Der Reiz des Lernens

Jeder Mensch hat es von Natur aus in sich, manche mehr, manche weniger. Es eine Eigenschaft, die uns von Tieren unterscheidet, das Bestreben, sein Wissen zu vergrößern, immer mehr zu lernen und neue oder unbekannte Dinge zu entdecken.
Bei mir ist das ganz besonders ausgeprägt, vielleicht finde ich deshalb Star Trek so „faszinierend“.

Schon als Kind bin ich immer gerne auf Entdeckungstour gegangen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, ob meine Eltern wollten oder nicht. Bis heute mache ich jedes Wochenende meine großen Fahrradtouren und versuche dabei Gebiete zu erkunden, wo ich noch nicht war. Das bedeutet natürlich, dass ich mit der Zeit immer weiter fahren muss, weil ich irgendwann alles kenne.

Ich bin aber auch ein klassischer „Faktensammler“. Ich weiß nicht, was zu Grundschulzeiten andere Kinder in meinem Alter so gelesen haben, aber bei mir waren es hauptsächlich Sachbücher.
Bis heute bin ich immer weiter am Lernen. Da ist es praktisch, dass es das Internet gibt. Ich stoße meinetwegen auf irgendetwas Unbekanntes, etwas das mir Fragen aufwirft, ein weggebaggertes Dorf, eine stillgelegte Bahnstrecke oder einfach eine Pflanze, die ich noch nicht kenne und sofort verspüre ich den intensiven Drang, alles darüber in Erfahrung zu bringen. Ich werde dann in jenen Bereichen innerhalb kurzer Zeit zum Experten.
Ich denke das ist es, wodurch sich übrigens ein Spezialinteresse von einem Hobby abgrenzen lässt, nur mal so am Rande für alle, die sich mit Asperger beschäftigen.

Als Gärtner-Lehrling muss ich bis zu meiner Abschlussprüfung eine bestimmte Anzahl von Pflanzen mit deutschem und botanischem Namen wissen und diese auch erkennen. Jene sind bei mir in einer Pflanzenliste mit fast 400 Stück zusammengefasst.
Für viele andere Auszubildende im Gartenbau ist das manchmal eine Last, aber ich habe richtig Freude daran, das alles auswendig zu lernen und die Pflanzen sämtlichst kennenzulernen, aber inzwischen kenne ich alle, also suche ich mir noch mehr Pflanzen, die nicht in der Liste stehen.
In der Berufsschule bin ich nicht nur als Einserkandidat, sondern auch als Pflanzenkenntnisexperte bei Schülern und vor allem Lehrern berüchtigt. Ich bin dort der einzige, der die Pflanzenkundeübungen gar nicht erwarten kann.

Das ist eben der Reiz des Lernens, der, wie ich vermute, bei Asperger-Autisten ganz besonders ausgeprägt ist, während bei Nichtautisten dann sicher der Gemeinschaftssinn stärker sein dürfte.

Allen Lesern einen fröhlichen Tag der Deutschen Einheit!

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Wunder Punkt

Während meiner Schulzeit hatten es meine Mitschüler sehr leicht, mich zum Ausrasten zu bringen. Sie wussten genau, womit sie mich aufstacheln konnten. Inzwischen haben es Leute schwer, bei mir einen wunden Punkt zu finden.

Ich würde behaupten, dass jeder Mensch irgendwo mindestens einen solchen wunden Punkt hat, der womöglich auch einen gemütsruhigen Menschen die Selbstbeherrschung verlieren lassen kann.
Wo man mich besonders kränken kann ist, wenn man mir vorwirft unzuverlässig, unordentlich, ungründlich, unpünktlich oder gar faul zu sein. Dadurch fühle ich mich dann besonders angegriffen, es sein denn, ich erkenne sofort, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Treffen diese Punkte in einer Situation aber doch mal zu, mache ich mir selbst mehr Vorwürfe als mein Gegenüber.
Alle diese Tugenden – Ordnung, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pünktlichkeit – würde ich als meine Stärken bezeichnen, typisch Asperger eben. Wenn also jemand auch noch im Recht damit ist, meine Stärken infrage zu stellen, wie würde es dann erst bei Dingen sein, die mir schwer fallen?
Rechtschreibung fiel mir schon immer leicht und Schreibfehler entdecke ich bei anderen meist sofort. Wenn aber mir tatsächlich mal einer unterläuft und der dann noch von anderen entdeckt wird, ist das für mich natürlich eine herbe Schmach.

Es ist halt doch so, dass ich mich sehr über meine Stärken definiere und wenn jemand das Fundament einreißt, was bleibt da noch?
Doch zum Glück geht ein Fundament nicht so schnell in die Brüche. Wo ich früher kaum Kritik zulassen konnte, ist es mir heute viel eher möglich, konstruktive Rückmeldungen anzunehmen, ich brauche sie sogar.
Bei Kritik, die nicht gerechtfertigt ist, kommt häufig noch immer meine Kämpfernatur zum Vorschein und ich fange an zu diskutieren, oder aber ich bemerke, dass diese nur dazu dient, mich schlecht zu machen oder aus der Reserve zu locken. Letzteres blockt meistens von mir ab.
Vieles, was früher für mich ein wunder Punkt war, ist es eben heute nicht mehr.

Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

„Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

So lautet bei uns auf Arbeit eines unserer Mottos, um genau zu sein das vierte von insgesamt fünf. Angewendet wird der Satz bei uns eher in einem scherzhaftem Rahmen, aber er passt ganz gut zu meinem Leben.

Ich habe ja schon in manchen Beiträgen über meine Mobbingerfahrungen geschrieben und wie diese mich zu einem Einzelkämpfer gemacht haben, im positiven wie im negativen Sinne. Ich bin an sich damit zufrieden, dass ich mich durch viele Situationen so gut alleine durchschlagen kann und nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Es fällt mir dadurch aber auch schwer, von anderen Hilfe anzunehmen.

Wenn irgendjemand mir in einer Sache, lassen wir es nur eine Kleinigkeit sein, seine Hilfe anbietet, bin ich schnell dabei, gemäß dem obigen Motto zu reagieren. Ich habe sonst einfach das Gefühl, mein Gegenüber auszunutzen und will der Person keine Umstände machen (ganz zu schweigen davon, dass ein Abweichen von meinen eigenen Methoden für mich Stress bedeuten könnte). Wenn mich also jemand fragt, ob er oder sie mir beim Tragen eines sperrigen Gegenstands helfen soll, antworte ich tatsächlich oftmals:„ Ach, das geht schon so!“

Über viele Jahre war es so, dass ich quasi kaum Unterstützung in meinem Mobbingsituationen erfahren habe und es mir dadurch irgendwann nicht mehr möglich war, anderen Menschen zu vertrauen. Die Spuren davon finde ich heute noch in meinem Leben. Ich habe oft das Gefühl alleine besser zurechtzukommen als mit anderen Menschen. Die Tatsache ist jedoch, dass ich schon seit einigen Jahren verschiedene Menschen um mich habe, die mich unterstützen. Manchen davon und vor allem Gott selbst verdanke ich, dass ich heute vergleichsweise normal und unbeschwert leben kann.

So gerne ich ein Einzelkämpfer bin, es ist dann eben auch so, dass mich andere manchmal regelrecht dazu drängen müssen, ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ob sich das in meinem Leben jemals ändern wird? Ich weiß es nicht, aber bis dahin gilt für mich wohl das vierte Motto: „Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

Liebster-Blog-Award

Vor kurzem wurde ich von autcry für den „Liebster-Blog-Award“ nominiert.

1. Gedanke: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt.

2. Gedanke: Muss man da nicht auch jemanden nominieren?

Also schaute ich auf autcry’s Blog nach, was dort in dem Beitrag über die eigene Nominierung so steht. Und da sah ich dann folgendes:

3. Gedanke: Ich muss ja auch Fragen beantworten.

4. Gedanke: Ich sollte einen Blogbeitrag darüber schreiben.

Nun, die Fragen zu beantworten dürfte noch machbar sein, aber zur Sicherheit wollte ich mich noch einmal generell über die Hintergründe des „Liebster-Blog-Awards“ informieren. Also schnell in eine gewisse Suchmaschine eingetippt, doch zu meiner Verwunderung fand ich nicht eine offizielle Homepage zu diesem Nominierungswettbewerb, stattdessen nur Einträge auf anderen Blogs/ Seiten, wo über beispielsweise über die eigene Nominierung geschrieben wurde oder über eigene Ansichten zum „Liebster-Blog-Award“. Manche erklärten auch, wie das ganze Prozedere abläuft. Man nominiert quasi seinen „Lieblingsblog“, das ganze soll der Vernetzung untereinander dienen.

5. Gedanke: Oh Schreck, ich muss elf weitere Blogger nominieren?

6. Gedanke: Auch das noch, es sollen welche sein, die noch nicht nominiert worden sind? Wie stellen die sich das eigentlich vor? Ich als kontaktaufnahmescheuer Asperger-Autist soll also einen Haufen Blogs abklappern, bis ich mal elf Nominierungen zusammen habe? Und dann soll ich mir für die noch elf Fragen überlegen und die müssen dann auch wieder elf nominieren und…

7. Gedanke: Es scheint wohl keine offizielle Seite zu geben, auf der die Regeln des „Liebster-Blog-Award“ festgeschrieben sind, also kann ich es auch vor mir selbst verantworten, wenn ich niemanden nominiere.

Auf manchen Seiten ist wiederum von fünf zu Nominierenden mit unter 3000 Aufrufen und zehn Fragen die Rede, was für ein Chaos!

Die an mich gestellten Fragen beantworte ich natürlich gerne, alles andere würde mich aber überfordern. Autcry stellte mir also folgende Fragen (die Antwort kommt immer gleich darunter):

1. Glaubst Du an Wiedergeburt oder an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass ich nach diesem Leben bei Gott sein werde und alles Leid und alle Sorgen aufhören werden.

2. Welche Eigenschaft oder Stärke schätzt Du an Dir am meisten?

Meine Zielstrebigkeit und Ausdauer.

3. Magst Du lieber den Sommer oder den Winter?

Natürlich den Winter (und das als Gärtner). Ich liebe Schnee und fahre selbst da noch Fahrrad.

4. Falls Du mit der Harry-Potter-Reihe vertraut bist: Wenn Du Schüler/in in Hogwarts wärst, in welchem Haus sähest Du Dich am ehesten?

Ich habe keine Ahnung von Harry Potter und verstehe nicht, warum viele Leute so darauf abfahren.

5. Gab es eine Situation, in der Du einmal richtigen Mut bewiesen hast?

Als ich mit kaputter Gangschaltung eine Fahrradtour über den Elstergebirgskamm bis nach Tschechien und wieder zurück gemacht habe, obwohl manche das wohl eher für Verrücktheit halten würden.

6. Wenn Du die Macht hättest, irgendetwas gesetzlich verbieten zu lassen, was wäre dies?

Abtreibung.

7. Gibt es irgendeine (berühmte) Persönlichkeit, die Du gerne einmal treffen würdest?

Johann Sebastian Bach.

8. Angenommen, Du könntest die Zeit zurückdrehen, was würdest Du in Deinem bisherigen Leben ändern?

Ich würde nichts ändern, weil auch die schwierigen Zeiten in meinem Leben mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin.

9. Wenn Du einen Tag lang unsichtbar sein könntest, was würdest Du mit dieser Fähigkeit anfangen?

Ich würde in fremden Gärten nach Mammutbäumen und Zedern suchen oder mich in eine Konzertaufführung von Ludwig Güttler schleichen.

10. Siehst Du Dich als einen spirituellen Menschen, und wenn ja, was bedeutet Spiritualität für Dich?

Ich würde vielleicht nicht den Begriff „Spiritualität“ gebrauchen, aber ja! Für mich bedeutet das eine lebendige Beziehung zu Gott.

Fragen ohne zuzuhören?

Letzten Donnerstag war ich mit meinem Chef aus dem Praktikum unterwegs zum Pflanzengroßhandel, um etwas Heidekraut für den Verkauf der Gärtnerei zu besorgen. Da ich nun einige Wochen nicht dort war, fragte er mich sogleich, wie denn meine Lehrgänge liefen.

„Wie hat’s dir den da gefallen?“, „Wie viele wart ihr denn da?“, „Warst du da im Internat?“, alles Fragen, die ich gerne beantworte, besonders gerne berichte ich über meine vielen Fahrradtouren von dort, nur muss ich in meine Antwort ja beide Lehrgänge, die auch noch an verschiedenen Orten waren, einbeziehen, aber alles kein Problem ließe er mich denn auch ausreden.

Immer wieder unterbrach er mich, indem er die nächste Frage stellte (in etwa so, wie er auch Arbeitsanweisungen gibt). Da frage ich mich als autistisch-denkender Mensch natürlich: Hat der mir denn eigentlich zugehört?

Nun, ich neige natürlich dazu, sehr auf Details einzugehen, weil sie mir wichtig erscheinen und insgesamt sehr ausführlich zu berichten.

Dennoch frage ich mich: Wie viel von dem, was ich gesagt habe, hat er auch behalten?

Perfektionismus

Perfektionismus ist ein so negativ besetzer Begriff. Ich selbst habe wohl jede Menge davon und finde das manchmal sehr nützlich.

Ein Teil meiner Gärtnerausbildung beinhaltet auch das Pflastern, das wir auf einer speziellen Fläche gelegentlich üben. Mein größtes Problem ist dabei die Zeit, da ich extrem ordentlich und gründlich arbeite. Die kleinste Unebenheit versuche ich sofort auszugleichen. Ich könnte sonst das Ergebnis nicht nach außen hin vertreten.

Andererseits kann man sich durch meinen Perfektionismus auch gut auf mich verlassen. Irgendwo unpünktlich zu erscheinen wäre für mich absolut ausgeschlossen. Lieber rechne ich mir so viel Zeit ein, dass ich noch lange warten muss. Sollte ich doch mal unpünktlich sein, kommt das für mich einem Weltuntergang gleich.

Wenn ich Perfektion suche, dann sehe ich die in der Musik Johann Sebastian Bachs. Deshalb liegt mir sein Musikstil wohl auch so sehr, dass ich ihn ebenfalls für meine Kompositionen verwende. Es ist einfach beeindruckend, wie die Motive ineinander verschlungen sind und doch alles wunderbar zusammenpasst.

Es war mal vor einiger Zeit bei der Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz, dass wir am Schluss ausgemacht haben, als nächstes das Thema „Perfektionismus“ durchzunehmen. Die (nichtautistische) Moderatorin der Gruppe schrieb dann aber versehentlich „Perfektismus“ an das Flipchart, was natürlich sofort unser aller Aufmerksamkeit erregte.

Aber warum wird eigentlich Perfektionismus so negativ gesehen? Es ist ja nicht so, als gäbe es das nur bei Autisten. Eigentlich ist Perfektion doch etwas Gutes. Da jedoch kein Mensch perfekt ist, wird das Streben danach offenbar als Übertreibung, Anmaßung oder Überheblichkeit gesehen.

Andererseits ist es einem Chef wohl am liebsten, bei der Arbeit ein perfektes Ergebnis abgeliefert zu bekommen. Man stelle sich vor, der Vorgesetzte sagt zum Arbeitsauftrag, dass die Arbeit unvollkommen erledigt werden soll.

Ich würde behaupten, dass das Streben nach Perfektion in der Natur des Menschen liegt. Wenn diese Eigenschaft allerdings im Alltag offen zutage tritt, stört das viele Menschen offenbar. Ich selbst bin gerne ein perfektionistischer Mensch, alles andere wäre für mich selbst schon Nachlässigkeit.

Das Gefühl von Sicherheit…

…könnte ich manchmal wirklich gut gebrauchen, sei es an unbekannten Orten, in neuen Situationen oder auch bei Zugfahrten. Ich stelle mir da selbst immer wieder Fragen, ob ich denn auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, ob ich auch alles mitgenommen habe, was ich brauche, ob ich auch wirklich nicht irgendeinen Termin vergessen haben könnte oder ob ich denn auch im richtigen Zug in die richtige Richtung sitze und auch wirklich vorher eine Fahrkarte gebucht habe. Erst wenn ich diese Fragen für mich hundertprozentig beantwortet habe, kann sich allmählich das Gefühl der Sicherheit einstellen.

In einem Großteil der Fälle erweisen sich diese Befürchtungen als völlig unbegründet und ich wäre weniger angespannt, wenn ich stattdessen „einfach drauf los marschieren“ würde, wie es scheinbar die Nichtautisten tun. Doch dabei besteht dann die Gefahr, dass tatsächlich etwas schief läuft. Ich versuche dann manchmal eine Balance zwischen beidem zu finden.

Ein Gefühl der Unsicherheit habe ich auch vor der Gegensprechanlage einer verschlossenen Haustür. Erwische ich wirklich die richtige Person am anderen Ende? Versteht der- oder diejenige, was ich von ihm/ ihr will? Finde ich dann im Treppenhaus die richtige Eingangstür?

Diese Art von Unsicherheit bestimmt noch immer einen großen Teil meines Alltages und vielleicht wird dies auch immer so bleiben. Hätte ich immer dieses Fundament, dieses Gefühl der Sicherheit, es wäre vieles einfacher.

Die nächsten zwei Wochen ist es dann wieder so weit. Ich werde im Zug auf dem Weg zur Berufsschule sitzen und erst ein paar Minuten nach der Abfahrt ist dann die Anspannung verflogen und ich kann mich wieder an mein Notenprogramm setzen.

Scheuklappen

Manchmal könnte man als Autist Scheuklappen ganz gut gebrauchen. Aber genau das kann manchmal zum Problem werden. Ich habe schon Situationen erlebt, wo aufgrund einer großen Reizbelastung meine Konzentration gezwungenermaßen so sehr auf der momentanen Arbeit oder dem Funktionieren lag, dass ich eine drohende Gefahr erst spät erkannt habe (was würde ich nur ohne meine vielen Schutzengel machen?).

Auch bei unsicheren Situationen mit vielen Variablen, wo ich ständig am Kontrollieren bin, ob ich auch auf alles geachtet und nichts vergessen habe – meine morgendlichen Fahrten zur Berufsschule sind da recht exemplarisch –, bin ich sozusagen mit Scheuklappen und einem Tunnelblick unterwegs, da ich immer die Angst im Hinterkopf habe, dass meinen zurechtgelegten Abläufen etwas dazwischenkommt. Häufig ist diese Art von Angst eigentlich unbegründet.

Dann sind da noch die Scheuklappen beim Thema Einfühlungsvermögen und beim Senden und Empfangen nonverbaler Signale. Ich reagiere in sozialen Situationen nicht nur unbeholfen, sondern merke oft genug gar nicht, wie es dem Gegenüber geht und bin dadurch schnell unsensibel.

Scheuklappen können allerdings auch eine ganz nützliche autistische Eigenschaft sein. Während wir Autisten es vielleicht schwer haben, das Gesamtbild einer Situation zu sehen, ist unser Fokus klar auf Details gerichtet und auf das Erreichen eines Ziels. Es ist eine typische Eigenschaft von mir, dass ich noch weiterkämpfe, wo andere schon aufgegeben haben. Dabei lasse ich mich von meinem Ziel nicht abbringen. Natürlich bin ich dadurch auch furchtbar unflexibel, dennoch braucht unsere Gesellschaft solch zielstrebige Menschen ganz besonders.

Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?