Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

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Therapie bei Autismus?

Ein Thema, das gerade wieder sehr aktuell ist, Therapie bei Autismus. Wissenschaftler, Betroffene, Angehörige und Vereine sind da zum Teil sehr unterschiedlicher Meinung, soll man uns Autisten so lassen wie wir sind, soll man versuchen, uns Hilfen für ein besseres Zurechtkommen im Alltag mitzugeben, soll man bestimmte Verhaltensweisen wegtherapieren oder gar Medikamente verabreichen?

Es wäre natürlich eine höchst subjektive Aussage, hier von einem „Richtig“ und einem „Falsch“ zu sprechen, jedoch lässt sich schon herausfinden, welche der Methoden langfristig den größtmöglichen Erfolg für alle Beteiligten bringen.

Einige der wichtigsten Therapieformen will ich sogleich vorstellen:

ABA

ABA steht für „Applied Behaviour Analysis“ und ist eine vor allem bei autistischen Kindern angewandte Therapieform, die in den 1960er Jahren von Ivar Lovaas begründet wurde. Sie wird insbesondere von den meisten Autisten sehr kritisch gesehen, während es für Autismus Deutschland und nahestehende Organisationen scheinbar die einzig funktionierende Therapieform darstellt, wohl des schnellen Erfolges wegen. Dabei geht es darum, Verhaltensweisen, die aus Sicht der neurologisch-typischen Menschen störend und überflüssig sind, durch Zwang und mithilfe des Musters Sanktion und Lohn zu tilgen. ABA wird sowohl durch Therapeuten, als auch nach Anleitung jener durch die Eltern selbst durchgeführt. Da eine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des Kindes quasi nicht stattfindet und stattdessen versucht wird, seinen Willen völlig zu brechen, kommt es in vielen Fällen im Jugend- oder Erwachsenenalter zu posttraumatischen Belastungsstörungen, die denen von Missbrauchsopfern oft ähnlich sind.

TEACCH

TEACCH ist die Abkürzung für „Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children“ und kommt wie ABA aus den Vereinigten Staaten. Hinter dieser sehr umfassenden Therapieform verbergen sich verschiedene Möglichkeiten zur Förderung autistischer Kinder. Ob Unterstützung bei bestimmten Einschränkungen, die im Schulalltag zutage treten oder gezieltes und individuelles Training, es ist so einiges dabei. Das Ziel war damals, als 1972 mit einem Forschungsprojekt der Grundstein für TEACCH gelegt wurde, den bis dahin geltenden Vorwurf, die Eltern hätten durch schlechte Erziehzung oder mangelnde Zuneigung „Schuld“ am Autismus ihrer Kinder. Eingesetzt werden zum Beispiel Methoden wie Visualisierungen und Strukturierung des Alltages. TEACCH wird in Deutschland vor allem im schulischen Kontext eingesetzt.

Soziales Kompetenztraining

Von Sozialem Kompetenztraining kann ich aus erster Hand berichten. Dabei handelt es sich um eine Form der Psychotherapie, bei der es quasi darum geht, Stärken zu nutzen und mit Schwächen umgehen zu lernen. Soziales Kompetenztraining beinhaltet nicht nur Gesprächstherapie an sich, sondern auch gezielte Förderung in Bereichen, die mit Einschränkungen und Problemen verbunden sind (zum Beispiel Kontaktaufnahme, Telefonieren, Umgang mit Mitmenschen oder sich selbst und andere verstehen lernen), es ist aber nicht nur trockene Therapie, sondern vor allem „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wie bei den meisten Therapieformen, muss einem Sozialem Kompetenztraining eine offizielle Diagnose vorausgehen, damit die Therapiestunden auch von der Krankenkasse bewilligt werden können.

Medikamentöse Behandlung

Da es sich bei Autismus nicht um eine Krankheit handelt und auch nicht „heilbar“ ist, ist eine Verabreichung von Medikamenten überflüssig bzw. fahrlässig, es sei denn, die Medikation dient zur Kurierung/ Linderung anderer Krankheiten oder Störungen, die zusätzlich auftreten können. Allerdings wird momentan geforscht, ob eine Verabreichung des Hormons Oxytocin die sozialen Fähigkeiten von Autisten stärken kann. Insbesondere in den Vereinigten Staaten wird immer wieder MMS (Miracle Mineral Supplement) als Heilmittel für verschiedene Krankheiten und auch Autismus propagiert. Dabei handelt es sich jedoch um eine hochgiftige Lösung, deren Inhaltsstoffe in etwa die von Industriebleiche sind. Dementsprechend ist die Verabreichung in Deutschland illegal.

Fazit

Wenn man schnelle äußerliche Erfolge sucht, ist man wohl eher bei ABA richtig, allerdings sollte man sich dann nicht über psychische Langzeitschäden wundern. Verständlicherweise hat sich in den letzten Jahren ein beachtlicher Widerstand von Menschen, die in Blogs über Autismus schreiben, formiert.

TEACCH kann man hingegen als gute Alternative betrachten. Es enthält viele gute Konzepte, die einem autistischem Kind den Schulalltag deutlich erleichtern und das Verständnis von Mitschülern und Lehrern verbessern kann.

Empfehlen kann ich auf jeden Fall ein Soziales Kompetenztraining wenn man als Autist nicht nur sein Leben selbständig gestalten, sondern auch mit anderen Menschen und vor allem sich selbst gut klar kommen will. Das Ganze ist Arbeit und manchmal herausfordernd, aber es lohnt sich.

Weltautismustag 2015 – Was bedeutet Autismus für mich?

Heute, am Weltautismustag des Jahres 2015, möchte ich mich damit auseinandersetzen, was Autismus eigentlich für mich bedeutet und was nicht.

Oft wird ja darüber diskutiert, welche Sichtweise bei dieser Thematik eigentlich die adäquate ist. Manch einer mag es als Krankheit sehen, die kuriert oder therapiert werden muss, manch anderer sagt vielleicht, man solle gänzlich auf Therapien verzichten und die Betroffenen so sein lassen, wie sie sind und wieder andere sehen die Inklusion von Autisten im Vordergrund, nicht zu vergessen die ebenso unterschiedlichen Ansichten von uns, den autistischen Menschen selbst.

Ich selbst beschreibe das „Störungsbild Autismus“ gern als eine alternative (nicht falsche!) Verdrahtung des Gehirns. Für mich erlebe ich mein Asperger-Syndrom als Gabe, Bürde und Verantwortung zugleich.

Eine Gabe, weil damit für mich einige besondere Fähigkeiten einhergehen, wie eine intensivere Wahrnehmung und ein guter Blick für das Detail (beides kann natürlich zugleich ein Nachteil sein), ein ausgeprägtes visuelles und akustisches Gedächtnis und eine objektivere Sichtweise auf das Verhalten der Menschen und ihre Selbstverständlichkeiten, eine andere Perspektive sozusagen.

Eine Bürde, weil ich durch meinen Autismus auch einige Einschränkungen habe und das dummerweise in vielen Bereichen, die für „normale“ Menschen meist selbstverständlich sind, was natürlich das Verständnis anderer mir gegenüber oftmals sehr einschränkt. Diese Einschränkungen bestehen bei mir vor allem in Bereichen der nonverbalen Kommunikation und der Kontaktaufnahme. Außerdem besteht im Alltag oft ein beständiger Kampf mit der Reizüberflutung.

Eine Verantwortung deshalb, weil man aus meiner Sicht als Autist die einzigartige Möglichkeit nutzen sollte, andere an seiner alternativen Perspektive teilhaben zu lassen. Für unsere Gesellschaft können Autisten von großem Nutzen sein, gerade was Innovativität anbelangt.

Nun möchte ich noch ein paar Dinge aufzählen, was für mich und meine bescheidene subjektive Meinung Autismus ist und was nicht.

Für mich ist Autismus nicht:

 – eine Krankheit

 – eine Inselbegabung

 – eine Persönlichkeitsstörung

 – psychisch

 – Einbildung

 – einfach nur Nerdtum

 – etwas, das sich auswächst

 – ein Charakterzug von vielen

 – sich nur nicht richtig anstrengen wollen

 – Gemeingefährlichkeit

 – Emotionslosigkeit

 – in der eigenen Welt gefangen sein

 – bloß eine Attraktion für „Wetten dass?“

Autismus ist für mich:

 – Segen und Fluch zugleich

 – eine andere Art zu denken, handeln, fühlen, kommunizieren und leben

 – eine Behinderung (, da die momentane Ausrichtung unserer Gesellschaft mich an der       gänzlichen Teilhabe am normalen Leben hindert)

 – eine andere Verdrahtung des Gehirns

 – Außenseiter sein

 – im sozialen Sinne oft „unsichtbar“ zu sein

 – viel Wert auf Ordnung und Routine zu legen

 – am liebsten mit sich selbst allein auf der Welt zu sein

 – sich stundenlang mit seinen Spezialinteressen beschäftigen zu können

 – reizüberflutet sein

 – Redewendungen, Witze und Ironie wörtlich zu nehmen

 – nicht gerne telefonieren

 – Aspekte im Verhalten der Menschen wahrzunehmen, die sie selbst und/ oder andere         nicht sehen

 – auch mal eine Nervensäge zu sein

Gerade heute, am Weltautismustag sollten wir, die Autisten uns neu fragen, wie wir der Gesellschaft von Nutzen sein können und die Inklusion, dadurch, dass wir uns einbringen, selbst ein Stück voranbringen.

Weitere Beiträge zum Weltaustismustag in anderen Blogs:

– innerwelt: Weltautismustag 2015

– Quergedachtes: Warum ich Blau heute nicht mag

Inselbegabungen – wann kapieren es die Medien?

Neulich sah ich im Rahmen der ARD-Themenwoche zur Toleranz im MDR-Fernsehen einen kurzen Beitrag über einen Asperger-Autisten, der in einer Software-Firma arbeitet. Kenne ich doch alles schon, dachte ich mir, aber trotzdem schön, dass es so etwas für Autisten gibt, deren Spezialinteresse in diesem Bereich liegt.

Dann ging es weiter: „Dank seiner Inselbegabung ist er in der Lage sämtliche Fehler in der Programmierung zu erkennen.“ Es ist ja schön, dass er das kann und somit sicher unglaublich wertvoll für die Firma ist, aber mit einer Inselbegabung hat das absolut nichts zu tun. Ich bezweifle, dass jener Asperger-Autist überhaupt inselbegabt ist, ob eine Hochbegabung vorliegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Ja, Autisten sind in der Lage, Systeme und Muster zu erkennen, sie sehen meist eher die Details, als das Gesamtbild und bemerken so auch schnell Unregelmäßigkeiten oder Fehler. Sehen wir uns aber mal die Definition der Inselbegabung in der Wikipedia an: „Die Inselbegabung, auch Savant-Syndrom genannt, ist das Phänomen, dass Menschen, die eine kognitive Behinderung oder eine anderweitige (häufig tiefgreifende) Entwicklungsstörung aufweisen, sehr spezielle außergewöhnliche Leistungen in einem kleinen Teilbereich („Inseln“) vollbringen können. 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten.“ Und sicher auch noch wichtig zu erwähnen: „Zurzeit sind weltweit etwa 100 Menschen bekannt, die man nach dieser Unterteilung als erstaunliche Savants bezeichnen kann.“

Recherchiert man weiter, ergibt sich das Bild, dass bei einer Inselbegabung meist signifikante Einschränkungen in bestimmten Bereichen des Gehirns zu Überentwicklungen in anderen Bereichen führen, ich denke, so lassen sich Hoch- und Inselbegabung gut voneinander abgrenzen.

Dennoch sprechen Medien bei „herkömmlichen“ Autisten immer wieder von einer Inselbegabung. Tun sie dies aus Unwissenheit, Sensationslust oder beidem? Ich weiß es nicht, bitte aber die Journalisten darum, sich bitte besser zu informieren, bevor sie über Autismus und Autisten berichten. Es ist schon so viel falsches gesagt worden, was sich in den Köpfen der Leute festgesetzt hat. Und genau so können Vorurteile entstehen.

Behinderung

Immer wieder kommt bei Autisten nach der Diagnose die Frage auf: „Bin ich jetzt behindert?“

Autismus wird leider auch heute noch sehr häufig als eine Krankheit angesehen, obwohl, kurz gesagt, das Gehirn einfach nur anders (aber nicht falsch!) „verdrahtet“ ist. In vielen Medienberichten darüber heißt es dann zum Beispiel: „Person X leidet am Asperger-Syndrom.“

Von Autismus betroffene Menschen sollten sich davon nicht verunsichern lassen, Autisten sind nicht falsch, sondern einfach nur anders.

Aber wie ist es nun mit Autismus als Behinderung? Offiziell ist das Autismusspektrum ja als tiefgreifende Entwicklungsstörung (allerdings ist es weder eine Persönlichkeitsstörung, noch eine psychische Erkrankung, es ist ohnehin neurologisch bedingt) und als seelische Behinderung klassifiziert.

Als diagnostizierter Autist kann man auch einen Schwerbehindertenausweis beantragen, es besteht aber natürlich kein Zwang dazu. Der Grad der Behinderung richtete sich früher nach der jeweiligen diagnostizierten Autismusform, mittlerweile ist man da etwas weiter und geht dabei nach der Schwere der sozialen Anpassungsschwierigkeiten an die Gesellschaft. Will man aufgrund des Autismus staatliche Unterstützungen jeglicher Art wahrnehmen, ist eine Diagnose und ein Schwerbehindertenausweis notwendig. Ich persönlich habe einen Schwerbehindertenausweis mit einem Behinderungsgrad von 60% und ich muss sagen, wirkliche Nachteile habe ich dadurch nicht, im Gegenteil, für mich bringt er eine Menge Vorteile. Aber nicht jeder ist bereit, mit seiner Diagnose so offen umzugehen, wie ich das auch im Alltag tue. Jeder sollte selbst entscheiden und vor allem gründlich darüber nachdenken, ob er oder sie einen Behindertenausweis beantragen will oder nicht. Arbeitgeber sind leider noch immer sehr zögerlich, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Aber wie kann nun Autismus eine Behinderung sein? Eigentlich müsste man sagen, dass unser nicht auf Autisten ausgerichtetes Umfeld die Behinderung darstellt, die Menschen mit Autismus an einer normalen Teilhabe an der Gesellschaft hindert. Sei es durch die alltäglich notwendige Kontaktaufnahme (auch ein Thema für sich) die für die meisten Autisten schwierig ist oder durch die oftmals reizüberflutende Umgebung, durch die ein Autist schnell am normalen Funktionieren gehindert werden kann. Im Umkehrschluss lässt sich also sagen, dass Autismus in einer Welt, wie wir sie momentan vorfinden, eine Behinderung ist. Wäre die Welt ausschließlich auf Autisten ausgerichtet, wäre wohl das Fehlen von Autismus die Behinderung, die Erde wäre voll mit Menschen, deren Gemeinschafts- und Kommunikationsbedürfnis nicht ansatzweise erfüllt werden könnte.

Ich persönlich habe kein Problem damit, Autismus als Behinderung zu sehen, ich will mir aber nicht anmaßen, jemandem den Stempel „behindert“ aufzudrücken, wenn diese Person es eigentlich anders sieht. Obwohl es für mich eine Behinderung ist, würde ich meinen Autismus gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Gott hat mich als Autist geschaffen und das ist gut so!