Und die Zeit läuft weiter…

„Die Zeit vergeht ja wie im Fluge!“ Diesen Spruch hört man heutzutage recht häufig.

Natürlich handelt es sich dabei ja nur um das individuelle Empfinden der jeweiligen Person, aber wäre das nicht was, mal die Zeit verlangsamen oder anhalten zu können. Manchmal frage ich Gott: „Sag mal, hättest du nicht den Tagen etwas mehr Stunden geben können als du die Welt geschaffen hast?“ Ich erkenne dann schnell, dass er sich schon etwas dabei gedacht hat, sodass es für den Menschen optimal ist. Da gibt es bloß ein Problem: nicht jeder hat dasselbe Lebenstempo und in unserer heutigen Zeit bleibt so mancher auf der Strecke.

Ich habe beispielsweise ein recht langsames Lebenstempo (nicht nur beim Autofahren, wo ich manchmal ein wahres Verkehrshindernis bin 🙂 ). Auch in anderen Bereichen gehe ich das meiste eher gemächlich an und nehme mir die Zeit, die ich brauche – aber manchmal dummerweise nicht habe.

Geradezu alltäglich ist für mich das Gefühl, dass in meinem Kopf viel zu viele Dinge sind, die erledigt werden müssen, sowie Termine und andere Dinge, an die ich denken muss, sodass irgendwie alles auf mich hereinstürzt, ich vollkommen den Überblick verliere und keine Ahnung habe, wie ich all das irgendwie schaffen soll.

Was für mich wirklich stressig und überfordernd ist, scheint in der heutigen Arbeits- und Alltagswelt vollkommen normal zu sein und augenscheinlich können die Leute da draußen auch super mit all der Hektik umgehen, sie erzeugen sie ja selbst und verlangen ja auch zunehmend, dass „alles sofort“ verfügbar ist. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass auch bei „normalen“ Leuten die sogenannte „Instant-Gesellschaft“ ihre Spuren hinterlässt, da der Mensch dafür einfach nicht geschaffen ist. Leidtragende sind insbesondere Menschen mit einem langsameren Lebenstempo oder Kinder, für die man viel mehr Zeit bräuchte, als ihnen in unserer karriereverliebten Gesellschaft eingeräumt wird.

Nicht umsonst nehmen Burnout und Depressionen immer mehr zu, man kann sagen, dass es sich dabei quasi um die natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf einen solchen immensen Stress handelt. Ich wäre nicht der erste, der eine Entschleunigung unserer Alltagswelt fordert, es wird sich aber wohl nichts ändern, solange die Leute „immer alles sofort“ zur Verfügung haben wollen. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber es ist doch interessant, dass es damals Dinge wie Burnout oder Depressionen anscheinend fast nicht gegeben hat, denn Zeitdruck war bis zur Industrialisierung kaum vorhanden.

Ich behaupte mal, das viele Autisten ein eher langsames Lebenstempo haben. Wie ich zu dieser These komme? Nun, ganz einfach, als Autist hat man genug zu tun, sich in dieser fremden und chaotischen Welt zurechtzufinden und die ganzen Reize zu verarbeiten, da bleiben nicht mehr viele Kapazitäten übrig, würde ich sagen. Wenn man dann noch mehrere Dinge auf einmal unter Zeitdruck erledigen soll, in unserem Jahrhundert fast schon Alltag, wird das Funktionieren mindestens erheblich erschwert sein, bei mir kann so etwas zum Beispiel schon zum Overload führen.

Ein langsames Lebenstempo kann allerdings auch von Vorteil sein. Wer schnell von der einen Sache zu nächsten rennt, übersieht schnell wichtige Details. Geht man aber alles etwas langsamer an, tut man sich nicht nur selbst etwas gutes, man kann auch viel mehr von der Natur wahrnehmen, außerdem obendrein viel ordentlicher arbeiten. Entweder also schnell und ungründlich oder langsam und ordentlich. Heute wird häufig die schnelle Variante gewählt, denn die Zeit läuft weiter und es gibt noch so viel zu tun…

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