte, ist es mir heute viel eher möglich, konstruktive Rückmeldungen anzunehmen, ich brauche sie sogar.
Bei Kritik, die nicht gerechtfertigt ist, kommt häufig noch immer meine Kämpfernatur zum Vorschein und ich fange an zu diskutieren, oder aber ich bemerke, dass diese nur dazu dient, mich schlecht zu machen oder aus der Reserve zu locken. Letzteres blockt meistens von mir ab.
Vieles, was früher für mich ein wunder Punkt war, ist es eben heute nicht mehr.

Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

Absolutes Gehör

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad nach Schöneck hinauf und hörte dabei im Radio auf BR-Klassik einen Beitrag über das absolute Gehör (die Fähigkeit, gehörte Töne zu identifizieren oder einen geforderten Ton sofort ansingen zu können). Da ich dieses selber habe, war das Thema natürlich für mich hochinteressant. Relativ zum Schluss des Beitrages wurde auch noch darauf eingegangen, dass es unter Autisten einen erstaunlich hohen Anteil an Absoluthörern gibt.

Das erste Mal hörte ich den Begriff „Absolutes Gehör“ im Musikunterricht in der zehnten Klasse. Unser Musiklehrer wollte uns am Klavier anhand zweier Dreiklänge den Unterschied von Dur und Moll erklären und sagte, als er beides nacheinander gespielt hatte, dass man da kaum einen Unterschied heraushören könnte. Ich sagte daraufhin, dass man schon einen Unterschied hören kann, da der eine Dreiklang ein fis und der andere ein f hat. Darauf hat der Lehrer mir gleich ein paar weitere Töne vorgespielt um herauszufinden, ob ich wirklich das absolute Gehör habe. Er erklärte mir, dass diese Fähigkeit sehr selten sei. Bis dahin bin ich davon ausgegangen, dass jeder Mensch das kann.

Aber ist es wirklich so, dass das absolute Gehör bei Autisten häufiger vorkommt als bei Nichtautisten? Zumindest gibt es einige Studien und Untersuchungen darüber, die aber allesamt noch kein stichhaltiges Ergebnis zutage fördern konnten geschweige denn zu erklären in der Lage gewesen wären, warum diese Fähigkeit bei Autisten häufiger auftritt. Meine Vermutung ist, dass die häufigere Veranlagung des absoluten Gehörs bei Autisten mit der bei jenen häufig auftretenden akustischen Übersensibilität zusammenhängt, aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung.

Mich persönlich hat das absolute Gehör mein Leben lang begleitet und ich empfinde es als sehr wertvolle Eigenschaft, für die ich meinem Schöpfer im Himmel eigentlich nicht genug danken kann. Wenn irgendwo eine Gitarre zu stimmen war, wurde ich meist zurate gezogen, es hilft mir beim Auswendiglernen von Musikstücken und beim Komponieren. Wo andere Komponisten zum Schreiben ihrer Stücke das Klavier benötigen, habe ich die Melodie im Kopf, schreibe sie einfach auf und weiß genau, wie die Begleitung klingen würde, die ich ergänze. Im Chor kann ich durch diese Fähigkeit obendrein wunderbar vom Blatt singen.

Natürlich setzt mir das absolute Gehör auch gewisse Grenzen. Manchmal – das trifft vor allem auf die Musik des Barock zu – müssen Stücke einen Halbton tiefer oder in noch einer anderen Tonart gesungen/ gespielt werden. Manch einer würde einfach das Instrument dementsprechend umstimmen oder schlicht in der anderen Tonart singen. Bei mir geht das dann nicht so einfach. Ich muss bewusst transponieren, also statt einem e zum Beispiel ein es spielen. Und wenn mir jemand zwei aufeinander folgende Halbtöne vorspielt (also das Intervall einer kleinen Sekunde), ist das für mich wie Folter, die ich selbst mit Gehörschutz nicht ertragen würde.

Ich selbst würde das absolute Gehör durch nichts eintauschen wollen und bin gespannt, was die Forschung noch so über den Zusammenhang Autismus und absolutes Hören herausfindet.

Auf alles vorbereitet

Vor kurzem hatte ich meinen ersten Ausbildungslehrgang in Dresden. Da ich mein Fahrrad mitgenommen habe konnte ich mir den Luxus, meine geräumige Reisetasche für diese Woche mitzunehmen, nicht leisten. Ich musste ja alles unterwegs transportieren können, schließlich hatte ich die Strecke vom Pirnaer Bahnhof nach Dresden-Pillnitz auf zwei Rädern zu bewältigen.

Also ging es schwer bepackt los, ein großer, vollgestopfter Wanderrucksack auf dem Rücken, die Laptoptasche umhängend, sowie den Fahrradkorb und den Gepäckträger beladen. Als ich beim Lehrgang ankam, wurde ich erst mal gefragt, ob ich gerade zuhause ausgezogen bin. Dabei habe ich aus meiner Sicht vor allem das Nötigste mitgenommen. Die anderen Teilnehmer kamen zum Teil mit einem Rucksack und ich frage mich, wie kriegen die da alles rein, die Arbeitskleidung und -schuhe, die Wechselwäsche, die Waschsachen? Nun gut, die müssen keine Trompete zum Üben oder einen Laptop zum Komponieren mitschleppen, geschweige denn einen weiteren Rucksack für die Fahrradtouren.

Mir ist insgesamt aufgefallen, dass andere Leute, wenn sie unterwegs sind, weniger mitnehmen als ich. In meinem Rucksack sind immer allerhand Dinge – wie zum Beispiel verschiedene Werkzeuge – drin, damit ich auf sämtliche Situationen bestens vorbereitet bin. Der Nachteil ist natürlich, dass ich oftmals schwerer zu schleppen habe.

In ein paar Wochen habe ich wieder einen Lehrgang in Dresden, da werde ich es wieder genauso machen. Immerhin, es hat sich gelohnt, das Fahrrad mitzunehmen:

Sächsische Schweiz, der Blick von der Bastei auf die Elbe

Sächsische Schweiz, der Blick von der Bastei auf die Elbe

Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Brief an einen zehnjährigen Autisten

Nachdem sich schon einige andere an der Aktion beteiligt haben, will ich natürlich auch meinen Teil dazu beitragen, hier noch kurz die Einleitung:

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige® wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.

Veröffentlicht die Texte auf eurem Blog und schickt uns den Link zu. Falls ihr kein eigenes Blog habt, schickt uns euren Text – Link siehe in der linken Seitenspalte – und wir veröffentlichen ihn. Schickt uns auch Bilder, Comics, Videos …

Macht einen Unterschied.

Hallo junger Mann,

ich kann mich noch erinnern, als ich zehn Jahre Alt war (also vor zwölf Jahren). Damals hatte ich noch keine Asperger-Diagnose. Ich kam gerade mit einem Notendurchschnitt von 3,6 aus der vierten in die fünfte Klasse, wir hatten als erster Jahrgang nur noch zwölf Jahre bis zum Abitur, allerdings noch bis zur sechsten Klasse, bis es auf die weiterführenden Schulen ging. Mein festes Ziel, von dem mich auch meine Mutter nicht abbringen konnte war, mich soweit zu verbessern, dass ich am Ende der fünften Klasse eine Gymnasialempfehlung bekomme. Dazu musste ich einen besseren Notendurchschnitt als 2,5 haben. Ich habe schließlich so sehr angestrengt, dass ich zum Endjahreszeugnis der fünften Klasse einen von 2,3 bekommen habe und so auf das Gymnasium weitergehen konnte.

Das ist eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle und ein wichtiger Punkt meines Einzelkämpferdaseins, aber leider nur ein kleiner Teil meiner Schulzeit. Der größte Teil war geprägt von Mobbing, Ausgrenzung, Verleumdungen, Beleidigungen, Schuldzuweisungen, jeder Menge verbaler Gewalt, Gelächter, Ungerechtigkeit und jeder Menge Unverständnis. Ich denke, die meisten anderen Autisten können wohl ebenfalls ein Lied davon singen.

Bei mir fing das ganze zum Teil schon im Kindergarten an. Wie die „normalen“ Menschen so sind, sie merken es, wenn jemand anders ist. Da Kinder in dem Alter zwar bereits Gruppen bilden und in Gemeinschaft interagieren, aber kaum einen Sinn für Toleranz oder Integration haben, kannte ich das Gefühl, ausgegrenzt zu sein bereits sehr früh. Ich habe mich aber ohnehin mehr mit mir selber beschäftigt, habe gern meine Umgebung erkundet oder Musiker eines Orchesters mitsamt ihren Instrumenten gezeichnet.

Wie sollte es anders sein, in der Schule ging es mit den Mobbing dann so richtig los. Oftmals reagierte ich darauf mit Wutanfällen. Ich wollte schon dazugehören konnte es aber nicht, weil ich in meinem Handeln, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und in meinen Interessen einfach viel zu anders war und noch heute bin. Auch so manche Lehrer haben sich da mir gegenüber zum Teil wirklich unfair verhalten. Am schlimmsten war es, sowohl mit dem Mobbing, als auch mit den Ausrastern meinerseits in der fünften Klasse, was sogar einen Klassenwechsel zur Folge hatte. Auf dem Gymnasium wurde ich leider auch weitergemobbt, erst in der Oberstufe hatte ich dann wenigstens meine Ruhe, integriert war ich während der Schulzeit aber nie.

Vor ein paar Monaten lernte ich dann erstmals das Gefühl kennen, wie es ist, integriert zu sein. Ich war für sechs Wochen in Plauen/Vogtland bei einer Art Arbeitserprobung, wo auch noch andere Menschen mit seelischen Behinderungen waren, und habe sogleich gemerkt, was für eine Verantwortung es mit sich bringt, integriert zu sein.

Jedenfalls habe ich in meiner Schulzeit immer wieder feststellen müssen, wie sehr ich mich doch von den anderen unterscheide, das markanteste Beispiel dürfte wohl der Musikgeschmack sein. Ich höre (und komponiere auch selbst) Barockmusik, also Musik aus der Zeit von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi, wahrscheinlich hast du schon aus dem Musikunterricht von denen gehört. Und wer sonst schneidet in seiner Freizeit zugewachsene Bahngleise frei oder macht 60 Kilometer Fahrradtouren, anstatt sich über Stars, moderne Musik, Casting Shows, Mode oder Zeitschriften zu unterhalten. Auch Partys und Diskothekenbesuche waren für mich immer undenkbar, allein vor dem Aspekt der Reizüberflutung.

Als unser damaliger Klassenlehrer in der sechsten Klasse einen meiner Mitschüler fragte, warum er und andere mich ärgern würden, sagte dieser sehr treffend: „Johannes ist irgendwie anders.“ Dieser Satz war übrigens auch für den Titel meines Blogs, in dem ich über Asperger-Autismus schreibe, ausschlaggebend.

Bei all dem Leid, welches das Mobbing verursacht hat, kann ich heute sagen, dass es mich auch zum Einzelkämpfer gemacht hat. Es mag verrückt klingen, aber ich profitiere heute auch von den schlimmen Erlebnissen meiner Schulzeit. Ich kämpfe solange für meine Ziele, bis ich sie erreicht habe. Aufgeben kommt für mich nicht infrage.

Nun habe ich fast noch nichts über meine Diagnose gesagt, die für mich eigentlich wie eine Identität geworden ist. Als ich vier war, hatte meine Mutter bereits den Verdacht, ich könnte Asperger haben, nachdem sie einen Zeitungsartikel darüber gelesen hatte. Also ging sie mit diesem Verdacht zum Kinderarzt, doch der sagte, die Symptome müssten in dem Fall stärker sein. Tatsächlich hatte er aber so ziemlich keine Ahnung von dem Thema „Autismus“. Doch es sollte daraufhin noch vierzehn Jahre dauern, bis der Verdacht erneut aufkam, ich war damals achtzehn und kurz vor dem Abitur. Ich begann mir in dieser Zeit ohnehin allmählich die Frage zu stellen, warum ich, wohin ich auch kam, fast immer Mobbing ausgesetzt war, warum haben die sich immer mich ausgesucht, was ist falsch an mir oder was mache ich falsch? Mit der Diagnose Ende 2012, da war ich gerade zwanzig geworden, bekam ich endlich die Antwort auf meine Fragen. Ich war nie falsch, ich war nur anders. Ich lernte mit der Zeit meinen Autismus besser kennen und konnte nun auch meine Stärken richtig nutzen und meine Einschränkungen allmählich annehmen. Heute kann ich sagen, dass mein Gehirn einfach anders verdrahtet ist und ich zu einigen Dingen fähig bin, die andere nicht können (nicht ohne Grund werde ich oft als menschliches Navigationsgerät eingesetzt 😉 ).

Ich habe mir manchmal überlegt, wie wohl meine Schulzeit und mein weiteres Leben gelaufen wäre, hätte ich schon als Kind die Diagnose erhalten. Wäre ich dann noch der Einzelkämpfer gewesen, der ich heute bin? Hätte ich all das erreicht, auf das ich heute zufrieden zurückblicken kann? Sicherlich wäre die Schulzeit angenehmer verlaufen, vielleicht bleibt ja auch dir so manches erspart, was ich durchmachen musste. An dieser Stelle eine Bitte von mir: Verstecke dich nicht hinter deinem Autismus, aber schäme sich auch nicht dafür, versuche so viel wie möglich in deinem Leben zu erreichen und sei dir immer bewusst, was für ein besonderes Geschenk du mit deinem Anderssein erhalten hast. Versuche auch andere davon profitieren zu lassen. Es ist eine einzigartige Perspektive, die Menschen und ihre Verhaltensweisen sozusagen als Außenstehender betrachten zu können und mit ein bisschen Lebenserfahrung vielen Leuten wertvolle Ratschläge mitgeben zu können. Strecke dich danach aus, die Menschen besser zu verstehen, dann kannst du ihnen helfen, dich besser zu verstehen.

Autismus ist erstmal nur eine Diagnose, aber du entscheidest, was du daraus machst!

Herzliche Grüße

Johannes Lewke

Vom ausgegrenzt werden zum sich abgrenzen

Heute soll es mit dem bereits im letzten Beitrag angefangenen Themenkomplex „Mobbing“ weitergehen.

In der Schule war ich immer ein Außenseiter. Ich hatte keine wirklichen Freunde (die, welche was ich damals als Freunde bezeichnete, waren eigentlich vor allem solche, mit denen ich mich gut verstand, weil sie selbst Außenseiter waren) und eigentlich auch nicht das direkte Bedürfnis danach, wollte aber doch dazugehören und nicht ausgegrenzt sein.

Ich war eigentlich schon immer jemand, der die Dinge auf die eigene Weise machte und sich nicht so sehr von anderen reinreden ließ. Das kam sicher nicht bei allen gut an, besonders vor dem Hintergrund, dass sich die meisten Menschen eher in einer Mehrheitsmasse sicher fühlen und nicht wenige, um angenommen zu werden, ihre Individualität aufs Spiel setzen. Ich hatte nun ein Problem: ich wollte dazugehören, aber passte doch nicht hinein, da ich nicht bereit war, meine – verglichen mit den anderen – völlig andere Persönlichkeit und Individualität aufzugeben.

Mich unterschied allein schon in den Interessen so viel von den anderen, dass ich mich schließlich damit abfand, nicht zur „Gruppe“ dazugehören zu können (so etwas wie Einsamkeit habe ich ohnehin bis heute noch nie erlebt). Ich begann also nun, mich bewusst von den anderen abzugrenzen und definierte mich, ohne auch nur einen blassen Schimmer vom Asperger-Syndrom zu haben, in vielen Bereichen über dieses Anderssein. Ich stand also in einem solchen Maße offen zu meinen Interessen und Vorlieben, dass ich manchmal schon aufpassen musste, mich nicht als zu anders darzustellen, als ich es denn nun war, dort die Balance zu halten war gar nicht so einfach.

Nun fand ich mich zwar damit ab, nicht dazuzugehören, aber von anderen bewusst ausgegrenzt zu werden, war für mich noch immer schlimm und berührte deutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ich fing an mich zu fragen, warum die sich ausgerechnet mich als Opfer ausgesucht wurden. Heute habe ich, dank meiner Diagnose, die Antwort auf diese Frage.

Dennoch frage ich mich immer wieder, ob es möglich ist, zu einer Gruppe dazuzugehören und sich trotzdem seine volle Individualität zu bewahren. Ich merke heute zudem, dass ich mit den vielen Verbindlichkeiten, die zu einer solchen Gesellschaftsform gehören, überfordert wäre.