Irgendwo zwischen naiv und rational

Uns Autisten sagt man gerne ein sehr rationales Verhalten und Denken nach. Dies dürfte wohl in den meisten Fällen so sein. Doch es gibt auch die andere Seite – eine geradezu kindliche Naivität.

Kürzlich las ich einen Nachrichtenartikel in dem es darum ging, dass Autisten gegenüber den Lockmitteln der Werbung durch ihr rationales Denken immun sind. Diese These würde ich nur bedingt unterschreiben.

Rationales Denken und Verhalten ist etwas, das, wohl durch meinen Autismus, ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Mein Handeln wird nicht von Emotionen kontrolliert, sondern mein Verstand kontrolliert in einem gewissen Maße die Emotionen. Beste Voraussetzungen also, um Werbung die kalte Schulter zeigen zu können.

Doch leider ist es nicht ganz so einfach, denn Werbebotschaften werden nicht mehr nur auf der emotionalen Ebene transportiert. Immer wieder werden irgendwelche Studien angeführt, welche die Wirksamkeit eines Produktes beweisen, mal kommen Ausdrücke wie „wissenschaftlich erwiesen“ zum Vorschein oder es lobt irgendein „Professor Dr. [schlau klingender Name]“, wie toll doch das im Fernsehen Angepriesene ist.

Dass dahinter eine betrügerische Masche steht, sind so manche Autisten nicht in der Lage zu sehen. Da kommt nämlich das Problem mit den Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen auf.
Was uns Autisten auf der einen Seite gegenüber Werbebotschaften auf der emotionalen Ebene immun machen kann, lässt uns wiederum leichter gegenüber wissenschaftlich eingekleideter Werbung anfällig werden.
Wer macht sich schon die Mühe, nachzusehen, ob es jene „wissenschaftliche Studien“ überhaupt gibt oder wie diese durchgeführt wurden?

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Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

Absolutes Gehör

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad nach Schöneck hinauf und hörte dabei im Radio auf BR-Klassik einen Beitrag über das absolute Gehör (die Fähigkeit, gehörte Töne zu identifizieren oder einen geforderten Ton sofort ansingen zu können). Da ich dieses selber habe, war das Thema natürlich für mich hochinteressant. Relativ zum Schluss des Beitrages wurde auch noch darauf eingegangen, dass es unter Autisten einen erstaunlich hohen Anteil an Absoluthörern gibt.

Das erste Mal hörte ich den Begriff „Absolutes Gehör“ im Musikunterricht in der zehnten Klasse. Unser Musiklehrer wollte uns am Klavier anhand zweier Dreiklänge den Unterschied von Dur und Moll erklären und sagte, als er beides nacheinander gespielt hatte, dass man da kaum einen Unterschied heraushören könnte. Ich sagte daraufhin, dass man schon einen Unterschied hören kann, da der eine Dreiklang ein fis und der andere ein f hat. Darauf hat der Lehrer mir gleich ein paar weitere Töne vorgespielt um herauszufinden, ob ich wirklich das absolute Gehör habe. Er erklärte mir, dass diese Fähigkeit sehr selten sei. Bis dahin bin ich davon ausgegangen, dass jeder Mensch das kann.

Aber ist es wirklich so, dass das absolute Gehör bei Autisten häufiger vorkommt als bei Nichtautisten? Zumindest gibt es einige Studien und Untersuchungen darüber, die aber allesamt noch kein stichhaltiges Ergebnis zutage fördern konnten geschweige denn zu erklären in der Lage gewesen wären, warum diese Fähigkeit bei Autisten häufiger auftritt. Meine Vermutung ist, dass die häufigere Veranlagung des absoluten Gehörs bei Autisten mit der bei jenen häufig auftretenden akkustischen Übersensibilität zusammenhängt, aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung.

Mich persönlich hat das absolute Gehör mein Leben lang begleitet und ich empfinde es als sehr wertvolle Eigenschaft, für die ich meinem Schöpfer im Himmel eigentlich nicht genug danken kann. Wenn irgendwo eine Gitarre zu stimmen war, wurde ich meist zurate gezogen, es hilft mir beim Auswendiglernen von Musikstücken und beim Komponieren. Wo andere Komponisten zum Schreiben ihrer Stücke das Klavier benötigen, habe ich die Melodie im Kopf, schreibe sie einfach auf und weiß genau, wie die Begleitung klingen würde, die ich ergänze. Im Chor kann ich durch diese Fähigkeit obendrein wunderbar vom Blatt singen.

Natürlich setzt mir das absolute Gehör auch gewisse Grenzen. Manchmal – das trifft vor allem auf die Musik des Barock zu – müssen Stücke einen Halbton tiefer oder in noch einer anderen Tonart gesungen/ gespielt werden. Manch einer würde einfach das Instrument dementsprechend umstimmen oder schlicht in der anderen Tonart singen. Bei mir geht das dann nicht so einfach. Ich muss bewusst transponieren, also statt einem e zum Beispiel ein es spielen. Und wenn mir jemand zwei aufeinander folgende Halbtöne vorspielt (also das Intervall einer kleinen Sekunde), ist das für mich wie Folter, die ich selbst mit Gehörschutz nicht ertragen würde.

Ich selbst würde das absolute Gehör durch nichts eintauschen wollen und bin gespannt, was die Forschung noch so über den Zusammenhang Autismus und absolutes Hören herausfindet.

Wiederaufbau der Routinen

Vor kurzem musste unsere WG in die Nachbarhaushälfte umziehen. Untergebracht sind wir ja in der Internatsunterbringung des Ausbildungsbetriebes. In dem Haus, indem wir bis dahin waren, sollen jetzt nur noch die minderjährigen Teilnehmer sein, also mussten wir in eine andere Wohnung.

Für mich war es ja schon stressig genug, die neue Hausnummer überall weiterzugeben und damit, dass wir ganz nach oben in den fünften Stock mussten, konnte ich auch noch leben.

Am Anfang des Jahres mussten wir schon einmal innerhalb des Hauses umziehen, damals wurde alles sehr kurzfristig angekündigt, ging aber ansonsten gut über die Bühne. Anders war es dieses Mal. Erst zwei Wochen nach unserem Einzug erhielten wir überhaupt die Beleuchtung in der Wohnung, bis dahin mussten wir notgedrungen in jedem Raum Nachttischlampen aufstellen. Auch viele andere Dinge fehlten noch oder mussten noch gemacht werden und alles zog sich eine ganze Weile hin. Regelmäßig war ich damit beschäftigt, für das Betreuungsteam Listen anzufertigen, was noch fehlt oder noch gemacht werden muss. Irgendwann hatten wir dann auch einen Spiegel im Bad, warmes Wasser in der Küche und ein Wohnungstelefon, während sich das kleine WC noch immer nicht abschließen lässt.

Da ich kurz zuvor fünf Wochen lang nicht im Betrieb war, sondern Berufsschule und Lehrgänge hatte, waren meine Routinen schon beeinträchtigt, ich hätte eigentlich nach dieser Zeit geregelte Arbeitstage gebraucht. Doch stattdessen kam der chaotischste Umzug meines Lebens. Selbst in vielen einfachen Dingen brachen meine automatisierten Handlungsabläufe zusammen, ich musste beispielsweise ganz bewusst überlegen, welche Schritte nacheinander beim Umziehen der Arbeitskleidung kommen.

Es brauchte viele Wochen, um meine Routinen halbwegs wieder zu etablieren, etwa so, als würde ein durch einen Autounfall beeinträchtigter Mensch in der Reha langsam wieder das Laufen lernen. So kam es natürlich, dass ich ab und zu mal Chorproben vergaß und generell viel Zeit für mich allein brauchte. Dennoch dürften die wenigsten Menschen mir etwas angemerkt haben, da ich versuche, im Alltag so gut es geht zu funktionieren.

Nun ist, was den Umzug angeht einigermaßen Ruhe eingekehrt und die meisten meiner Handlungsabläufe funktionieren wieder normal, dennoch gibt es noch immer Situationen in denen ich durcheinander komme oder wo ich überlegen muss, welcher Schritt jetzt als nächstes kommt.

Hilfeschrei

Man kann das, was bei ABA abläuft eigentlich schon als Missbrauch bezeichnen. Seit Jahren geschieht dort ein Unrecht an autistischen Kindern, dem wir entschieden begegnen müssen.

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Ich tue mich schwer damit diesen Blogpost zu schreiben. Um Hilfe bitten fällt mir nicht leicht und alles was ich in meiner Arbeit gegen die ABA Lobby erlebt habe war schmerzhaft und prägend. Ich sehe aber keine andere Möglichkeit mehr und darum schreie ich nun verzweifelt um Hilfe. Nicht nur in meinem Namen sondern für all die Autisten, Eltern und aktiven Menschen die sich konstant gegen ABA aussprechen und sehr viel Zeit und Kraft aufwenden um zu zeigen was wirklich hinter ABA steckt.

Auch wenn wir viele sind die sich hier engagieren: Unsere Kraft ist begrenzt.

In Namen des „Kindwohles“ von autistischen Kindern wird immer mehr eine „Therapie“ angewandt die sich Applied Behavior Analysis (ABA) nennt.

Wie sowas aussieht? Schaut selbst

Durchgeführt an einem dreijährigen Autisten durch eine zertifizierte ABA Therapeutin. Nun stellt Euch bitte vor, dass das 40 Stunden die Woche und mehr mit autistischen Kindern gemacht wird. Auf…

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Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

Ein Fehler, der korrigiert werden muss?

Das Thema ABA ist ja unter uns Bloggern mit Autismus momentan in aller Munde, besonders bei Innerwelt und Quergedachtes die sich sogar die Mühe gemacht haben, sich in einer Gesprächsrunde den Vertretern dieser sogenannten „evidenzbasierten Verhaltenstherapie“ zu stellen.

Jene ABA-Verfechter kommen gerne mit positiven Erfahrungsberichten der Eltern von autistischen Kindern, welche diese Therapie mitgemacht haben (oder durchmachen mussten). Umso erfreuter war ich, als ich mir die Kommentare eines Medienartikels durchlas, dessen Autorin offenbar viel von ABA hält. Aber zunächst zu dem Artikel selbst.

Er kommt vom Schweizer Rundfunk (SRF) und ist, so weit ich das sehen konnte, Teil einer Sendereihe über Frühkindlichen Autismus. Als erstes werden die wahrgenommenen Defizite von Kindern mit Frühkindlichem Autismus aufgeführt (sie können nicht sprechen, wollen keinen Kontakt mit anderen Menschen, sind aggressiv…).

Natürlich gibt es für die besorgten und verzweifelten Eltern auch eine Lösung, hier nennt sie sich „Frühförderung durch Verhaltenstherapie“, was ja erst mal gar nicht schlecht klingt. Doch es dürfte wohl gewollt sein, dass man nicht gleich ABA dahinter erkennt.

Am Ende des Artikels steht es dann im kursiv Gedruckten:

Es handelt sich um eine frühe verhaltenstherapeutische Intervention (FIVTI), basierend auf der angewandten Verhaltensanalyse («Applied Behavior Analysis»).

Natürlich musste gleich noch hinzu, dass die Behandlungserfolge „belegt“ sind.

Meine Frustration legte sich jedoch schnell wieder, als ich die Kommentare las, die ersten zwei geschrieben von Müttern, die über ihre Kinder mit Frühkindlichem/ Asperger-Autismus berichteten und dabei so gar nicht zu den gegenüber ABA sonst so positiven Erfahrungsberichten mancher Eltern passen. Die beiden schreiben, dass ihre Kinder Fortschritte machten, als sie so angenommen wurden, wie sie waren bzw. sie für ihr Kind gekämpft haben. Das zu lesen hat mich wirklich ermutigt.

Auch die übrigen Kommentatoren entlarven das, was in diesem Artikel als harmlose Frühförderung dargestellt wird, als ABA und scheuen sich nicht, zu schreiben, was diese Art der Therapie mit Kindern macht.

Ich wünschte, die ABA-Therapeuten, die meinen, Autismus wäre ein Fehler, der korrigiert werden muss, würden sich jene Kommentare mal durchlesen, um diese andere Sichtweise auch mal von Eltern zu hören.

Schublade „Autismus“

Es ist irgendwie eine unendliche Geschichte mit den Medien. In diesem Artikel prangt es bereits in der Überschrift: „Autismus“. Weiter geht es dann komischerweise so:

Es gibt in diesem Beruf Konstanten. Manche davon schätzt man, wie etwa die Pizza mittags in der Kantine, weil diese von allen dort angebotenen Gerichten am wenigsten der oft irrlichternden Kreativität der hier tätigen Speisenzubereiter unterworfen ist.

Hä? Bezug zur Überschrift? Gleich null! Oder ist Autismus jetzt ein Beruf? Für einen solchen bräuchte ich wohl keine Ausbildung mehr, oder? Aber genug des Sarkasmus.

Ich dachte mir, vielleicht steht ja auch etwas Sinnvolles zu dem Thema drin, aber nichts da! Der Artikel hat rein gar nichts mit Autismus zu tun. Der Begriff kommt im Text obendrein nur einmal vor:

[…] es geht um etwas anderes. Um eine bestimmte Form von Autismus.

Im folgenden wird dann beschrieben, dass in sechs verschiedenen (ich glaube Münchener) Theatern am gleichen Tag Premieren/ ein Gastspiel stattfinden soll. Diese Häufung von Theatervorstellungen, ob nun gewollt oder nicht, wird vom Autor als egoistisches Verhalten skizziert. Und das soll nun also „Autismus“ sein? Das hatten wir doch schon einmal.

Man kann mir so manches vorwerfen, auch, dass ich die Bedürfnisse anderer manchmal nicht von selbst erkenne, aber ein Egoist bin ich ganz sicher nicht! Da hat sich der Autor Egbert Tholl einfach nur auf Kosten eines kleinen Teils der menschlichen Bevölkerung einen halbwegs schlagkräftig klingenden Artikel zusammengezimmert und ist damit leider in die Fußstapfen einiger Artikelschreiber vor ihm getreten.

Wenn jemand in der Vergangenheit Chancen auf die Inklusion von Autisten zunichte gemacht hat, dann waren es meist die Medien, indem die Autismus-Spektrum-Störungen für reißerische Artikel missbraucht worden oder beispielsweise einem Amokläufer vorschnell Autismus angedichtet wurde. So etwas muss endlich aufhören!

Als Autist in der Gesellschaft: Loyalität

Es ist mal wieder Zeit für eine Themenreihe, diesmal soll es um das Leben als Autist in der Gesellschaft gehen. Den Anfang macht das Thema „Loyalität“.

Uns Autisten sagt man ja des öfteren nach, wir seien egoistisch und hätten nichts übrig für die Belange, Sorgen und Nöte anderer Menschen. Ich muss gestehen, dass ich oft nicht sehe, was mein Gegenüber gerade braucht und bei Gefühlsausbrüchen anderer manchmal etwas hilflos daneben stehe und nicht so recht weiß, was ich nun eigentlich tun soll. Doch würde sich ein Egoist über so etwas überhaupt Gedanken machen? Er würde wahrscheinlich weitergehen und sich denken: „Ist mir doch egal!“

Was ich jedoch bei mir selbst erlebe und auch bei anderen Asperger-Autisten beobachten konnte, dass Loyalität anderen und vor allem Autoritätspersonen gegenüber einen hohen Stellenwert hat. Zum Beispiel verhalte ich mich Lehrern gegenüber loyal, weil ich sie auch als Autoritätsperson ansehe.

Das kam bei meinen Mitschülern nicht immer gut an, bei manchen Lehrern ironischerweise auch nicht. Während meine Klassenkameraden manchmal das Gefühl hatten, ich würde mich bei meinem Physiklehrer der Noten wegen einschleimen wollen, als ich ihm regelmäßig beim Abbauen der Geräte half, kamen (und kommen, wie ich in meiner ersten Berufsschulwoche merken konnte) manche Lehrer offenbar nicht gut damit zurecht, dass ich mich übermäßig mündlich beteiligte, nicht nur um meine oft nur mäßigen schriftlichen Leistungen auszugleichen, sondern auch, um den Unterricht voranzubringen. In der Berufsschule höre ich nun öfter so etwas wie: „Johannes, lass doch die anderen auch mal ran.“ Das ist leichter gesagt als getan. Ich muss also, wenn ich etwas zum Unterricht beizutragen habe, es ab und zu vermeiden, mich zu melden, aber gleichzeitig darauf achten, mich nicht zu wenig zu melden und trotzdem den Unterricht voranzubringen. Aber was tut man nicht alles für das Wohl anderer.

Es wäre mir auch nie eingefallen es meinen Mitschülern gleichzutun, als sie nur wenig Respekt gegenüber der durchsetzungsschwachen Englischreferendarin in der zehnten Klasse zeigten. Sie mag sich nicht so gefühlt haben, aber sie hatte für mich dennoch die Position einer Autoritätsperson. Dennoch gibt es Lehrer, die offenbar mir gegenüber misstrauisch waren, weil ich eben nicht das typisch pubertäre, rebellische Verhalten, wie es in dem Alter „normal“ gewesen wäre, an den Tag legte.

Meine Loyalität anderen gegenüber äußert sich auch in Form von Verlässlichkeit. Sich einfach krank zu melden, um sich einen freien Tag zu machen war und bleibt für mich immer ausgeschlossen und wenn ich nicht zu Schul- oder Arbeitsbeginn anwesend war, musste irgendetwas mit mir passiert sein. Für mich ist Pünktlichkeit immer selbstverständlich gewesen, für so manch anderen leider nicht. Ich habe mich aber auch nur selten getraut, die zu spät kommenden Personen explizit darauf anzusprechen, das wäre für mich einfach zu unhöflich und bloßstellend gewesen.

Vielleicht bin ich ja nur zu sehr in der ostdeutschen Mentalität verwurzelt, aber ich denke, mein Asperger hat doch eine Menge damit zu tun.

Therapie bei Autismus?

Ein Thema, das gerade wieder sehr aktuell ist, Therapie bei Autismus. Wissenschaftler, Betroffene, Angehörige und Vereine sind da zum Teil sehr unterschiedlicher Meinung, soll man uns Autisten so lassen wie wir sind, soll man versuchen, uns Hilfen für ein besseres Zurechtkommen im Alltag mitzugeben, soll man bestimmte Verhaltensweisen wegtherapieren oder gar Medikamente verabreichen?

Es wäre natürlich eine höchst subjektive Aussage, hier von einem „Richtig“ und einem „Falsch“ zu sprechen, jedoch lässt sich schon herausfinden, welche der Methoden langfristig den größtmöglichen Erfolg für alle Beteiligten bringen.

Einige der wichtigsten Therapieformen will ich sogleich vorstellen:

ABA

ABA steht für „Applied Behaviour Analysis“ und ist eine vor allem bei autistischen Kindern angewandte Therapieform, die in den 1960er Jahren von Ivar Lovaas begründet wurde. Sie wird insbesondere von den meisten Autisten sehr kritisch gesehen, während es für Autismus Deutschland und nahestehende Organisationen scheinbar die einzig funktionierende Therapieform darstellt, wohl des schnellen Erfolges wegen. Dabei geht es darum, Verhaltensweisen, die aus Sicht der neurologisch-typischen Menschen störend und überflüssig sind, durch Zwang und mithilfe des Musters Sanktion und Lohn zu tilgen. ABA wird sowohl durch Therapeuten, als auch nach Anleitung jener durch die Eltern selbst durchgeführt. Da eine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des Kindes quasi nicht stattfindet und stattdessen versucht wird, seinen Willen völlig zu brechen, kommt es in vielen Fällen im Jugend- oder Erwachsenenalter zu posttraumatischen Belastungsstörungen, die denen von Missbrauchsopfern oft ähnlich sind.

TEACCH

TEACCH ist die Abkürzung für „Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children“ und kommt wie ABA aus den Vereinigten Staaten. Hinter dieser sehr umfassenden Therapieform verbergen sich verschiedene Möglichkeiten zur Förderung autistischer Kinder. Ob Unterstützung bei bestimmten Einschränkungen, die im Schulalltag zutage treten oder gezieltes und individuelles Training, es ist so einiges dabei. Das Ziel war damals, als 1972 mit einem Forschungsprojekt der Grundstein für TEACCH gelegt wurde, den bis dahin geltenden Vorwurf, die Eltern hätten durch schlechte Erziehzung oder mangelnde Zuneigung „Schuld“ am Autismus ihrer Kinder. Eingesetzt werden zum Beispiel Methoden wie Visualisierungen und Strukturierung des Alltages. TEACCH wird in Deutschland vor allem im schulischen Kontext eingesetzt.

Soziales Kompetenztraining

Von Sozialem Kompetenztraining kann ich aus erster Hand berichten. Dabei handelt es sich um eine Form der Psychotherapie, bei der es quasi darum geht, Stärken zu nutzen und mit Schwächen umgehen zu lernen. Soziales Kompetenztraining beinhaltet nicht nur Gesprächstherapie an sich, sondern auch gezielte Förderung in Bereichen, die mit Einschränkungen und Problemen verbunden sind (zum Beispiel Kontaktaufnahme, Telefonieren, Umgang mit Mitmenschen oder sich selbst und andere verstehen lernen), es ist aber nicht nur trockene Therapie, sondern vor allem „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wie bei den meisten Therapieformen, muss einem Sozialem Kompetenztraining eine offizielle Diagnose vorausgehen, damit die Therapiestunden auch von der Krankenkasse bewilligt werden können.

Medikamentöse Behandlung

Da es sich bei Autismus nicht um eine Krankheit handelt und auch nicht „heilbar“ ist, ist eine Verabreichung von Medikamenten überflüssig bzw. fahrlässig, es sei denn, die Medikation dient zur Kurierung/ Linderung anderer Krankheiten oder Störungen, die zusätzlich auftreten können. Allerdings wird momentan geforscht, ob eine Verabreichung des Hormons Oxytocin die sozialen Fähigkeiten von Autisten stärken kann. Insbesondere in den Vereinigten Staaten wird immer wieder MMS (Miracle Mineral Supplement) als Heilmittel für verschiedene Krankheiten und auch Autismus propagiert. Dabei handelt es sich jedoch um eine hochgiftige Lösung, deren Inhaltsstoffe in etwa die von Industriebleiche sind. Dementsprechend ist die Verabreichung in Deutschland illegal.

Fazit

Wenn man schnelle äußerliche Erfolge sucht, ist man wohl eher bei ABA richtig, allerdings sollte man sich dann nicht über psychische Langzeitschäden wundern. Verständlicherweise hat sich in den letzten Jahren ein beachtlicher Widerstand von Menschen, die in Blogs über Autismus schreiben, formiert.

TEACCH kann man hingegen als gute Alternative betrachten. Es enthält viele gute Konzepte, die einem autistischem Kind den Schulalltag deutlich erleichtern und das Verständnis von Mitschülern und Lehrern verbessern kann.

Empfehlen kann ich auf jeden Fall ein Soziales Kompetenztraining wenn man als Autist nicht nur sein Leben selbständig gestalten, sondern auch mit anderen Menschen und vor allem sich selbst gut klar kommen will. Das Ganze ist Arbeit und manchmal herausfordernd, aber es lohnt sich.