Ist das journalistische Präzision?

Letzte Woche saßen wir wieder einmal fassungslos vor den Nachrichten und mussten erneut erfahren, dass es wieder einen Amoklauf mit einer Menge Toten an einer Schule in den USA gegeben hat.
Nun, wir Autisten haben da ja schon so unsere Vorahnungen, welche Verlautbarungen da von den Medien wohl wieder zu hören sein werden – und schon ein paar Tage später wurde es hinausposaunt: „Autismus“

Speziell aufgefallen ist mir ein Nachrichtenartikel der ZEIT. Während in anderen Zeitungen/ Nachrichtenportalen nur davon die Rede ist, dass „eine Frau“ der Sun Sentinel (vom Format etwa mit der BILD-Zeitung vergleichbar) sagte, der Amokläufer hätte als Kind eine Autismus-Diagnose erhalten, was ja alles noch sehr relativ und vage klingt, ist sich die ZEIT völlig sicher:

Auch wurde bei dem Attentäter Autismus diagnostiziert, eine neurologische Erkrankung, die oft zu Isolation und Problemen im Umgang mit anderen Menschen führt, sowie die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS.

Dieser Satz mit exakt dem gleichen Wortlaut gibt es in dem Artikel gleich zweimal, aber sehen wir darüber mal hinweg. Sehen wir uns allerdings zum Vergleich den Satz an, der in vielen anderen Quellen zu finden ist, so zum Beispiel bei der WELT:

Eine Frau berichtete der Zeitung „Sun Sentinel“, bei Nikolas sei schon als Kind Autismus diagnostiziert worden.

Die ZEIT versucht also schon wieder, diese schreckliche Tat auf Kosten von Menschen mit Autismus und ADHS zu erklären? Ob er nun wirklich Autismus hat oder nicht ist völlig nebensächlich, denn das kann kein Grund für einen Amoklauf sein. Und hört sich das wirklich nach einem Autisten an, jemand, der begeistert Bilder von Waffen in Sozialen Netzwerken postet? Ich mache jedenfalls um Dinge wie Facebook, Twitter, Instagramm oder WhatsApp einen großen Bogen.

Die ZEIT hat mit ihrem Artikel eines erreicht – dass in den Köpfen der Leute die Vorurteile gegenüber Autisten weiter gefestigt werden. Die Zeitung hat wieder einmal dafür gesorgt, dass man Autisten auch weiterhin als gewalttätige, gefühlskalte Monster ansehen wird, die nach dem Willen mancher Leute vorsorglich weggesperrt gehören. Ist es das was ihr, die „Journalisten“ der ZEIT, wollt?

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Schublade „Autismus“

Es ist irgendwie eine unendliche Geschichte mit den Medien. In diesem Artikel prangt es bereits in der Überschrift: „Autismus“. Weiter geht es dann komischerweise so:

Es gibt in diesem Beruf Konstanten. Manche davon schätzt man, wie etwa die Pizza mittags in der Kantine, weil diese von allen dort angebotenen Gerichten am wenigsten der oft irrlichternden Kreativität der hier tätigen Speisenzubereiter unterworfen ist.

Hä? Bezug zur Überschrift? Gleich null! Oder ist Autismus jetzt ein Beruf? Für einen solchen bräuchte ich wohl keine Ausbildung mehr, oder? Aber genug des Sarkasmus.

Ich dachte mir, vielleicht steht ja auch etwas Sinnvolles zu dem Thema drin, aber nichts da! Der Artikel hat rein gar nichts mit Autismus zu tun. Der Begriff kommt im Text obendrein nur einmal vor:

[…] es geht um etwas anderes. Um eine bestimmte Form von Autismus.

Im folgenden wird dann beschrieben, dass in sechs verschiedenen (ich glaube Münchener) Theatern am gleichen Tag Premieren/ ein Gastspiel stattfinden soll. Diese Häufung von Theatervorstellungen, ob nun gewollt oder nicht, wird vom Autor als egoistisches Verhalten skizziert. Und das soll nun also „Autismus“ sein? Das hatten wir doch schon einmal.

Man kann mir so manches vorwerfen, auch, dass ich die Bedürfnisse anderer manchmal nicht von selbst erkenne, aber ein Egoist bin ich ganz sicher nicht! Da hat sich der Autor Egbert Tholl einfach nur auf Kosten eines kleinen Teils der menschlichen Bevölkerung einen halbwegs schlagkräftig klingenden Artikel zusammengezimmert und ist damit leider in die Fußstapfen einiger Artikelschreiber vor ihm getreten.

Wenn jemand in der Vergangenheit Chancen auf die Inklusion von Autisten zunichte gemacht hat, dann waren es meist die Medien, indem die Autismus-Spektrum-Störungen für reißerische Artikel missbraucht worden oder beispielsweise einem Amokläufer vorschnell Autismus angedichtet wurde. So etwas muss endlich aufhören!

Autisten – Zielscheibe der Medien?

„Das fängt ja gut an!“, denke ich nur. Da gibt es meinen Blog erst ein paar Stunden und schon muss ich über ein inzwischen leider sehr alltägliches Thema schreiben, was die Kategorie Autismus und Medien betrifft.

Soeben schaute ich einige Autismus-Blogs durch und stieß auf diesen aktuellen Beitrag von „Quergedachtes“ über den FOCUS-Artikel, der einen erneuten Amoklauf in den Vereinigten Staaten thematisiert.

Bereits im Radio hatte ich davon gehört und schon fast vermutet, dass bald wieder jemand dem Amokläufer post mortem Autismus attestieren würde. Genauso sollte es auch kommen.

Schon in der Überschrift heißt es: „…litt unter Autismus“Nachtrag: Die Überschrift ist leicht verändert worden, enthält aber noch immer „Autismus“.

Auf das Thema „unter Autismus leiden“ will ich jetzt nicht weiter eingehen, aber es ist doch erstaunlich, dass die in der Überschrift noch so absolute Aussage in den folgenden Zeilen schon wieder relativiert wird („Offenbar litt er aber auch unter einer Form des Autismus.“). War er also vielleicht doch kein Autist? Aber nein, die Medien wissen es ja besser.

Der Amokläufer soll, so der Artikel, sich von Mädchen zurückgewiesen gefühlt haben. Ich habe noch nie einen Autisten getroffen, der in einem so großen Maße an Frauen interessiert war, dass er auch schon mehrere Zurückweisungen erlebt hätte, aber ich kann ja nur von mir ausgehen. Auch dass er in der Vergangenheit durch Diebstahl aufgefallen sei, klingt so gar nicht nach einem Autisten.

Und selbst wenn er wirklich Autist gewesen ist – macht ihn das zum Amokläufer? An dieser Stelle empfehle ich einen Beitrag der Bloggerin „Autzeit“ über eben diese Thematik.

Festzustellen ist, dass Autisten immer wieder zur Zielscheibe der Medien gemacht werden, was deren Inklusion nicht gerade dienlich ist. Das zeigt sich schon im ersten Kommentar des FOCUS-Artikels, in dem auch der Amoklauf von Adam Lanza wieder ausgegraben wird: „Es gehörte bisher zum vermeintlichen Wissens-Kanon über das Thema Autismus, dass Autisten (zumal Asperger-Autisten) NICHT zu Gewalt und Kriminalität neigen. Nach diesem Fall erinnert man sich an den Amokläufer Adam Lanza, von dem es auch hieß er sei Autist gewesen. Muss man hier vielleicht mit alten Überzeugungen von der vermeintlichen Ungefährlichkeit von Autisten aufräumen?“

Ich bin ja schon froh, mal einen Kommentator zu sehen, der sämtliche Rechtschreibregeln beachtet, aber ansonsten muss ich, wenn man nach diesem Kommentar geht, wohl als Autist bald damit rechnen, wegen Gemeingefährlichkeit eingesperrt zu werden.

Nachtrag: Auch ein paar Autisten haben inzwischen den FOCUS-Artikel kommentiert und deutlich gezeigt, dass sie sich so etwas nicht gefallen lassen. Vielleicht bewegt sich ja bald etwas in dieser Sache.