Liebster-Blog-Award

Vor kurzem wurde ich von autcry für den „Liebster-Blog-Award“ nominiert.

1. Gedanke: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt.

2. Gedanke: Muss man da nicht auch jemanden nominieren?

Also schaute ich auf autcry’s Blog nach, was dort in dem Beitrag über die eigene Nominierung so steht. Und da sah ich dann folgendes:

3. Gedanke: Ich muss ja auch Fragen beantworten.

4. Gedanke: Ich sollte einen Blogbeitrag darüber schreiben.

Nun, die Fragen zu beantworten dürfte noch machbar sein, aber zur Sicherheit wollte ich mich noch einmal generell über die Hintergründe des „Liebster-Blog-Awards“ informieren. Also schnell in eine gewisse Suchmaschine eingetippt, doch zu meiner Verwunderung fand ich nicht eine offizielle Homepage zu diesem Nominierungswettbewerb, stattdessen nur Einträge auf anderen Blogs/ Seiten, wo über beispielsweise über die eigene Nominierung geschrieben wurde oder über eigene Ansichten zum „Liebster-Blog-Award“. Manche erklärten auch, wie das ganze Prozedere abläuft. Man nominiert quasi seinen „Lieblingsblog“, das ganze soll der Vernetzung untereinander dienen.

5. Gedanke: Oh Schreck, ich muss elf weitere Blogger nominieren?

6. Gedanke: Auch das noch, es sollen welche sein, die noch nicht nominiert worden sind? Wie stellen die sich das eigentlich vor? Ich als kontaktaufnahmescheuer Asperger-Autist soll also einen Haufen Blogs abklappern, bis ich mal elf Nominierungen zusammen habe? Und dann soll ich mir für die noch elf Fragen überlegen und die müssen dann auch wieder elf nominieren und…

7. Gedanke: Es scheint wohl keine offizielle Seite zu geben, auf der die Regeln des „Liebster-Blog-Award“ festgeschrieben sind, also kann ich es auch vor mir selbst verantworten, wenn ich niemanden nominiere.

Auf manchen Seiten ist wiederum von fünf zu Nominierenden mit unter 3000 Aufrufen und zehn Fragen die Rede, was für ein Chaos!

Die an mich gestellten Fragen beantworte ich natürlich gerne, alles andere würde mich aber überfordern. Autcry stellte mir also folgende Fragen (die Antwort kommt immer gleich darunter):

1. Glaubst Du an Wiedergeburt oder an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass ich nach diesem Leben bei Gott sein werde und alles Leid und alle Sorgen aufhören werden.

2. Welche Eigenschaft oder Stärke schätzt Du an Dir am meisten?

Meine Zielstrebigkeit und Ausdauer.

3. Magst Du lieber den Sommer oder den Winter?

Natürlich den Winter (und das als Gärtner). Ich liebe Schnee und fahre selbst da noch Fahrrad.

4. Falls Du mit der Harry-Potter-Reihe vertraut bist: Wenn Du Schüler/in in Hogwarts wärst, in welchem Haus sähest Du Dich am ehesten?

Ich habe keine Ahnung von Harry Potter und verstehe nicht, warum viele Leute so darauf abfahren.

5. Gab es eine Situation, in der Du einmal richtigen Mut bewiesen hast?

Als ich mit kaputter Gangschaltung eine Fahrradtour über den Elstergebirgskamm bis nach Tschechien und wieder zurück gemacht habe, obwohl manche das wohl eher für Verrücktheit halten würden.

6. Wenn Du die Macht hättest, irgendetwas gesetzlich verbieten zu lassen, was wäre dies?

Abtreibung.

7. Gibt es irgendeine (berühmte) Persönlichkeit, die Du gerne einmal treffen würdest?

Johann Sebastian Bach.

8. Angenommen, Du könntest die Zeit zurückdrehen, was würdest Du in Deinem bisherigen Leben ändern?

Ich würde nichts ändern, weil auch die schwierigen Zeiten in meinem Leben mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin.

9. Wenn Du einen Tag lang unsichtbar sein könntest, was würdest Du mit dieser Fähigkeit anfangen?

Ich würde in fremden Gärten nach Mammutbäumen und Zedern suchen oder mich in eine Konzertaufführung von Ludwig Güttler schleichen.

10. Siehst Du Dich als einen spirituellen Menschen, und wenn ja, was bedeutet Spiritualität für Dich?

Ich würde vielleicht nicht den Begriff „Spiritualität“ gebrauchen, aber ja! Für mich bedeutet das eine lebendige Beziehung zu Gott.

Das Gefühl von Sicherheit…

…könnte ich manchmal wirklich gut gebrauchen, sei es an unbekannten Orten, in neuen Situationen oder auch bei Zugfahrten. Ich stelle mir da selbst immer wieder Fragen, ob ich denn auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, ob ich auch alles mitgenommen habe, was ich brauche, ob ich auch wirklich nicht irgendeinen Termin vergessen haben könnte oder ob ich denn auch im richtigen Zug in die richtige Richtung sitze und auch wirklich vorher eine Fahrkarte gebucht habe. Erst wenn ich diese Fragen für mich hundertprozentig beantwortet habe, kann sich allmählich das Gefühl der Sicherheit einstellen.

In einem Großteil der Fälle erweisen sich diese Befürchtungen als völlig unbegründet und ich wäre weniger angespannt, wenn ich stattdessen „einfach drauf los marschieren“ würde, wie es scheinbar die Nichtautisten tun. Doch dabei besteht dann die Gefahr, dass tatsächlich etwas schief läuft. Ich versuche dann manchmal eine Balance zwischen beidem zu finden.

Ein Gefühl der Unsicherheit habe ich auch vor der Gegensprechanlage einer verschlossenen Haustür. Erwische ich wirklich die richtige Person am anderen Ende? Versteht der- oder diejenige, was ich von ihm/ ihr will? Finde ich dann im Treppenhaus die richtige Eingangstür?

Diese Art von Unsicherheit bestimmt noch immer einen großen Teil meines Alltages und vielleicht wird dies auch immer so bleiben. Hätte ich immer dieses Fundament, dieses Gefühl der Sicherheit, es wäre vieles einfacher.

Die nächsten zwei Wochen ist es dann wieder so weit. Ich werde im Zug auf dem Weg zur Berufsschule sitzen und erst ein paar Minuten nach der Abfahrt ist dann die Anspannung verflogen und ich kann mich wieder an mein Notenprogramm setzen.

Erklärungsnot

In Situationen, bei denen es um Kontaktaufnahme geht, komme ich meist in Erklärungsnot, sei es bei einem Anruf, bei der Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis, bei der Anmeldung in Ämtern oder auch beim Schreiben einer E-Mail.

All dies ist mit Kontaktaufnahme verbunden und die größte Schwierigkeit für mich ist vor allem, erst mal mein Anliegen zu schildern. Habe ich dann endlich meine lange vorformulierten Sätze Wort für Wort über die Lippen gebracht, kommen manchmal noch Rückfragen. Mit manchen kann ich im Voraus rechnen, von anderen werde ich völlig überrumpelt und bringe dann nur noch schwer ein Wort heraus, weil ich entweder nicht weiß, was ich antworten soll oder mir nicht einmal klar ist, was mein Gegenüber von mir will.

Besonders ungünstig ist es, wenn mich die Person, der ich mein Anliegen schildern will, inmitten meines vorformulierten Satzes unterbricht und ich so den Faden verliere. Dann komme ich wirklich in Erklärungsnot.

Das sind Dinge, die natürlich bei der Kommunikation per E-Mail nicht passieren können, weshalb dies für mich noch eines der kleinsten Übel ist. Umso schwieriger ist für mich aber dementsprechend das Telefonieren.

Ich kann noch eher damit umgehen angerufen zu werden. Zwar habe ich da erst mal die Ungewissheit, wer da nun am anderen Ende ist, wenn das Telefon klingelt, aber ich brauche nicht selbst mein Anliegen zu schildern. Anders ist das, wenn ich selbst anrufen muss und immer im Hinterkopf ist auch die Angst, etwas Falsches zu sagen oder einfach nicht mehr weiter zu wissen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es vermeide, zum Arzt zu gehen, nicht nur aufgrund meiner robusten Konstitution, sondern vor allem, weil ich gar nicht weiß, was ich an der Anmeldung sagen soll.

Ich bin es sonst gewöhnt, auf mich gestellt zu sein, aber in solchen Fällen bin ich doch froh, dass es Menschen gibt, die mir sagen können, wie ich dort mein Anliegen zu schildern habe.

Angst contra Verstand

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits angesprochen, dass Angst ein essentieller Bestandteil meines Lebens ist.

Ich musste (auch noch vom Urlaub aus) ein Telefonat mit dem Jobcenter führen. In mir machten sich bereits tagelang die schlimmsten Befürchtungen breit, wie dieses Telefonat schiefgehen könnte oder was erst passiert, wenn ich gar nichts unternehme. Man kann sagen, ich stand innerlich unter einem enormen Druck.

Wie das bei mir mit dem Telefonieren ist, ich habe es tagelang hinausgeschoben und in dieser Zeit für sämtliche Eventualitäten vorgeplant, in welche Richtung sich das Telefongespräch entwickeln könnte.

Dann habe ich mir irgendwann ein Herz gefasst und angerufen, doch – es geht niemand ran. Mist! Eigentlich sollte ich in diesem Moment frustriert sein, doch mein Verstand sagte mir etwas anderes. Ich hatte mich überwunden und das war wichtig.

Ein paar Stunden später rief das Jobcenter zurück und ich konnte mein Anliegen verständlich rüberbringen und entgegen meiner Befürchtungen erhielt ich keinerlei negative, genervte oder abweisende Reaktion. Habe ich mir also umsonst Sorgen gemacht oder nur versucht mich selbst zu schützen?

Ab und zu gibt es dann auch Situationen, in denen ich es tatsächlich schaffe, diese Art von Angst durch den Verstand einfach auszuschalten (fast wie der Androide „Data“ in Star Trek: Der erste Kontakt, der einfach nur seinen Emotionschip deaktiviert). Es klingt so einfach, ist es eigentlich auch, ich komme aber viel zu selten darauf, dass ich es ja so einfach lösen kann. Ich trete gedanklich aus der Situation hinaus und analysiere sie, ich überlege also, ob es gerade berechtigt ist, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Falls nicht, schiebe ich einfach mein inneres „Schutzschild“ (wenn man die Angst denn als solches sehen will) beiseite und übernehme die realistische Situationsbewertung des Verstandes.

Manchmal kann es so einfach sein, aber noch immer ist die Angst in der Interaktion mit anderen Menschen eines meiner größten Probleme.

Wie Angst mein Leben bestimmt

Als Kind war ich lange Zeit der Meinung, ich hätte vor nichts Angst, nicht vor Hunden, Spinnen, Wespen, dass Außerirdische die Erde angreifen, nicht vor Mobbing – auch wenn es alles andere als angenehm gewesen ist – nicht einmal vor dem Tod. Was mir damals noch nicht klar war: soziale Ängste gehören auch dazu. Ich fasste unter dem Begriff „Angst“ damals ausschließlich das, von dem ich wusste, dass viele Leute sich irgendwie davor fürchten.

Tatsächlich habe ich aber Angst vom Telefonieren, vor Kontaktaufnahme, etwas Falsches zu sagen, nicht verstanden zu werden, dass jemand schlecht von mir denkt, Regeln oder Gesetze zu brechen, vor unsicheren und nicht bis ins Detail geplanten Situationen, dass jemand mein System oder meine Ordnung zerstört und vor Menschen. Am stärksten ist bei mir die Angst vor Kontaktaufnahme ausgeprägt, zu der auch die Angst vorm Telefonieren dazugehört (näheres zu beidem habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben).

Immer wieder hindert mich diese Angst vor Kontaktaufnahme an einer normalen Lebensführung, Dinge, die für andere selbstverständlich sind, fallen mir dadurch unheimlich schwer oder sind für mich gar völlig unmöglich. Mal eben jemanden anrufen, eben schnell zum Friseur oder zum Arzt, um ein Rezept zu holen, Fehlanzeige! Solche Dinge sind bei mir nur unter großer Überwindung und nach teils intensiver Vorplanung möglich.

Und da sind wir auch schon bei der Angst vor unsicheren oder ungeplanten Situationen. Ich denke da an das Deutsche Evangelische Chorfest in Leipzig zurück, an dem ich zusammen mit unserem Pegauer Kirchenchor teilgenommen habe. Bereits Wochen vorher habe ich intensiv jede Einzelheit durchgeplant (Wo muss ich wann hin? Stimmen die Karten für den Workshop und das Konzert? Ist an meinem Fahrrad alles in Ordnung? Wann muss ich losfahren? Was mache ich in den Pausen? Was nehme ich mir an Proviant mit? Habe ich alle Noten, die ich brauche? Was muss ich sonst noch mitnehmen? Inwiefern haut es mit den Mahlzeiten hin? …) und das erzählte ich auch, als wir gegen Ende der nächsten Probe nach dem Chorfest noch zusammen saßen. Das witzige ist, dass ich mich selbst auf die Frage, die darauf unweigerlich kommen sollte – „Was muss man denn da planen?“ – am Vortag schon vorbereitet und in meinem Kopf noch mal die Liste zusammengestellt habe, was ich alles wegen des Chorfestes hatte planen müssen.

Regelmäßig merke ich, wie Angst so sehr zu meinem Alltag gehört, dass sie mein Leben bestimmt. Nicht immer verstärkt sich diese bis zur Panik, steht mir jedoch in einer freien und unabhängigen Lebensführung im Weg. Viele meiner Probleme würden sich in Luft auflösen, gäbe es die Angst nicht.

Dennoch schützt sie mich auch davor, dass ich mich selbst in bestimmten Situationen überfordere. Kann Angst also doch manchmal nützlich sein?

Hindernis Kontaktaufnahme

Nachdem ich am Mittwoch in unserer Asperger-Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz den theoretischen Teil zum Thema Kontaktaufnahme gehalten habe, dachte ich mir, dass ich doch gleich mal einen Blogbeitrag über diese gerade für Autisten nicht unerhebliche Sache schreiben könnte. Ich war erstaunt, wie wenig im Internet über den Kontext Autismus und Kontaktaufnahme zu finden ist (umso mehr ein Ansporn für mich 😉 ).

Tja, Kommunikation könnte so viel einfacher sein, wäre da nicht diese sprichwörtliche Mauer der Kontaktaufnahme, aber dummerweise ist gerade das ein fester und untrennbarer Bestandteil von Kommunikation, das Hindernis würde sich also nur durch Vermeidung umgehen lassen, aber mal von vorn.

Es ist ja bekannt, dass Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Autisten und Nichtautisten schon fast alltäglich sind. Gründe dafür sind zum Beispiel die unterschiedliche Denkweise oder, dass man als Autist Schwierigkeiten hat, sich in andere hineinzuversetzen und Mimik sowie Gestik der anderen Person zu deuten. Im Umkehrschluss kann auch die andere Person häufig mit den nonverbalen Signalen von Autisten wenig anfangen, da diese anders und in einem deutlich geringerem Maße ausgesandt werden. Man ist also zum großen Teil auf die verbale Kommunikation angewiesen, was ein wahrer Blindflug sein kann, da der nonverbale Anteil in einem Gespräch ja normalerweise um die 80% ausmacht.

Was passiert nun, wenn ein Autist sich jahrelang rechtfertigen musste, weil er regelmäßig von der Mehrheit der „normalen“ Leute falsch verstanden wurde, wenn anstatt der gesendeten Sachinformation auf einmal beim Gegenüber eine Bewertung ankommt, nur weil die Person zu sehr „zwischen den Zeilen gelesen” hat? Es entwickelt sich über die Jahre eine Angst und zwar vor Kontaktaufnahme, weil solche Missverständnisse am häufigsten in diesem Teil der Kommunikation auftreten, also bevor man die Gelegenheit hat, eine gleiche Kommunikationsbasis zu finden.

Bei mir zieht sich diese Angst vor der Kontaktaufnahme durch sämtliche Kommunikationsmedien am stärksten zeigt es sich bei mir aber beim Telefon (mehr dazu hier). Immer wieder kommen mir, wenn ich dann wieder vor diesem riesigen Hindernis stehe, in einer solchen Situation Gedanken hoch wie zum Beispiel: „Wie formuliere ich das jetzt am besten?“„Hoffentlich sage ich nichts Falsches.“, „Hoffentlich versteht die Person, was ich meine.“, „Was mache ich, wenn die Person mich nicht versteht?“„Dann muss ich mich ja schon wieder erklären oder rechtfertigen…“, „Fragt die andere Person vielleicht irgendetwas, womit ich nichts anfangen kann?“ Und dann versuche mal einer in so einer Situation den Verstand, der eigentlich weiß, dass mir die andere Person nicht „den Kopf abreißen“ will, über die Angst zu bekommen.

Wenn es darum geht irgendwo etwas nachzufragen, dann fällt es mir leichter, den Verstand dazu einzuschalten und mir selbst zu versichern, dass ich eigentlich keine genervte oder verständnislose Reaktion zu erwarten habe (so etwas passiert leider auch gelegentlich), aber dennoch ist auch diese Art der Kontaktaufnahme für mich sehr schwer. Da finde ich es übrigens noch einfacher, eine fremde Person, mit der ich dann nie wieder etwas zu tun habe etwas zu fragen, als eine Person die mir beispielsweise nahesteht und mir, so sagt es mir dann meine Angst, doch glatt noch lange nachtragen könnte, dass ich sie mit einer Frage belästigt habe, es klingt verrückt, ich weiß.

Übrigens läuft Kontaktaufnahme unter Autisten meist deutlich anders ab, als unter Neurotypischen. Während erstere in der Regel schnell zu Sache kommen, verwenden viele Nichtautisten Kommunikationsmittel wie „Small-Talk“ (oft eine wahre Fremdsprache für Autisten) oder beginnnen ihre Kommunikation mit einem „Hallo, wie geht’s dir?“, obwohl es sie eigentlich gar nicht interessiert, wie es dem andern gerade geht und diesen Satz nur als Floskel verwenden.

Aber wie wird man nun mit dem Problem „Kontaktaufnahme“ fertig? Da gibt es wohl, wenn man dann wieder vor dieser Mauer steht, nur zwei Möglichkeiten: Umkehren oder versuchen, drüberzuklettern!

Schreckgespenst Telefon

Ich besitze etwas, was ich eigentlich gar nicht haben will, aber leider brauche: ein Telefon.

Mittlerweile habe ich mich ja so weit, dass ich (es könnte ja wichtig sein) auch rangehe, wenn das Telefon klingelt, aber immer die Ungewissheit habe, wer ruft an, was will die Person jetzt von mir, verstehe ich richtig, was die Person von mir möchte und kann ich gegebenenfalls mein eigenes Anliegen verständlich rüberbringen. Es gibt einfach so viele Variablen, es kann so viel schief gehen, natürlich, das ist sicherlich auch in vielen anderen Bereichen so, aber beim Telefonieren ist es für mich am schlimmsten.

Manch einer sagte mir dann: „Das ist bestimmt, weil du die andere Person beim Gespräch nicht siehst.“ Wenn dem so wäre, würde mir ja Kommunikation mit Bild dazu, zum Beispiel über Skype leichter fallen, aber Fehlanzeige! Was sollte es mir auch nützen, die Mimik einer Person sagt mir ohnehin nicht viel.

Schlimmer als angerufen zu werden ist es für mich noch, selbst anrufen zu müssen. Ein anstehendes Telefonat gleicht für mich unter Umständen dem Gang zum Galgen und ich versuche es oft so lange wie möglich aufzuschieben. Eine Person, die ich kenne anzurufen ist noch etwas leichter, als beispielsweise ein Telefonat mit Behörden (ganz schlimm), aber die Angst ist immer noch da.

Wenn ich es dann doch geschafft habe, mich zu einem Telefonat durchzuringen und erreiche dann niemanden, bin ich für einen kurzen Moment erst mal niedergeschlagen, da ich mich schon enorm angestrengt habe, es aber nichts gebracht hat und das Ganze in Kürze von vorne losgeht.

Manch einer würde in solchen Situationen „einfach“ auf den Anrufbeantworter sprechen, ich denke mir nur: „Bloß nicht!“ Ich frage mich manchmal, was für mich schlimmer wäre, Rhabarber essen oder auf den Anrufbeantworter sprechen. Letzteres ist für mich nämlich fast unmöglich und ich kann (im wahrsten Sinne des Wortes) an einer Hand abzählen, wie oft ich mich bisher dazu durchgerungen habe. Da probiere ich es lieber, eine Person anzurufen, bis ich sie irgendwann erreiche, als auf dieses Ding zu sprechen, bei dem jeder Versprecher gespeichert wird, ich keine Zeit habe, mir schnell einen Text zurecht zu legen und bei dem ich garantiert irgendetwas Falsches sage, weil ich einfach zu aufgeregt bin.

Noch schlimmer als Festnetztelefone sind für mich Handys. Ich habe ja leider auch eines (es dürfte ungefähr neun Jahre alt sein). Auf dem Handy angerufen zu werden, was zum Glück nur selten passiert ist für mich, auch wenn ich es mir nicht wirklich erklären kann, schlimmer, als selbst vom Mobiltelefon aus anzurufen. Ich habe es ja sowieso fast nie angeschaltet, da ich es fast nur für Banküberweisungen (mobile TAN) und für den Notfall, wenn ich zum Beispiel einen Anschlusszug verpasse und Bescheid geben muss, dass ich später komme, brauche.

Das dumme an unserer heutigen Zeit ist ja auch, dass eine Erreichbarkeit zu jeder Zeit schon fast vorausgesetzt wird, ein Anspruch, den zu erfüllen ich vermutlich nie in der Lage sein werde. Trotzdem scheint ein verhältnismäßig normaler Umgang mit dem Telefon schon sehr wichtig zu sein.

Auch von einigen anderen Autisten weiß ich, dass sie Probleme mit dem Telefonieren haben, ich kenne aber auch einen, der lieber telefoniert, als mit den Leuten persönlich zu reden, da er sie so auf Distanz halten kann. Für mich ist allerdings ein persönliches Gespräch einfacher, aber trotzdem mit Problemen behaftet, die ich wohl bei jeder Kommunikationsmethode mehr oder weniger hätte. Kommunikation per Mail scheint da für mich noch das einfachere zu sein, aber ganz angstfrei bin ich auch dort nicht.

Das Hauptproblem in der Kommunikation ist für mich die Kontaktaufnahme, die vor allem der Grund dafür ist, warum ich Dinge aufschiebe. Ist dieses häufig kolossal erscheinende Hindernis erst mal überwunden kann ich auch am Hörer einigermaßen ein Gespräch führen, obwohl es dann immer noch nicht einfach ist.

Wenn ich dann nichtsahnend in meinem Zimmer sitze und plötzlich das Schreckgespenst genannt Telefon wieder Gruselgeräusche von sich gibt, denke ich mir nur: „Oh nein, nicht schon wieder!“