Fragen ohne zuzuhören?

Letzten Donnerstag war ich mit meinem Chef aus dem Praktikum unterwegs zum Pflanzengroßhandel, um etwas Heidekraut für den Verkauf der Gärtnerei zu besorgen. Da ich nun einige Wochen nicht dort war, fragte er mich sogleich, wie denn meine Lehrgänge liefen.

„Wie hat’s dir den da gefallen?“, „Wie viele wart ihr denn da?“, „Warst du da im Internat?“, alles Fragen, die ich gerne beantworte, besonders gerne berichte ich über meine vielen Fahrradtouren von dort, nur muss ich in meine Antwort ja beide Lehrgänge, die auch noch an verschiedenen Orten waren, einbeziehen, aber alles kein Problem ließe er mich denn auch ausreden.

Immer wieder unterbrach er mich, indem er die nächste Frage stellte (in etwa so, wie er auch Arbeitsanweisungen gibt). Da frage ich mich als autistisch-denkender Mensch natürlich: Hat der mir denn eigentlich zugehört?

Nun, ich neige natürlich dazu, sehr auf Details einzugehen, weil sie mir wichtig erscheinen und insgesamt sehr ausführlich zu berichten.

Dennoch frage ich mich: Wie viel von dem, was ich gesagt habe, hat er auch behalten?

Scheuklappen

Manchmal könnte man als Autist Scheuklappen ganz gut gebrauchen. Aber genau das kann manchmal zum Problem werden. Ich habe schon Situationen erlebt, wo aufgrund einer großen Reizbelastung meine Konzentration gezwungenermaßen so sehr auf der momentanen Arbeit oder dem Funktionieren lag, dass ich eine drohende Gefahr erst spät erkannt habe (was würde ich nur ohne meine vielen Schutzengel machen?).

Auch bei unsicheren Situationen mit vielen Variablen, wo ich ständig am Kontrollieren bin, ob ich auch auf alles geachtet und nichts vergessen habe – meine morgendlichen Fahrten zur Berufsschule sind da recht exemplarisch –, bin ich sozusagen mit Scheuklappen und einem Tunnelblick unterwegs, da ich immer die Angst im Hinterkopf habe, dass meinen zurechtgelegten Abläufen etwas dazwischenkommt. Häufig ist diese Art von Angst eigentlich unbegründet.

Dann sind da noch die Scheuklappen beim Thema Einfühlungsvermögen und beim Senden und Empfangen nonverbaler Signale. Ich reagiere in sozialen Situationen nicht nur unbeholfen, sondern merke oft genug gar nicht, wie es dem Gegenüber geht und bin dadurch schnell unsensibel.

Scheuklappen können allerdings auch eine ganz nützliche autistische Eigenschaft sein. Während wir Autisten es vielleicht schwer haben, das Gesamtbild einer Situation zu sehen, ist unser Fokus klar auf Details gerichtet und auf das Erreichen eines Ziels. Es ist eine typische Eigenschaft von mir, dass ich noch weiterkämpfe, wo andere schon aufgegeben haben. Dabei lasse ich mich von meinem Ziel nicht abbringen. Natürlich bin ich dadurch auch furchtbar unflexibel, dennoch braucht unsere Gesellschaft solch zielstrebige Menschen ganz besonders.

Ein Gesamtbild besteht immer aus Details…

Die meisten Menschen hören den Regen, ich höre viele einzelne Regentropfen aufs Dach prasseln. Andere sehen Bäume, ich sehe viele einzelne Blätter. Viele kleine Details ergeben ein Gesamtbild und ein Gesamtbild besteht immer aus Details.

Autisten nehmen hier schlicht und einfach anders wahr, als die meisten Menschen, die eher das Gesamtbild sehen und weniger die Details, während es beim Autismus genau umgekehrt ist. Die übermäßige Detailwahrnehmung scheint sich irgendwie mit der autistischen Sinneswahrnehmung gegenseitig zu bedingen, sodass die Unfähigkeit des Gehirns, die Reize automatisch auszufiltern zu einem verstärktem Detailblick führt, während dieser wiederum dafür sorgt, dass die vielen Einzelreize nicht ausgeblendet werden. Am Ende steht dann irgendwann die Reizüberflutung, aber es muss ja nicht immer so kommen.

Ich kann in dieser starken Detailwahrnehmung für mich eigentlich viel mehr Positives finden. Ich erkenne Dinge, die anderen gar nicht auffallen und finde in einem Text zum Beispiel in kürzester Zeit sämtliche Rechtschreibfehler. Ich sehe die schönen kleinen Details in Gottes Schöpfung oder in der Musik von Johann Sebastian Bach, die bei mir gerade im Hintergrund läuft.

Immer wieder merke ich, wie sich meine Detailwahrnehmung auch auf meine Spezialinteressen auswirkt. Zum Beispiel versuche ich regelmäßig sämtliche Fakten über viele noch so kleine und unbekannte sächsische Bahnstrecke in Erfahrung zu bringen, besonders interessant sind übrigens die Schmalspurbahnen. Auch beim Thema Geographie kommt wieder die Detailwahrnehmung zum tragen, denn nicht nur weggebaggerte Dörfer sind mein Spezialgebiet, auch En-/ Exklave interessieren mich besonders. Nun ja, ich müsste vielleicht erst mal erklären, was das ist. Nehmen wir beispielsweise Büsingen am Hochrhein, ein deutsches Dorf, das vollständig von schweizerischem Staatsgebiet umschlossen ist. Um in den übrigen Teil Deutschlands zu fahren, muss man also durch die Schweiz. Immer wieder suche ich nach der noch so kleinsten Enklave, die es auf Staats-, auf Länder-, auf Kreis- und auf Gemeindeebene gibt und versuche dann, alles darüber herauszufinden. Anderen würden diese winzigen Gebiete auf der Landkarte wohl fast nicht auffallen.

Dann gibt es aber auch wieder die andere Seite. Zwar habe ich dadurch keinerlei Probleme, Ordnung zu halten, ich übertreibe es allerdings recht schnell, ich habe da schlicht und einfach einen anderen Maßstab als andere. Das wirkt sich leider stark verlangsamend auf mein Arbeitstempo aus, auch wenn es am Ende wirklich ordentlich aussieht. Das Problem hatte ich übrigens auch in der Schule, ich bin sehr häufig mit den Klassenarbeiten nicht fertig geworden und mich hat nicht nur der Zeitdruck blockiert, ich habe mich einfach zu sehr in die Details vertieft.

Zwar nehme ich lieber meine Details wahr, als das Gesamtbild, in manchen Situationen wäre es aber äußerst praktisch, einen Schalter im Gehirn zu haben, mit dem man zwischen Detail und Gesamtheit umschalten kann.