Eine Reise zwischen Panik, Humor und Gelassenheit

Ich fahre ja eigentlich gerne Zug, doch diese Fahrt werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Man könnte auf ein solches Erlebnis mit Empörung zurückblicken, doch ich komme einfach nur ins Schmunzeln, auch wenn ich froh sein konnte, irgendwie wieder zuhause angekommen zu sein.

Es hätte bis auf den Schienenersatzverkehr zwischen Zeitz und Wetterzeube eine ruhige und entspannte Zugfahrt werden sollen, mit ein bisschen Zeit zum Komponieren. Doch es wurde das Unwort des Tages: „Fahrdienstleiter!“

Eben dieser Geraer Fahrdienstleiter hatte sich, so die Durchsage unseres in Bad Köstritz stehenden Zuges, krank gemeldet, was bedeutete, dass nun erstmal kein Zug nach Gera ein oder aus fahren kann und wir erst mal in Bad Köstritz festsitzen würden. Viele Fahrgäste griffen bereits besorgt zu ihrem Mobiltelefon, ein Kind fing bereits an zu weinen.

Und ich? Ich hätte eigentlich in Panik geraten sollen. Mit dem letzten Zug wäre ich um kurz nach 20 Uhr nach Plauen gekommen, doch es stand in den Sternen, ob der noch zu erreichen gewesen wäre. Doch ich konnte im Moment nicht viel machen, also schob ich die Frage, ob und wie ich nach Hause kommen sollte erstmal beiseite nahm das Ganze mit Humor und komponierte ein bisschen, eine Suite schreibt sich ja nicht von allein zuende.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde ging es überraschend wieder zurück nach Wetterzeube, um die Fahrgäste des nächsten Schienenersatzverkehrs aufzunehmen, um dann auch wieder nur bis Bad Köstritz zu kommen, also hin und her. Von dort sollte ein Bus bis nach Gera fahren hieß es nach einer Weile, also alle raus aus dem Zug, der daraufhin leer wieder nach Wetterzeube zurück fuhr. Doch kein Bus kam und irgendwann war gleiche Zug mit dem gleichen Sitzplatz wieder da und es ging endlich nach Gera Hauptbahnhof.

Von allen Zügen, die um diese Zeit überhaupt noch fuhren, ging der nächste in meine Richtung kurz um 23:06 nach Greiz. Ich hatte also viel Zeit, den Geraer Bahnhof kennenzulernen, bis mein Anschlusszug dann planmäßig fuhr.

Ich hatte mich schon darauf eingestellt, einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad fahren zu müssen, so war es dann auch mit den letzten 25 Kilometern von Greiz nach Plauen, und zwar im Dunkeln und im Regen. Ich war aber froh, überhaupt mein Fahrrad mitgenommen zu haben, denn gelaufen wäre ich die Strecke wohl nicht so gerne. Um viertel zwei war ich dann endlich wieder zuhause und insgesamt fast 7½ Stunden unterwegs, obwohl ich planmäßig nur 2½ gebraucht hätte.

Aber wie habe ich es geschafft, nicht in Panik zu geraten, obwohl es zwischenzeitlich so aussah, als würde ich erst am nächsten Morgen oder Vormittag wieder in Plauen sein? Ich sah, dass sich die Situation vorerst meiner Kontrolle entzogen hatte und ich nichts weiter tun konnte, als abzuwarten, also wäre Panik doch sinnlos gewesen, oder? Es klingt irgendwie zu einfach aber in der Situation war es das irgendwie. Normalerweise können mich unvorhergesehene Ereignisse sehr durcheinanderbringen, aber ich scheine als Autist auch das Talent zu haben, einfach einen kühlen Kopf zu bewahren und rational zu sein.

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Wie Angst mein Leben bestimmt

Als Kind war ich lange Zeit der Meinung, ich hätte vor nichts Angst, nicht vor Hunden, Spinnen, Wespen, dass Außerirdische die Erde angreifen, nicht vor Mobbing – auch wenn es alles andere als angenehm gewesen ist – nicht einmal vor dem Tod. Was mir damals noch nicht klar war: soziale Ängste gehören auch dazu. Ich fasste unter dem Begriff „Angst“ damals ausschließlich das, von dem ich wusste, dass viele Leute sich irgendwie davor fürchten.

Tatsächlich habe ich aber Angst vom Telefonieren, vor Kontaktaufnahme, etwas Falsches zu sagen, nicht verstanden zu werden, dass jemand schlecht von mir denkt, Regeln oder Gesetze zu brechen, vor unsicheren und nicht bis ins Detail geplanten Situationen, dass jemand mein System oder meine Ordnung zerstört und vor Menschen. Am stärksten ist bei mir die Angst vor Kontaktaufnahme ausgeprägt, zu der auch die Angst vorm Telefonieren dazugehört (näheres zu beidem habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben).

Immer wieder hindert mich diese Angst vor Kontaktaufnahme an einer normalen Lebensführung, Dinge, die für andere selbstverständlich sind, fallen mir dadurch unheimlich schwer oder sind für mich gar völlig unmöglich. Mal eben jemanden anrufen, eben schnell zum Friseur oder zum Arzt, um ein Rezept zu holen, Fehlanzeige! Solche Dinge sind bei mir nur unter großer Überwindung und nach teils intensiver Vorplanung möglich.

Und da sind wir auch schon bei der Angst vor unsicheren oder ungeplanten Situationen. Ich denke da an das Deutsche Evangelische Chorfest in Leipzig zurück, an dem ich zusammen mit unserem Pegauer Kirchenchor teilgenommen habe. Bereits Wochen vorher habe ich intensiv jede Einzelheit durchgeplant (Wo muss ich wann hin? Stimmen die Karten für den Workshop und das Konzert? Ist an meinem Fahrrad alles in Ordnung? Wann muss ich losfahren? Was mache ich in den Pausen? Was nehme ich mir an Proviant mit? Habe ich alle Noten, die ich brauche? Was muss ich sonst noch mitnehmen? Inwiefern haut es mit den Mahlzeiten hin? …) und das erzählte ich auch, als wir gegen Ende der nächsten Probe nach dem Chorfest noch zusammen saßen. Das witzige ist, dass ich mich selbst auf die Frage, die darauf unweigerlich kommen sollte – „Was muss man denn da planen?“ – am Vortag schon vorbereitet und in meinem Kopf noch mal die Liste zusammengestellt habe, was ich alles wegen des Chorfestes hatte planen müssen.

Regelmäßig merke ich, wie Angst so sehr zu meinem Alltag gehört, dass sie mein Leben bestimmt. Nicht immer verstärkt sich diese bis zur Panik, steht mir jedoch in einer freien und unabhängigen Lebensführung im Weg. Viele meiner Probleme würden sich in Luft auflösen, gäbe es die Angst nicht.

Dennoch schützt sie mich auch davor, dass ich mich selbst in bestimmten Situationen überfordere. Kann Angst also doch manchmal nützlich sein?