Geschenke

Es ist Heiligabend, einige Leute versuchen noch schnell ein Geschenk zu ergattern, um sich dann aus überfüllten Innenstädten schnell in friedliche Weihnachtsstimmung zu begeben.

Vor kurzem wurde das Ergebnis einer soziologischen Studie veröffentlicht, die zeigt, wie wichtig es doch ist, sich etwas zu schenken. Der ganze Stress ums Schenken kommt mir schon manchmal etwas übertrieben vor und häufig will man wohl sein Gegenüber mit einem Geschenk nur gnädig stimmen. Dennoch ist all dies offenbar wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Über Menschen, die niemandem etwas schenken, denkt man schnell: „Der/ Die gönnt mir nichts, mit der Person will ich nichts zu tun haben.“

Ich habe, wie wohl fast jeder andere Mensch unseres Kulturkreises auch, das Problem, dass ich schon gar nicht mehr weiß, was ich denn zum Beispiel meinen Geschwistern schenken soll. Irgendetwas finde ich dann doch und auch für mich bedeutet das vorher leider, mich durch völlig verstopfte Fußgängerzonen zu quetschen, alles in der Hoffnung, da bald wieder raus zu sein und im Idealfall auch noch für jeden gleich ein Geschenk gefunden zu haben.

Am schlimmsten sind für mich Weihnachtsmärkte, die ich aufgrund der Menschenmassen und vielen Geräusche am liebsten meide. Doch sollte es in der Weihnachtszeit nicht eigentlich besinnlich und voller Vorfreude zugehen, anstatt stressig und hektisch?

Warum tue ich mir den Stress eigentlich an, nur um Geschenke zu finden? Weil ich damit anderen eine Freude machen kann und wann wäre das passender als an einem Tag, an dem wir den Geburtstag von Gottes Sohn feiern?

Ich wünsche allen Lesern des Blogs einen besinnlichen Heiligen Abend.

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Ordnung inmitten des Chaos

Als Asperger-Autist hat man es nicht leicht in dieser chaotisch anmutenden Welt der neurologisch-typischen Menschen. Man ist umgeben von Hektik, Unordnung, Unpünktlichkeit und ständig wechselnden Situationen. Aber es gibt Schutzräume und Ruhepole, die eigenen vier Wände. Dort ist es strukturiert, ordentlich, alles hat seinen Platz und es geschieht nichts unerwartetes, solange niemand sonst diesen Lebensbereich betritt.

Natürlich könnte man sich auf einer einsamen, ruhigen Insel verkriechen, aber ist es nicht viel besser, anderen Menschen die Ordnung nahezubringen und ein Stück Ordnung inmitten des Chaos zu schaffen?

Für mich ist es sehr wichtig, in meinen eigenen Lebensräumen eine feste Ordnung zu haben. Das entlastet mich sehr beim Funktionieren im herausfordernden Alltag, in dem es nicht unbedingt diese Struktur und Berechenbarkeit gibt. Deutlich wird das zum Beispiel an meinem Speiseplan, zu dem man in Anklang an „Dinner for one“ sagen könnte: „Same procedure as last week!“ Da für mich das Einkaufen auch eine gewisse Herausforderung bedeutet, bin ich insofern entlastet, dass ich nicht erst überlegen muss, was ich denn heute einkaufe. Entlastung, ein Begriff, der für die meisten Asperger-Autisten zum Alltag gehören dürfte.

Ein Nichtautist braucht sich über solche Dinge gar nicht so viele Gedanken zu machen. Als Autist bekomme ich dann manchmal Sätze zu hören, wie: „Na, übertreib’s mal nicht.“„Sei doch nicht immer so kleinlich!“ oder „Zu ordentlich muss es nun auch nicht sein.“ Ich weiß, eigentlich ist es nicht wichtig, ob die Inhalte des Kühlschranks nun rechtwinklig angeordnet sind oder irgendetwas unbedingt symmetrisch sein muss, für mich ist es das aber. Steht irgendetwas nicht an seinem gewohntem Platz oder ist etwas schief aufgestellt, fällt es mir sofort ins Auge und ich habe erst Ruhe, wenn alles wieder ordentlich ist.

Manch einer würde so etwas vielleicht als krankhaft oder Zwangshandlungen bezeichnen, gerade Letzteres würde jedoch an der Realität etwas vorbeigehen, da ich mich ja nicht zum Ordnung schaffen gezwungen fühle, sondern dies gerne mache. Davon profitieren dann übrigens auch andere, die mir mit Freuden das unliebsame Aufräumen oder das Abwaschen überlassen. Vielleicht gibt es deshalb Asperger-Autisten, damit die Welt nicht völlig im Chaos versinkt. 😉

So wie immer

Wenn mich jemand fragt: „Wie geht es dir?“, antworte ich nicht selten: „So wie immer.“ Auch wenn ich durchaus unterschiedliche Gefühlszustände erlebe, ist dieser meistens sehr einheitlich, weshalb eine solche Antwort am ehesten zutrifft. Jemand, der nur nach meinem Gesichtsausdruck schaut, der dementsprechend ebenfalls ziemlich gleichbleibend ist, könnte den Eindruck bekommen, ich hätte gar keine Gefühle, das kann ich allerdings nicht von mir behaupten.

Auch in anderen Bereichen bevorzuge ich eine gleichbleibende Routine, so zum Beispiel beim Mittagessen. dienstags gibt es bei mir Eierkuchen, donnerstags ein asiatisches Fertiggericht mit Reis, samstags Thunfischpizza und sonntags mediterrane Linsen nach meinem eigenen Rezept. Die anderen Tage essen wir im betreuten Wohnen zusammen. So ist es jede Woche, ohne dass es mir irgendwann zum Hals heraushängen würde oder ich das Bedürfnis nach einer Veränderung hätte (das haben eher andere für mich). Für mich ist das sehr von Vorteil, da ich mir keine Gedanken zu machen brauche, was es denn nun zum Mittagessen geben soll oder was ich einkaufen muss.

In meinem Zimmer hat alles seinen festen Platz und kommt immer wieder dorthin, wo ich es hergeholt habe, so brauche ich nicht erst zu suchen, wo sich etwas bestimmtes befindet. Schwierig wird es, wenn jemand diese meine Ordnung durcheinander bringt. In einem solchen Fall wird in mir eine Art von Beschützerinstinkt gegenüber den Dingen, die ich in meine persönliche Ordnung gebracht habe wach und ich versuche jenes dann vor dem „Einfluss der Unordnung“ zu schützen.

Wochenplan und Tagesablauf sind bei mir klar durchstrukturiert. Wenn ich daran doch mal etwas ändern muss, geht das nur mit vorheriger Planung. Leider passiert es – da ich nun mal von neurotypischen Menschen umgeben bin, die einen flexibleren Lebensstil praktizieren – oft genug, dass mir plötzliche und unerwartete Veränderungen meines Tagesablaufs einfach aufgedrückt werden. Meistens überfordert mich so etwas in nicht unerheblichem Maße, außerdem kann es vorkommen, dass ich dann die einfachsten Dinge meines Tagesablaufs, wie zum Beispiel Mahlzeiten, einfach vergesse, mein Hungergefühl ist ohnehin nicht stark genug ausgeprägt, um mich daran zu erinnern.

Es klingt seltsam. trifft es aber ziemlich gut: Ich brauche Routine im Alltag, um Rountine in den Alltag zu bekommen.

Dementsprechend freue ich mich immer wieder, wenn ich auf den Tag blicken und mir sagen kann: „So wie immer!“

Einkaufen – eine nützliche Qual

Das Einkaufen ist bei mir ein Thema für sich.

Ich fahre eigentlich gerne mit dem Hänger (einer von der Art, wie man sie im Osten noch immer häufiger sieht als einen Trabant) am Fahrrad durch die Gegend. Mal ist er mit Zeitungen und Prospekten beladen, mal mit drei verschiedenen Blechblasinstrumenten und der Notentasche und regelmäßig eben auch mit Einkäufen.

Wenn das Einkaufen doch nur aus dem Fahrradfahren bestünde! Ich würde in diesem Fall täglich sogar weite Touren auf mich nehmen (, so wie bei der Flut im Sommer 2013, wo Pegau und Groitzsch voneinander abgeschnitten waren und ich mitsamt dem Hänger ins mittlerweile um die 20 Kilometer entfernte – bevor der Tagebau kam, waren es nur sieben Kilometer – Hohenmölsen zum Einkaufen gefahren bin).

Doch leider gibt es da noch die Supermärkte an sich, für so manchen Autisten schon fast eine „Höhle des Schreckens“. Grelle (,manchmal sogar brummende) Leuchtstoffröhren, die den Raum durchschneiden und das laute Piepen der Scanner an der Kasse sind da nur zwei Dinge, die mir in Supermärkten Probleme bereiten. Soziale Interaktion fiel mir schon immer schwer und leider lässt sich das auch an der Kasse nicht völlig vermeiden.

Regelmäßig kommt das Versprechen, alle Filialen einer Supermarktkette seien gleich eingeräumt, ich bin aber sicher nicht der erste, dem auffällt, dass dem leider nicht so ist. Für mich ist es schrecklich, wenn ich ein Produkt, dass ich an seinem angestammten Platz vermute, nicht mehr finde, weil der Laden umgeräumt worden ist. Da ich fast immer genau die gleichen Produkte kaufe, fällt es mir sehr schwer, auf einmal mit etwas anderem Vorlieb zu nehmen.

Verständlicherweise bin ich dann froh, es hinter mir zu haben. Leider geht es ja nicht, ohne einzukaufen, da man sonst vergeblich darauf warten kann, dass einem das Essen durchs Fenster ins Haus schwebt.

Immerhin brauche ich keinen Einkaufszettel. Da ich in Bildern denke, brauche ich lediglich eine virtuelle Tour durch meine Vorratsschränke machen, so weiß ich dann genau, was ich noch brauche.

Visuelles Denken

„The world needs all kinds of minds.“ („Die Welt braucht alle Arten des Denkens.“) Dieser Satz stammt von Temple Grandin, einer bekannten Autistin, die in Bildern denkt.

Es gibt verschiedene Arten zu denken, ob in Worten, in Zahlen oder eben in Bildern, letzteres trifft auf mich zu. Unter Autisten, hochbegabten und hochsensiblen Menschen gibt es auffallend viele visuelle Denker.

Was versteht man nun genau unter dem Denken in Bildern? Temple Grandin beschreibt es so, dass etwas ähnliches abläuft, wie auf der Bilderseite von Google. Fällt also ein bestimmtes Stichwort wie beispielsweise „Dachziegel“, laufen in ihren Kopf Bilder ab, wo sie schon überall Dachziegel gesehen hat. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, allerdings kann ich nun nicht alles in meinem Kopf aufrufen, was ich schon mal gesehen habe. Bevor ich den Film über Temple Grandin gesehen habe, dachte ich, alle Menschen würden in der Art und Weise denken wie ich.

Für mich ist das visuelle Denken zum Beispiel beim Einkaufen sehr praktisch. Wenn ich im Supermarkt bin, unternehme ich einfach einen virtuellen Rundgang durch meine Küchenschränke und den Kühlschrank und weiß dann, was ich noch so brauche; so spare ich mir obendrein den Einkaufszettel!

Auch zu meinen geographischen Spezialinteressen gehört das Denken in Bildern fest dazu. Nicht nur dass ich mir einen Weg, den ich gefahren bin, nach dem ersten Mal merken kann, ich muss da auch immer wieder über eine Situation bei der Chorprobe schmunzeln, wir sangen gerade ein Stück, dass ich auswendig konnte, in meinem Gehirn waren dementsprechend noch genügend Kapazitäten frei. Ich rief also in meinem Kopf eine dreidimensionale Landkarte der Region zwischen Hohenmölsen und Lützen auf und plante den Trassenverlauf meiner selbst erdachten B 177 unter Einbeziehung des Reliefs – und sang dabei einfach weiter. Manchmal unternehme ich in Gedanken eine virtuelle Führerstandsmitfahrt mit meiner ebenfalls selbst ausgedachten Hohenmölsener S-Bahn.

Ich stoße allerdings auch immer wieder auf die Nachteile dieser Art des Denkens. So habe ich häufiger Schwierigkeiten, Dinge sprachlich auszuformulieren, schriftlich kann ich mich da weit besser ausdrücken. Es müsste so etwas geben, wie ein telepathisches Kommunizieren in Bildern, ungefähr wie bei den Cairn (einer Spezies aus dem Star Trek-Universum, zu sehen in der Episode: „Ort der Finsternis“ aus Star Trek: Das nächste Jahrhundert). Verbale Kommunikation ist für mich sozusagen nicht die Muttersprache, auch wenn ich im normalen Alter sprechen gelernt habe.

Das visuelle Denken dürfte auch einer der Gründe sein, warum ich in der gymnasialen Oberstufe im schriftlichen Bereich solche Probleme hatte. In sämtlichen Aufgabenstellungen der Klausuren standen sogenannte Operatoren wie „Erörtern Sie…“„Erläutern Sie…“„Interpretieren Sie…“, „Analysieren Sie…“ und noch viele andere, wer die Oberstufe besucht hat, weiß sicher, was ich meine. Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, was die da eigentlich von mir wollten, für mich waren diese Formulierungen zu abstrakt und irgendwie doch alle gleich. Hinzu kamen noch meine Schwierigkeiten als Autist, mich in andere hineinzuversetzen, was sich auch hier zeigte. Ich schrieb jedenfalls jedesmal völlig am Ziel vorbei und wunderte mich, warum außer mir niemand damit Probleme zu haben schien. Auch die Lehrer waren ratlos und ich konnte mich nur noch mithilfe einer verstärkten mündlichen Mitarbeit retten.

Generell sollten die Schulen noch deutlich nachbessern, visuell denkende Schüler als solche zu erkennen und den Unterricht auch an deren Bedürfnisse anzupassen, angefangen damit, mehr mit Zetteln zu arbeiten, da ausschließlich verbal geäußerter Unterrichtsstoff von einem Schüler, der in Bildern denkt, deutlich schlechter verarbeitet werden kann, ich spreche da aus eigener Erfahrung.

Hier die Fortsetzung