Fragen ohne zuzuhören?

Letzten Donnerstag war ich mit meinem Chef aus dem Praktikum unterwegs zum Pflanzengroßhandel, um etwas Heidekraut für den Verkauf der Gärtnerei zu besorgen. Da ich nun einige Wochen nicht dort war, fragte er mich sogleich, wie denn meine Lehrgänge liefen.

„Wie hat’s dir den da gefallen?“, „Wie viele wart ihr denn da?“, „Warst du da im Internat?“, alles Fragen, die ich gerne beantworte, besonders gerne berichte ich über meine vielen Fahrradtouren von dort, nur muss ich in meine Antwort ja beide Lehrgänge, die auch noch an verschiedenen Orten waren, einbeziehen, aber alles kein Problem ließe er mich denn auch ausreden.

Immer wieder unterbrach er mich, indem er die nächste Frage stellte (in etwa so, wie er auch Arbeitsanweisungen gibt). Da frage ich mich als autistisch-denkender Mensch natürlich: Hat der mir denn eigentlich zugehört?

Nun, ich neige natürlich dazu, sehr auf Details einzugehen, weil sie mir wichtig erscheinen und insgesamt sehr ausführlich zu berichten.

Dennoch frage ich mich: Wie viel von dem, was ich gesagt habe, hat er auch behalten?

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Hilfeschrei

Man kann das, was bei ABA abläuft eigentlich schon als Missbrauch bezeichnen. Seit Jahren geschieht dort ein Unrecht an autistischen Kindern, dem wir entschieden begegnen müssen.

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Ich tue mich schwer damit diesen Blogpost zu schreiben. Um Hilfe bitten fällt mir nicht leicht und alles was ich in meiner Arbeit gegen die ABA Lobby erlebt habe war schmerzhaft und prägend. Ich sehe aber keine andere Möglichkeit mehr und darum schreie ich nun verzweifelt um Hilfe. Nicht nur in meinem Namen sondern für all die Autisten, Eltern und aktiven Menschen die sich konstant gegen ABA aussprechen und sehr viel Zeit und Kraft aufwenden um zu zeigen was wirklich hinter ABA steckt.

Auch wenn wir viele sind die sich hier engagieren: Unsere Kraft ist begrenzt.

In Namen des „Kindwohles“ von autistischen Kindern wird immer mehr eine „Therapie“ angewandt die sich Applied Behavior Analysis (ABA) nennt.

Wie sowas aussieht? Schaut selbst

Durchgeführt an einem dreijährigen Autisten durch eine zertifizierte ABA Therapeutin. Nun stellt Euch bitte vor, dass das 40 Stunden die Woche und mehr mit autistischen Kindern gemacht wird. Auf…

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Spontane Veranstaltungen, Flexibilität und zu viel auf einmal

Erst vor kurzem hatte ich wieder so eine Situation. Einen Kompositionsworkshop in Leipzig, für mich als Komponisten eigentlich eine tolle Sache, wäre ich nicht von der Situation so überfordert gewesen, das ich schon im Vorfeld die Notbremse gezogen habe.

Für die meisten Menschen dürfte es kaum ein Problem sein, zum Beispiel für das Wochenende zu einer Aktivität oder Veranstaltung außerhalb eingeladen zu werden und dann auch „einfach hinzugehen“, sei es ein Konzert, eine Demonstration oder ein spontaner mehrtägiger Ausflug mit Freunden.

Bei mir und, wie ich vermute, den meisten Autisten ist das leider nicht so einfach. Bei mir müssen solche Aktivitäten mindestens eine Woche im voraus geplant sein, da ich sonst einfach den riesigen Berg an notwendigen Planungen und möglichen Szenarien nicht mehr überschauen kann, schon gar nicht in so kurzer Zeit.

So ging es mir auch vor ein paar Tagen. Mein Tonsatzlehrer hat mir eine Teilnahme an dem Kompositionsworkshop empfohlen. Ich hatte mir schon gedacht, dass es im Vorfeld schwierig werden könnte, wollte es aber wenigstens versuchen, auch wenn die auf dem Flyer zum Teil sehr unkonkret waren, was für mich wieder mal deutlich mehr Planungsaufwand bedeuten würde.

Was mein Tonsatzlehrer offenbar nicht wusste, dass es dafür eine Altershöchstgrenze von achtzehn Jahren gab und da bin ja schon ein paar Jahre drüber. Ich hätte natürlich dennoch versuchen können mich anzumelden, vielleicht wäre ja eine Ausnahme gemacht worden. Doch es gab ein weiteres Problem: bei dem Workshop ging es vor allem um Chormusik. Ich hätte fertige Instrumentalmusik mit überarbeitetem Tonsatz gehabt, mit der man hätte arbeiten können, doch meine bislang geschriebenen Chorstücken bedurften noch einer umfangreichen Tonsatzüberarbeitung oder waren gerade erst angefangen. Und dann war da ja auch noch der näherrückende Anmeldeschluss. Ich wusste nicht mal, ob man bei der Anmeldung nun schon Kompositionen einreichen muss oder nicht.

Also versuchte ich innerhalb von ein paar Stunden noch schnell den Tonsatz des ungefähr neunminütigen und doppelchörigen Eingangschores meiner künftigen c-Moll-Messe zu überarbeiten, ich stand enorm unter Druck. Irgendwann merkte ich dann, das ich mit der Gesamtsituation so sehr überfordert war, dass ich abbrechen musste.

Da hätten ja auch noch sämtliche Planungen für jenes Wochenende angestanden, angefangen damit, wo und was ich dort überhaupt essen soll, die Hin- und Rückfahrten, die Suche nach den richtigen Räumlichkeiten und so jede Menge andere Dinge, deren Planung vielleicht wegfallen würde, wären bestimmte Situationen und Szenarien mit berücksichtigt oder einfach bestimmte Dinge konkreter formuliert worden. Neurotypische Menschen würden so etwas vermutlich intuitiv erfassen, ich kann das aber nicht.

Asperger und Wissen

Wir Asperger-Autisten haben oft jede Menge zu erzählen, über seltene Naturphänomene, politische Strukturen, detaillierte geographische Verhältnisse, ganze Lebensläufe einer längst verstorbenen Person oder einfach über unsere Spezialinteressen. Wir wissen sämtliche Einzelheiten und jedes Detail, können zu fast allem etwas beitragen. Doch will das Gegenüber das eigentlich alles hören?

Ich selbst bekomme oft genug rückgemeldet, ich würde arrogant wirken oder wöllte mein Wissen zur Schau stellen. Nichtautisten würden vielleicht die kleinen nonverbalen Signale bemerken, die vom offensichtlich genervten Gegenüber ausgesandt werden, ich scheine dafür wohl völlig blind zu sein.

Besonders bei geographischen Themen trete ich sofort in Aktion. Es braucht nur ein Ortsname zu fallen und ich fange schon bald an, die umliegenden Orte aufzuzählen und Einzelheiten über die dortigen verkehrsgeographischen und topographischen Verhältnisse preiszugeben, aus meiner Sicht wirklich interessante Informationen. Die Beschreibung der nächstgelegenen Bahnstrecken darf natürlich auch nicht fehlen, sowie der aktuelle Status eben jener.

Spätestens an diesem Punkt versuche ich mich dann doch mal zu bremsen. Andere wollen ja auch noch zu Wort kommen. Und vor allem – hören die mir eigentlich überhaupt noch zu?

Andererseits gelingt es mir auf dieser Ebene am besten, mit fremden Leuten in Kontakt zu treten, indem mit jenen zum Beispiel über deren Herkunftsort fachsimple.
Es ist schon irgendwie Gratwanderung und Zwiespalt zugleich: Von uns Autisten wird oftmals erwartet, dass wir mehr die Gemeinschaft und die Interaktion mit anderen Menschen suchen, doch die sind dann schnell mal von uns genervt und finden uns häufig sogar arrogant.

Sind Autisten Egoisten?

Dieses Thema ist eigentlich überfällig, da man als Autist häufig schon von klein auf nach außen hin egoistisch wirkt und sich rechtfertigen muss. Doch könnte im autistischen Gehirn vielleicht etwas ganz anderes vor sich gehen?

Die Saarbrücker Zeitung hat nun einen Artikel veröffentlicht, der für meinen Teil ziemlich an dem, was ich persönlich erlebe, vorbeigeht.

In den Beitrag berichtet ein Asperger-Autist, wie er persönlich die Welt sieht. Liest sich jemand, der sich mit Autisten nicht bestens auskennt, also die Mehrheit der Weltbevölkerung, den Text durch kommt die Person zu dem Schluss: „Autisten sind egoistisch und arrogant. Sie halten sich für etwas besseres und wollen nichts mit anderen Menschen zu tun haben.“

Einige Zitate dieses 29-jährigen Mannes mit dem Asperger-Syndrom wurden zum besten gegeben. Angefangen beim Titel: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums [.]“ Entsetzen kommt wohl auch bei diesem Zitat auf: „Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior.“ (für die Nicht-Lateiner: „homo excelsior“ bedeutet „höherer Mensch“).

Die Autorin hat offensichtlich von diesem (möglicherweise bewusst ausgesuchtem) Autisten auf die gesamte „Spezies“ geschlossen, außerdem wird Autismus als Krankheit angesehen. Den weiteren Inhalt des Beitrages brauche ich nicht wiederzugeben, er ist ja oben verlinkt. Vielmehr will ich versuchen zu erklären, wie ich persönlich die Thematik „Autismus und Egoismus“ erlebe.

Häufig wurde mir rückgemeldet, ich würde egoistisch oder arrogant wirken. Andererseits war ich in der Schule bekannt als derjenige, welcher den anderen immer die Türen aufgehalten hat. Mein Problem ist, dass ich kaum in der Lage bin, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und so nur unzureichend deren Bedürfnisse sehen kann. Ist man deswegen egoistisch? Gibt es nicht einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können? Mir ist es sehr wichtig, dennoch auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, so weit mir das möglich ist. Das ist natürlich anstrengend und manchmal habe ich das Gefühl, bestimmte Menschen wollen es gar nicht wahrnehmen, wenn ich in diesem Bereich Fortschritte mache. Dennoch bin ich durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Passt das zu einem egoistischen Menschen? Dann ist da noch der Vorwurf der Arroganz. Ich sage es gleich: ich sehe mich gegenüber anderen Menschen nicht als überlegen an. Trotzdem scheine ich manchmal auf andere so zu wirken, wenn ich bei einem Thema gerade so richtig in Fahrt bin und sämtliche Einzelheiten präsentiere. Manche Leute denken dann, ich will nur meine Intelligenz zur Schau stellen, was aber ganz und gar nicht meine Intention ist. Ich nehme lediglich die nonverbalen Signale nicht wahr, wenn mein Gegenüber bestimmte Dinge eigentlich gar nicht hören will.

Um wieder zum Artikel zurückzukommen, ich bitte die Autorin darum, sich vor dem Schreiben solcher Texte näher mit dem Thema zu befassen und nicht zuerst in die Klischeeschubladen zu schauen. Es mag Autisten geben, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen, der überwiegende Teil fühlt aber völlig anders. Genauso gibt es auch einige autistische Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben. Kann man denen noch vorwerfen, sie würden nichts von Liebe halten oder kein Interesse an anderen Menschen haben?

Sehr erschüttert bin ich auch über völlig unzutreffende und als Tatsachen hingestellte Behauptungen wie: „Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen.“ Fast der gesamte Text sorgt dafür, dass wir Autisten noch mehr verachtet und ausgegrenzt werden, er schadet in erheblichem Maße der Inklusion. Ist es das, was damit erreicht werden soll? Falls nicht, wäre mir sehr daran gelegen, wenn es eine Richtigstellung geben würde.

Automatisch oder manuell – Alles selbstverständlich?

Bei meinem und DAB+-Radio (DAB+ ist der digitale Hörfunk) gibt es, wie wohl bei den meisten, die Auswahl zwischen dem automatischen Suchlauf und der manuellen Kanaleinstellung. Ich bevorzuge letzteres, da ich so auch vor Augen habe, was ich im Frequenzbereich finde.

Das scheint gut zu meinem Leben als Autist zu passen, in vielen Bereichen, besonders im Zwischenmenschlichen, muss ich mir das meiste über den Verstand erarbeiten, während Nichtautisten solche Dinge intuitiv aufnehmen, entweder bei der Geburt oder in der frühen Kindheit.

Da bei Autisten die Spiegelneuronen gestört sind, ist die Fähigkeit, nonverbale Signale zu erkennen und selbst auszusenden stark beeinträchtigt. Sehr heikel sind deshalb soziale Regeln oder die sogenannten „ungeschriebenen Gesetzte“, die zum Beispiel beinhalten, was „sich gehört“ und was nicht. Für neurologisch-typische Menschen sind es oft völlige Selbstverständlichkeiten, während Autisten viele dieser Dinge gar nicht wissen, bis man es ihnen sagt. Schnell kann es also zu Missverständnissen oder seitens der „normalen Menschen“ zu falschen Eindrücken der autistischen Person kommen.

Nehmen wir zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, dass man sich entschuldigt, wenn man versehentlich etwas, dass einem anderen gehört, beschädigt hat oder wenn man eine andere Person in irgendeiner Weise verletzt. Ein autistisches Kind wird das schlecht wissen können, es sei denn, man sagt es ihm. Aufgrund solcher oder ähnlicher Situationen entstehen Klischees und Vorurteile, wie zum Beispiel, dass Autisten egoistisch, arrogant und an ihren Mitmenschen überhaupt nicht interessiert seien.

Da alle diese „Selbstverständlichkeiten“ dementsprechend durch den Verstand erarbeitet werden müssen, hat sich ein Autist im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Datenbank von Dingen, die man machen darf/ sollte oder eben nicht machen darf/ sollte, in seinem Kopf angelegt.

Deutlich einfacher wäre es aber, wenn einfach alles als Gesetzestext niedergeschrieben wäre, doch kaum ein nichtautistischer Mensch rechnet damit, dass man solche Dinge nicht wissen könnte. Da heißt es dann beispielsweise: „Na so etwas muss man aber doch wissen!“ oder ganz klassisch: „Das ist doch selbstverständlich!“ Tja, ist es eben nicht.

Neurotypische Alltagsfloskeln

Sooft ich nichtautistischen Menschen begegne, stoße ich auch auf (für mich vollkommen sinnlose) Alltagsfloskeln, mit denen ich nichts anfangen kann. Schon beim Begrüßen heißt es dann oft: „Hallo, wie geht’s dir?“ In vielen Fällen wird diese Frage nicht einmal beantwortet, wenn überhaupt, dann kommt häufig die Antwort: „Gut, danke!“ Doch diese Antwort scheint auch gegeben zu werden, wenn es der antwortenden Person eigentlich gar nicht gut geht, wirklich sehr logisch, nicht wahr (Ironie 😉 )?

Mit der Begrüßung an sich könnte ich ja noch leben, auch wenn ich selbst nicht darauf angewiesen bin, aber man macht es eben aus Höflichkeit, weil es meist vom anderen erwartet wird. Kommt dann aber die Frage „Wie geht’s dir?“, habe ich ein Problem, ich weiß nicht, wie ich mit dieser Fragestellung umgehen soll.

Berichtet man als Antwort über seinen momentanen Gefühlszustand, – das würde ja eigentlich der Frage entsprechen – geht die andere Person meist sehr bald über zum nächsten oder versucht mich – sollte es mir wirklich nicht gut gehen – zu trösten, was ich gar nicht leiden kann. Einige wenige gibt es, die tatsächlich interessiert zuhören, aber solche Leute haben in diesem Fall auch aus Interesse gefragt.

Sagt man als Antwort, es würde einem gut gehen und dem ist aber nicht so, wäre dies eine Lüge, für mich also ein Ausschlusskriterium.

Meistens winde ich mich raus, indem ich antworte: „So wie immer.“ Das entspricht sogar im großen und ganzen der Realität, da mein Gemütszustand meist recht gleichbleibend ist. Ab und zu sage ich aber auch offen, dass ich mit dieser Frage nichts anfangen kann, mit dem Risiko, die Leute vor den Kopf zu stoßen, aber wie sollte ich es sonst machen?

Ich weiß nicht, ob die „normalen Menschen“ in der Lage sind zu erkennen, ob eine Person es mit der Frage „Wie gehts’s dir?“ ernst meint oder ob es sich nur um eine Floskel handelt, also ich kann es nicht.

Nichtautisten scheinen in großem Maße mithilfe vieler Belanglosigkeiten zu kommunizieren. Seien es Ausdrücke wie „Danke.“ oder „Entschuldigung.“, die häufig nur so dahergesagt werden und nicht wirklich ernst gemeint sind. Man sagt es offensichtlich einfach, weil es wohl zu der jeweiligen Situation gehört (und da behaupte einer, nur Autisten hätten feste Rituale).

Dann sind da noch die Verabschiedungen es gibt manche, die kommen mit einem kurzen „Tschüß!“ oder „Auf Wiedersehen!“ aus, andere bevorzugen es lieber lang und breit und tauschen dann noch jede Menge Belanglosigkeiten aus, um sich auf die Verabschiedung vorzubereiten, die eigentlich längst im Gange sein sollte. Da frage ich mich manchmal: „Wann sind die denn endlich fertig?“

Ich habe nicht das Bedürfnis, mich verabschieden zu müssen, ich kann zudem mit einer solchen Situation auch nicht wirklich umgehen und stehle mich lieber heimlich, still und leise davon. Ich weiß bei Verabschiedungen nie so richtig, was andere da eigentlich von mir erwarten und bin deshalb oft unsicher und ratlos. Das dürfte auch eines meiner Lernfelder sein, dass ich manchmal zu sehr versuche, die Erwartungen anderer zu erfüllen, doch ich werde es nie allen recht machen können.

Hilfsbereitschaft ohne Mitfühlen

Es ist ja bekannt, dass Autisten, nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgrund einer Störung der Spiegelneuronen, zum Teil extreme Schwierigkeiten haben, sich in andere Personen hineinzuversetzen und erst recht, mitzufühlen, was das Gegenüber empfindet. Ich könnte beispielsweise nicht anfangen zu weinen, wenn mein Gesprächspartner in Tränen ausbrechen würde. Immerhin könnte ich in einem solchen Fall schon mal erahnen, dass die Person irgendwie traurig, verzweifelt oder ähnliches ist.

Wie reagiert ein Autist nun, wenn eine andere Person in der unmittelbaren Umgebung Hilfe benötigt? Wer nicht viel über Autismus weiß, wird wohl denken: „Das wäre denen doch völlig egal!“ Doch wie so häufig muss ich hier den Klischeevorstellungen mal wieder widersprechen.

Wer schon den Film „Du gehst nicht allein“ (Originaltitel „Temple Grandin“), der einen großen Teil der Lebensgeschichte der Autistin Temple Grandin erzählt, gesehen hat, mag sich da an eine bestimmte Szene erinnern: Temple hat die High School abgeschlossen und verbringt die Sommerferien auf der Ranch ihrer Tante, wo sie sich auch an der Arbeit beteiligt. Gerade ist ihr die Idee für den Öffnungsmechanismus am Tor gekommen und nun beginnt sie, alles auszumessen. Ihre Tante ruft inzwischen zwei mal ihren Namen, ohne dass Temple darauf reagiert. Erst als jene ihr zuruft, sie könnte etwas Hilfe gebrauchen, springt sie auf und lässt alles stehen und liegen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr in diesem Film auch auf Details geachtet wurde, diese Szene trifft jedenfalls ziemlich gut, wie es sich bei den meisten Autisten beim Thema Hilfsbereitschaft verhält.

Neurologisch typische Menschen erkennen meist intuitiv, wenn jemand Hilfe braucht, sie können sich besser in andere Menschen hineinversetzen und teilweise auch mitfühlen, was die andere Person fühlt. Autisten müssen all dies über den Verstand hinbekommen, wenn ein dieser jedoch weiß, dass Hilfe benötigt wird, übertrifft er häufig noch einen „normalen“ Menschen an Hilfsbereitschaft. Andere Menschen sind einem Autisten eben nicht völlig egal.

Menschen bringen Unsicherheit – Menschen geben Sicherheit

Ich habe ein äußerst ambivalentes Verhältnis gegenüber anderen Menschen in meiner Umgebung. Sie bringen mir Unsicherheit und geben mir wiederum Sicherheit – klingt paradox? Ist es auch und wiederum auch nicht.

Manchmal würde ich mich wirklich gerne auf eine einsame Insel zurückziehen, wo mich niemand stört. Ich weiß aber, dass es ja auch Menschen braucht, die Lebensmittel herstellen oder Häuser bauen, außer ich will wirklich vollkommen „naturverbunden“ leben.

Wenn ich einen neurotypischen Menschen beschreiben sollte, fallen mir Begriffe ein wie chaotisch, laut, unberechenbar, vielschichtig, emotional, flexibel und ohne festen Plan. Ich weiß sehr häufig nicht, wie ich jene in der jeweiligen Situation einschätzen soll und bin schnell mit deren Weise zu denken und zu handeln überfordert.

Da jene die Mehrheit bilden, sind es vor allem die Nichtautisten, welche die Welt und die Gesellschaft gestalten. Und da beginnen für mich die Probleme. Ich bräuchte eigentlich eine Gesellschaft, die vollkommen anders ausgerichtet ist, als unsere jetzige, deutlich weniger künstliche Reize in der Umgebung, ein geringeres Maß an Kommunikation und Kontaktaufnahme und eine Entschleunigung der alltäglichen Prozesse. In dieser von Neurotypischen gemachten Gesellschaft kann ich mich nicht wirklich sicher fühlen und ich würde es eigentlich schon so beschreiben, dass ich Angst vor Menschen habe (ausgenommen Kleinkinder, mit denen ich mich sehr gerne beschäftige).

Man könnte daraus jetzt schließen, dass Nichtautisten grauenvolle, rücksichtslose und angsteinflößende Wesen seien, aber ich bin nicht unbedingt ein Freund eines solchen Schwarz-Weiß-Denkens, immerhin gibt es auch noch eine vollkommen andere Seite.

Neurotypische haben viel Erfahrung mit dieser „Welt“, was bedeutet, dass sie sich darin zurechtfinden. In mir völlig unbekannten Situationen bin ich recht froh, wenn ich einen Menschen an meiner Seite habe, der sich da auskennt und mir somit ein bisschen Sicherheit geben kann, zum Beispiel auf Ämtern.

Insbesondere wenn Entscheidungen oder Unklarheiten auf mich zukommen, fühle ich mich auf jeden Fall sicherer, wenn ich Leute um mich habe, die mich unterstützen. Ich habe momentan dieses Privileg und kann so auch meinen Alltag recht gut meistern. Auch wenn meine Mobbingerlebnisse in der Schule mich zu einer Art Einzelkämpfer gemacht haben, brauche ich doch andere Menschen, die mir helfen, mich zumindest ansatzweise in dieser Welt zurechtzufinden, die nicht wirklich die meine ist, in der ich aber dennoch lebe.

Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit

Im Moment haben wir ja die Fußball-Weltmeisterschaft, es gibt in Deutschland also kaum jemanden, der nicht sich nicht die Spiele unserer Nationalmannschaft anschaut, es bricht ein wahres Fußballfieber aus und alles andere scheint nebensächlich zu sein.

Ich gehöre zu den wenigen, denen es reicht, die Ergebnisse auch im Radio zu hören, ich halte ja ohnehin auf Brasilien, schaue mir aber auch nicht jedes Spiel mit brasilianischer Beteiligung an. Es gibt Dinge, die mir wichtiger sind, als ein Fußballspiel zu sehen, beispielsweise meinen Verpflichtungen nachzukommen, egal ob diese von anderen oder von mir selbst festgelegt worden sind.

Gestern spielte Deutschland gegen Portugal, ich wusste zwar, dass das Spiel an den Tag stattfindet, wusste aber nicht mal die Uhrzeit. Abends war dann Chorprobe und ich war ganz verwundert, dass das Spiel bereits begonnen hatte, als mir die Kantorin vom Zwischenstand von 3:0 berichtete. Es war also schon abzusehen, dass wohl nicht viele Leute zur Probe kommen würden.

Nach und nach kamen die ersten Leute, die meisten aber zu spät und alle scheinen irgendwie das Spiel gesehen zu haben. Eine Frau kam erst nach den Spiel, aber die meisten Leute überhaupt nicht (im Bass war ich zum Beispiel alleine, aber da habe ich wenigstens mal einen Grund, laut und kräftig zu singen 🙂 ). Und da frage ich mich wirklich, ob bei vielen Menschen nicht irgendwie die Prioritäten verschoben sind.

Für mich wäre es ein gefühlter Weltuntergang, irgendwo auch nur eine Minute zu spät zu kommen und falls es doch passiert, erlebe ich ein Gefühl, was die meisten wohl mit „am liebsten im Erdboden versinken wollen“ beschreiben würden.

Auf dem Blog „Seinsdualität“ wird ja ganz gut der Unterschied zwischen autistischer und klassisch neurologisch-typischer Lebensführung beschrieben. Natürlich sind nicht alle Nicht-/ Autisten genau so, aber es lassen sich schon einige häufig auftretende Charaktereigenschaften ablesen.

Bei Autisten können das zum Beispiel sein: ordentlich, unflexibel, zuverlässig, pünktlich, gründlich, gleichförmig, beobachtend, abwartend, planend, distanziert, ehrlich, direkt, gerecht

Bei Nichtautisten kann es dann manchmal eher Eigenschaften geben wie: initiativ, flexibel, unpünktlich, gesellig, chaotisch, improvisierend, zwischen den Zeilen lesend

Viele dieser natürlich sehr stereotypen Eigenschaften können Stärke und Schwäche zugleich sein, aber es fällt deutlich auf, dass Autisten offensichtlich mehr Wert auf Dinge wie Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Ehrlichkeit legen, eine Erfahrung, die ich über die Jahre an mir selbst immer wieder gemacht habe. Bei mir kann man sich beispielsweise darauf verlassen, dass ich etwas, das ich fest zusage, auch einhalte, vorausgesetzt ich vergesse es nicht (zu letzterem Punkt an dieser Stelle mehr).

Ein zu starkes Pflicht- oder Verantwortungsbewusstsein kann aber auch ein Nachteil sein, da man sehr schnell ausgenutzt werden kann. Viele Autisten neigen dazu, sich schnell für Dinge verantwortlich oder zu etwas verpflichtet zu fühlen und in diesen Bereichen dann so korrekt wie möglich zu handeln, dies kann schnell ein Maß annehmen, welches für die betreffende Person irgendwann nicht mehr gesund ist.

Deswegen bin ich der Ansicht, dass Autisten und Neurotypische die Gelegenheit nutzen sollten voneinander zu lernen, da sie sich ergänzen doch eigentlich ganz gut ergänzen können.