Wunder Punkt

Während meiner Schulzeit hatten es meine Mitschüler sehr leicht, mich zum Ausrasten zu bringen. Sie wussten genau, womit sie mich aufstacheln konnten. Inzwischen haben es Leute schwer, bei mir einen wunden Punkt zu finden.

Ich würde behaupten, dass jeder Mensch irgendwo mindestens einen solchen wunden Punkt hat, der womöglich auch einen gemütsruhigen Menschen die Selbstbeherrschung verlieren lassen kann.
Wo man mich besonders kränken kann ist, wenn man mir vorwirft unzuverlässig, unordentlich, ungründlich, unpünktlich oder gar faul zu sein. Dadurch fühle ich mich dann besonders angegriffen, es sein denn, ich erkenne sofort, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Treffen diese Punkte in einer Situation aber doch mal zu, mache ich mir selbst mehr Vorwürfe als mein Gegenüber.
Alle diese Tugenden – Ordnung, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pünktlichkeit – würde ich als meine Stärken bezeichnen, typisch Asperger eben. Wenn also jemand auch noch im Recht damit ist, meine Stärken infrage zu stellen, wie würde es dann erst bei Dingen sein, die mir schwer fallen?
Rechtschreibung fiel mir schon immer leicht und Schreibfehler entdecke ich bei anderen meist sofort. Wenn aber mir tatsächlich mal einer unterläuft und der dann noch von anderen entdeckt wird, ist das für mich natürlich eine herbe Schmach.

Es ist halt doch so, dass ich mich sehr über meine Stärken definiere und wenn jemand das Fundament einreißt, was bleibt da noch?
Doch zum Glück geht ein Fundament nicht so schnell in die Brüche. Wo ich früher kaum Kritik zulassen konnte, ist es mir heute viel eher möglich, konstruktive Rückmeldungen anzunehmen, ich brauche sie sogar.
Bei Kritik, die nicht gerechtfertigt ist, kommt häufig noch immer meine Kämpfernatur zum Vorschein und ich fange an zu diskutieren, oder aber ich bemerke, dass diese nur dazu dient, mich schlecht zu machen oder aus der Reserve zu locken. Letzteres blockt meistens von mir ab.
Vieles, was früher für mich ein wunder Punkt war, ist es eben heute nicht mehr.

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Ordnung inmitten des Chaos

Als Asperger-Autist hat man es nicht leicht in dieser chaotisch anmutenden Welt der neurologisch-typischen Menschen. Man ist umgeben von Hektik, Unordnung, Unpünktlichkeit und ständig wechselnden Situationen. Aber es gibt Schutzräume und Ruhepole, die eigenen vier Wände. Dort ist es strukturiert, ordentlich, alles hat seinen Platz und es geschieht nichts unerwartetes, solange niemand sonst diesen Lebensbereich betritt.

Natürlich könnte man sich auf einer einsamen, ruhigen Insel verkriechen, aber ist es nicht viel besser, anderen Menschen die Ordnung nahezubringen und ein Stück Ordnung inmitten des Chaos zu schaffen?

Für mich ist es sehr wichtig, in meinen eigenen Lebensräumen eine feste Ordnung zu haben. Das entlastet mich sehr beim Funktionieren im herausfordernden Alltag, in dem es nicht unbedingt diese Struktur und Berechenbarkeit gibt. Deutlich wird das zum Beispiel an meinem Speiseplan, zu dem man in Anklang an „Dinner for one“ sagen könnte: „Same procedure as last week!“ Da für mich das Einkaufen auch eine gewisse Herausforderung bedeutet, bin ich insofern entlastet, dass ich nicht erst überlegen muss, was ich denn heute einkaufe. Entlastung, ein Begriff, der für die meisten Asperger-Autisten zum Alltag gehören dürfte.

Ein Nichtautist braucht sich über solche Dinge gar nicht so viele Gedanken zu machen. Als Autist bekomme ich dann manchmal Sätze zu hören, wie: „Na, übertreib’s mal nicht.“„Sei doch nicht immer so kleinlich!“ oder „Zu ordentlich muss es nun auch nicht sein.“ Ich weiß, eigentlich ist es nicht wichtig, ob die Inhalte des Kühlschranks nun rechtwinklig angeordnet sind oder irgendetwas unbedingt symmetrisch sein muss, für mich ist es das aber. Steht irgendetwas nicht an seinem gewohntem Platz oder ist etwas schief aufgestellt, fällt es mir sofort ins Auge und ich habe erst Ruhe, wenn alles wieder ordentlich ist.

Manch einer würde so etwas vielleicht als krankhaft oder Zwangshandlungen bezeichnen, gerade Letzteres würde jedoch an der Realität etwas vorbeigehen, da ich mich ja nicht zum Ordnung schaffen gezwungen fühle, sondern dies gerne mache. Davon profitieren dann übrigens auch andere, die mir mit Freuden das unliebsame Aufräumen oder das Abwaschen überlassen. Vielleicht gibt es deshalb Asperger-Autisten, damit die Welt nicht völlig im Chaos versinkt. 😉