Geschenke

Es ist Heiligabend, einige Leute versuchen noch schnell ein Geschenk zu ergattern, um sich dann aus überfüllten Innenstädten schnell in friedliche Weihnachtsstimmung zu begeben.

Vor kurzem wurde das Ergebnis einer soziologischen Studie veröffentlicht, die zeigt, wie wichtig es doch ist, sich etwas zu schenken. Der ganze Stress ums Schenken kommt mir schon manchmal etwas übertrieben vor und häufig will man wohl sein Gegenüber mit einem Geschenk nur gnädig stimmen. Dennoch ist all dies offenbar wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Über Menschen, die niemandem etwas schenken, denkt man schnell: „Der/ Die gönnt mir nichts, mit der Person will ich nichts zu tun haben.“

Ich habe, wie wohl fast jeder andere Mensch unseres Kulturkreises auch, das Problem, dass ich schon gar nicht mehr weiß, was ich denn zum Beispiel meinen Geschwistern schenken soll. Irgendetwas finde ich dann doch und auch für mich bedeutet das vorher leider, mich durch völlig verstopfte Fußgängerzonen zu quetschen, alles in der Hoffnung, da bald wieder raus zu sein und im Idealfall auch noch für jeden gleich ein Geschenk gefunden zu haben.

Am schlimmsten sind für mich Weihnachtsmärkte, die ich aufgrund der Menschenmassen und vielen Geräusche am liebsten meide. Doch sollte es in der Weihnachtszeit nicht eigentlich besinnlich und voller Vorfreude zugehen, anstatt stressig und hektisch?

Warum tue ich mir den Stress eigentlich an, nur um Geschenke zu finden? Weil ich damit anderen eine Freude machen kann und wann wäre das passender als an einem Tag, an dem wir den Geburtstag von Gottes Sohn feiern?

Ich wünsche allen Lesern des Blogs einen besinnlichen Heiligen Abend.

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Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Eine Prägung für das ganze Leben

Heute will ich über ein sehr schwieriges Kapitel in meinem Leben schreiben, das Thema Mobbing und wie es mich geprägt hat.

Es gibt wohl kaum einen erwachsenen Autisten, der nicht schon mit dieser Thematik zu tun hatte. Bei mir ging es bereits im Kindergarten los und nahm bis zu fünften Klasse meiner Schulzeit immer weiter zu. Auch auf dem Gymnasium gehörte dies für mich – und zwar nicht nur in der eigenen Klasse – leider zum Alltag. Auch außerhalb der Schule hatte ich regelmäßig mit Mobbing zu tun. In der Oberstufe hörte es dann allmählich auf und ich wurde immerhin in Ruhe gelassen.

Aber es ist schon interessant, dass die anderen Kinder bereits im Kindergarten offensichtlich gemerkt haben, dass ich anders bin, auch mir war es schon irgendwie bewusst, ich definierte mich öfter darüber, dass ich eben nicht so „komisch“ bin, wie die anderen. Mit diesem Anderssein vermochten meine Mitschüler wohl nicht umzugehen. Ich bin heute auch so weit, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, mich an jenen zu rächen, was wohl ohnehin nicht möglich wäre, ich kann nun verstehen, warum sie so gehandelt haben, auch wenn ich es nicht gutheiße. Meine Diagnose war mir da eine Antwort auf viele Fragen.

Ich bin recht erstaunt, wenn ich heute betrachte, was ich damals alles für Strategien ausprobiert habe, um von den anderen nicht mehr gemobbt zu werden. Anfangs versuchte ich es mit der Konfrontation, also ich wehrte mich und rastete aus, das Problem war allerdings, dass ich mit meiner physischen Kraft gegen die anderen nicht anzukommen vermochte und kein Wutanfall meine Mitschüler daran hinderte, weiterzumachen, sie schienen mich ja genau dazu provozieren zu wollen. Später versuchte ich dann, ihre eigenen Waffen gegen sie einzusetzen. Ich nervte sie also bewusst, erzielte aber auch damit keinen Erfolg. Genauso wenig funktionierten Strategien wie das klassische „einfach ignorieren“ oder Argumente. Mir blieb also nur noch eins: es bis zum Ende durchzuhalten.

Bis vor kurzem habe ich mich noch gefragt, ob mir eine Menge Mobbing erspart geblieben wäre, hätte ich die Diagnose schon als Kind erhalten. Meine Mutter hatte ja bereits den Verdacht, dass ich Asperger haben könnte, als ich vier Jahre alt war. Aber wie sollte es anders sein, der Kinderarzt hatte eigentlich keine Ahnung von Autismus und sagte ihr, dass die Symptome für die Erfüllung der Kriterien des Asperger-Syndroms deutlich stärker sein müssten. Somit wurde der Verdacht vierzehn Jahre lang nicht weiter verfolgt.

Heute brauche ich mir diese Frage nicht mehr zu stellen, da ich nun weiß, dass ich in diesem Fall, wäre ich dann wirklich von Mobbing verschont geblieben, ein völlig anderer Mensch geworden wäre, nicht auf schwierige Situationen im Leben vorbereitet und wohl kaum alltagstauglich. Wahrscheinlich wäre ich mit der Welt da draußen so überfordert gewesen, dass ich mich völlig zurückgezogen hätte. Es mag makaber klingen, aber ich sollte wohl dankbar für diese Lektion meines Lebens sein, die wirklich eine tiefe Prägung in mir hinterlassen hat.

Natürlich habe ich es dadurch auch sehr schwer, anderen Menschen zu vertrauen und wenn, dann nur solchen, die ich gut kenne und die mich ebenso gut kennen. Gott ist der einzige, dem ich wirklich bedingungslos vertrauen kann, ohne ihn hätte ich die Schulzeit mitsamt dem Mobbing wohl nicht bis zum Abitur durchhalten können.

Eben diese Erfahrungen haben mich aber auch zum Einzelkämpfer gemacht, was sowohl Vor-, als auch Nachteile hat. Ich habe immer erst eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden, bis ich auf jemanden zugehen kann, wenn ich Hilfe benötige, andererseits bekomme ich viele Dinge selbst hin und lasse mich nicht so schnell entmutigen.

In der Tat bin ich jemand, der eigentlich nie aufgibt, ich erinnere mich da immer gerne an die fünfte Klasse. Am Ende des vierten Schuljahres hatte ich noch einen Notendurchschnitt von 3,6. Dann kam ich in die fünfte Klasse (das war damals noch ein Jahr Orientierungsstufe, ich ging in Niedersachsen zur Schule und gehörte zum ersten Jahrgang, der in zwölf Jahren das Abitur gemacht hat) und hatte das feste Ziel, auf das Gymnasium zu kommen, dazu würde allerdings ein Durchschnitt, der besser als 2,5 ist, gehören. Meine Muitter sagte mir, ich sollte mich doch mit der Realschule zufrieden geben, eine Gymnasialempfehlung wäre utopisch, doch ich hatte meinen festen Willen. Nach der fünften Klasse kam unser Jahrgang dann auf die weiterführenden Schulen und ich aufs Gymnasium, ich glaube mit einem Durchschnitt von 2,3 oder so ähnlich.

Vielleicht hätte ich ohne das Mobbing also kein Abitur gemacht und wäre nicht da, wo ich heute bin. In jeglicher Hinsicht ist es auf jeden Fall eine Prägung für das ganze Leben.

Und die Zeit läuft weiter…

„Die Zeit vergeht ja wie im Fluge!“ Diesen Spruch hört man heutzutage recht häufig.

Natürlich handelt es sich dabei ja nur um das individuelle Empfinden der jeweiligen Person, aber wäre das nicht was, mal die Zeit verlangsamen oder anhalten zu können. Manchmal frage ich Gott: „Sag mal, hättest du nicht den Tagen etwas mehr Stunden geben können als du die Welt geschaffen hast?“ Ich erkenne dann schnell, dass er sich schon etwas dabei gedacht hat, sodass es für den Menschen optimal ist. Da gibt es bloß ein Problem: nicht jeder hat dasselbe Lebenstempo und in unserer heutigen Zeit bleibt so mancher auf der Strecke.

Ich habe beispielsweise ein recht langsames Lebenstempo (nicht nur beim Autofahren, wo ich manchmal ein wahres Verkehrshindernis bin 🙂 ). Auch in anderen Bereichen gehe ich das meiste eher gemächlich an und nehme mir die Zeit, die ich brauche – aber manchmal dummerweise nicht habe.

Geradezu alltäglich ist für mich das Gefühl, dass in meinem Kopf viel zu viele Dinge sind, die erledigt werden müssen, sowie Termine und andere Dinge, an die ich denken muss, sodass irgendwie alles auf mich hereinstürzt, ich vollkommen den Überblick verliere und keine Ahnung habe, wie ich all das irgendwie schaffen soll.

Was für mich wirklich stressig und überfordernd ist, scheint in der heutigen Arbeits- und Alltagswelt vollkommen normal zu sein und augenscheinlich können die Leute da draußen auch super mit all der Hektik umgehen, sie erzeugen sie ja selbst und verlangen ja auch zunehmend, dass „alles sofort“ verfügbar ist. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass auch bei „normalen“ Leuten die sogenannte „Instant-Gesellschaft“ ihre Spuren hinterlässt, da der Mensch dafür einfach nicht geschaffen ist. Leidtragende sind insbesondere Menschen mit einem langsameren Lebenstempo oder Kinder, für die man viel mehr Zeit bräuchte, als ihnen in unserer karriereverliebten Gesellschaft eingeräumt wird.

Nicht umsonst nehmen Burnout und Depressionen immer mehr zu, man kann sagen, dass es sich dabei quasi um die natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf einen solchen immensen Stress handelt. Ich wäre nicht der erste, der eine Entschleunigung unserer Alltagswelt fordert, es wird sich aber wohl nichts ändern, solange die Leute „immer alles sofort“ zur Verfügung haben wollen. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber es ist doch interessant, dass es damals Dinge wie Burnout oder Depressionen anscheinend fast nicht gegeben hat, denn Zeitdruck war bis zur Industrialisierung kaum vorhanden.

Ich behaupte mal, das viele Autisten ein eher langsames Lebenstempo haben. Wie ich zu dieser These komme? Nun, ganz einfach, als Autist hat man genug zu tun, sich in dieser fremden und chaotischen Welt zurechtzufinden und die ganzen Reize zu verarbeiten, da bleiben nicht mehr viele Kapazitäten übrig, würde ich sagen. Wenn man dann noch mehrere Dinge auf einmal unter Zeitdruck erledigen soll, in unserem Jahrhundert fast schon Alltag, wird das Funktionieren mindestens erheblich erschwert sein, bei mir kann so etwas zum Beispiel schon zum Overload führen.

Ein langsames Lebenstempo kann allerdings auch von Vorteil sein. Wer schnell von der einen Sache zu nächsten rennt, übersieht schnell wichtige Details. Geht man aber alles etwas langsamer an, tut man sich nicht nur selbst etwas gutes, man kann auch viel mehr von der Natur wahrnehmen, außerdem obendrein viel ordentlicher arbeiten. Entweder also schnell und ungründlich oder langsam und ordentlich. Heute wird häufig die schnelle Variante gewählt, denn die Zeit läuft weiter und es gibt noch so viel zu tun…