Fragen ohne zuzuhören?

Letzten Donnerstag war ich mit meinem Chef aus dem Praktikum unterwegs zum Pflanzengroßhandel, um etwas Heidekraut für den Verkauf der Gärtnerei zu besorgen. Da ich nun einige Wochen nicht dort war, fragte er mich sogleich, wie denn meine Lehrgänge liefen.

„Wie hat’s dir den da gefallen?“, „Wie viele wart ihr denn da?“, „Warst du da im Internat?“, alles Fragen, die ich gerne beantworte, besonders gerne berichte ich über meine vielen Fahrradtouren von dort, nur muss ich in meine Antwort ja beide Lehrgänge, die auch noch an verschiedenen Orten waren, einbeziehen, aber alles kein Problem ließe er mich denn auch ausreden.

Immer wieder unterbrach er mich, indem er die nächste Frage stellte (in etwa so, wie er auch Arbeitsanweisungen gibt). Da frage ich mich als autistisch-denkender Mensch natürlich: Hat der mir denn eigentlich zugehört?

Nun, ich neige natürlich dazu, sehr auf Details einzugehen, weil sie mir wichtig erscheinen und insgesamt sehr ausführlich zu berichten.

Dennoch frage ich mich: Wie viel von dem, was ich gesagt habe, hat er auch behalten?

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Erklärungsnot

In Situationen, bei denen es um Kontaktaufnahme geht, komme ich meist in Erklärungsnot, sei es bei einem Anruf, bei der Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis, bei der Anmeldung in Ämtern oder auch beim Schreiben einer E-Mail.

All dies ist mit Kontaktaufnahme verbunden und die größte Schwierigkeit für mich ist vor allem, erst mal mein Anliegen zu schildern. Habe ich dann endlich meine lange vorformulierten Sätze Wort für Wort über die Lippen gebracht, kommen manchmal noch Rückfragen. Mit manchen kann ich im Voraus rechnen, von anderen werde ich völlig überrumpelt und bringe dann nur noch schwer ein Wort heraus, weil ich entweder nicht weiß, was ich antworten soll oder mir nicht einmal klar ist, was mein Gegenüber von mir will.

Besonders ungünstig ist es, wenn mich die Person, der ich mein Anliegen schildern will, inmitten meines vorformulierten Satzes unterbricht und ich so den Faden verliere. Dann komme ich wirklich in Erklärungsnot.

Das sind Dinge, die natürlich bei der Kommunikation per E-Mail nicht passieren können, weshalb dies für mich noch eines der kleinsten Übel ist. Umso schwieriger ist für mich aber dementsprechend das Telefonieren.

Ich kann noch eher damit umgehen angerufen zu werden. Zwar habe ich da erst mal die Ungewissheit, wer da nun am anderen Ende ist, wenn das Telefon klingelt, aber ich brauche nicht selbst mein Anliegen zu schildern. Anders ist das, wenn ich selbst anrufen muss und immer im Hinterkopf ist auch die Angst, etwas Falsches zu sagen oder einfach nicht mehr weiter zu wissen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es vermeide, zum Arzt zu gehen, nicht nur aufgrund meiner robusten Konstitution, sondern vor allem, weil ich gar nicht weiß, was ich an der Anmeldung sagen soll.

Ich bin es sonst gewöhnt, auf mich gestellt zu sein, aber in solchen Fällen bin ich doch froh, dass es Menschen gibt, die mir sagen können, wie ich dort mein Anliegen zu schildern habe.

Als Autist in der Gesellschaft: Selbstverständlichkeiten

Ein jeder hat sie, doch kaum einer kann auf Anhieb sagen, was seine Selbstverständlichkeiten sind. Es sind die ungeschriebenen Gesetzte, die in einer homogenen Gesellschaft funktionieren würden, in unserer heterogenen Realität aber auch hinderlich sein können, wenn es um das Zusammenleben mit anderen geht.

Jeder von uns hat seine ganz individuellen Selbstverständlichkeiten, ob sie nun durch Erlebnisse, Erziehung oder andere Dinge geprägt worden sind. Meine Selbstverständlichkeiten sind wohl Ehrlichkeit, Loyalität, Pünktlichkeit, Respekt und das Einhalten von Gesetzen und Regeln. Ich habe aber im Laufe meines Lebens gemerkt, dass ich meine eigenen Maßstäbe, so logisch sie auch sein mögen, nicht auf andere Menschen anwenden kann, da bei meinem Gegenüber die Prioritäten schon wieder ganz woanders liegen können, so wie das auch bei unterschiedlichen Geschmäckern der Fall ist.

Wozu brauchen wir überhaupt Selbstverständlichkeiten? Unser menschliches Gehirn verarbeitet Eindrücke so, dass sie quasi in verschiedene Schubladen einsortiert werden (das Extrem davon ist das sogenannte „Schubladendenken“). Diese Schubladen brauchen natürlich eine Beschriftung und ein System, damit wir die aufgenommenen Inhalte auch wiederfinden können, also unsere individuellen Selbstverständlichkeiten.

Problematisch wird es da, wo Menschen versuchen, ihre Maßstäbe an andere anzulegen, frei nach dem Motto: „Wenn ich das kann, muss der das doch auch können.“ – eine gefährliche Illusion, die schnell zu Vorurteilen führt.

Ich selbst muss mich gerade ein bisschen von einer Selbstverständlichkeit verabschieden. In sieben Jahren Lateinunterricht habe ich gelernt, dass man zum Beispiel Caesar, anders als in den Köpfen der meisten Deutschen, nicht wie Zesar, sondern wie Kähsar ausspricht, auch wenn das ziemlich nach Käse klingt ;). Nun muss ich in meiner Ausbildung feststellen, dass die Aussprache der an die lateinische Sprache angelehnten botanischen Pflanzennamen wieder völlig anders und dass Botanisch eigentlich auch gar kein Latein ist.

Es gibt auch Selbstverständlichkeiten, die von den meisten Leuten hierzulande als gemeingültig angesehen werden, so zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit. Ich muss gestehen, ich besitze nicht mal ein Smartphone, mein zehn Jahre altes Siemens-Mobiltelefon ist meistens ausgeschaltet und ich bin auch in keinem sozialen Netzwerk. Bei der Erreichbarkeit würde ich also schon mal durchs Raster fallen.

Auch dass die meisten Leute moderne Musik (welche Art auch immer) mögen, ist eine solche Selbstverständlichkeit geworden. Was höre ich gerade? Orchestersuite in h-Moll von Johann Sebastian Bach – und wieder durchs Raster gefallen.

Über was ich aber immer wieder stolpere, ist die Selbstverständlichkeit, dass man normal zur Kommunikation, insbesondere dem Telefonieren fähig ist. Versucht man seinem Gegenüber zu erklären, dass man dort Schwierigkeiten hat oder sogar angstbehaftet ist, stößt man oft auf wenig Verständnis. Es kommen dann Sätze wie: „Nun hab dich doch nicht so!“ oder „Andere können das doch auch.“, doch ich kann das eben nicht ohne große Überwindung.

Auch das „Zwischen den Zeilen lesen“ ist eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht weiter nachdenkt, wenn man sie denn beherrscht, uns Autisten kann das jedoch auf die Füße fallen, ich merke das besonders bei Arbeitsanweisungen. Es wird dann davon ausgegangen, dass der Angewiesene richtig verstanden hat, was gemeint ist, doch plötzlich wundert sich der Arbeitsanleiter, warum der Angestellte etwas ganz anderes macht. Ich bin des „Zwischen den Zeilen lesens“ nicht mächtig und brauche dementsprechend auch sehr konkrete Arbeitsanweisungen, damit ich genau weiß, was ich machen soll und nicht etwas ganz anderes verstehe.

Selbstverständlichkeiten sind etwas völlig Natürliches und „Selbstverständliches“ ;), aber jeder sollte sich bewusst machen, dass seine Maßstäbe nicht für andere auch gelten müssen. Wichtig ist, dass man erst mal weiß, was denn eigentlich die eigenen Selbstverständlichkeiten sind.

Weltautismustag 2015 – Was bedeutet Autismus für mich?

Heute, am Weltautismustag des Jahres 2015, möchte ich mich damit auseinandersetzen, was Autismus eigentlich für mich bedeutet und was nicht.

Oft wird ja darüber diskutiert, welche Sichtweise bei dieser Thematik eigentlich die adäquate ist. Manch einer mag es als Krankheit sehen, die kuriert oder therapiert werden muss, manch anderer sagt vielleicht, man solle gänzlich auf Therapien verzichten und die Betroffenen so sein lassen, wie sie sind und wieder andere sehen die Inklusion von Autisten im Vordergrund, nicht zu vergessen die ebenso unterschiedlichen Ansichten von uns, den autistischen Menschen selbst.

Ich selbst beschreibe das „Störungsbild Autismus“ gern als eine alternative (nicht falsche!) Verdrahtung des Gehirns. Für mich erlebe ich mein Asperger-Syndrom als Gabe, Bürde und Verantwortung zugleich.

Eine Gabe, weil damit für mich einige besondere Fähigkeiten einhergehen, wie eine intensivere Wahrnehmung und ein guter Blick für das Detail (beides kann natürlich zugleich ein Nachteil sein), ein ausgeprägtes visuelles und akustisches Gedächtnis und eine objektivere Sichtweise auf das Verhalten der Menschen und ihre Selbstverständlichkeiten, eine andere Perspektive sozusagen.

Eine Bürde, weil ich durch meinen Autismus auch einige Einschränkungen habe und das dummerweise in vielen Bereichen, die für „normale“ Menschen meist selbstverständlich sind, was natürlich das Verständnis anderer mir gegenüber oftmals sehr einschränkt. Diese Einschränkungen bestehen bei mir vor allem in Bereichen der nonverbalen Kommunikation und der Kontaktaufnahme. Außerdem besteht im Alltag oft ein beständiger Kampf mit der Reizüberflutung.

Eine Verantwortung deshalb, weil man aus meiner Sicht als Autist die einzigartige Möglichkeit nutzen sollte, andere an seiner alternativen Perspektive teilhaben zu lassen. Für unsere Gesellschaft können Autisten von großem Nutzen sein, gerade was Innovativität anbelangt.

Nun möchte ich noch ein paar Dinge aufzählen, was für mich und meine bescheidene subjektive Meinung Autismus ist und was nicht.

Für mich ist Autismus nicht:

 – eine Krankheit

 – eine Inselbegabung

 – eine Persönlichkeitsstörung

 – psychisch

 – Einbildung

 – einfach nur Nerdtum

 – etwas, das sich auswächst

 – ein Charakterzug von vielen

 – sich nur nicht richtig anstrengen wollen

 – Gemeingefährlichkeit

 – Emotionslosigkeit

 – in der eigenen Welt gefangen sein

 – bloß eine Attraktion für „Wetten dass?“

Autismus ist für mich:

 – Segen und Fluch zugleich

 – eine andere Art zu denken, handeln, fühlen, kommunizieren und leben

 – eine Behinderung (, da die momentane Ausrichtung unserer Gesellschaft mich an der       gänzlichen Teilhabe am normalen Leben hindert)

 – eine andere Verdrahtung des Gehirns

 – Außenseiter sein

 – im sozialen Sinne oft „unsichtbar“ zu sein

 – viel Wert auf Ordnung und Routine zu legen

 – am liebsten mit sich selbst allein auf der Welt zu sein

 – sich stundenlang mit seinen Spezialinteressen beschäftigen zu können

 – reizüberflutet sein

 – Redewendungen, Witze und Ironie wörtlich zu nehmen

 – nicht gerne telefonieren

 – Aspekte im Verhalten der Menschen wahrzunehmen, die sie selbst und/ oder andere         nicht sehen

 – auch mal eine Nervensäge zu sein

Gerade heute, am Weltautismustag sollten wir, die Autisten uns neu fragen, wie wir der Gesellschaft von Nutzen sein können und die Inklusion, dadurch, dass wir uns einbringen, selbst ein Stück voranbringen.

Weitere Beiträge zum Weltaustismustag in anderen Blogs:

– innerwelt: Weltautismustag 2015

– Quergedachtes: Warum ich Blau heute nicht mag

Asperger und Wissen

Wir Asperger-Autisten haben oft jede Menge zu erzählen, über seltene Naturphänomene, politische Strukturen, detaillierte geographische Verhältnisse, ganze Lebensläufe einer längst verstorbenen Person oder einfach über unsere Spezialinteressen. Wir wissen sämtliche Einzelheiten und jedes Detail, können zu fast allem etwas beitragen. Doch will das Gegenüber das eigentlich alles hören?

Ich selbst bekomme oft genug rückgemeldet, ich würde arrogant wirken oder wöllte mein Wissen zur Schau stellen. Nichtautisten würden vielleicht die kleinen nonverbalen Signale bemerken, die vom offensichtlich genervten Gegenüber ausgesandt werden, ich scheine dafür wohl völlig blind zu sein.

Besonders bei geographischen Themen trete ich sofort in Aktion. Es braucht nur ein Ortsname zu fallen und ich fange schon bald an, die umliegenden Orte aufzuzählen und Einzelheiten über die dortigen verkehrsgeographischen und topographischen Verhältnisse preiszugeben, aus meiner Sicht wirklich interessante Informationen. Die Beschreibung der nächstgelegenen Bahnstrecken darf natürlich auch nicht fehlen, sowie der aktuelle Status eben jener.

Spätestens an diesem Punkt versuche ich mich dann doch mal zu bremsen. Andere wollen ja auch noch zu Wort kommen. Und vor allem – hören die mir eigentlich überhaupt noch zu?

Andererseits gelingt es mir auf dieser Ebene am besten, mit fremden Leuten in Kontakt zu treten, indem mit jenen zum Beispiel über deren Herkunftsort fachsimple.
Es ist schon irgendwie Gratwanderung und Zwiespalt zugleich: Von uns Autisten wird oftmals erwartet, dass wir mehr die Gemeinschaft und die Interaktion mit anderen Menschen suchen, doch die sind dann schnell mal von uns genervt und finden uns häufig sogar arrogant.

Visuelles Denken Teil II

Dies ist die Fortsetzung des Beitrages über das Denken in Bildern.

Wer visuell denkt, hat häufig etwas zu lachen. Von sämtlichen ausgesprochenen Dingen werden im Kopf Bilder ausgelöst, die dann manchmal wirklich witzige Vorstellungen erzeugen können. Auch ich erlebe das immer wieder, zum Beispiel, als ich vor vielen Jahren an einer Bläserrüstzeit im niedersächsischen Neetze teilnahm. Der Dirigent beschrieb dort einmal einen jämmerlichen Trompetenklang mit den Worten: „Das klingt wie ein toter Hund über ‚m Gartenzaun.“ Und schon war das Bild in meinem Kopf, über das ich noch heute gelegentlich lachen muss: ein toter Hund mit heraushängender Zunge, über einem Holzlattenzaun hängend.

Ich frage mich dann, wie andere Menschen, die nicht in Bildern denken, sich so etwas ebenfalls bildlich vorstellen können, ob sie die Bilder dann bloß bewusst erzeugen müssen? Ich weiß es nicht, aber es wäre doch mal interessant, wenn Menschen mit unterschiedlichen Arten zu denken sich darüber austauschen könnten.

Im ersten Teil der Beitragsreihe habe ich bereits angedeutet, dass ich Schwierigkeiten habe, Dinge sprachlich auszuformulieren und vieles nur in gedanklichen Bildern ausdrücken könnte. Es ist tatsächlich so, dass es in meinem Kopf so etwas wie eine Übersetzungsmatrix gibt, welche die gehörte Sprache in Bilder umwandelt oder die Bilder in sprachliche Formulierungen. Wenn ich verbale Kommunikation wahrnehme, ist es für mich eigentlich erst mal nur ein Geräusch ohne Inhalt. Durch die „Übersetzungsmatrix“ wird es im Bruchteil einer Sekunde analysiert und in Bilder umgewandelt, sodass ich gefühlt sofort erfasse, was der Inhalt der verbalen Äußerung ist. Dieser Prozess kann aber auch mal etwas länger dauern, in diesem Fall brauche ich dann ein paar Sekunden, bis ich überhaupt verstehe, was gesagt wurde, so als würde man einer Fremdsprache zuhören, die man gut, aber noch nicht perfekt kann. Umgekehrt, also aus den Bildern selbst etwas sprachliches zu formulieren, ist es noch schwieriger. Die schriftliche Äußerung fällt mir wohl deshalb leichter, weil ich da nicht den Zeitdruck habe, in einer zwischenmenschlichen Kommunikation muss ich schneller reagieren, beim Schreiben habe ich einfach mehr Zeit, meine Sätze auszuformulieren.

So viele Dinge gibt es, die sich durch die Beschränkung unserer verbalen Sprache nicht wirklich ausdrücken lassen, in Bildern aber schon. Nehmen wir mal einen Satz, der vermeintlich aus einer These und einer Antithese besteht: „Wo andere nur ein Chaos sehen, erkennen Autisten ein System – wo andere Ordnung empfinden, sehen Autisten nur Chaos.“ Das klingt auf jeden Fall nach einem interessanten Beitragstitel und geht man nur nach der verbalen Sprache, erscheint es so, als würde sich bei dieser Doppelthese ein Widerspruch ergeben. Stellt man es sich jedoch in Bildern vor, handeln beide Thesen von jeweils völlig anderen Themen und plötzlich ergibt es einen Sinn.

Hindernis Kontaktaufnahme

Nachdem ich am Mittwoch in unserer Asperger-Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz den theoretischen Teil zum Thema Kontaktaufnahme gehalten habe, dachte ich mir, dass ich doch gleich mal einen Blogbeitrag über diese gerade für Autisten nicht unerhebliche Sache schreiben könnte. Ich war erstaunt, wie wenig im Internet über den Kontext Autismus und Kontaktaufnahme zu finden ist (umso mehr ein Ansporn für mich 😉 ).

Tja, Kommunikation könnte so viel einfacher sein, wäre da nicht diese sprichwörtliche Mauer der Kontaktaufnahme, aber dummerweise ist gerade das ein fester und untrennbarer Bestandteil von Kommunikation, das Hindernis würde sich also nur durch Vermeidung umgehen lassen, aber mal von vorn.

Es ist ja bekannt, dass Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Autisten und Nichtautisten schon fast alltäglich sind. Gründe dafür sind zum Beispiel die unterschiedliche Denkweise oder, dass man als Autist Schwierigkeiten hat, sich in andere hineinzuversetzen und Mimik sowie Gestik der anderen Person zu deuten. Im Umkehrschluss kann auch die andere Person häufig mit den nonverbalen Signalen von Autisten wenig anfangen, da diese anders und in einem deutlich geringerem Maße ausgesandt werden. Man ist also zum großen Teil auf die verbale Kommunikation angewiesen, was ein wahrer Blindflug sein kann, da der nonverbale Anteil in einem Gespräch ja normalerweise um die 80% ausmacht.

Was passiert nun, wenn ein Autist sich jahrelang rechtfertigen musste, weil er regelmäßig von der Mehrheit der „normalen“ Leute falsch verstanden wurde, wenn anstatt der gesendeten Sachinformation auf einmal beim Gegenüber eine Bewertung ankommt, nur weil die Person zu sehr „zwischen den Zeilen gelesen” hat? Es entwickelt sich über die Jahre eine Angst und zwar vor Kontaktaufnahme, weil solche Missverständnisse am häufigsten in diesem Teil der Kommunikation auftreten, also bevor man die Gelegenheit hat, eine gleiche Kommunikationsbasis zu finden.

Bei mir zieht sich diese Angst vor der Kontaktaufnahme durch sämtliche Kommunikationsmedien am stärksten zeigt es sich bei mir aber beim Telefon (mehr dazu hier). Immer wieder kommen mir, wenn ich dann wieder vor diesem riesigen Hindernis stehe, in einer solchen Situation Gedanken hoch wie zum Beispiel: „Wie formuliere ich das jetzt am besten?“„Hoffentlich sage ich nichts Falsches.“, „Hoffentlich versteht die Person, was ich meine.“, „Was mache ich, wenn die Person mich nicht versteht?“„Dann muss ich mich ja schon wieder erklären oder rechtfertigen…“, „Fragt die andere Person vielleicht irgendetwas, womit ich nichts anfangen kann?“ Und dann versuche mal einer in so einer Situation den Verstand, der eigentlich weiß, dass mir die andere Person nicht „den Kopf abreißen“ will, über die Angst zu bekommen.

Wenn es darum geht irgendwo etwas nachzufragen, dann fällt es mir leichter, den Verstand dazu einzuschalten und mir selbst zu versichern, dass ich eigentlich keine genervte oder verständnislose Reaktion zu erwarten habe (so etwas passiert leider auch gelegentlich), aber dennoch ist auch diese Art der Kontaktaufnahme für mich sehr schwer. Da finde ich es übrigens noch einfacher, eine fremde Person, mit der ich dann nie wieder etwas zu tun habe etwas zu fragen, als eine Person die mir beispielsweise nahesteht und mir, so sagt es mir dann meine Angst, doch glatt noch lange nachtragen könnte, dass ich sie mit einer Frage belästigt habe, es klingt verrückt, ich weiß.

Übrigens läuft Kontaktaufnahme unter Autisten meist deutlich anders ab, als unter Neurotypischen. Während erstere in der Regel schnell zu Sache kommen, verwenden viele Nichtautisten Kommunikationsmittel wie „Small-Talk“ (oft eine wahre Fremdsprache für Autisten) oder beginnnen ihre Kommunikation mit einem „Hallo, wie geht’s dir?“, obwohl es sie eigentlich gar nicht interessiert, wie es dem andern gerade geht und diesen Satz nur als Floskel verwenden.

Aber wie wird man nun mit dem Problem „Kontaktaufnahme“ fertig? Da gibt es wohl, wenn man dann wieder vor dieser Mauer steht, nur zwei Möglichkeiten: Umkehren oder versuchen, drüberzuklettern!