Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

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Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Vom ausgegrenzt werden zum sich abgrenzen

Heute soll es mit dem bereits im letzten Beitrag angefangenen Themenkomplex „Mobbing“ weitergehen.

In der Schule war ich immer ein Außenseiter. Ich hatte keine wirklichen Freunde (die, welche was ich damals als Freunde bezeichnete, waren eigentlich vor allem solche, mit denen ich mich gut verstand, weil sie selbst Außenseiter waren) und eigentlich auch nicht das direkte Bedürfnis danach, wollte aber doch dazugehören und nicht ausgegrenzt sein.

Ich war eigentlich schon immer jemand, der die Dinge auf die eigene Weise machte und sich nicht so sehr von anderen reinreden ließ. Das kam sicher nicht bei allen gut an, besonders vor dem Hintergrund, dass sich die meisten Menschen eher in einer Mehrheitsmasse sicher fühlen und nicht wenige, um angenommen zu werden, ihre Individualität aufs Spiel setzen. Ich hatte nun ein Problem: ich wollte dazugehören, aber passte doch nicht hinein, da ich nicht bereit war, meine – verglichen mit den anderen – völlig andere Persönlichkeit und Individualität aufzugeben.

Mich unterschied allein schon in den Interessen so viel von den anderen, dass ich mich schließlich damit abfand, nicht zur „Gruppe“ dazugehören zu können (so etwas wie Einsamkeit habe ich ohnehin bis heute noch nie erlebt). Ich begann also nun, mich bewusst von den anderen abzugrenzen und definierte mich, ohne auch nur einen blassen Schimmer vom Asperger-Syndrom zu haben, in vielen Bereichen über dieses Anderssein. Ich stand also in einem solchen Maße offen zu meinen Interessen und Vorlieben, dass ich manchmal schon aufpassen musste, mich nicht als zu anders darzustellen, als ich es denn nun war, dort die Balance zu halten war gar nicht so einfach.

Nun fand ich mich zwar damit ab, nicht dazuzugehören, aber von anderen bewusst ausgegrenzt zu werden, war für mich noch immer schlimm und berührte deutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ich fing an mich zu fragen, warum die sich ausgerechnet mich als Opfer ausgesucht wurden. Heute habe ich, dank meiner Diagnose, die Antwort auf diese Frage.

Dennoch frage ich mich immer wieder, ob es möglich ist, zu einer Gruppe dazuzugehören und sich trotzdem seine volle Individualität zu bewahren. Ich merke heute zudem, dass ich mit den vielen Verbindlichkeiten, die zu einer solchen Gesellschaftsform gehören, überfordert wäre.

Soziale Netzwerke – Segen oder Fluch?

Eine Welt ohne Facebook oder Twitter, das wäre heutzutage wohl undenkbar.
Es kann ja auch ganz nützlich und in unserer globalisierten Welt schon fast notwendig sein.
Man kann sich die verschiedensten Dinge unkompliziert erzählen, schnell Termine ausmachen, gemeinsam Urlaubsbilder anschauen oder zusammen über etwas debattieren.
Man könnte meinen: „Super, dass es so etwas gibt!“
Doch sind Facebook und Co. wirklich so durchweg positiv, wie es manchmal den Anschein hat? Gibt es da nicht vielleicht zwei Gesichter und wie stehen Autisten zu solchen sozialen Netzwerken?
Viele, insbesondere jüngere Leute definieren sich, auch rivalisierend gegenüber anderen, über die Anzahl ihrer „Facebook-Freunde“ und richten fast automatisch ihr Selbstwertgefühl anhand dessen aus.
Man fragt sich manchmal, wie viele ihrer sogenannten „Freunde“ jene überhaupt persönlich kennen und doch drückt es eine tiefe Sehnsucht aus, wahrgenommen, geliebt und bewundert zu werden.
Für mich wären soziale Netzwerke nichts weiter als eine Last. Es wäre mir schlicht und einfach zu anstrengend und stressig, ständig „on“ zu sein oder immer nachschauen zu müssen, wo ich denn nun „meinen Senf dazugeben“ könnte.
Ich wüsste auch gar nicht, was ich schreiben sollte und vor allem: mit wem denn überhaupt?
Somit liegt es also nahe, dass ich in keinem sozialen Netzwerk angemeldet bin, es aber selbst niemandem absprechen möchte, schon gar nicht denen, für die eine Nutzung dessen wirklich Vorteile hat.
Dann kommt natürlich das Thema Privatsphäre dazu, für das manch Facebook-Nutzer gänzlich das Gefühl verloren zu haben scheint. Bei manchen Menschen ist fast das gesamte Leben auf Facebook zu lesen (und das Internet vergisst nicht!).
Man kann also schnell feststellen, das soziale Netzwerke meist zwei Gesichter haben, so nützlich und gut sie für gewisse Personengruppen auch sein mögen.

Wenn man unter den Autisten schaut, wie es dort mit der Nutzung der sozialen Netzwerke aussieht, wird der Anteil schon deutlich kleiner.
Die meisten Menschen aus dem Autismusspektrum haben nur sehr wenig Sozialkontakte, was brächte da also die Nutzung eines sozialen Netzwerkes?
Es gibt aber auch genug Autisten, die erfolgreich soziale Netzwerke nutzen, insbesondere autistische Blogger. Viele von denen nutzen zum Beispiel Twitter ergänzend zu ihrem Blog.
Für mich wäre das nichts, aber ich komme ja auch ganz gut ohne aus.