Kategorien und Schubladen

Normalerweise verbindet man den Begriff „Schubladendenken“ ja vor allem mit einer negativen Voreingenommenheit, wie sie uns Autisten gegenüber schon in so manchem Medienartikel zu finden war. Aber eigentlich haben wir dieses Denken doch selbst, wenn auch unvoreingenommener.

Irgendwie trifft das in gewissem Maße auf jeden Menschen zu, aber insbesondere wir Autisten teilen unser Umfeld und die Personen, denen wir begegnen gerne in Kategorien ein, weil uns das beim Verstehen der Menschen und Situationen unseres Alltags hilft. Ich stelle mir das gerne so vor, dass ich mir über die Jahre so eine Art Datenbank angelegt habe. Diese hilft mir zum Beispiel, menschliches Verhalten vorauszusehen und zu verstehen, wo mir ansonsten das Einfühlungsvermögen fehlt. Ich kann inzwischen gut nachvollziehen, warum ein Mensch in einer bestimmten Weise reagiert, weil ich einschätzen kann, in welche Kategorie er gehört und welche Verhaltens- und Denkmuster zugrunde liegen.

Es ist uns Autisten eigen, einen Blick für Systeme und Regelmäßigkeiten zu haben. Obwohl Menschen aus meiner Sicht oft unberechenbar und irrational sein können, zeigt sich in deren Verhalten doch ein gewisses Muster. Dieses lässt sich als Grundlage nehmen um Menschen oder eine Situation zu analysieren.

Leute beobachten und analysieren, das ist etwas, das ich schon viele Jahre automatisch tue. Ich brauche das, um alles um mich herum einordnen zu können. Nur so weiß ich, wie ich mit meinem Gegenüber interagieren kann. Leute einordnen? Ja, ich sortiere Menschen in Schubladen ein, wie ich sie einzuschätzen habe, wie sie auf mich reagieren würden, wie deren politische Ansichten zu einem bestimmten Thema sein könnten, welchen Charakter sie haben…

Wenn man Menschen so in Schubladen einsortiert, ist immer die Gefahr da, dass man sich irrt und manchen Personen damit Unrecht tut, man hat ja schließlich nur die eigene subjektive Perspektive. Daher bin ich sehr vorsichtig damit, meine „gesammelten Daten“ nach außen zu tragen oder gleich als Tatsache hinzustellen. Trotzdem hat sich in vielen Fällen herausgestellt, dass ich bei meinen Einschätzungen richtig lag, zum Beispiel auch wenn es um Autismusdiagnosen ging.

Schubladendenken ist an sich etwas völlig Normales. Problematisch wird es erst, wenn eine Kategorie in der falschen Schublade ist und der Schrankinhaber sich partout weigert, umzusortieren.

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Sind Autisten Egoisten?

Dieses Thema ist eigentlich überfällig, da man als Autist häufig schon von klein auf nach außen hin egoistisch wirkt und sich rechtfertigen muss. Doch könnte im autistischen Gehirn vielleicht etwas ganz anderes vor sich gehen?

Die Saarbrücker Zeitung hat nun einen Artikel veröffentlicht, der für meinen Teil ziemlich an dem, was ich persönlich erlebe, vorbeigeht.

In den Beitrag berichtet ein Asperger-Autist, wie er persönlich die Welt sieht. Liest sich jemand, der sich mit Autisten nicht bestens auskennt, also die Mehrheit der Weltbevölkerung, den Text durch kommt die Person zu dem Schluss: „Autisten sind egoistisch und arrogant. Sie halten sich für etwas besseres und wollen nichts mit anderen Menschen zu tun haben.“

Einige Zitate dieses 29-jährigen Mannes mit dem Asperger-Syndrom wurden zum besten gegeben. Angefangen beim Titel: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums [.]“ Entsetzen kommt wohl auch bei diesem Zitat auf: „Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior.“ (für die Nicht-Lateiner: „homo excelsior“ bedeutet „höherer Mensch“).

Die Autorin hat offensichtlich von diesem (möglicherweise bewusst ausgesuchtem) Autisten auf die gesamte „Spezies“ geschlossen, außerdem wird Autismus als Krankheit angesehen. Den weiteren Inhalt des Beitrages brauche ich nicht wiederzugeben, er ist ja oben verlinkt. Vielmehr will ich versuchen zu erklären, wie ich persönlich die Thematik „Autismus und Egoismus“ erlebe.

Häufig wurde mir rückgemeldet, ich würde egoistisch oder arrogant wirken. Andererseits war ich in der Schule bekannt als derjenige, welcher den anderen immer die Türen aufgehalten hat. Mein Problem ist, dass ich kaum in der Lage bin, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und so nur unzureichend deren Bedürfnisse sehen kann. Ist man deswegen egoistisch? Gibt es nicht einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können? Mir ist es sehr wichtig, dennoch auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, so weit mir das möglich ist. Das ist natürlich anstrengend und manchmal habe ich das Gefühl, bestimmte Menschen wollen es gar nicht wahrnehmen, wenn ich in diesem Bereich Fortschritte mache. Dennoch bin ich durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Passt das zu einem egoistischen Menschen? Dann ist da noch der Vorwurf der Arroganz. Ich sage es gleich: ich sehe mich gegenüber anderen Menschen nicht als überlegen an. Trotzdem scheine ich manchmal auf andere so zu wirken, wenn ich bei einem Thema gerade so richtig in Fahrt bin und sämtliche Einzelheiten präsentiere. Manche Leute denken dann, ich will nur meine Intelligenz zur Schau stellen, was aber ganz und gar nicht meine Intention ist. Ich nehme lediglich die nonverbalen Signale nicht wahr, wenn mein Gegenüber bestimmte Dinge eigentlich gar nicht hören will.

Um wieder zum Artikel zurückzukommen, ich bitte die Autorin darum, sich vor dem Schreiben solcher Texte näher mit dem Thema zu befassen und nicht zuerst in die Klischeeschubladen zu schauen. Es mag Autisten geben, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen, der überwiegende Teil fühlt aber völlig anders. Genauso gibt es auch einige autistische Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben. Kann man denen noch vorwerfen, sie würden nichts von Liebe halten oder kein Interesse an anderen Menschen haben?

Sehr erschüttert bin ich auch über völlig unzutreffende und als Tatsachen hingestellte Behauptungen wie: „Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen.“ Fast der gesamte Text sorgt dafür, dass wir Autisten noch mehr verachtet und ausgegrenzt werden, er schadet in erheblichem Maße der Inklusion. Ist es das, was damit erreicht werden soll? Falls nicht, wäre mir sehr daran gelegen, wenn es eine Richtigstellung geben würde.