Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

Auf alles vorbereitet

Vor kurzem hatte ich meinen ersten Ausbildungslehrgang in Dresden. Da ich mein Fahrrad mitgenommen habe konnte ich mir den Luxus, meine geräumige Reisetasche für diese Woche mitzunehmen, nicht leisten. Ich musste ja alles unterwegs transportieren können, schließlich hatte ich die Strecke vom Pirnaer Bahnhof nach Dresden-Pillnitz auf zwei Rädern zu bewältigen.

Also ging es schwer bepackt los, ein großer, vollgestopfter Wanderrucksack auf dem Rücken, die Laptoptasche umhängend, sowie den Fahrradkorb und den Gepäckträger beladen. Als ich beim Lehrgang ankam, wurde ich erst mal gefragt, ob ich gerade zuhause ausgezogen bin. Dabei habe ich aus meiner Sicht vor allem das Nötigste mitgenommen. Die anderen Teilnehmer kamen zum Teil mit einem Rucksack und ich frage mich, wie kriegen die da alles rein, die Arbeitskleidung und -schuhe, die Wechselwäsche, die Waschsachen? Nun gut, die müssen keine Trompete zum Üben oder einen Laptop zum Komponieren mitschleppen, geschweige denn einen weiteren Rucksack für die Fahrradtouren.

Mir ist insgesamt aufgefallen, dass andere Leute, wenn sie unterwegs sind, weniger mitnehmen als ich. In meinem Rucksack sind immer allerhand Dinge – wie zum Beispiel verschiedene Werkzeuge – drin, damit ich auf sämtliche Situationen bestens vorbereitet bin. Der Nachteil ist natürlich, dass ich oftmals schwerer zu schleppen habe.

In ein paar Wochen habe ich wieder einen Lehrgang in Dresden, da werde ich es wieder genauso machen. Immerhin, es hat sich gelohnt, das Fahrrad mitzunehmen:

Sächsische Schweiz, der Blick von der Bastei auf die Elbe

Sächsische Schweiz, der Blick von der Bastei auf die Elbe

Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

Als Autist in der Gesellschaft: Selbstverständlichkeiten

Ein jeder hat sie, doch kaum einer kann auf Anhieb sagen, was seine Selbstverständlichkeiten sind. Es sind die ungeschriebenen Gesetzte, die in einer homogenen Gesellschaft funktionieren würden, in unserer heterogenen Realität aber auch hinderlich sein können, wenn es um das Zusammenleben mit anderen geht.

Jeder von uns hat seine ganz individuellen Selbstverständlichkeiten, ob sie nun durch Erlebnisse, Erziehung oder andere Dinge geprägt worden sind. Meine Selbstverständlichkeiten sind wohl Ehrlichkeit, Loyalität, Pünktlichkeit, Respekt und das Einhalten von Gesetzen und Regeln. Ich habe aber im Laufe meines Lebens gemerkt, dass ich meine eigenen Maßstäbe, so logisch sie auch sein mögen, nicht auf andere Menschen anwenden kann, da bei meinem Gegenüber die Prioritäten schon wieder ganz woanders liegen können, so wie das auch bei unterschiedlichen Geschmäckern der Fall ist.

Wozu brauchen wir überhaupt Selbstverständlichkeiten? Unser menschliches Gehirn verarbeitet Eindrücke so, dass sie quasi in verschiedene Schubladen einsortiert werden (das Extrem davon ist das sogenannte „Schubladendenken“). Diese Schubladen brauchen natürlich eine Beschriftung und ein System, damit wir die aufgenommenen Inhalte auch wiederfinden können, also unsere individuellen Selbstverständlichkeiten.

Problematisch wird es da, wo Menschen versuchen, ihre Maßstäbe an andere anzulegen, frei nach dem Motto: „Wenn ich das kann, muss der das doch auch können.“ – eine gefährliche Illusion, die schnell zu Vorurteilen führt.

Ich selbst muss mich gerade ein bisschen von einer Selbstverständlichkeit verabschieden. In sieben Jahren Lateinunterricht habe ich gelernt, dass man zum Beispiel Caesar, anders als in den Köpfen der meisten Deutschen, nicht wie Zesar, sondern wie Kähsar ausspricht, auch wenn das ziemlich nach Käse klingt ;). Nun muss ich in meiner Ausbildung feststellen, dass die Aussprache der an die lateinische Sprache angelehnten botanischen Pflanzennamen wieder völlig anders und dass Botanisch eigentlich auch gar kein Latein ist.

Es gibt auch Selbstverständlichkeiten, die von den meisten Leuten hierzulande als gemeingültig angesehen werden, so zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit. Ich muss gestehen, ich besitze nicht mal ein Smartphone, mein zehn Jahre altes Siemens-Mobiltelefon ist meistens ausgeschaltet und ich bin auch in keinem sozialen Netzwerk. Bei der Erreichbarkeit würde ich also schon mal durchs Raster fallen.

Auch dass die meisten Leute moderne Musik (welche Art auch immer) mögen, ist eine solche Selbstverständlichkeit geworden. Was höre ich gerade? Orchestersuite in h-Moll von Johann Sebastian Bach – und wieder durchs Raster gefallen.

Über was ich aber immer wieder stolpere, ist die Selbstverständlichkeit, dass man normal zur Kommunikation, insbesondere dem Telefonieren fähig ist. Versucht man seinem Gegenüber zu erklären, dass man dort Schwierigkeiten hat oder sogar angstbehaftet ist, stößt man oft auf wenig Verständnis. Es kommen dann Sätze wie: „Nun hab dich doch nicht so!“ oder „Andere können das doch auch.“, doch ich kann das eben nicht ohne große Überwindung.

Auch das „Zwischen den Zeilen lesen“ ist eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht weiter nachdenkt, wenn man sie denn beherrscht, uns Autisten kann das jedoch auf die Füße fallen, ich merke das besonders bei Arbeitsanweisungen. Es wird dann davon ausgegangen, dass der Angewiesene richtig verstanden hat, was gemeint ist, doch plötzlich wundert sich der Arbeitsanleiter, warum der Angestellte etwas ganz anderes macht. Ich bin des „Zwischen den Zeilen lesens“ nicht mächtig und brauche dementsprechend auch sehr konkrete Arbeitsanweisungen, damit ich genau weiß, was ich machen soll und nicht etwas ganz anderes verstehe.

Selbstverständlichkeiten sind etwas völlig Natürliches und „Selbstverständliches“ ;), aber jeder sollte sich bewusst machen, dass seine Maßstäbe nicht für andere auch gelten müssen. Wichtig ist, dass man erst mal weiß, was denn eigentlich die eigenen Selbstverständlichkeiten sind.

Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Asperger und das Alter

Wir Asperger-Autisten werden, wie andere Menschen auch, geboren, wachsen auf, werden alt und sterben. Doch das gefühlte und tatsächliche Alter klafft bei uns häufig weit auseinander – nicht nur in eine Richtung.

Ich bin da selbst ein gutes Beispiel. Gerne bin ich auch mal so albern, dass viele Leute schon genervt sind und wirke da fast wie ein Zwölfjähriger, während ich bei tiefgehenden Gesprächen oder was „neueste Trends“ angeht eher wie ein Fünfundsiebzigjähriger bin, zum Beispiel setze ich lieber auf Bewährtes, mein Laptop ist acht Jahre alt und mein Mobiltelefon sogar zehn.

Eine Zeit lang habe ich regelmäßig, eigentlich um die Stimmung aufzulockern, sämtliche Sketche von Dieter Hallervorden heruntergerattert, dürfte damit aber nicht nur meinen Mitmenschen auf Dauer ziemlich auf die Nerven gegangen sein, sondern auch ziemlich kindisch gewirkt haben.

Ich muss zugeben, dass ich mit Kleinkindern eigentlich noch am besten klar komme, während ich mit pubertierenden Jugendlichen meine größten Probleme habe, das war auch nicht anders, als ich noch selbst in dem Alter war. Wirklich gut unterhalten kann ich mich aber mit Rentnern, also über 60-jährigen.

Welcher junge Erwachsene wurde denn auch schon im Kindergarten „kleiner Professor“ genannt, hört seit der Kindheit ausschließlich klassische Musik oder liest mit großem Interesse Pegauer Heimatblätter? Meine Spezialinteressen passen insgesamt weder zu meinem Alter, noch zu meiner Generation (Komponieren, Stadt- und Verkehrsplanung, Bahnstrecken und Regionalgeographie).

Als ich vor einigen Jahren mein zweiwöchiges Schulpraktikum im Kindergarten des Dorfes absolviert habe, hatten mich die Kinder sofort ins Herz geschlossen, was wohl daran lag, dass ich mich als der „Große“ nicht gescheut habe, mitten unter den „Kleinen“ mitzuspielen.

Die Schulzeit ist bei mir übrigens ein gutes Beispiel, wie wenig ich doch zu Gleichaltrigen (vorausgesetzt es sind keine Autisten) passte. Währende andere meines Alters am Wochenende lieber auf Parties gegangen sind, habe ich stattdessen stillgelegte Bahnstrecken und Gleisanschlussbahnen freigeschnitten.

Dementsprechend bin ich immer mal wieder etwas verärgert, wenn andere Leute mich, ohne wirklich etwas von mir zu wissen, in einen Topf mit (neurotypischen) Gleichaltrigen stecken wollen, denn da gehöre ich so gar nicht rein. Lieber lasse ich mich dann als „weltfremd“ bezeichnen, da kann ich wenigstens sagen: „Da stehe ich dazu!“

Brief an einen zehnjährigen Autisten

Nachdem sich schon einige andere an der Aktion beteiligt haben, will ich natürlich auch meinen Teil dazu beitragen, hier noch kurz die Einleitung:

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige® wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.

Veröffentlicht die Texte auf eurem Blog und schickt uns den Link zu. Falls ihr kein eigenes Blog habt, schickt uns euren Text – Link siehe in der linken Seitenspalte – und wir veröffentlichen ihn. Schickt uns auch Bilder, Comics, Videos …

Macht einen Unterschied.

Hallo junger Mann,

ich kann mich noch erinnern, als ich zehn Jahre Alt war (also vor zwölf Jahren). Damals hatte ich noch keine Asperger-Diagnose. Ich kam gerade mit einem Notendurchschnitt von 3,6 aus der vierten in die fünfte Klasse, wir hatten als erster Jahrgang nur noch zwölf Jahre bis zum Abitur, allerdings noch bis zur sechsten Klasse, bis es auf die weiterführenden Schulen ging. Mein festes Ziel, von dem mich auch meine Mutter nicht abbringen konnte war, mich soweit zu verbessern, dass ich am Ende der fünften Klasse eine Gymnasialempfehlung bekomme. Dazu musste ich einen besseren Notendurchschnitt als 2,5 haben. Ich habe schließlich so sehr angestrengt, dass ich zum Endjahreszeugnis der fünften Klasse einen von 2,3 bekommen habe und so auf das Gymnasium weitergehen konnte.

Das ist eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle und ein wichtiger Punkt meines Einzelkämpferdaseins, aber leider nur ein kleiner Teil meiner Schulzeit. Der größte Teil war geprägt von Mobbing, Ausgrenzung, Verleumdungen, Beleidigungen, Schuldzuweisungen, jeder Menge verbaler Gewalt, Gelächter, Ungerechtigkeit und jeder Menge Unverständnis. Ich denke, die meisten anderen Autisten können wohl ebenfalls ein Lied davon singen.

Bei mir fing das ganze zum Teil schon im Kindergarten an. Wie die „normalen“ Menschen so sind, sie merken es, wenn jemand anders ist. Da Kinder in dem Alter zwar bereits Gruppen bilden und in Gemeinschaft interagieren, aber kaum einen Sinn für Toleranz oder Integration haben, kannte ich das Gefühl, ausgegrenzt zu sein bereits sehr früh. Ich habe mich aber ohnehin mehr mit mir selber beschäftigt, habe gern meine Umgebung erkundet oder Musiker eines Orchesters mitsamt ihren Instrumenten gezeichnet.

Wie sollte es anders sein, in der Schule ging es mit den Mobbing dann so richtig los. Oftmals reagierte ich darauf mit Wutanfällen. Ich wollte schon dazugehören konnte es aber nicht, weil ich in meinem Handeln, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und in meinen Interessen einfach viel zu anders war und noch heute bin. Auch so manche Lehrer haben sich da mir gegenüber zum Teil wirklich unfair verhalten. Am schlimmsten war es, sowohl mit dem Mobbing, als auch mit den Ausrastern meinerseits in der fünften Klasse, was sogar einen Klassenwechsel zur Folge hatte. Auf dem Gymnasium wurde ich leider auch weitergemobbt, erst in der Oberstufe hatte ich dann wenigstens meine Ruhe, integriert war ich während der Schulzeit aber nie.

Vor ein paar Monaten lernte ich dann erstmals das Gefühl kennen, wie es ist, integriert zu sein. Ich war für sechs Wochen in Plauen/Vogtland bei einer Art Arbeitserprobung, wo auch noch andere Menschen mit seelischen Behinderungen waren, und habe sogleich gemerkt, was für eine Verantwortung es mit sich bringt, integriert zu sein.

Jedenfalls habe ich in meiner Schulzeit immer wieder feststellen müssen, wie sehr ich mich doch von den anderen unterscheide, das markanteste Beispiel dürfte wohl der Musikgeschmack sein. Ich höre (und komponiere auch selbst) Barockmusik, also Musik aus der Zeit von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi, wahrscheinlich hast du schon aus dem Musikunterricht von denen gehört. Und wer sonst schneidet in seiner Freizeit zugewachsene Bahngleise frei oder macht 60 Kilometer Fahrradtouren, anstatt sich über Stars, moderne Musik, Casting Shows, Mode oder Zeitschriften zu unterhalten. Auch Partys und Diskothekenbesuche waren für mich immer undenkbar, allein vor dem Aspekt der Reizüberflutung.

Als unser damaliger Klassenlehrer in der sechsten Klasse einen meiner Mitschüler fragte, warum er und andere mich ärgern würden, sagte dieser sehr treffend: „Johannes ist irgendwie anders.“ Dieser Satz war übrigens auch für den Titel meines Blogs, in dem ich über Asperger-Autismus schreibe, ausschlaggebend.

Bei all dem Leid, welches das Mobbing verursacht hat, kann ich heute sagen, dass es mich auch zum Einzelkämpfer gemacht hat. Es mag verrückt klingen, aber ich profitiere heute auch von den schlimmen Erlebnissen meiner Schulzeit. Ich kämpfe solange für meine Ziele, bis ich sie erreicht habe. Aufgeben kommt für mich nicht infrage.

Nun habe ich fast noch nichts über meine Diagnose gesagt, die für mich eigentlich wie eine Identität geworden ist. Als ich vier war, hatte meine Mutter bereits den Verdacht, ich könnte Asperger haben, nachdem sie einen Zeitungsartikel darüber gelesen hatte. Also ging sie mit diesem Verdacht zum Kinderarzt, doch der sagte, die Symptome müssten in dem Fall stärker sein. Tatsächlich hatte er aber so ziemlich keine Ahnung von dem Thema „Autismus“. Doch es sollte daraufhin noch vierzehn Jahre dauern, bis der Verdacht erneut aufkam, ich war damals achtzehn und kurz vor dem Abitur. Ich begann mir in dieser Zeit ohnehin allmählich die Frage zu stellen, warum ich, wohin ich auch kam, fast immer Mobbing ausgesetzt war, warum haben die sich immer mich ausgesucht, was ist falsch an mir oder was mache ich falsch? Mit der Diagnose Ende 2012, da war ich gerade zwanzig geworden, bekam ich endlich die Antwort auf meine Fragen. Ich war nie falsch, ich war nur anders. Ich lernte mit der Zeit meinen Autismus besser kennen und konnte nun auch meine Stärken richtig nutzen und meine Einschränkungen allmählich annehmen. Heute kann ich sagen, dass mein Gehirn einfach anders verdrahtet ist und ich zu einigen Dingen fähig bin, die andere nicht können (nicht ohne Grund werde ich oft als menschliches Navigationsgerät eingesetzt 😉 ).

Ich habe mir manchmal überlegt, wie wohl meine Schulzeit und mein weiteres Leben gelaufen wäre, hätte ich schon als Kind die Diagnose erhalten. Wäre ich dann noch der Einzelkämpfer gewesen, der ich heute bin? Hätte ich all das erreicht, auf das ich heute zufrieden zurückblicken kann? Sicherlich wäre die Schulzeit angenehmer verlaufen, vielleicht bleibt ja auch dir so manches erspart, was ich durchmachen musste. An dieser Stelle eine Bitte von mir: Verstecke dich nicht hinter deinem Autismus, aber schäme sich auch nicht dafür, versuche so viel wie möglich in deinem Leben zu erreichen und sei dir immer bewusst, was für ein besonderes Geschenk du mit deinem Anderssein erhalten hast. Versuche auch andere davon profitieren zu lassen. Es ist eine einzigartige Perspektive, die Menschen und ihre Verhaltensweisen sozusagen als Außenstehender betrachten zu können und mit ein bisschen Lebenserfahrung vielen Leuten wertvolle Ratschläge mitgeben zu können. Strecke dich danach aus, die Menschen besser zu verstehen, dann kannst du ihnen helfen, dich besser zu verstehen.

Autismus ist erstmal nur eine Diagnose, aber du entscheidest, was du daraus machst!

Herzliche Grüße

Johannes Lewke

Vom ausgegrenzt werden zum sich abgrenzen

Heute soll es mit dem bereits im letzten Beitrag angefangenen Themenkomplex „Mobbing“ weitergehen.

In der Schule war ich immer ein Außenseiter. Ich hatte keine wirklichen Freunde (die, welche was ich damals als Freunde bezeichnete, waren eigentlich vor allem solche, mit denen ich mich gut verstand, weil sie selbst Außenseiter waren) und eigentlich auch nicht das direkte Bedürfnis danach, wollte aber doch dazugehören und nicht ausgegrenzt sein.

Ich war eigentlich schon immer jemand, der die Dinge auf die eigene Weise machte und sich nicht so sehr von anderen reinreden ließ. Das kam sicher nicht bei allen gut an, besonders vor dem Hintergrund, dass sich die meisten Menschen eher in einer Mehrheitsmasse sicher fühlen und nicht wenige, um angenommen zu werden, ihre Individualität aufs Spiel setzen. Ich hatte nun ein Problem: ich wollte dazugehören, aber passte doch nicht hinein, da ich nicht bereit war, meine – verglichen mit den anderen – völlig andere Persönlichkeit und Individualität aufzugeben.

Mich unterschied allein schon in den Interessen so viel von den anderen, dass ich mich schließlich damit abfand, nicht zur „Gruppe“ dazugehören zu können (so etwas wie Einsamkeit habe ich ohnehin bis heute noch nie erlebt). Ich begann also nun, mich bewusst von den anderen abzugrenzen und definierte mich, ohne auch nur einen blassen Schimmer vom Asperger-Syndrom zu haben, in vielen Bereichen über dieses Anderssein. Ich stand also in einem solchen Maße offen zu meinen Interessen und Vorlieben, dass ich manchmal schon aufpassen musste, mich nicht als zu anders darzustellen, als ich es denn nun war, dort die Balance zu halten war gar nicht so einfach.

Nun fand ich mich zwar damit ab, nicht dazuzugehören, aber von anderen bewusst ausgegrenzt zu werden, war für mich noch immer schlimm und berührte deutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ich fing an mich zu fragen, warum die sich ausgerechnet mich als Opfer ausgesucht wurden. Heute habe ich, dank meiner Diagnose, die Antwort auf diese Frage.

Dennoch frage ich mich immer wieder, ob es möglich ist, zu einer Gruppe dazuzugehören und sich trotzdem seine volle Individualität zu bewahren. Ich merke heute zudem, dass ich mit den vielen Verbindlichkeiten, die zu einer solchen Gesellschaftsform gehören, überfordert wäre.

Eine Prägung für das ganze Leben

Heute will ich über ein sehr schwieriges Kapitel in meinem Leben schreiben, das Thema Mobbing und wie es mich geprägt hat.

Es gibt wohl kaum einen erwachsenen Autisten, der nicht schon mit dieser Thematik zu tun hatte. Bei mir ging es bereits im Kindergarten los und nahm bis zu fünften Klasse meiner Schulzeit immer weiter zu. Auch auf dem Gymnasium gehörte dies für mich – und zwar nicht nur in der eigenen Klasse – leider zum Alltag. Auch außerhalb der Schule hatte ich regelmäßig mit Mobbing zu tun. In der Oberstufe hörte es dann allmählich auf und ich wurde immerhin in Ruhe gelassen.

Aber es ist schon interessant, dass die anderen Kinder bereits im Kindergarten offensichtlich gemerkt haben, dass ich anders bin, auch mir war es schon irgendwie bewusst, ich definierte mich öfter darüber, dass ich eben nicht so „komisch“ bin, wie die anderen. Mit diesem Anderssein vermochten meine Mitschüler wohl nicht umzugehen. Ich bin heute auch so weit, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, mich an jenen zu rächen, was wohl ohnehin nicht möglich wäre, ich kann nun verstehen, warum sie so gehandelt haben, auch wenn ich es nicht gutheiße. Meine Diagnose war mir da eine Antwort auf viele Fragen.

Ich bin recht erstaunt, wenn ich heute betrachte, was ich damals alles für Strategien ausprobiert habe, um von den anderen nicht mehr gemobbt zu werden. Anfangs versuchte ich es mit der Konfrontation, also ich wehrte mich und rastete aus, das Problem war allerdings, dass ich mit meiner physischen Kraft gegen die anderen nicht anzukommen vermochte und kein Wutanfall meine Mitschüler daran hinderte, weiterzumachen, sie schienen mich ja genau dazu provozieren zu wollen. Später versuchte ich dann, ihre eigenen Waffen gegen sie einzusetzen. Ich nervte sie also bewusst, erzielte aber auch damit keinen Erfolg. Genauso wenig funktionierten Strategien wie das klassische „einfach ignorieren“ oder Argumente. Mir blieb also nur noch eins: es bis zum Ende durchzuhalten.

Bis vor kurzem habe ich mich noch gefragt, ob mir eine Menge Mobbing erspart geblieben wäre, hätte ich die Diagnose schon als Kind erhalten. Meine Mutter hatte ja bereits den Verdacht, dass ich Asperger haben könnte, als ich vier Jahre alt war. Aber wie sollte es anders sein, der Kinderarzt hatte eigentlich keine Ahnung von Autismus und sagte ihr, dass die Symptome für die Erfüllung der Kriterien des Asperger-Syndroms deutlich stärker sein müssten. Somit wurde der Verdacht vierzehn Jahre lang nicht weiter verfolgt.

Heute brauche ich mir diese Frage nicht mehr zu stellen, da ich nun weiß, dass ich in diesem Fall, wäre ich dann wirklich von Mobbing verschont geblieben, ein völlig anderer Mensch geworden wäre, nicht auf schwierige Situationen im Leben vorbereitet und wohl kaum alltagstauglich. Wahrscheinlich wäre ich mit der Welt da draußen so überfordert gewesen, dass ich mich völlig zurückgezogen hätte. Es mag makaber klingen, aber ich sollte wohl dankbar für diese Lektion meines Lebens sein, die wirklich eine tiefe Prägung in mir hinterlassen hat.

Natürlich habe ich es dadurch auch sehr schwer, anderen Menschen zu vertrauen und wenn, dann nur solchen, die ich gut kenne und die mich ebenso gut kennen. Gott ist der einzige, dem ich wirklich bedingungslos vertrauen kann, ohne ihn hätte ich die Schulzeit mitsamt dem Mobbing wohl nicht bis zum Abitur durchhalten können.

Eben diese Erfahrungen haben mich aber auch zum Einzelkämpfer gemacht, was sowohl Vor-, als auch Nachteile hat. Ich habe immer erst eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden, bis ich auf jemanden zugehen kann, wenn ich Hilfe benötige, andererseits bekomme ich viele Dinge selbst hin und lasse mich nicht so schnell entmutigen.

In der Tat bin ich jemand, der eigentlich nie aufgibt, ich erinnere mich da immer gerne an die fünfte Klasse. Am Ende des vierten Schuljahres hatte ich noch einen Notendurchschnitt von 3,6. Dann kam ich in die fünfte Klasse (das war damals noch ein Jahr Orientierungsstufe, ich ging in Niedersachsen zur Schule und gehörte zum ersten Jahrgang, der in zwölf Jahren das Abitur gemacht hat) und hatte das feste Ziel, auf das Gymnasium zu kommen, dazu würde allerdings ein Durchschnitt, der besser als 2,5 ist, gehören. Meine Muitter sagte mir, ich sollte mich doch mit der Realschule zufrieden geben, eine Gymnasialempfehlung wäre utopisch, doch ich hatte meinen festen Willen. Nach der fünften Klasse kam unser Jahrgang dann auf die weiterführenden Schulen und ich aufs Gymnasium, ich glaube mit einem Durchschnitt von 2,3 oder so ähnlich.

Vielleicht hätte ich ohne das Mobbing also kein Abitur gemacht und wäre nicht da, wo ich heute bin. In jeglicher Hinsicht ist es auf jeden Fall eine Prägung für das ganze Leben.