Absolutes Gehör

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad nach Schöneck hinauf und hörte dabei im Radio auf BR-Klassik einen Beitrag über das absolute Gehör (die Fähigkeit, gehörte Töne zu identifizieren oder einen geforderten Ton sofort ansingen zu können). Da ich dieses selber habe, war das Thema natürlich für mich hochinteressant. Relativ zum Schluss des Beitrages wurde auch noch darauf eingegangen, dass es unter Autisten einen erstaunlich hohen Anteil an Absoluthörern gibt.

Das erste Mal hörte ich den Begriff „Absolutes Gehör“ im Musikunterricht in der zehnten Klasse. Unser Musiklehrer wollte uns am Klavier anhand zweier Dreiklänge den Unterschied von Dur und Moll erklären und sagte, als er beides nacheinander gespielt hatte, dass man da kaum einen Unterschied heraushören könnte. Ich sagte daraufhin, dass man schon einen Unterschied hören kann, da der eine Dreiklang ein fis und der andere ein f hat. Darauf hat der Lehrer mir gleich ein paar weitere Töne vorgespielt um herauszufinden, ob ich wirklich das absolute Gehör habe. Er erklärte mir, dass diese Fähigkeit sehr selten sei. Bis dahin bin ich davon ausgegangen, dass jeder Mensch das kann.

Aber ist es wirklich so, dass das absolute Gehör bei Autisten häufiger vorkommt als bei Nichtautisten? Zumindest gibt es einige Studien und Untersuchungen darüber, die aber allesamt noch kein stichhaltiges Ergebnis zutage fördern konnten geschweige denn zu erklären in der Lage gewesen wären, warum diese Fähigkeit bei Autisten häufiger auftritt. Meine Vermutung ist, dass die häufigere Veranlagung des absoluten Gehörs bei Autisten mit der bei jenen häufig auftretenden akkustischen Übersensibilität zusammenhängt, aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung.

Mich persönlich hat das absolute Gehör mein Leben lang begleitet und ich empfinde es als sehr wertvolle Eigenschaft, für die ich meinem Schöpfer im Himmel eigentlich nicht genug danken kann. Wenn irgendwo eine Gitarre zu stimmen war, wurde ich meist zurate gezogen, es hilft mir beim Auswendiglernen von Musikstücken und beim Komponieren. Wo andere Komponisten zum Schreiben ihrer Stücke das Klavier benötigen, habe ich die Melodie im Kopf, schreibe sie einfach auf und weiß genau, wie die Begleitung klingen würde, die ich ergänze. Im Chor kann ich durch diese Fähigkeit obendrein wunderbar vom Blatt singen.

Natürlich setzt mir das absolute Gehör auch gewisse Grenzen. Manchmal – das trifft vor allem auf die Musik des Barock zu – müssen Stücke einen Halbton tiefer oder in noch einer anderen Tonart gesungen/ gespielt werden. Manch einer würde einfach das Instrument dementsprechend umstimmen oder schlicht in der anderen Tonart singen. Bei mir geht das dann nicht so einfach. Ich muss bewusst transponieren, also statt einem e zum Beispiel ein es spielen. Und wenn mir jemand zwei aufeinander folgende Halbtöne vorspielt (also das Intervall einer kleinen Sekunde), ist das für mich wie Folter, die ich selbst mit Gehörschutz nicht ertragen würde.

Ich selbst würde das absolute Gehör durch nichts eintauschen wollen und bin gespannt, was die Forschung noch so über den Zusammenhang Autismus und absolutes Hören herausfindet.

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Automatisch oder manuell – Alles selbstverständlich?

Bei meinem und DAB+-Radio (DAB+ ist der digitale Hörfunk) gibt es, wie wohl bei den meisten, die Auswahl zwischen dem automatischen Suchlauf und der manuellen Kanaleinstellung. Ich bevorzuge letzteres, da ich so auch vor Augen habe, was ich im Frequenzbereich finde.

Das scheint gut zu meinem Leben als Autist zu passen, in vielen Bereichen, besonders im Zwischenmenschlichen, muss ich mir das meiste über den Verstand erarbeiten, während Nichtautisten solche Dinge intuitiv aufnehmen, entweder bei der Geburt oder in der frühen Kindheit.

Da bei Autisten die Spiegelneuronen gestört sind, ist die Fähigkeit, nonverbale Signale zu erkennen und selbst auszusenden stark beeinträchtigt. Sehr heikel sind deshalb soziale Regeln oder die sogenannten „ungeschriebenen Gesetzte“, die zum Beispiel beinhalten, was „sich gehört“ und was nicht. Für neurologisch-typische Menschen sind es oft völlige Selbstverständlichkeiten, während Autisten viele dieser Dinge gar nicht wissen, bis man es ihnen sagt. Schnell kann es also zu Missverständnissen oder seitens der „normalen Menschen“ zu falschen Eindrücken der autistischen Person kommen.

Nehmen wir zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, dass man sich entschuldigt, wenn man versehentlich etwas, dass einem anderen gehört, beschädigt hat oder wenn man eine andere Person in irgendeiner Weise verletzt. Ein autistisches Kind wird das schlecht wissen können, es sei denn, man sagt es ihm. Aufgrund solcher oder ähnlicher Situationen entstehen Klischees und Vorurteile, wie zum Beispiel, dass Autisten egoistisch, arrogant und an ihren Mitmenschen überhaupt nicht interessiert seien.

Da alle diese „Selbstverständlichkeiten“ dementsprechend durch den Verstand erarbeitet werden müssen, hat sich ein Autist im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Datenbank von Dingen, die man machen darf/ sollte oder eben nicht machen darf/ sollte, in seinem Kopf angelegt.

Deutlich einfacher wäre es aber, wenn einfach alles als Gesetzestext niedergeschrieben wäre, doch kaum ein nichtautistischer Mensch rechnet damit, dass man solche Dinge nicht wissen könnte. Da heißt es dann beispielsweise: „Na so etwas muss man aber doch wissen!“ oder ganz klassisch: „Das ist doch selbstverständlich!“ Tja, ist es eben nicht.

Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit

Im Moment haben wir ja die Fußball-Weltmeisterschaft, es gibt in Deutschland also kaum jemanden, der nicht sich nicht die Spiele unserer Nationalmannschaft anschaut, es bricht ein wahres Fußballfieber aus und alles andere scheint nebensächlich zu sein.

Ich gehöre zu den wenigen, denen es reicht, die Ergebnisse auch im Radio zu hören, ich halte ja ohnehin auf Brasilien, schaue mir aber auch nicht jedes Spiel mit brasilianischer Beteiligung an. Es gibt Dinge, die mir wichtiger sind, als ein Fußballspiel zu sehen, beispielsweise meinen Verpflichtungen nachzukommen, egal ob diese von anderen oder von mir selbst festgelegt worden sind.

Gestern spielte Deutschland gegen Portugal, ich wusste zwar, dass das Spiel an den Tag stattfindet, wusste aber nicht mal die Uhrzeit. Abends war dann Chorprobe und ich war ganz verwundert, dass das Spiel bereits begonnen hatte, als mir die Kantorin vom Zwischenstand von 3:0 berichtete. Es war also schon abzusehen, dass wohl nicht viele Leute zur Probe kommen würden.

Nach und nach kamen die ersten Leute, die meisten aber zu spät und alle scheinen irgendwie das Spiel gesehen zu haben. Eine Frau kam erst nach den Spiel, aber die meisten Leute überhaupt nicht (im Bass war ich zum Beispiel alleine, aber da habe ich wenigstens mal einen Grund, laut und kräftig zu singen 🙂 ). Und da frage ich mich wirklich, ob bei vielen Menschen nicht irgendwie die Prioritäten verschoben sind.

Für mich wäre es ein gefühlter Weltuntergang, irgendwo auch nur eine Minute zu spät zu kommen und falls es doch passiert, erlebe ich ein Gefühl, was die meisten wohl mit „am liebsten im Erdboden versinken wollen“ beschreiben würden.

Auf dem Blog „Seinsdualität“ wird ja ganz gut der Unterschied zwischen autistischer und klassisch neurologisch-typischer Lebensführung beschrieben. Natürlich sind nicht alle Nicht-/ Autisten genau so, aber es lassen sich schon einige häufig auftretende Charaktereigenschaften ablesen.

Bei Autisten können das zum Beispiel sein: ordentlich, unflexibel, zuverlässig, pünktlich, gründlich, gleichförmig, beobachtend, abwartend, planend, distanziert, ehrlich, direkt, gerecht

Bei Nichtautisten kann es dann manchmal eher Eigenschaften geben wie: initiativ, flexibel, unpünktlich, gesellig, chaotisch, improvisierend, zwischen den Zeilen lesend

Viele dieser natürlich sehr stereotypen Eigenschaften können Stärke und Schwäche zugleich sein, aber es fällt deutlich auf, dass Autisten offensichtlich mehr Wert auf Dinge wie Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Ehrlichkeit legen, eine Erfahrung, die ich über die Jahre an mir selbst immer wieder gemacht habe. Bei mir kann man sich beispielsweise darauf verlassen, dass ich etwas, das ich fest zusage, auch einhalte, vorausgesetzt ich vergesse es nicht (zu letzterem Punkt an dieser Stelle mehr).

Ein zu starkes Pflicht- oder Verantwortungsbewusstsein kann aber auch ein Nachteil sein, da man sehr schnell ausgenutzt werden kann. Viele Autisten neigen dazu, sich schnell für Dinge verantwortlich oder zu etwas verpflichtet zu fühlen und in diesen Bereichen dann so korrekt wie möglich zu handeln, dies kann schnell ein Maß annehmen, welches für die betreffende Person irgendwann nicht mehr gesund ist.

Deswegen bin ich der Ansicht, dass Autisten und Neurotypische die Gelegenheit nutzen sollten voneinander zu lernen, da sie sich ergänzen doch eigentlich ganz gut ergänzen können.