Kategorien und Schubladen

Normalerweise verbindet man den Begriff „Schubladendenken“ ja vor allem mit einer negativen Voreingenommenheit, wie sie uns Autisten gegenüber schon in so manchem Medienartikel zu finden war. Aber eigentlich haben wir dieses Denken doch selbst, wenn auch unvoreingenommener.

Irgendwie trifft das in gewissem Maße auf jeden Menschen zu, aber insbesondere wir Autisten teilen unser Umfeld und die Personen, denen wir begegnen gerne in Kategorien ein, weil uns das beim Verstehen der Menschen und Situationen unseres Alltags hilft. Ich stelle mir das gerne so vor, dass ich mir über die Jahre so eine Art Datenbank angelegt habe. Diese hilft mir zum Beispiel, menschliches Verhalten vorauszusehen und zu verstehen, wo mir ansonsten das Einfühlungsvermögen fehlt. Ich kann inzwischen gut nachvollziehen, warum ein Mensch in einer bestimmten Weise reagiert, weil ich einschätzen kann, in welche Kategorie er gehört und welche Verhaltens- und Denkmuster zugrunde liegen.

Es ist uns Autisten eigen, einen Blick für Systeme und Regelmäßigkeiten zu haben. Obwohl Menschen aus meiner Sicht oft unberechenbar und irrational sein können, zeigt sich in deren Verhalten doch ein gewisses Muster. Dieses lässt sich als Grundlage nehmen um Menschen oder eine Situation zu analysieren.

Leute beobachten und analysieren, das ist etwas, das ich schon viele Jahre automatisch tue. Ich brauche das, um alles um mich herum einordnen zu können. Nur so weiß ich, wie ich mit meinem Gegenüber interagieren kann. Leute einordnen? Ja, ich sortiere Menschen in Schubladen ein, wie ich sie einzuschätzen habe, wie sie auf mich reagieren würden, wie deren politische Ansichten zu einem bestimmten Thema sein könnten, welchen Charakter sie haben…

Wenn man Menschen so in Schubladen einsortiert, ist immer die Gefahr da, dass man sich irrt und manchen Personen damit Unrecht tut, man hat ja schließlich nur die eigene subjektive Perspektive. Daher bin ich sehr vorsichtig damit, meine „gesammelten Daten“ nach außen zu tragen oder gleich als Tatsache hinzustellen. Trotzdem hat sich in vielen Fällen herausgestellt, dass ich bei meinen Einschätzungen richtig lag, zum Beispiel auch wenn es um Autismusdiagnosen ging.

Schubladendenken ist an sich etwas völlig Normales. Problematisch wird es erst, wenn eine Kategorie in der falschen Schublade ist und der Schrankinhaber sich partout weigert, umzusortieren.

Spontane Veranstaltungen, Flexibilität und zu viel auf einmal

Erst vor kurzem hatte ich wieder so eine Situation. Einen Kompositionsworkshop in Leipzig, für mich als Komponisten eigentlich eine tolle Sache, wäre ich nicht von der Situation so überfordert gewesen, das ich schon im Vorfeld die Notbremse gezogen habe.

Für die meisten Menschen dürfte es kaum ein Problem sein, zum Beispiel für das Wochenende zu einer Aktivität oder Veranstaltung außerhalb eingeladen zu werden und dann auch „einfach hinzugehen“, sei es ein Konzert, eine Demonstration oder ein spontaner mehrtägiger Ausflug mit Freunden.

Bei mir und, wie ich vermute, den meisten Autisten ist das leider nicht so einfach. Bei mir müssen solche Aktivitäten mindestens eine Woche im voraus geplant sein, da ich sonst einfach den riesigen Berg an notwendigen Planungen und möglichen Szenarien nicht mehr überschauen kann, schon gar nicht in so kurzer Zeit.

So ging es mir auch vor ein paar Tagen. Mein Tonsatzlehrer hat mir eine Teilnahme an dem Kompositionsworkshop empfohlen. Ich hatte mir schon gedacht, dass es im Vorfeld schwierig werden könnte, wollte es aber wenigstens versuchen, auch wenn die auf dem Flyer zum Teil sehr unkonkret waren, was für mich wieder mal deutlich mehr Planungsaufwand bedeuten würde.

Was mein Tonsatzlehrer offenbar nicht wusste, dass es dafür eine Altershöchstgrenze von achtzehn Jahren gab und da bin ja schon ein paar Jahre drüber. Ich hätte natürlich dennoch versuchen können mich anzumelden, vielleicht wäre ja eine Ausnahme gemacht worden. Doch es gab ein weiteres Problem: bei dem Workshop ging es vor allem um Chormusik. Ich hätte fertige Instrumentalmusik mit überarbeitetem Tonsatz gehabt, mit der man hätte arbeiten können, doch meine bislang geschriebenen Chorstücken bedurften noch einer umfangreichen Tonsatzüberarbeitung oder waren gerade erst angefangen. Und dann war da ja auch noch der näherrückende Anmeldeschluss. Ich wusste nicht mal, ob man bei der Anmeldung nun schon Kompositionen einreichen muss oder nicht.

Also versuchte ich innerhalb von ein paar Stunden noch schnell den Tonsatz des ungefähr neunminütigen und doppelchörigen Eingangschores meiner künftigen c-Moll-Messe zu überarbeiten, ich stand enorm unter Druck. Irgendwann merkte ich dann, das ich mit der Gesamtsituation so sehr überfordert war, dass ich abbrechen musste.

Da hätten ja auch noch sämtliche Planungen für jenes Wochenende angestanden, angefangen damit, wo und was ich dort überhaupt essen soll, die Hin- und Rückfahrten, die Suche nach den richtigen Räumlichkeiten und so jede Menge andere Dinge, deren Planung vielleicht wegfallen würde, wären bestimmte Situationen und Szenarien mit berücksichtigt oder einfach bestimmte Dinge konkreter formuliert worden. Neurotypische Menschen würden so etwas vermutlich intuitiv erfassen, ich kann das aber nicht.

Inselbegabungen – wann kapieren es die Medien?

Neulich sah ich im Rahmen der ARD-Themenwoche zur Toleranz im MDR-Fernsehen einen kurzen Beitrag über einen Asperger-Autisten, der in einer Software-Firma arbeitet. Kenne ich doch alles schon, dachte ich mir, aber trotzdem schön, dass es so etwas für Autisten gibt, deren Spezialinteresse in diesem Bereich liegt.

Dann ging es weiter: „Dank seiner Inselbegabung ist er in der Lage sämtliche Fehler in der Programmierung zu erkennen.“ Es ist ja schön, dass er das kann und somit sicher unglaublich wertvoll für die Firma ist, aber mit einer Inselbegabung hat das absolut nichts zu tun. Ich bezweifle, dass jener Asperger-Autist überhaupt inselbegabt ist, ob eine Hochbegabung vorliegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Ja, Autisten sind in der Lage, Systeme und Muster zu erkennen, sie sehen meist eher die Details, als das Gesamtbild und bemerken so auch schnell Unregelmäßigkeiten oder Fehler. Sehen wir uns aber mal die Definition der Inselbegabung in der Wikipedia an: „Die Inselbegabung, auch Savant-Syndrom genannt, ist das Phänomen, dass Menschen, die eine kognitive Behinderung oder eine anderweitige (häufig tiefgreifende) Entwicklungsstörung aufweisen, sehr spezielle außergewöhnliche Leistungen in einem kleinen Teilbereich („Inseln“) vollbringen können. 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten.“ Und sicher auch noch wichtig zu erwähnen: „Zurzeit sind weltweit etwa 100 Menschen bekannt, die man nach dieser Unterteilung als erstaunliche Savants bezeichnen kann.“

Recherchiert man weiter, ergibt sich das Bild, dass bei einer Inselbegabung meist signifikante Einschränkungen in bestimmten Bereichen des Gehirns zu Überentwicklungen in anderen Bereichen führen, ich denke, so lassen sich Hoch- und Inselbegabung gut voneinander abgrenzen.

Dennoch sprechen Medien bei „herkömmlichen“ Autisten immer wieder von einer Inselbegabung. Tun sie dies aus Unwissenheit, Sensationslust oder beidem? Ich weiß es nicht, bitte aber die Journalisten darum, sich bitte besser zu informieren, bevor sie über Autismus und Autisten berichten. Es ist schon so viel falsches gesagt worden, was sich in den Köpfen der Leute festgesetzt hat. Und genau so können Vorurteile entstehen.

Aktion: „Wir sind Autismus“


Wir sind Autismus-Banner

Wie schon einige andere Blogger vor mir, steige nun auch ich in die vom Realitätsfilter-Blog in Antwort auf die 14. Bundestagung Autismus initiierte Aktion „Wir sind Autismus“ ein. Auf Quergedachtes schrieb Aleksander Knauerhase, der an der Veranstaltung teilgenommen hat, bereits einiges über seine (milde ausgedrückt) gemischten Eindrücke (Tag 1, 2 und 3) der Bundestagung, deren Träger übrigens der Verein „Autismus Deutschland e. V.“ ist.

Bei Autismus Deutschland scheint man ein seltsames Bild von Autismus zu haben, das spiegelt sich besonders in dieser Veranstaltung wieder. Offensichtlich mit aller Vehemenz wollte man Autisten von „normalen Menschen“ abgrenzen und Autismus als Krankheit darstellen.

Kein Wunder also, wenn man der Meinung ist, es wegtherapieren zu müssen (ich will damit natürlich keine Ablehnung gegenüber nützlichen Dingen wie Verhaltenstherapie zum Ausdruck bringen), zum Beispiel durch verständlicherweise umstrittene Methoden wie ABA. Wie mag sich ein autistisches Kind fühlen, wenn man ihm körperliche Nähe, die es eigentlich gar nicht ertragen kann, aufzwingen will oder mit ihm umgeht, als wäre es ein Hund? Macht man damit nicht alles noch schlimmer? Kann man es verantworten sämtliche Autisten so zu diskriminieren und zu verletzen, indem man ihnen nicht nur jegliche Intelligenz, jegliche Moralfähigkeit und denen, die sich zu Wort melden sogar die Diagnose abspricht, weil man der Meinung ist, Autisten wären dazu nicht in der Lage?

Autismus Deutschland und einige Redner der Veranstaltung können es offenbar und das ohne vorher selbst mit Autisten gesprochen zu haben? Wenn ihr mich fragt, sehr unglaubwürdig.

Wissen wir Autisten nicht viel besser, was es heißt, Autist zu sein? Oder traut man uns nicht zu, uns erklären zu können? In dem Fall würde es doch schon reichen, in den Wikipedia-Artikel zu schauen, aber auch von dieser Definition ist das, was Autismus Deutschland als Bild von einem autistischen Menschen vermittelt meilenweit entfernt.

Dem Verein Autismus Deutschland will ich an dieser Stelle nur das sagen, was ich wohl regelmäßig wiederholen muss: Redet nicht über uns, redet mit uns! Wenn ihr die Wahrheit über Autismus erfahren wollt, fragt uns! Ich bin jedenfalls nicht geistig behindert, kein Rain Man, kann sprechen, habe Abitur, bin in meiner Kindheit nicht vernachlässigt worden, bin kein Amokläufer, kein Pflegefall, ich bin Autist mit einer offiziellen Diagnose und ich kann für mich selbst sprechen und schreiben!

Unsichtbar

Autisten sind unsichtbar – glaubt ihr nicht? Nun ja, etwas übertrieben ist es natürlich, aber irgendwie habe ich regelmäßig die Beobachtung machen können, dass ich selbst in einer kleineren Gruppe von Leuten manchmal kaum wahrgenommen werde. Auch andere Autisten berichten ähnliches.

Manchmal sage ich dann Dinge mehrmals, um sicherzugehen, dass ich auch gehört wurde, aber teilweise kommt einfach keine Reaktion. Die Kommunikationswissenschaftler, die uns nahegebracht haben, dass ein „normaler“ Mensch zu 80% nonverbal kommuniziert, dürften recht haben. Ich weiß nicht so recht, ob ich sagen soll: „Leider bin ich nicht normal.“ oder „Zum Glück bin ich nicht normal.“ Wahrscheinlich ist es etwas von beidem.

Nicht immer habe ich das Bedürfnis, mich an einem Gespräch beteiligen zu müssen, wenn ich es dann aber doch tue, fehlt mir offensichtlich die nötige nonverbale Kommunikation, sodass es manchmal scheint, als würden die anderen mich gar nicht wahrnehmen.

Dann gibt es noch den bewussten Rückzug, den wir Autisten oft antreten wenn andere Menschen uns mal wieder nicht verstehen oder einfach zu anstrengend werden. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass Autisten nichts mit anderen Menschen zu tun haben wöllten, es ist einfach eine Art Schutzmechanismus.

Aber irgendwie ist man als Autist da schon in einem Dilemma, man wirkt in einer Gesprächsrunde vielleicht unbeteiligt, will aber eigentlich mitreden. Spricht man dies dann offen an, wird man schnell als unhöflich wahrgenommen.

Sind Autisten Egoisten?

Dieses Thema ist eigentlich überfällig, da man als Autist häufig schon von klein auf nach außen hin egoistisch wirkt und sich rechtfertigen muss. Doch könnte im autistischen Gehirn vielleicht etwas ganz anderes vor sich gehen?

Die Saarbrücker Zeitung hat nun einen Artikel veröffentlicht, der für meinen Teil ziemlich an dem, was ich persönlich erlebe, vorbeigeht.

In den Beitrag berichtet ein Asperger-Autist, wie er persönlich die Welt sieht. Liest sich jemand, der sich mit Autisten nicht bestens auskennt, also die Mehrheit der Weltbevölkerung, den Text durch kommt die Person zu dem Schluss: „Autisten sind egoistisch und arrogant. Sie halten sich für etwas besseres und wollen nichts mit anderen Menschen zu tun haben.“

Einige Zitate dieses 29-jährigen Mannes mit dem Asperger-Syndrom wurden zum besten gegeben. Angefangen beim Titel: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums [.]“ Entsetzen kommt wohl auch bei diesem Zitat auf: „Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior.“ (für die Nicht-Lateiner: „homo excelsior“ bedeutet „höherer Mensch“).

Die Autorin hat offensichtlich von diesem (möglicherweise bewusst ausgesuchtem) Autisten auf die gesamte „Spezies“ geschlossen, außerdem wird Autismus als Krankheit angesehen. Den weiteren Inhalt des Beitrages brauche ich nicht wiederzugeben, er ist ja oben verlinkt. Vielmehr will ich versuchen zu erklären, wie ich persönlich die Thematik „Autismus und Egoismus“ erlebe.

Häufig wurde mir rückgemeldet, ich würde egoistisch oder arrogant wirken. Andererseits war ich in der Schule bekannt als derjenige, welcher den anderen immer die Türen aufgehalten hat. Mein Problem ist, dass ich kaum in der Lage bin, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und so nur unzureichend deren Bedürfnisse sehen kann. Ist man deswegen egoistisch? Gibt es nicht einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können? Mir ist es sehr wichtig, dennoch auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, so weit mir das möglich ist. Das ist natürlich anstrengend und manchmal habe ich das Gefühl, bestimmte Menschen wollen es gar nicht wahrnehmen, wenn ich in diesem Bereich Fortschritte mache. Dennoch bin ich durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Passt das zu einem egoistischen Menschen? Dann ist da noch der Vorwurf der Arroganz. Ich sage es gleich: ich sehe mich gegenüber anderen Menschen nicht als überlegen an. Trotzdem scheine ich manchmal auf andere so zu wirken, wenn ich bei einem Thema gerade so richtig in Fahrt bin und sämtliche Einzelheiten präsentiere. Manche Leute denken dann, ich will nur meine Intelligenz zur Schau stellen, was aber ganz und gar nicht meine Intention ist. Ich nehme lediglich die nonverbalen Signale nicht wahr, wenn mein Gegenüber bestimmte Dinge eigentlich gar nicht hören will.

Um wieder zum Artikel zurückzukommen, ich bitte die Autorin darum, sich vor dem Schreiben solcher Texte näher mit dem Thema zu befassen und nicht zuerst in die Klischeeschubladen zu schauen. Es mag Autisten geben, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen, der überwiegende Teil fühlt aber völlig anders. Genauso gibt es auch einige autistische Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben. Kann man denen noch vorwerfen, sie würden nichts von Liebe halten oder kein Interesse an anderen Menschen haben?

Sehr erschüttert bin ich auch über völlig unzutreffende und als Tatsachen hingestellte Behauptungen wie: „Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen.“ Fast der gesamte Text sorgt dafür, dass wir Autisten noch mehr verachtet und ausgegrenzt werden, er schadet in erheblichem Maße der Inklusion. Ist es das, was damit erreicht werden soll? Falls nicht, wäre mir sehr daran gelegen, wenn es eine Richtigstellung geben würde.

Autismus als Spielball von Medien und Gesellschaft

Ich glaube ich kann froh sein, dass wir in Deutschland eine derartige Diskussion nicht haben, aber in den Vereinigten Staaten scheint gerade ein Streit im Gange zu sein, bei dem es zwar um Autisten geht, der ihnen aber sicher mehr schadet als nützt.

Gerade stieß ich auf diesen Nachrichtenartikel vom Samstag. Er greift eine Debatte auf, die man eigentlich längst zu den Akten legen könnte, aber die leider immer wieder ausgegraben wird. Es geht um die Behauptung, dass Autismus durch Impfungen verursacht werden könnte. Schaut man im Wikipedia-Artikel zu Autismus unter dem Abschnitt „Schäden durch falsche Impfung/Impfstoffe“, sieht man, dass diese These haltlos ist, aber dazu später.

Offenbar hat CNN vor kurzem das berichtet, was in Deutschland offenbar viel eher akzeptiert wird, als in den USA: dass Impfungen als Ursache von Autismus ausgeschlossen werden können. Dagegen wehren sich nun eine Reihe von Eltern autistischer Kinder. Jene fühlen sich offenbar im Stich gelassen und starten Aufrufe auf YouTube. Sie kehren dabei den Inhalt des CNN-Berichtes um und sagen: „Impfungen verursachen Autismus“.

Zu dem Artikel selbst kann man sagen, dass die Überschrift allein schon Bände spricht, wenn der CNN-Bericht als „Propaganda“ und deshalb automatisch als „pro impfen“ angesehen wird. Es zeigt sich deutlich, wie die Autoren des Textes sich in dieser Sache positioniert haben und dass sie die ganze Debatte offensichtlich als einen Kampf zwischen der Pharmaindustrie und Eltern betroffener Kinder sehen. Ich bezweifle jedoch eine direkte Einflussnahme von Pharmaziekonzernen auf den CNN-Bericht.

Die Nebenwirkungen bestimmter Impfungen zu leugnen wäre vermessen, es besteht aber, wie man immer wieder feststellen konnte, kein Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen, was man schon daran sehen kann, dass man nicht als Kind erst autistisch wird sondern es von Geburt an ist. Es gibt zwar Fälle, in denen sich ein Kind im ersten Lebensjahr noch annähernd normal entwickelt und erst dann Symptome des Autismusspektrums zeigt, ich behaupte jedoch, dass auch jene Kinder bereits autistisch geboren wurden, denn ein Gehirn kann sich nicht „mit der Zeit“ selbst anders verdrahten.

Vielmehr sticht unter den Ursachen vor allem die genetische Komponente heraus. Viele Autisten haben jemanden in der Familie – womöglich sogar ein Elternteil – , der oder die ebenfalls autistisch ist.

Mein Anliegen ist nicht, zu beweisen, dass Autismus nicht von Impfungen herrührt, ich sehe viel mehr ein größeres Problem, was das Thema Autismus in der Öffentlichkeit betrifft. Immer wieder muss ich leider beobachten, dass Autisten den Medien häufig dazu dienen, Einschaltquoten oder Verkaufszahlen zu erhöhen, da wird dann schnell mal ein Amokläufer oder ein gefallener Politiker zum vermeintlichen Autisten.

Hier sind es jene zuvorgenannten Eltern, welche dieses Thema ausschlachten und dabei Autismus als Krankheit, Seuche und Fremdkörper darstellen. Damit richten sie möglicherweise einen verheerenden Schaden an, da nun Autisten vielleicht noch eher als krank und unzurechnungsfähig angesehen werden. Das könnte somit auch die Problematik „Autismus und Arbeitslosigkeit“ noch weiter verschärfen.

Mir ist nicht daran gelegen, generell Eltern autistischer Kinder anzuklagen, ich wünsche vielmehr denen, die solche Aufrufe gestartet haben, dass sie im Alltag die Unterstützung und Entlastung erhalten können, die sie brauchen. Vielleicht sind jene dann auch in der Lage, die positiven Seiten des Autismus zu sehen.

Und den Medien kann ich nur sagen: Ich wünsche mir endlich eine faire Berichterstattung über Autisten!

Automatisch oder manuell – Alles selbstverständlich?

Bei meinem und DAB+-Radio (DAB+ ist der digitale Hörfunk) gibt es, wie wohl bei den meisten, die Auswahl zwischen dem automatischen Suchlauf und der manuellen Kanaleinstellung. Ich bevorzuge letzteres, da ich so auch vor Augen habe, was ich im Frequenzbereich finde.

Das scheint gut zu meinem Leben als Autist zu passen, in vielen Bereichen, besonders im Zwischenmenschlichen, muss ich mir das meiste über den Verstand erarbeiten, während Nichtautisten solche Dinge intuitiv aufnehmen, entweder bei der Geburt oder in der frühen Kindheit.

Da bei Autisten die Spiegelneuronen gestört sind, ist die Fähigkeit, nonverbale Signale zu erkennen und selbst auszusenden stark beeinträchtigt. Sehr heikel sind deshalb soziale Regeln oder die sogenannten „ungeschriebenen Gesetzte“, die zum Beispiel beinhalten, was „sich gehört“ und was nicht. Für neurologisch-typische Menschen sind es oft völlige Selbstverständlichkeiten, während Autisten viele dieser Dinge gar nicht wissen, bis man es ihnen sagt. Schnell kann es also zu Missverständnissen oder seitens der „normalen Menschen“ zu falschen Eindrücken der autistischen Person kommen.

Nehmen wir zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, dass man sich entschuldigt, wenn man versehentlich etwas, dass einem anderen gehört, beschädigt hat oder wenn man eine andere Person in irgendeiner Weise verletzt. Ein autistisches Kind wird das schlecht wissen können, es sei denn, man sagt es ihm. Aufgrund solcher oder ähnlicher Situationen entstehen Klischees und Vorurteile, wie zum Beispiel, dass Autisten egoistisch, arrogant und an ihren Mitmenschen überhaupt nicht interessiert seien.

Da alle diese „Selbstverständlichkeiten“ dementsprechend durch den Verstand erarbeitet werden müssen, hat sich ein Autist im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Datenbank von Dingen, die man machen darf/ sollte oder eben nicht machen darf/ sollte, in seinem Kopf angelegt.

Deutlich einfacher wäre es aber, wenn einfach alles als Gesetzestext niedergeschrieben wäre, doch kaum ein nichtautistischer Mensch rechnet damit, dass man solche Dinge nicht wissen könnte. Da heißt es dann beispielsweise: „Na so etwas muss man aber doch wissen!“ oder ganz klassisch: „Das ist doch selbstverständlich!“ Tja, ist es eben nicht.

Visuelles Denken

„The world needs all kinds of minds.“ („Die Welt braucht alle Arten des Denkens.“) Dieser Satz stammt von Temple Grandin, einer bekannten Autistin, die in Bildern denkt.

Es gibt verschiedene Arten zu denken, ob in Worten, in Zahlen oder eben in Bildern, letzteres trifft auf mich zu. Unter Autisten, hochbegabten und hochsensiblen Menschen gibt es auffallend viele visuelle Denker.

Was versteht man nun genau unter dem Denken in Bildern? Temple Grandin beschreibt es so, dass etwas ähnliches abläuft, wie auf der Bilderseite von Google. Fällt also ein bestimmtes Stichwort wie beispielsweise „Dachziegel“, laufen in ihren Kopf Bilder ab, wo sie schon überall Dachziegel gesehen hat. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, allerdings kann ich nun nicht alles in meinem Kopf aufrufen, was ich schon mal gesehen habe. Bevor ich den Film über Temple Grandin gesehen habe, dachte ich, alle Menschen würden in der Art und Weise denken wie ich.

Für mich ist das visuelle Denken zum Beispiel beim Einkaufen sehr praktisch. Wenn ich im Supermarkt bin, unternehme ich einfach einen virtuellen Rundgang durch meine Küchenschränke und den Kühlschrank und weiß dann, was ich noch so brauche; so spare ich mir obendrein den Einkaufszettel!

Auch zu meinen geographischen Spezialinteressen gehört das Denken in Bildern fest dazu. Nicht nur dass ich mir einen Weg, den ich gefahren bin, nach dem ersten Mal merken kann, ich muss da auch immer wieder über eine Situation bei der Chorprobe schmunzeln, wir sangen gerade ein Stück, dass ich auswendig konnte, in meinem Gehirn waren dementsprechend noch genügend Kapazitäten frei. Ich rief also in meinem Kopf eine dreidimensionale Landkarte der Region zwischen Hohenmölsen und Lützen auf und plante den Trassenverlauf meiner selbst erdachten B 177 unter Einbeziehung des Reliefs – und sang dabei einfach weiter. Manchmal unternehme ich in Gedanken eine virtuelle Führerstandsmitfahrt mit meiner ebenfalls selbst ausgedachten Hohenmölsener S-Bahn.

Ich stoße allerdings auch immer wieder auf die Nachteile dieser Art des Denkens. So habe ich häufiger Schwierigkeiten, Dinge sprachlich auszuformulieren, schriftlich kann ich mich da weit besser ausdrücken. Es müsste so etwas geben, wie ein telepathisches Kommunizieren in Bildern, ungefähr wie bei den Cairn (einer Spezies aus dem Star Trek-Universum, zu sehen in der Episode: „Ort der Finsternis“ aus Star Trek: Das nächste Jahrhundert). Verbale Kommunikation ist für mich sozusagen nicht die Muttersprache, auch wenn ich im normalen Alter sprechen gelernt habe.

Das visuelle Denken dürfte auch einer der Gründe sein, warum ich in der gymnasialen Oberstufe im schriftlichen Bereich solche Probleme hatte. In sämtlichen Aufgabenstellungen der Klausuren standen sogenannte Operatoren wie „Erörtern Sie…“„Erläutern Sie…“„Interpretieren Sie…“, „Analysieren Sie…“ und noch viele andere, wer die Oberstufe besucht hat, weiß sicher, was ich meine. Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, was die da eigentlich von mir wollten, für mich waren diese Formulierungen zu abstrakt und irgendwie doch alle gleich. Hinzu kamen noch meine Schwierigkeiten als Autist, mich in andere hineinzuversetzen, was sich auch hier zeigte. Ich schrieb jedenfalls jedesmal völlig am Ziel vorbei und wunderte mich, warum außer mir niemand damit Probleme zu haben schien. Auch die Lehrer waren ratlos und ich konnte mich nur noch mithilfe einer verstärkten mündlichen Mitarbeit retten.

Generell sollten die Schulen noch deutlich nachbessern, visuell denkende Schüler als solche zu erkennen und den Unterricht auch an deren Bedürfnisse anzupassen, angefangen damit, mehr mit Zetteln zu arbeiten, da ausschließlich verbal geäußerter Unterrichtsstoff von einem Schüler, der in Bildern denkt, deutlich schlechter verarbeitet werden kann, ich spreche da aus eigener Erfahrung.

Hier die Fortsetzung

Ein Gesamtbild besteht immer aus Details…

Die meisten Menschen hören den Regen, ich höre viele einzelne Regentropfen aufs Dach prasseln. Andere sehen Bäume, ich sehe viele einzelne Blätter. Viele kleine Details ergeben ein Gesamtbild und ein Gesamtbild besteht immer aus Details.

Autisten nehmen hier schlicht und einfach anders wahr, als die meisten Menschen, die eher das Gesamtbild sehen und weniger die Details, während es beim Autismus genau umgekehrt ist. Die übermäßige Detailwahrnehmung scheint sich irgendwie mit der autistischen Sinneswahrnehmung gegenseitig zu bedingen, sodass die Unfähigkeit des Gehirns, die Reize automatisch auszufiltern zu einem verstärktem Detailblick führt, während dieser wiederum dafür sorgt, dass die vielen Einzelreize nicht ausgeblendet werden. Am Ende steht dann irgendwann die Reizüberflutung, aber es muss ja nicht immer so kommen.

Ich kann in dieser starken Detailwahrnehmung für mich eigentlich viel mehr Positives finden. Ich erkenne Dinge, die anderen gar nicht auffallen und finde in einem Text zum Beispiel in kürzester Zeit sämtliche Rechtschreibfehler. Ich sehe die schönen kleinen Details in Gottes Schöpfung oder in der Musik von Johann Sebastian Bach, die bei mir gerade im Hintergrund läuft.

Immer wieder merke ich, wie sich meine Detailwahrnehmung auch auf meine Spezialinteressen auswirkt. Zum Beispiel versuche ich regelmäßig sämtliche Fakten über viele noch so kleine und unbekannte sächsische Bahnstrecke in Erfahrung zu bringen, besonders interessant sind übrigens die Schmalspurbahnen. Auch beim Thema Geographie kommt wieder die Detailwahrnehmung zum tragen, denn nicht nur weggebaggerte Dörfer sind mein Spezialgebiet, auch En-/ Exklave interessieren mich besonders. Nun ja, ich müsste vielleicht erst mal erklären, was das ist. Nehmen wir beispielsweise Büsingen am Hochrhein, ein deutsches Dorf, das vollständig von schweizerischem Staatsgebiet umschlossen ist. Um in den übrigen Teil Deutschlands zu fahren, muss man also durch die Schweiz. Immer wieder suche ich nach der noch so kleinsten Enklave, die es auf Staats-, auf Länder-, auf Kreis- und auf Gemeindeebene gibt und versuche dann, alles darüber herauszufinden. Anderen würden diese winzigen Gebiete auf der Landkarte wohl fast nicht auffallen.

Dann gibt es aber auch wieder die andere Seite. Zwar habe ich dadurch keinerlei Probleme, Ordnung zu halten, ich übertreibe es allerdings recht schnell, ich habe da schlicht und einfach einen anderen Maßstab als andere. Das wirkt sich leider stark verlangsamend auf mein Arbeitstempo aus, auch wenn es am Ende wirklich ordentlich aussieht. Das Problem hatte ich übrigens auch in der Schule, ich bin sehr häufig mit den Klassenarbeiten nicht fertig geworden und mich hat nicht nur der Zeitdruck blockiert, ich habe mich einfach zu sehr in die Details vertieft.

Zwar nehme ich lieber meine Details wahr, als das Gesamtbild, in manchen Situationen wäre es aber äußerst praktisch, einen Schalter im Gehirn zu haben, mit dem man zwischen Detail und Gesamtheit umschalten kann.