Ein Fehler, der korrigiert werden muss?

Das Thema ABA ist ja unter uns Bloggern mit Autismus momentan in aller Munde, besonders bei Innerwelt und Quergedachtes die sich sogar die Mühe gemacht haben, sich in einer Gesprächsrunde den Vertretern dieser sogenannten „evidenzbasierten Verhaltenstherapie“ zu stellen.

Jene ABA-Verfechter kommen gerne mit positiven Erfahrungsberichten der Eltern von autistischen Kindern, welche diese Therapie mitgemacht haben (oder durchmachen mussten). Umso erfreuter war ich, als ich mir die Kommentare eines Medienartikels durchlas, dessen Autorin offenbar viel von ABA hält. Aber zunächst zu dem Artikel selbst.

Er kommt vom Schweizer Rundfunk (SRF) und ist, so weit ich das sehen konnte, Teil einer Sendereihe über Frühkindlichen Autismus. Als erstes werden die wahrgenommenen Defizite von Kindern mit Frühkindlichem Autismus aufgeführt (sie können nicht sprechen, wollen keinen Kontakt mit anderen Menschen, sind aggressiv…).

Natürlich gibt es für die besorgten und verzweifelten Eltern auch eine Lösung, hier nennt sie sich „Frühförderung durch Verhaltenstherapie“, was ja erst mal gar nicht schlecht klingt. Doch es dürfte wohl gewollt sein, dass man nicht gleich ABA dahinter erkennt.

Am Ende des Artikels steht es dann im kursiv Gedruckten:

Es handelt sich um eine frühe verhaltenstherapeutische Intervention (FIVTI), basierend auf der angewandten Verhaltensanalyse («Applied Behavior Analysis»).

Natürlich musste gleich noch hinzu, dass die Behandlungserfolge „belegt“ sind.

Meine Frustration legte sich jedoch schnell wieder, als ich die Kommentare las, die ersten zwei geschrieben von Müttern, die über ihre Kinder mit Frühkindlichem/ Asperger-Autismus berichteten und dabei so gar nicht zu den gegenüber ABA sonst so positiven Erfahrungsberichten mancher Eltern passen. Die beiden schreiben, dass ihre Kinder Fortschritte machten, als sie so angenommen wurden, wie sie waren bzw. sie für ihr Kind gekämpft haben. Das zu lesen hat mich wirklich ermutigt.

Auch die übrigen Kommentatoren entlarven das, was in diesem Artikel als harmlose Frühförderung dargestellt wird, als ABA und scheuen sich nicht, zu schreiben, was diese Art der Therapie mit Kindern macht.

Ich wünschte, die ABA-Therapeuten, die meinen, Autismus wäre ein Fehler, der korrigiert werden muss, würden sich jene Kommentare mal durchlesen, um diese andere Sichtweise auch mal von Eltern zu hören.

Schublade „Autismus“

Es ist irgendwie eine unendliche Geschichte mit den Medien. In diesem Artikel prangt es bereits in der Überschrift: „Autismus“. Weiter geht es dann komischerweise so:

Es gibt in diesem Beruf Konstanten. Manche davon schätzt man, wie etwa die Pizza mittags in der Kantine, weil diese von allen dort angebotenen Gerichten am wenigsten der oft irrlichternden Kreativität der hier tätigen Speisenzubereiter unterworfen ist.

Hä? Bezug zur Überschrift? Gleich null! Oder ist Autismus jetzt ein Beruf? Für einen solchen bräuchte ich wohl keine Ausbildung mehr, oder? Aber genug des Sarkasmus.

Ich dachte mir, vielleicht steht ja auch etwas Sinnvolles zu dem Thema drin, aber nichts da! Der Artikel hat rein gar nichts mit Autismus zu tun. Der Begriff kommt im Text obendrein nur einmal vor:

[…] es geht um etwas anderes. Um eine bestimmte Form von Autismus.

Im folgenden wird dann beschrieben, dass in sechs verschiedenen (ich glaube Münchener) Theatern am gleichen Tag Premieren/ ein Gastspiel stattfinden soll. Diese Häufung von Theatervorstellungen, ob nun gewollt oder nicht, wird vom Autor als egoistisches Verhalten skizziert. Und das soll nun also „Autismus“ sein? Das hatten wir doch schon einmal.

Man kann mir so manches vorwerfen, auch, dass ich die Bedürfnisse anderer manchmal nicht von selbst erkenne, aber ein Egoist bin ich ganz sicher nicht! Da hat sich der Autor Egbert Tholl einfach nur auf Kosten eines kleinen Teils der menschlichen Bevölkerung einen halbwegs schlagkräftig klingenden Artikel zusammengezimmert und ist damit leider in die Fußstapfen einiger Artikelschreiber vor ihm getreten.

Wenn jemand in der Vergangenheit Chancen auf die Inklusion von Autisten zunichte gemacht hat, dann waren es meist die Medien, indem die Autismus-Spektrum-Störungen für reißerische Artikel missbraucht worden oder beispielsweise einem Amokläufer vorschnell Autismus angedichtet wurde. So etwas muss endlich aufhören!

Autismus – zwei Sichtweisen

Es gibt viele Perspektiven, Herangehensweisen und Meinungen in Bezug auf das Thema „Autismus“. Auf zwei Artikel im Internet bin ich gestoßen, die bei eine sehr unterschiedliche Sicht auf das Thema darstellen.

Kommen wir zum ersten Artikel aus dem FOCUS: Schon die Überschrift sagt so einiges. Das berühmte „an Autismus leiden“ ist wieder da. Ich als Autist kann die von außen aufgedrückte Erfahrung des „Leidens“ so nicht bestätigen, es sind eher bestimmte Arten von Leuten, unter denen Menschen wie ich leiden, aber gut, erst mal weiter im Text.

Offenbar wurde eine Studie des US-Verteidigungsministerium von 2008 veröffentlicht, nach der Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, das Asperger-Syndrom haben soll. Sein angeblicher Hang zu extremer Kontrolle wird dafür als Beleg herangezogen.

Als wäre das noch nicht alles, kommt es nun noch schlimmer:

Demnach leide Putin am Asperger-Syndrom […]. Alle seine Entscheidungen seien davon beeinflusst […].

Und da sind wir wieder bei der altbekannten Thematik „Autismus und Amokläufe“. Wie oft wurde insbesondere von Seiten der Autisten darauf hingewiesen, dass man Autismus nicht als Erklärung und oder gar Entschuldigung für einen Amoklauf heranziehen kann. Das gleiche ist es auch hier. Angenommen, Putin hätte Asperger, wäre es nicht nur blödsinnig, sondern vor allem Autisten gegenüber diskriminierend zu sagen, der Autismus hätte bedeutende Einflüsse auf seine außenpolitischen Entscheidungen, würde sie geschweige denn alle beeinflussen. Hier wird vielmehr versucht, Autismus pauschal in Zusammenhang mit negativen Eigenschaften zu bringen und diese damit zu erklären.

Genau dies ist eine Haltung die in besonderem Maße der Inklusion schadet. Genau wie es Vor- und Nachteile gibt, neurotypisch zu sein, ist dies auch beim Autismus nicht anders.

Einen deutlichen Unterschied (und zwar im positiven Sinne) macht der zweite Artikel:

Erst mal denkt man bei der Überschrift und dem ersten Teil des Textes vielleicht, dass es hier nur wieder darum geht, irgendwelche Ursachen für Autismus zu finden und daraufhin skurrile Heilmittel zu entwickeln, aber nichts da. Als die Autorin, eine Mutter die über ihren autistischen Sohn schreibt, die Ursache für den Autismus ihres Kindes erzählt, formuliert sie es folgendermaßen:

Jack hat Autismus weil, wie sein fünfjähriger Bruder Henry es ausdrückt, er damit geboren wurde.

Das ist schon mal eine überraschende Wendung im Text. Jene Mutter schreibt weiter, dass es zwar interessant wäre, zu wissen, woher Autismus kommt, für sie aber vielmehr feststeht, dass ihr Sohn so ist, wie er sein soll.

Genau das ist es was ich bewundernswert finde. Eine Frau, die durch eine offensichtlich Autism Speaks-verwandte Lobby mit Gerüchten, Vermutungen und Theorien über die Ursache von Autismus bombardiert wird und dennoch selbst sieht und verteidigt, dass ihr autistisches Kind so bleiben kann wie es ist.

Dennoch setzt sie sich auch mit den schwierigen Kapiteln im Alltag auseinander und beschönigt oder verteufelt nichts. Ich denke, das ist ein Umgang mit Autismus, aus dem jeder von uns wohl etwas lernen kann.

Nun schließe ich meinen Beitrag mit dem Schlusszitat des Textes:

Er ist genauso, wie er sein soll.

Inselbegabungen – wann kapieren es die Medien?

Neulich sah ich im Rahmen der ARD-Themenwoche zur Toleranz im MDR-Fernsehen einen kurzen Beitrag über einen Asperger-Autisten, der in einer Software-Firma arbeitet. Kenne ich doch alles schon, dachte ich mir, aber trotzdem schön, dass es so etwas für Autisten gibt, deren Spezialinteresse in diesem Bereich liegt.

Dann ging es weiter: „Dank seiner Inselbegabung ist er in der Lage sämtliche Fehler in der Programmierung zu erkennen.“ Es ist ja schön, dass er das kann und somit sicher unglaublich wertvoll für die Firma ist, aber mit einer Inselbegabung hat das absolut nichts zu tun. Ich bezweifle, dass jener Asperger-Autist überhaupt inselbegabt ist, ob eine Hochbegabung vorliegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Ja, Autisten sind in der Lage, Systeme und Muster zu erkennen, sie sehen meist eher die Details, als das Gesamtbild und bemerken so auch schnell Unregelmäßigkeiten oder Fehler. Sehen wir uns aber mal die Definition der Inselbegabung in der Wikipedia an: „Die Inselbegabung, auch Savant-Syndrom genannt, ist das Phänomen, dass Menschen, die eine kognitive Behinderung oder eine anderweitige (häufig tiefgreifende) Entwicklungsstörung aufweisen, sehr spezielle außergewöhnliche Leistungen in einem kleinen Teilbereich („Inseln“) vollbringen können. 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten.“ Und sicher auch noch wichtig zu erwähnen: „Zurzeit sind weltweit etwa 100 Menschen bekannt, die man nach dieser Unterteilung als erstaunliche Savants bezeichnen kann.“

Recherchiert man weiter, ergibt sich das Bild, dass bei einer Inselbegabung meist signifikante Einschränkungen in bestimmten Bereichen des Gehirns zu Überentwicklungen in anderen Bereichen führen, ich denke, so lassen sich Hoch- und Inselbegabung gut voneinander abgrenzen.

Dennoch sprechen Medien bei „herkömmlichen“ Autisten immer wieder von einer Inselbegabung. Tun sie dies aus Unwissenheit, Sensationslust oder beidem? Ich weiß es nicht, bitte aber die Journalisten darum, sich bitte besser zu informieren, bevor sie über Autismus und Autisten berichten. Es ist schon so viel falsches gesagt worden, was sich in den Köpfen der Leute festgesetzt hat. Und genau so können Vorurteile entstehen.

Autismus als Spielball von Medien und Gesellschaft

Ich glaube ich kann froh sein, dass wir in Deutschland eine derartige Diskussion nicht haben, aber in den Vereinigten Staaten scheint gerade ein Streit im Gange zu sein, bei dem es zwar um Autisten geht, der ihnen aber sicher mehr schadet als nützt.

Gerade stieß ich auf diesen Nachrichtenartikel vom Samstag. Er greift eine Debatte auf, die man eigentlich längst zu den Akten legen könnte, aber die leider immer wieder ausgegraben wird. Es geht um die Behauptung, dass Autismus durch Impfungen verursacht werden könnte. Schaut man im Wikipedia-Artikel zu Autismus unter dem Abschnitt „Schäden durch falsche Impfung/Impfstoffe“, sieht man, dass diese These haltlos ist, aber dazu später.

Offenbar hat CNN vor kurzem das berichtet, was in Deutschland offenbar viel eher akzeptiert wird, als in den USA: dass Impfungen als Ursache von Autismus ausgeschlossen werden können. Dagegen wehren sich nun eine Reihe von Eltern autistischer Kinder. Jene fühlen sich offenbar im Stich gelassen und starten Aufrufe auf YouTube. Sie kehren dabei den Inhalt des CNN-Berichtes um und sagen: „Impfungen verursachen Autismus“.

Zu dem Artikel selbst kann man sagen, dass die Überschrift allein schon Bände spricht, wenn der CNN-Bericht als „Propaganda“ und deshalb automatisch als „pro impfen“ angesehen wird. Es zeigt sich deutlich, wie die Autoren des Textes sich in dieser Sache positioniert haben und dass sie die ganze Debatte offensichtlich als einen Kampf zwischen der Pharmaindustrie und Eltern betroffener Kinder sehen. Ich bezweifle jedoch eine direkte Einflussnahme von Pharmaziekonzernen auf den CNN-Bericht.

Die Nebenwirkungen bestimmter Impfungen zu leugnen wäre vermessen, es besteht aber, wie man immer wieder feststellen konnte, kein Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen, was man schon daran sehen kann, dass man nicht als Kind erst autistisch wird sondern es von Geburt an ist. Es gibt zwar Fälle, in denen sich ein Kind im ersten Lebensjahr noch annähernd normal entwickelt und erst dann Symptome des Autismusspektrums zeigt, ich behaupte jedoch, dass auch jene Kinder bereits autistisch geboren wurden, denn ein Gehirn kann sich nicht „mit der Zeit“ selbst anders verdrahten.

Vielmehr sticht unter den Ursachen vor allem die genetische Komponente heraus. Viele Autisten haben jemanden in der Familie – womöglich sogar ein Elternteil – , der oder die ebenfalls autistisch ist.

Mein Anliegen ist nicht, zu beweisen, dass Autismus nicht von Impfungen herrührt, ich sehe viel mehr ein größeres Problem, was das Thema Autismus in der Öffentlichkeit betrifft. Immer wieder muss ich leider beobachten, dass Autisten den Medien häufig dazu dienen, Einschaltquoten oder Verkaufszahlen zu erhöhen, da wird dann schnell mal ein Amokläufer oder ein gefallener Politiker zum vermeintlichen Autisten.

Hier sind es jene zuvorgenannten Eltern, welche dieses Thema ausschlachten und dabei Autismus als Krankheit, Seuche und Fremdkörper darstellen. Damit richten sie möglicherweise einen verheerenden Schaden an, da nun Autisten vielleicht noch eher als krank und unzurechnungsfähig angesehen werden. Das könnte somit auch die Problematik „Autismus und Arbeitslosigkeit“ noch weiter verschärfen.

Mir ist nicht daran gelegen, generell Eltern autistischer Kinder anzuklagen, ich wünsche vielmehr denen, die solche Aufrufe gestartet haben, dass sie im Alltag die Unterstützung und Entlastung erhalten können, die sie brauchen. Vielleicht sind jene dann auch in der Lage, die positiven Seiten des Autismus zu sehen.

Und den Medien kann ich nur sagen: Ich wünsche mir endlich eine faire Berichterstattung über Autisten!

Mithilfe von Google Autismus „behandeln”?

Soeben fand ich diesen Nachrichtenartikel. Es ist ja schon länger bekannt, dass – durch europäische Augen gesehen – in den Vereinigten Staaten so manches Seltsames vor sich geht, was ich aber in diesem Artikel lesen musste, hat mir glatt die Sprache verschlagen. Google ist demnach kürzlich mit der US-Organisation „Autism Speaks“, die bereits mit zweifelhaften Aktionen und Kommentaren, mit denen die Darstellung von Autismus als Krankheit, die geheilt werden müsste, verbreitet wurde, von sich reden gemacht hat, eine Kooperation eingegangen. Es sollen die Genome von mehr als zweitausend Familien, in denen es Autisten gibt, in einer Datenbank gespeichert werden. Ich musste das mehrmals lesen, um mich zu vergewissern, dass ich es auch richtig verstanden habe, umso entsetzter bin ich. Warum Google? Nun ein solcher Internetriese besitzt riesige Datenbanken und Server, ich frage mich allerdings, wie Autism Speaks das finanzieren will. Vermutlich aus Spendengeldern, die eigentlich zum Wohle der Autisten gesammelt wurden und nicht, um diese irgendwann mittels der Genetik auszurotten. Fakt ist, dass man Autismus nicht „heilen“ kann und das ist auch ganz gut so, immerhin ist es keine Krankheit. Man könnte höchstens, zum Beispiel durch Abtreibung, versuchen, sämtliche Autisten umzubringen, was ich davon halte, dürfte klar sein. Sehr passend zu diesem Thema ist nebenbei dieser Blogbeitrag von „Quergedachtes“. Schade finde ich übrigens, dass im Artikel nur eine Sicht dargestellt wird, nicht eine Zeile, wo Autisten (oder Menschen, die tatsächlich auch für jene sind) zu Wort kommen, es scheint nur die Meinung zu geben, dass Autismus eine Krankheit sei und geheilt werden müsse. Auf dieser Seite ist übrigens auch ein YouTube-Video eingebunden, welches Autism Speaks vorstellt. Dort bezeichnet die Mitgründerin dieser Organisation, Suzanne Wright, Autismus als Epidemie, ich denke das allein spricht schon Bände. Demnach dürfte ziemlich deutlich sein, dass Autism Speaks nicht das Ziel hat, Autisten zu unterstützen und zu fördern, sondern Autismus zu „behandeln“, was schlicht und einfach nicht möglich ist, auch nicht für ein mächtiges Unternehmen wie Google!

Siehe auch der Beitrag von Quergedachtes zu diesem Thema.

Die nichtautistische Sicht

Wenn ein Nichtautist beschreibt, was Autismus ist, gibt es meist Aspekte, wo Betroffene widersprechen würden.

Man kennt das als Autist ja von Filmen über dieses Thema, da gibt es zum Beispiel „Ben X“, „Snow Cake“, „Der Kalte Himmel“, „Rain Man“, „Mozart und der Wal“, „Du gehst nicht allein“ und noch viele andere. All diese Filme haben eines gemeinsam: sie wurden von Nichtautisten produziert. Meistens sind dabei unweigerlich auch Klischeevorstellungen eingeflossen, die aus der neurotypischen Perspektive der Beobachtung von Autisten hervorgegangen sind, nicht aus dem Hineinversetzen in jene.

Beispielsweise gibt es in dem Zweiteiler „Der Kalte Himmel“ (eigentlich an sich ein guter Film über einen Jungen mit dem Asperger-Syndrom im ländlichen Bayern der sechziger Jahre) eine Szene, bei der ich als Betroffener so manches anders sehe. Die Hauptperson, der Junge namens Felix und seine Mutter kommen in Berlin vorübergehend in einer typischen 68er-Kommune unter, dort herrscht eigentlich das blanke Chaos, viele Leute und Durcheinander auf engstem Raum und eigentlich keine Rückzugsmöglichkeit. Im Film wird es so dargestellt, dass Felix sich dort sehr wohlfühlt, was dann vom Arzt Niklas Kromer mit der „freieren Atmosphäre“ die dort angeblich herrscht begründet wird, als würde der Junge also eigentlich an den strengen Regeln der patriarchalischen Gesellschaft leiden. Für mich hingegen wäre aufgrund der vielen Reize, der vielen Menschen auf engstem Raum und des extremen Chaos selbst ein kurzer Besuch in einer solchen Wohnform fast unerträglich und würde wohl schnell zu einer Reizüberflutung führen. Die Produzenten des Filmes scheinen sich, obwohl der Zweiteiler ansonsten wirklich sehenswert ist, keine Gedanken über das für Autisten sehr wichtige Thema Reizverarbeitung gemacht zu haben.

„Der Kalte Himmel“ ist insgesamt nicht so sehr mit Klischeevorstellungen übersät, wie manch andere Filme, bei denen man es als Betroffener oft schwer hat, sich mit der dort gezeigten Person zu identifizieren, da mehr auf nach außen hin sichtbare Symptome geschaut und dafür weniger überlegt wurde, was denn tatsächlich in bestimmten Situationen in einem Autisten vorgeht.

Ein positives Beispiel ist hingegen der Film „Du gehst nicht allein“ (englischer Originaltitel „Temple Grandin“) über das Leben der inzwischen weit über die Vereinigten Staaten hinaus bekannten Autistin Temple Grandin. Als Quellen sind auch Bücher von ihr mit eingeflossen und somit auch ihre eigene Sicht als Betroffene. Der Film gibt insgesamt ziemlich gut auch die Perspektive eines Autisten wieder und mir fiel es nicht so schwer, mich in vielen Punkten selbst dort wiederzufinden.

Es zeigt vor allem, dass auch neurotypische Menschen durchaus in der Lage sein können, Autisten zu verstehen, dazu braucht es aber auch genug Betroffene, die über ihr Erleben der Welt sprechen oder schreiben.

Dann gibt es ja noch auf diversen Nachrichtenportalen Artikel über Autismus. Manchmal kommen auch dort Betroffene zu Wort, aber insbesondere in dieser Mediensparte sind Klischeevorstellungen noch sehr weit verbreitet und häufig ist dann von Phrasen die Rede wie „Autisten leben in ihrer eigenen Welt“„… leidet am Asperger-Syndrom„ oder „Autisten haben oft mehrere Inselbegabungen“. Man könnte den Journalisten vorwerfen, dass sie es einfach nicht besser wissen, aber ich kann mich da nur einem schon oft geäußertem Appell anschließen: „Redet nicht über uns, redet mit uns!“

Behinderung

Immer wieder kommt bei Autisten nach der Diagnose die Frage auf: „Bin ich jetzt behindert?“

Autismus wird leider auch heute noch sehr häufig als eine Krankheit angesehen, obwohl, kurz gesagt, das Gehirn einfach nur anders (aber nicht falsch!) „verdrahtet“ ist. In vielen Medienberichten darüber heißt es dann zum Beispiel: „Person X leidet am Asperger-Syndrom.“

Von Autismus betroffene Menschen sollten sich davon nicht verunsichern lassen, Autisten sind nicht falsch, sondern einfach nur anders.

Aber wie ist es nun mit Autismus als Behinderung? Offiziell ist das Autismusspektrum ja als tiefgreifende Entwicklungsstörung (allerdings ist es weder eine Persönlichkeitsstörung, noch eine psychische Erkrankung, es ist ohnehin neurologisch bedingt) und als seelische Behinderung klassifiziert.

Als diagnostizierter Autist kann man auch einen Schwerbehindertenausweis beantragen, es besteht aber natürlich kein Zwang dazu. Der Grad der Behinderung richtete sich früher nach der jeweiligen diagnostizierten Autismusform, mittlerweile ist man da etwas weiter und geht dabei nach der Schwere der sozialen Anpassungsschwierigkeiten an die Gesellschaft. Will man aufgrund des Autismus staatliche Unterstützungen jeglicher Art wahrnehmen, ist eine Diagnose und ein Schwerbehindertenausweis notwendig. Ich persönlich habe einen Schwerbehindertenausweis mit einem Behinderungsgrad von 60% und ich muss sagen, wirkliche Nachteile habe ich dadurch nicht, im Gegenteil, für mich bringt er eine Menge Vorteile. Aber nicht jeder ist bereit, mit seiner Diagnose so offen umzugehen, wie ich das auch im Alltag tue. Jeder sollte selbst entscheiden und vor allem gründlich darüber nachdenken, ob er oder sie einen Behindertenausweis beantragen will oder nicht. Arbeitgeber sind leider noch immer sehr zögerlich, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Aber wie kann nun Autismus eine Behinderung sein? Eigentlich müsste man sagen, dass unser nicht auf Autisten ausgerichtetes Umfeld die Behinderung darstellt, die Menschen mit Autismus an einer normalen Teilhabe an der Gesellschaft hindert. Sei es durch die alltäglich notwendige Kontaktaufnahme (auch ein Thema für sich) die für die meisten Autisten schwierig ist oder durch die oftmals reizüberflutende Umgebung, durch die ein Autist schnell am normalen Funktionieren gehindert werden kann. Im Umkehrschluss lässt sich also sagen, dass Autismus in einer Welt, wie wir sie momentan vorfinden, eine Behinderung ist. Wäre die Welt ausschließlich auf Autisten ausgerichtet, wäre wohl das Fehlen von Autismus die Behinderung, die Erde wäre voll mit Menschen, deren Gemeinschafts- und Kommunikationsbedürfnis nicht ansatzweise erfüllt werden könnte.

Ich persönlich habe kein Problem damit, Autismus als Behinderung zu sehen, ich will mir aber nicht anmaßen, jemandem den Stempel „behindert“ aufzudrücken, wenn diese Person es eigentlich anders sieht. Obwohl es für mich eine Behinderung ist, würde ich meinen Autismus gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Gott hat mich als Autist geschaffen und das ist gut so!

Autisten – Zielscheibe der Medien?

„Das fängt ja gut an!“, denke ich nur. Da gibt es meinen Blog erst ein paar Stunden und schon muss ich über ein inzwischen leider sehr alltägliches Thema schreiben, was die Kategorie Autismus und Medien betrifft.

Soeben schaute ich einige Autismus-Blogs durch und stieß auf diesen aktuellen Beitrag von „Quergedachtes“ über den FOCUS-Artikel, der einen erneuten Amoklauf in den Vereinigten Staaten thematisiert.

Bereits im Radio hatte ich davon gehört und schon fast vermutet, dass bald wieder jemand dem Amokläufer post mortem Autismus attestieren würde. Genauso sollte es auch kommen.

Schon in der Überschrift heißt es: „…litt unter Autismus“Nachtrag: Die Überschrift ist leicht verändert worden, enthält aber noch immer „Autismus“.

Auf das Thema „unter Autismus leiden“ will ich jetzt nicht weiter eingehen, aber es ist doch erstaunlich, dass die in der Überschrift noch so absolute Aussage in den folgenden Zeilen schon wieder relativiert wird („Offenbar litt er aber auch unter einer Form des Autismus.“). War er also vielleicht doch kein Autist? Aber nein, die Medien wissen es ja besser.

Der Amokläufer soll, so der Artikel, sich von Mädchen zurückgewiesen gefühlt haben. Ich habe noch nie einen Autisten getroffen, der in einem so großen Maße an Frauen interessiert war, dass er auch schon mehrere Zurückweisungen erlebt hätte, aber ich kann ja nur von mir ausgehen. Auch dass er in der Vergangenheit durch Diebstahl aufgefallen sei, klingt so gar nicht nach einem Autisten.

Und selbst wenn er wirklich Autist gewesen ist – macht ihn das zum Amokläufer? An dieser Stelle empfehle ich einen Beitrag der Bloggerin „Autzeit“ über eben diese Thematik.

Festzustellen ist, dass Autisten immer wieder zur Zielscheibe der Medien gemacht werden, was deren Inklusion nicht gerade dienlich ist. Das zeigt sich schon im ersten Kommentar des FOCUS-Artikels, in dem auch der Amoklauf von Adam Lanza wieder ausgegraben wird: „Es gehörte bisher zum vermeintlichen Wissens-Kanon über das Thema Autismus, dass Autisten (zumal Asperger-Autisten) NICHT zu Gewalt und Kriminalität neigen. Nach diesem Fall erinnert man sich an den Amokläufer Adam Lanza, von dem es auch hieß er sei Autist gewesen. Muss man hier vielleicht mit alten Überzeugungen von der vermeintlichen Ungefährlichkeit von Autisten aufräumen?“

Ich bin ja schon froh, mal einen Kommentator zu sehen, der sämtliche Rechtschreibregeln beachtet, aber ansonsten muss ich, wenn man nach diesem Kommentar geht, wohl als Autist bald damit rechnen, wegen Gemeingefährlichkeit eingesperrt zu werden.

Nachtrag: Auch ein paar Autisten haben inzwischen den FOCUS-Artikel kommentiert und deutlich gezeigt, dass sie sich so etwas nicht gefallen lassen. Vielleicht bewegt sich ja bald etwas in dieser Sache.