Reizüberflutung auf Bahnhöfen

Da Bahnstrecken eines meiner Spezialinteressen sind, interessiere ich mich natürlich auch für Bahnhöfe, natürlich vor allem im verkehrstechnischen Sinne.

Leider gehören zu größeren Bahnhöfen auch viele laute Menschen und jede Menge Lärm, sei es durch gräßliche und oft viel zu laute Hintergrundmusik, durch Ansagen am Bahnsteig oder durch die Lokomotiven und Triebwagen selbst.

Neulich (ich hatte bereits im vorherigen Beitrag darüber berichtet) wartete ich im Geraer Hauptbahnhof auf meinen Anschlusszug. Am Anfang stand auf dem Gleis noch ein leerer Dieseltriebwagen der Baureihe 612 (diese Triebwagen kann ich schon aufgrund der ruckartigen Neigetechnik nicht ausstehen, spätestens jetzt weiß so mancher Bahnreisende sicherlich, von welcher Art Zug ich rede). Das laute Motorengeräusch war unerträglich. Doch es kam noch schlimmer: ein weiterer Dieseltriebwagen (Baureihe 642) von der Vogtlandbahn kam am gegenüberliegenden Bahnsteig eingefahren und der Motor war noch lauter! Als wäre es nicht schon schlimm genug, Motorenlärm von zwei Seiten zu haben, gesellte sich zu all diesen lauten Geräuschen nun auch noch das gefühlt trommelfellzerstechende Piepen des Türschließmechanismus‘ des Vogtlandbahn-Triebwagen hinzu. Ich stand mit zugehaltenen Ohren auf dem Bahnsteig und versuchte nur noch, obwohl ausgerechnet noch für meinen Zug eine Verspätung angesagt war, die Kontrolle zu behalten, was mir tatsächlich gelang, ohne in einen Overload (dieser Begriff wird im autistischen Volksmund für den Zustand der sensorischen Reizüberflutung verwendet) zu rutschen. Erst als beide Triebwagen abgefahren waren, konnte ich die neu gewonnene Ruhe wieder wertschätzen.

Diese Situation widerlegt schon mal meinen bisherigen Eindruck, dass mir auf Bahnhöfen nur der unmittelbar durch Menschen verursachter Lärm massive Probleme bereiten würde. Dies erlebe ich nämlich regelmäßig auf dem Querbahnsteig des Leipziger Hauptbahnhofes, wenn dort um die Mittags- oder Nachmittagszeit Hochbetrieb herrscht. Ein Gang von einem Ende des Querbahnsteiges zum anderen wird dann unweigerlich zum Gang in den Overload. Es sind dann vor allem die vielen wild durcheinander redenden und laut umherlaufenden Menschen, die bei mir dann die Reizüberflutung auslösen, ich habe aber die Erfahrung gemacht dass ein Overload, je schneller er eintritt auch umso schneller wieder weg ist, so ist es dann meistens auch in einer solchen Situation, außerdem muss ich ja dort ohnehin mit niemandem interagieren.

Immer wieder bringt mich der Aufenthalt auf dem Leipziger Hauptbahnhof dazu, dass ich mir die Ohren zuhalten muss, wenn eine Elektrolokomotive der Baureihe 143 mal wieder mit dem lauten Zischen anfängt, wenn von irgendwo in der riesigen Bahnhofshalle eine Trillerpfeife zur Abfahrt betätigt wird, ja sogar wenn zehn Bahnsteige weiter eine Lautsprecherdurchsage kommt.

Da inspiziere ich doch lieber irgendwelche stillgelegten Haltepunkte oder schneide alte Gleise frei.

 

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Und die Zeit läuft weiter…

„Die Zeit vergeht ja wie im Fluge!“ Diesen Spruch hört man heutzutage recht häufig.

Natürlich handelt es sich dabei ja nur um das individuelle Empfinden der jeweiligen Person, aber wäre das nicht was, mal die Zeit verlangsamen oder anhalten zu können. Manchmal frage ich Gott: „Sag mal, hättest du nicht den Tagen etwas mehr Stunden geben können als du die Welt geschaffen hast?“ Ich erkenne dann schnell, dass er sich schon etwas dabei gedacht hat, sodass es für den Menschen optimal ist. Da gibt es bloß ein Problem: nicht jeder hat dasselbe Lebenstempo und in unserer heutigen Zeit bleibt so mancher auf der Strecke.

Ich habe beispielsweise ein recht langsames Lebenstempo (nicht nur beim Autofahren, wo ich manchmal ein wahres Verkehrshindernis bin 🙂 ). Auch in anderen Bereichen gehe ich das meiste eher gemächlich an und nehme mir die Zeit, die ich brauche – aber manchmal dummerweise nicht habe.

Geradezu alltäglich ist für mich das Gefühl, dass in meinem Kopf viel zu viele Dinge sind, die erledigt werden müssen, sowie Termine und andere Dinge, an die ich denken muss, sodass irgendwie alles auf mich hereinstürzt, ich vollkommen den Überblick verliere und keine Ahnung habe, wie ich all das irgendwie schaffen soll.

Was für mich wirklich stressig und überfordernd ist, scheint in der heutigen Arbeits- und Alltagswelt vollkommen normal zu sein und augenscheinlich können die Leute da draußen auch super mit all der Hektik umgehen, sie erzeugen sie ja selbst und verlangen ja auch zunehmend, dass „alles sofort“ verfügbar ist. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass auch bei „normalen“ Leuten die sogenannte „Instant-Gesellschaft“ ihre Spuren hinterlässt, da der Mensch dafür einfach nicht geschaffen ist. Leidtragende sind insbesondere Menschen mit einem langsameren Lebenstempo oder Kinder, für die man viel mehr Zeit bräuchte, als ihnen in unserer karriereverliebten Gesellschaft eingeräumt wird.

Nicht umsonst nehmen Burnout und Depressionen immer mehr zu, man kann sagen, dass es sich dabei quasi um die natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf einen solchen immensen Stress handelt. Ich wäre nicht der erste, der eine Entschleunigung unserer Alltagswelt fordert, es wird sich aber wohl nichts ändern, solange die Leute „immer alles sofort“ zur Verfügung haben wollen. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber es ist doch interessant, dass es damals Dinge wie Burnout oder Depressionen anscheinend fast nicht gegeben hat, denn Zeitdruck war bis zur Industrialisierung kaum vorhanden.

Ich behaupte mal, das viele Autisten ein eher langsames Lebenstempo haben. Wie ich zu dieser These komme? Nun, ganz einfach, als Autist hat man genug zu tun, sich in dieser fremden und chaotischen Welt zurechtzufinden und die ganzen Reize zu verarbeiten, da bleiben nicht mehr viele Kapazitäten übrig, würde ich sagen. Wenn man dann noch mehrere Dinge auf einmal unter Zeitdruck erledigen soll, in unserem Jahrhundert fast schon Alltag, wird das Funktionieren mindestens erheblich erschwert sein, bei mir kann so etwas zum Beispiel schon zum Overload führen.

Ein langsames Lebenstempo kann allerdings auch von Vorteil sein. Wer schnell von der einen Sache zu nächsten rennt, übersieht schnell wichtige Details. Geht man aber alles etwas langsamer an, tut man sich nicht nur selbst etwas gutes, man kann auch viel mehr von der Natur wahrnehmen, außerdem obendrein viel ordentlicher arbeiten. Entweder also schnell und ungründlich oder langsam und ordentlich. Heute wird häufig die schnelle Variante gewählt, denn die Zeit läuft weiter und es gibt noch so viel zu tun…