Scheuklappen

Manchmal könnte man als Autist Scheuklappen ganz gut gebrauchen. Aber genau das kann manchmal zum Problem werden. Ich habe schon Situationen erlebt, wo aufgrund einer großen Reizbelastung meine Konzentration gezwungenermaßen so sehr auf der momentanen Arbeit oder dem Funktionieren lag, dass ich eine drohende Gefahr erst spät erkannt habe (was würde ich nur ohne meine vielen Schutzengel machen?).

Auch bei unsicheren Situationen mit vielen Variablen, wo ich ständig am Kontrollieren bin, ob ich auch auf alles geachtet und nichts vergessen habe – meine morgendlichen Fahrten zur Berufsschule sind da recht exemplarisch –, bin ich sozusagen mit Scheuklappen und einem Tunnelblick unterwegs, da ich immer die Angst im Hinterkopf habe, dass meinen zurechtgelegten Abläufen etwas dazwischenkommt. Häufig ist diese Art von Angst eigentlich unbegründet.

Dann sind da noch die Scheuklappen beim Thema Einfühlungsvermögen und beim Senden und Empfangen nonverbaler Signale. Ich reagiere in sozialen Situationen nicht nur unbeholfen, sondern merke oft genug gar nicht, wie es dem Gegenüber geht und bin dadurch schnell unsensibel.

Scheuklappen können allerdings auch eine ganz nützliche autistische Eigenschaft sein. Während wir Autisten es vielleicht schwer haben, das Gesamtbild einer Situation zu sehen, ist unser Fokus klar auf Details gerichtet und auf das Erreichen eines Ziels. Es ist eine typische Eigenschaft von mir, dass ich noch weiterkämpfe, wo andere schon aufgegeben haben. Dabei lasse ich mich von meinem Ziel nicht abbringen. Natürlich bin ich dadurch auch furchtbar unflexibel, dennoch braucht unsere Gesellschaft solch zielstrebige Menschen ganz besonders.

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Geschenke

Es ist Heiligabend, einige Leute versuchen noch schnell ein Geschenk zu ergattern, um sich dann aus überfüllten Innenstädten schnell in friedliche Weihnachtsstimmung zu begeben.

Vor kurzem wurde das Ergebnis einer soziologischen Studie veröffentlicht, die zeigt, wie wichtig es doch ist, sich etwas zu schenken. Der ganze Stress ums Schenken kommt mir schon manchmal etwas übertrieben vor und häufig will man wohl sein Gegenüber mit einem Geschenk nur gnädig stimmen. Dennoch ist all dies offenbar wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Über Menschen, die niemandem etwas schenken, denkt man schnell: „Der/ Die gönnt mir nichts, mit der Person will ich nichts zu tun haben.“

Ich habe, wie wohl fast jeder andere Mensch unseres Kulturkreises auch, das Problem, dass ich schon gar nicht mehr weiß, was ich denn zum Beispiel meinen Geschwistern schenken soll. Irgendetwas finde ich dann doch und auch für mich bedeutet das vorher leider, mich durch völlig verstopfte Fußgängerzonen zu quetschen, alles in der Hoffnung, da bald wieder raus zu sein und im Idealfall auch noch für jeden gleich ein Geschenk gefunden zu haben.

Am schlimmsten sind für mich Weihnachtsmärkte, die ich aufgrund der Menschenmassen und vielen Geräusche am liebsten meide. Doch sollte es in der Weihnachtszeit nicht eigentlich besinnlich und voller Vorfreude zugehen, anstatt stressig und hektisch?

Warum tue ich mir den Stress eigentlich an, nur um Geschenke zu finden? Weil ich damit anderen eine Freude machen kann und wann wäre das passender als an einem Tag, an dem wir den Geburtstag von Gottes Sohn feiern?

Ich wünsche allen Lesern des Blogs einen besinnlichen Heiligen Abend.

Weltautismustag 2015 – Was bedeutet Autismus für mich?

Heute, am Weltautismustag des Jahres 2015, möchte ich mich damit auseinandersetzen, was Autismus eigentlich für mich bedeutet und was nicht.

Oft wird ja darüber diskutiert, welche Sichtweise bei dieser Thematik eigentlich die adäquate ist. Manch einer mag es als Krankheit sehen, die kuriert oder therapiert werden muss, manch anderer sagt vielleicht, man solle gänzlich auf Therapien verzichten und die Betroffenen so sein lassen, wie sie sind und wieder andere sehen die Inklusion von Autisten im Vordergrund, nicht zu vergessen die ebenso unterschiedlichen Ansichten von uns, den autistischen Menschen selbst.

Ich selbst beschreibe das „Störungsbild Autismus“ gern als eine alternative (nicht falsche!) Verdrahtung des Gehirns. Für mich erlebe ich mein Asperger-Syndrom als Gabe, Bürde und Verantwortung zugleich.

Eine Gabe, weil damit für mich einige besondere Fähigkeiten einhergehen, wie eine intensivere Wahrnehmung und ein guter Blick für das Detail (beides kann natürlich zugleich ein Nachteil sein), ein ausgeprägtes visuelles und akustisches Gedächtnis und eine objektivere Sichtweise auf das Verhalten der Menschen und ihre Selbstverständlichkeiten, eine andere Perspektive sozusagen.

Eine Bürde, weil ich durch meinen Autismus auch einige Einschränkungen habe und das dummerweise in vielen Bereichen, die für „normale“ Menschen meist selbstverständlich sind, was natürlich das Verständnis anderer mir gegenüber oftmals sehr einschränkt. Diese Einschränkungen bestehen bei mir vor allem in Bereichen der nonverbalen Kommunikation und der Kontaktaufnahme. Außerdem besteht im Alltag oft ein beständiger Kampf mit der Reizüberflutung.

Eine Verantwortung deshalb, weil man aus meiner Sicht als Autist die einzigartige Möglichkeit nutzen sollte, andere an seiner alternativen Perspektive teilhaben zu lassen. Für unsere Gesellschaft können Autisten von großem Nutzen sein, gerade was Innovativität anbelangt.

Nun möchte ich noch ein paar Dinge aufzählen, was für mich und meine bescheidene subjektive Meinung Autismus ist und was nicht.

Für mich ist Autismus nicht:

 – eine Krankheit

 – eine Inselbegabung

 – eine Persönlichkeitsstörung

 – psychisch

 – Einbildung

 – einfach nur Nerdtum

 – etwas, das sich auswächst

 – ein Charakterzug von vielen

 – sich nur nicht richtig anstrengen wollen

 – Gemeingefährlichkeit

 – Emotionslosigkeit

 – in der eigenen Welt gefangen sein

 – bloß eine Attraktion für „Wetten dass?“

Autismus ist für mich:

 – Segen und Fluch zugleich

 – eine andere Art zu denken, handeln, fühlen, kommunizieren und leben

 – eine Behinderung (, da die momentane Ausrichtung unserer Gesellschaft mich an der       gänzlichen Teilhabe am normalen Leben hindert)

 – eine andere Verdrahtung des Gehirns

 – Außenseiter sein

 – im sozialen Sinne oft „unsichtbar“ zu sein

 – viel Wert auf Ordnung und Routine zu legen

 – am liebsten mit sich selbst allein auf der Welt zu sein

 – sich stundenlang mit seinen Spezialinteressen beschäftigen zu können

 – reizüberflutet sein

 – Redewendungen, Witze und Ironie wörtlich zu nehmen

 – nicht gerne telefonieren

 – Aspekte im Verhalten der Menschen wahrzunehmen, die sie selbst und/ oder andere         nicht sehen

 – auch mal eine Nervensäge zu sein

Gerade heute, am Weltautismustag sollten wir, die Autisten uns neu fragen, wie wir der Gesellschaft von Nutzen sein können und die Inklusion, dadurch, dass wir uns einbringen, selbst ein Stück voranbringen.

Weitere Beiträge zum Weltaustismustag in anderen Blogs:

– innerwelt: Weltautismustag 2015

– Quergedachtes: Warum ich Blau heute nicht mag

Einkaufen – eine nützliche Qual

Das Einkaufen ist bei mir ein Thema für sich.

Ich fahre eigentlich gerne mit dem Hänger (einer von der Art, wie man sie im Osten noch immer häufiger sieht als einen Trabant) am Fahrrad durch die Gegend. Mal ist er mit Zeitungen und Prospekten beladen, mal mit drei verschiedenen Blechblasinstrumenten und der Notentasche und regelmäßig eben auch mit Einkäufen.

Wenn das Einkaufen doch nur aus dem Fahrradfahren bestünde! Ich würde in diesem Fall täglich sogar weite Touren auf mich nehmen (, so wie bei der Flut im Sommer 2013, wo Pegau und Groitzsch voneinander abgeschnitten waren und ich mitsamt dem Hänger ins mittlerweile um die 20 Kilometer entfernte – bevor der Tagebau kam, waren es nur sieben Kilometer – Hohenmölsen zum Einkaufen gefahren bin).

Doch leider gibt es da noch die Supermärkte an sich, für so manchen Autisten schon fast eine „Höhle des Schreckens“. Grelle (,manchmal sogar brummende) Leuchtstoffröhren, die den Raum durchschneiden und das laute Piepen der Scanner an der Kasse sind da nur zwei Dinge, die mir in Supermärkten Probleme bereiten. Soziale Interaktion fiel mir schon immer schwer und leider lässt sich das auch an der Kasse nicht völlig vermeiden.

Regelmäßig kommt das Versprechen, alle Filialen einer Supermarktkette seien gleich eingeräumt, ich bin aber sicher nicht der erste, dem auffällt, dass dem leider nicht so ist. Für mich ist es schrecklich, wenn ich ein Produkt, dass ich an seinem angestammten Platz vermute, nicht mehr finde, weil der Laden umgeräumt worden ist. Da ich fast immer genau die gleichen Produkte kaufe, fällt es mir sehr schwer, auf einmal mit etwas anderem Vorlieb zu nehmen.

Verständlicherweise bin ich dann froh, es hinter mir zu haben. Leider geht es ja nicht, ohne einzukaufen, da man sonst vergeblich darauf warten kann, dass einem das Essen durchs Fenster ins Haus schwebt.

Immerhin brauche ich keinen Einkaufszettel. Da ich in Bildern denke, brauche ich lediglich eine virtuelle Tour durch meine Vorratsschränke machen, so weiß ich dann genau, was ich noch brauche.

Autisten im Straßenverkehr

Ein lautes Hupen, Fahrzeuge, die einem die Vorfahrt nehmen, rücksichtslose Verkehrsteilnehmer, denen rote Ampeln scheinbar nichts bedeuten, laute Motorengeräusche, das durchdringende Piepen eines Speditionsgefährtes im Rückwärtsgang oder ein ohrenbetäubendes Martinshorn, die Liste dessen, womit insbesondere Autisten im Straßenverkehr zu kämpfen haben ist vielfältig.

Ich persönlich fahre lieber mit dem Fahrrad in der Landschaft herum oder durch Dörfer, wo (gerade bei mir im mitteldeutschen Dreiländereck) meist nicht viel los ist (wer es besonders ruhig haben will, dem kann ich die Region zwischen Hohenmölsen und Lützen empfehlen). Aber regelmäßig muss ich auch nach Leipzig, eindeutig eine Großstadt und dementsprechend ist  auch der Straßenverkehr. In der Regel bin ich auch dort mit dem Fahrrad unterwegs und ich kann nur sagen, man muss wirklich sehen, wo man bleibt.

Oft genug bin ich von dieser großstädtischen Verkehrssituation reizüberflutet, weil mir dort einfach alles so chaotisch, laut und hektisch vorkommt. Es ist mir ein Rätsel, wie sich andere Menschen dort überhaupt zurechtfinden und dabei auch noch völlig entspannt wirken. Ich bin in einer Großstadt so vieles, nur nicht entspannt.

Hinzu kommt, dass ich ein sehr defensiver Verkehrsteilnehmer bin, ob mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, und gerne mal andere Fahrzeuge vorlasse, was immerhin in einer Kleinstadt wie Pegau noch funktioniert und ab und zu sogar mal erwidert wird.

Des öfteren kommt übrigens unter manchen Nichtautisten die Frage auf: „Können Autisten überhaupt Auto fahren?“ Natürlich kann man hierbei keine Pauschalaussage treffen. Ich selbst bin ein lebendes Beispiel dafür, dass Autismus keinen Ausschlussumstand bezüglich der Fähigkeit ein Kraftfahrzeug zu führen darstellt, eine Erfahrung, die ich aber gemacht habe, ist, dass man es als Autist mit dem Auto fahren durchaus schwerer haben kann als andere. Es gibt so vieles, was man dabei gleichzeitig tun muss und im Gegensatz zu Nichtautisten muss ein von Autismus betroffener die meisten Bewegungsabläufe hier ganz bewusst steuern. Dann kommen noch die überfordernden Außenreize dazu. Das alles bedeutet aber lediglich, dass das Auto fahren für Autisten meistens eine größere Anstrengung erfordert.

Wenn man sich zu einem Autisten ins Auto setzt, muss man deutlich seltener im Voraus über sein Testament nachdenken. Da jenem Gesetze und Regeln besonders wichtig sind, gilt dies meist auch für die Höchstgeschwindigkeit. Ich selbst bin aus der Sicht der meisten anderen motorisierten Verkehrsteilnehmer wohl ein ziemlicher Sonntagsfahrer, wenn ich denn mal mit dem Auto unterwegs bin (, was übrigens nicht so oft vorkommt, da ich nicht im Besitz eines eigenen Personenkraftfahrzeuges bin). Bei erlaubten 50 km/h bin ich meist mit circa 45 Stundenkilometern unterwegs, steht auf dem runden und rot umrandeten Schild eine 100, fahre ich in der Regel zwischen 70 und 90. Bei mir gilt die Devise: Auf keinen Fall auch nur einen Stundenkilometer über der Höchstgeschwindigkeit, lieber drunter! Wer bei mir im Auto sitzt, bekommt also die Gelegenheit, die Landschaft zu bewundern!

Reizüberflutung auf Bahnhöfen

Da Bahnstrecken eines meiner Spezialinteressen sind, interessiere ich mich natürlich auch für Bahnhöfe, natürlich vor allem im verkehrstechnischen Sinne.

Leider gehören zu größeren Bahnhöfen auch viele laute Menschen und jede Menge Lärm, sei es durch gräßliche und oft viel zu laute Hintergrundmusik, durch Ansagen am Bahnsteig oder durch die Lokomotiven und Triebwagen selbst.

Neulich (ich hatte bereits im vorherigen Beitrag darüber berichtet) wartete ich im Geraer Hauptbahnhof auf meinen Anschlusszug. Am Anfang stand auf dem Gleis noch ein leerer Dieseltriebwagen der Baureihe 612 (diese Triebwagen kann ich schon aufgrund der ruckartigen Neigetechnik nicht ausstehen, spätestens jetzt weiß so mancher Bahnreisende sicherlich, von welcher Art Zug ich rede). Das laute Motorengeräusch war unerträglich. Doch es kam noch schlimmer: ein weiterer Dieseltriebwagen (Baureihe 642) von der Vogtlandbahn kam am gegenüberliegenden Bahnsteig eingefahren und der Motor war noch lauter! Als wäre es nicht schon schlimm genug, Motorenlärm von zwei Seiten zu haben, gesellte sich zu all diesen lauten Geräuschen nun auch noch das gefühlt trommelfellzerstechende Piepen des Türschließmechanismus‘ des Vogtlandbahn-Triebwagen hinzu. Ich stand mit zugehaltenen Ohren auf dem Bahnsteig und versuchte nur noch, obwohl ausgerechnet noch für meinen Zug eine Verspätung angesagt war, die Kontrolle zu behalten, was mir tatsächlich gelang, ohne in einen Overload (dieser Begriff wird im autistischen Volksmund für den Zustand der sensorischen Reizüberflutung verwendet) zu rutschen. Erst als beide Triebwagen abgefahren waren, konnte ich die neu gewonnene Ruhe wieder wertschätzen.

Diese Situation widerlegt schon mal meinen bisherigen Eindruck, dass mir auf Bahnhöfen nur der unmittelbar durch Menschen verursachter Lärm massive Probleme bereiten würde. Dies erlebe ich nämlich regelmäßig auf dem Querbahnsteig des Leipziger Hauptbahnhofes, wenn dort um die Mittags- oder Nachmittagszeit Hochbetrieb herrscht. Ein Gang von einem Ende des Querbahnsteiges zum anderen wird dann unweigerlich zum Gang in den Overload. Es sind dann vor allem die vielen wild durcheinander redenden und laut umherlaufenden Menschen, die bei mir dann die Reizüberflutung auslösen, ich habe aber die Erfahrung gemacht dass ein Overload, je schneller er eintritt auch umso schneller wieder weg ist, so ist es dann meistens auch in einer solchen Situation, außerdem muss ich ja dort ohnehin mit niemandem interagieren.

Immer wieder bringt mich der Aufenthalt auf dem Leipziger Hauptbahnhof dazu, dass ich mir die Ohren zuhalten muss, wenn eine Elektrolokomotive der Baureihe 143 mal wieder mit dem lauten Zischen anfängt, wenn von irgendwo in der riesigen Bahnhofshalle eine Trillerpfeife zur Abfahrt betätigt wird, ja sogar wenn zehn Bahnsteige weiter eine Lautsprecherdurchsage kommt.

Da inspiziere ich doch lieber irgendwelche stillgelegten Haltepunkte oder schneide alte Gleise frei.

 

Ein Gesamtbild besteht immer aus Details…

Die meisten Menschen hören den Regen, ich höre viele einzelne Regentropfen aufs Dach prasseln. Andere sehen Bäume, ich sehe viele einzelne Blätter. Viele kleine Details ergeben ein Gesamtbild und ein Gesamtbild besteht immer aus Details.

Autisten nehmen hier schlicht und einfach anders wahr, als die meisten Menschen, die eher das Gesamtbild sehen und weniger die Details, während es beim Autismus genau umgekehrt ist. Die übermäßige Detailwahrnehmung scheint sich irgendwie mit der autistischen Sinneswahrnehmung gegenseitig zu bedingen, sodass die Unfähigkeit des Gehirns, die Reize automatisch auszufiltern zu einem verstärktem Detailblick führt, während dieser wiederum dafür sorgt, dass die vielen Einzelreize nicht ausgeblendet werden. Am Ende steht dann irgendwann die Reizüberflutung, aber es muss ja nicht immer so kommen.

Ich kann in dieser starken Detailwahrnehmung für mich eigentlich viel mehr Positives finden. Ich erkenne Dinge, die anderen gar nicht auffallen und finde in einem Text zum Beispiel in kürzester Zeit sämtliche Rechtschreibfehler. Ich sehe die schönen kleinen Details in Gottes Schöpfung oder in der Musik von Johann Sebastian Bach, die bei mir gerade im Hintergrund läuft.

Immer wieder merke ich, wie sich meine Detailwahrnehmung auch auf meine Spezialinteressen auswirkt. Zum Beispiel versuche ich regelmäßig sämtliche Fakten über viele noch so kleine und unbekannte sächsische Bahnstrecke in Erfahrung zu bringen, besonders interessant sind übrigens die Schmalspurbahnen. Auch beim Thema Geographie kommt wieder die Detailwahrnehmung zum tragen, denn nicht nur weggebaggerte Dörfer sind mein Spezialgebiet, auch En-/ Exklave interessieren mich besonders. Nun ja, ich müsste vielleicht erst mal erklären, was das ist. Nehmen wir beispielsweise Büsingen am Hochrhein, ein deutsches Dorf, das vollständig von schweizerischem Staatsgebiet umschlossen ist. Um in den übrigen Teil Deutschlands zu fahren, muss man also durch die Schweiz. Immer wieder suche ich nach der noch so kleinsten Enklave, die es auf Staats-, auf Länder-, auf Kreis- und auf Gemeindeebene gibt und versuche dann, alles darüber herauszufinden. Anderen würden diese winzigen Gebiete auf der Landkarte wohl fast nicht auffallen.

Dann gibt es aber auch wieder die andere Seite. Zwar habe ich dadurch keinerlei Probleme, Ordnung zu halten, ich übertreibe es allerdings recht schnell, ich habe da schlicht und einfach einen anderen Maßstab als andere. Das wirkt sich leider stark verlangsamend auf mein Arbeitstempo aus, auch wenn es am Ende wirklich ordentlich aussieht. Das Problem hatte ich übrigens auch in der Schule, ich bin sehr häufig mit den Klassenarbeiten nicht fertig geworden und mich hat nicht nur der Zeitdruck blockiert, ich habe mich einfach zu sehr in die Details vertieft.

Zwar nehme ich lieber meine Details wahr, als das Gesamtbild, in manchen Situationen wäre es aber äußerst praktisch, einen Schalter im Gehirn zu haben, mit dem man zwischen Detail und Gesamtheit umschalten kann.

Und die Zeit läuft weiter…

„Die Zeit vergeht ja wie im Fluge!“ Diesen Spruch hört man heutzutage recht häufig.

Natürlich handelt es sich dabei ja nur um das individuelle Empfinden der jeweiligen Person, aber wäre das nicht was, mal die Zeit verlangsamen oder anhalten zu können. Manchmal frage ich Gott: „Sag mal, hättest du nicht den Tagen etwas mehr Stunden geben können als du die Welt geschaffen hast?“ Ich erkenne dann schnell, dass er sich schon etwas dabei gedacht hat, sodass es für den Menschen optimal ist. Da gibt es bloß ein Problem: nicht jeder hat dasselbe Lebenstempo und in unserer heutigen Zeit bleibt so mancher auf der Strecke.

Ich habe beispielsweise ein recht langsames Lebenstempo (nicht nur beim Autofahren, wo ich manchmal ein wahres Verkehrshindernis bin 🙂 ). Auch in anderen Bereichen gehe ich das meiste eher gemächlich an und nehme mir die Zeit, die ich brauche – aber manchmal dummerweise nicht habe.

Geradezu alltäglich ist für mich das Gefühl, dass in meinem Kopf viel zu viele Dinge sind, die erledigt werden müssen, sowie Termine und andere Dinge, an die ich denken muss, sodass irgendwie alles auf mich hereinstürzt, ich vollkommen den Überblick verliere und keine Ahnung habe, wie ich all das irgendwie schaffen soll.

Was für mich wirklich stressig und überfordernd ist, scheint in der heutigen Arbeits- und Alltagswelt vollkommen normal zu sein und augenscheinlich können die Leute da draußen auch super mit all der Hektik umgehen, sie erzeugen sie ja selbst und verlangen ja auch zunehmend, dass „alles sofort“ verfügbar ist. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass auch bei „normalen“ Leuten die sogenannte „Instant-Gesellschaft“ ihre Spuren hinterlässt, da der Mensch dafür einfach nicht geschaffen ist. Leidtragende sind insbesondere Menschen mit einem langsameren Lebenstempo oder Kinder, für die man viel mehr Zeit bräuchte, als ihnen in unserer karriereverliebten Gesellschaft eingeräumt wird.

Nicht umsonst nehmen Burnout und Depressionen immer mehr zu, man kann sagen, dass es sich dabei quasi um die natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf einen solchen immensen Stress handelt. Ich wäre nicht der erste, der eine Entschleunigung unserer Alltagswelt fordert, es wird sich aber wohl nichts ändern, solange die Leute „immer alles sofort“ zur Verfügung haben wollen. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber es ist doch interessant, dass es damals Dinge wie Burnout oder Depressionen anscheinend fast nicht gegeben hat, denn Zeitdruck war bis zur Industrialisierung kaum vorhanden.

Ich behaupte mal, das viele Autisten ein eher langsames Lebenstempo haben. Wie ich zu dieser These komme? Nun, ganz einfach, als Autist hat man genug zu tun, sich in dieser fremden und chaotischen Welt zurechtzufinden und die ganzen Reize zu verarbeiten, da bleiben nicht mehr viele Kapazitäten übrig, würde ich sagen. Wenn man dann noch mehrere Dinge auf einmal unter Zeitdruck erledigen soll, in unserem Jahrhundert fast schon Alltag, wird das Funktionieren mindestens erheblich erschwert sein, bei mir kann so etwas zum Beispiel schon zum Overload führen.

Ein langsames Lebenstempo kann allerdings auch von Vorteil sein. Wer schnell von der einen Sache zu nächsten rennt, übersieht schnell wichtige Details. Geht man aber alles etwas langsamer an, tut man sich nicht nur selbst etwas gutes, man kann auch viel mehr von der Natur wahrnehmen, außerdem obendrein viel ordentlicher arbeiten. Entweder also schnell und ungründlich oder langsam und ordentlich. Heute wird häufig die schnelle Variante gewählt, denn die Zeit läuft weiter und es gibt noch so viel zu tun…

Wie halte ich das eigentlich aus?

Genau diese Frage stelle ich mir im Moment bei dieser Hitze.

Zur Zeit haben wir ja Rekordtemperaturen. Laut Vorhersage soll es bei uns im Leipziger Land heute noch 37 Grad werden, was ich innerlich stöhnend zur Kenntnis genommen habe.

Manchmal frage ich mich wirklich, wie die Leute solche Temperaturen nur aushalten. Während viele so etwas auch noch als „angenehm“ bezeichnen und sich so viel wie möglich draußen aufhalten, bin ich froh über jedes Stück Schatten, das ich irgendwo finde. Ich denke ich werde das nie so richtig nachempfinden können, meine Temperaturwahrnehmung ist ohnehin anders und ich freue mich dementsprechend eher auf den Winter.

Da meine Idealtemperatur ja eigentlich 18 Grad ist und es für mich bei über 25 schon sehr ungemütlich wird, müsste ich bei einer solchen Hitze, wie wir sie jetzt haben ja längst einen Kreislaufzusammenbruch erlitten haben. Aber irgendwie scheine ich es doch aushalten zu können, vormittags ging sogar an beiden Pfingsttagen die Gartenarbeit, um die Zeit war es aber auch noch nicht so heiß.

Im Sommer nutze ich generell lieber den kühlen Morgen aus, am Sonntag machte ich zum Beispiel meine obligatorische Radtour verständlicherweise nicht mitten am Tag sondern stand dafür extra um drei Uhr morgens auf. Ich habe viele schöne Fotos machen können (Hohenmölsen bei Sonnenaufgang ist schon was Feines 😉 ) und das bei erfrischend kühlen Temperaturen. Kaum jemand würde wohl an einem Sonntag freiwillig um diese Zeit aufstehen, aber ich bin ja ohnehin ein Frühaufsteher, der in der Woche wie am Wochenende um fünf den Tag beginnt.

Tagsüber ist es dann aber weniger angenehm, selbst drinnen habe ich dieser Tage sehr mit der Hitze zu kämpfen, mein Zimmer ist nicht nur im Dachgeschoss, sondern hat jeweils auf der Ost- und auf der Südseite mehrere Fenster. Was in anderen Jahreszeiten also bezüglich der Aussicht ein deutlicher Vorteil ist, wird im Sommer zum Nachteil, da hilft nur: alle Fenster, wo gerade nicht die Sonne steht, den ganzen Tag auf und jeweils die Sonnenseite komplett zuziehen. Immerhin ist mein Zimmer dadurch nicht mehr heißer als andere auch, das Einschlafen dauert momentan aber trotzdem deutlich länger und ist fast nur noch bei auch nachts geöffneten Fenstern möglich, etwas, das ich sonst eigentlich eher vermeide, nicht nur wegen der Geräuschkulisse draußen.

Gestern habe ich mit unserem Pegauer Kirchenchor zum Pfingstsingen auf der Groitzscher Wiprechtsburg mitgesungen. Mir graute bei diesen Temperaturen schon davor, da wir mitten in der Sonne singen und auch noch mit dem Blick zu jenem fiesen grellen Ball stehen würden, zwei Dinge mussten also unbedingt mit: etwas zu trinken und eine Sonnenbrille, die ich natürlich direkt beim Singen nicht aufsetzen konnte, das hätte nicht so gut gewirkt. Obwohl die Hitze wirklich extrem war, ließ es sich komischerweise doch einigermaßen aushalten, auch wenn die Haare auf dem Kopf ebenso wie die Kleidung auf der Haut zwischenzeitlich fürchterlich gejuckt und gekratzt haben.

Ich war aber dann doch froh, wieder zuhause zu sein und frage mich, ob ich heute auch noch die Hitze aushalten kann. Nur drinnen bleiben geht nicht, da ich noch Einkaufen und nachmittags nach Leipzig muss. Mal sehen, ob ich dieses Wetter überstehe.

Die nichtautistische Sicht

Wenn ein Nichtautist beschreibt, was Autismus ist, gibt es meist Aspekte, wo Betroffene widersprechen würden.

Man kennt das als Autist ja von Filmen über dieses Thema, da gibt es zum Beispiel „Ben X“, „Snow Cake“, „Der Kalte Himmel“, „Rain Man“, „Mozart und der Wal“, „Du gehst nicht allein“ und noch viele andere. All diese Filme haben eines gemeinsam: sie wurden von Nichtautisten produziert. Meistens sind dabei unweigerlich auch Klischeevorstellungen eingeflossen, die aus der neurotypischen Perspektive der Beobachtung von Autisten hervorgegangen sind, nicht aus dem Hineinversetzen in jene.

Beispielsweise gibt es in dem Zweiteiler „Der Kalte Himmel“ (eigentlich an sich ein guter Film über einen Jungen mit dem Asperger-Syndrom im ländlichen Bayern der sechziger Jahre) eine Szene, bei der ich als Betroffener so manches anders sehe. Die Hauptperson, der Junge namens Felix und seine Mutter kommen in Berlin vorübergehend in einer typischen 68er-Kommune unter, dort herrscht eigentlich das blanke Chaos, viele Leute und Durcheinander auf engstem Raum und eigentlich keine Rückzugsmöglichkeit. Im Film wird es so dargestellt, dass Felix sich dort sehr wohlfühlt, was dann vom Arzt Niklas Kromer mit der „freieren Atmosphäre“ die dort angeblich herrscht begründet wird, als würde der Junge also eigentlich an den strengen Regeln der patriarchalischen Gesellschaft leiden. Für mich hingegen wäre aufgrund der vielen Reize, der vielen Menschen auf engstem Raum und des extremen Chaos selbst ein kurzer Besuch in einer solchen Wohnform fast unerträglich und würde wohl schnell zu einer Reizüberflutung führen. Die Produzenten des Filmes scheinen sich, obwohl der Zweiteiler ansonsten wirklich sehenswert ist, keine Gedanken über das für Autisten sehr wichtige Thema Reizverarbeitung gemacht zu haben.

„Der Kalte Himmel“ ist insgesamt nicht so sehr mit Klischeevorstellungen übersät, wie manch andere Filme, bei denen man es als Betroffener oft schwer hat, sich mit der dort gezeigten Person zu identifizieren, da mehr auf nach außen hin sichtbare Symptome geschaut und dafür weniger überlegt wurde, was denn tatsächlich in bestimmten Situationen in einem Autisten vorgeht.

Ein positives Beispiel ist hingegen der Film „Du gehst nicht allein“ (englischer Originaltitel „Temple Grandin“) über das Leben der inzwischen weit über die Vereinigten Staaten hinaus bekannten Autistin Temple Grandin. Als Quellen sind auch Bücher von ihr mit eingeflossen und somit auch ihre eigene Sicht als Betroffene. Der Film gibt insgesamt ziemlich gut auch die Perspektive eines Autisten wieder und mir fiel es nicht so schwer, mich in vielen Punkten selbst dort wiederzufinden.

Es zeigt vor allem, dass auch neurotypische Menschen durchaus in der Lage sein können, Autisten zu verstehen, dazu braucht es aber auch genug Betroffene, die über ihr Erleben der Welt sprechen oder schreiben.

Dann gibt es ja noch auf diversen Nachrichtenportalen Artikel über Autismus. Manchmal kommen auch dort Betroffene zu Wort, aber insbesondere in dieser Mediensparte sind Klischeevorstellungen noch sehr weit verbreitet und häufig ist dann von Phrasen die Rede wie „Autisten leben in ihrer eigenen Welt“„… leidet am Asperger-Syndrom„ oder „Autisten haben oft mehrere Inselbegabungen“. Man könnte den Journalisten vorwerfen, dass sie es einfach nicht besser wissen, aber ich kann mich da nur einem schon oft geäußertem Appell anschließen: „Redet nicht über uns, redet mit uns!“