Der Reiz des Lernens

Jeder Mensch hat es von Natur aus in sich, manche mehr, manche weniger. Es eine Eigenschaft, die uns von Tieren unterscheidet, das Bestreben, sein Wissen zu vergrößern, immer mehr zu lernen und neue oder unbekannte Dinge zu entdecken.
Bei mir ist das ganz besonders ausgeprägt, vielleicht finde ich deshalb Star Trek so „faszinierend“.

Schon als Kind bin ich immer gerne auf Entdeckungstour gegangen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, ob meine Eltern wollten oder nicht. Bis heute mache ich jedes Wochenende meine großen Fahrradtouren und versuche dabei Gebiete zu erkunden, wo ich noch nicht war. Das bedeutet natürlich, dass ich mit der Zeit immer weiter fahren muss, weil ich irgendwann alles kenne.

Ich bin aber auch ein klassischer „Faktensammler“. Ich weiß nicht, was zu Grundschulzeiten andere Kinder in meinem Alter so gelesen haben, aber bei mir waren es hauptsächlich Sachbücher.
Bis heute bin ich immer weiter am Lernen. Da ist es praktisch, dass es das Internet gibt. Ich stoße meinetwegen auf irgendetwas Unbekanntes, etwas das mir Fragen aufwirft, ein weggebaggertes Dorf, eine stillgelegte Bahnstrecke oder einfach eine Pflanze, die ich noch nicht kenne und sofort verspüre ich den intensiven Drang, alles darüber in Erfahrung zu bringen. Ich werde dann in jenen Bereichen innerhalb kurzer Zeit zum Experten.
Ich denke das ist es, wodurch sich übrigens ein Spezialinteresse von einem Hobby abgrenzen lässt, nur mal so am Rande für alle, die sich mit Asperger beschäftigen.

Als Gärtner-Lehrling muss ich bis zu meiner Abschlussprüfung eine bestimmte Anzahl von Pflanzen mit deutschem und botanischem Namen wissen und diese auch erkennen. Jene sind bei mir in einer Pflanzenliste mit fast 400 Stück zusammengefasst.
Für viele andere Auszubildende im Gartenbau ist das manchmal eine Last, aber ich habe richtig Freude daran, das alles auswendig zu lernen und die Pflanzen sämtlichst kennenzulernen, aber inzwischen kenne ich alle, also suche ich mir noch mehr Pflanzen, die nicht in der Liste stehen.
In der Berufsschule bin ich nicht nur als Einserkandidat, sondern auch als Pflanzenkenntnisexperte bei Schülern und vor allem Lehrern berüchtigt. Ich bin dort der einzige, der die Pflanzenkundeübungen gar nicht erwarten kann.

Das ist eben der Reiz des Lernens, der, wie ich vermute, bei Asperger-Autisten ganz besonders ausgeprägt ist, während bei Nichtautisten dann sicher der Gemeinschaftssinn stärker sein dürfte.

Allen Lesern einen fröhlichen Tag der Deutschen Einheit!

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Irgendwo zwischen naiv und rational

Uns Autisten sagt man gerne ein sehr rationales Verhalten und Denken nach. Dies dürfte wohl in den meisten Fällen so sein. Doch es gibt auch die andere Seite – eine geradezu kindliche Naivität.

Kürzlich las ich einen Nachrichtenartikel in dem es darum ging, dass Autisten gegenüber den Lockmitteln der Werbung durch ihr rationales Denken immun sind. Diese These würde ich nur bedingt unterschreiben.

Rationales Denken und Verhalten ist etwas, das, wohl durch meinen Autismus, ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Mein Handeln wird nicht von Emotionen kontrolliert, sondern mein Verstand kontrolliert in einem gewissen Maße die Emotionen. Beste Voraussetzungen also, um Werbung die kalte Schulter zeigen zu können.

Doch leider ist es nicht ganz so einfach, denn Werbebotschaften werden nicht mehr nur auf der emotionalen Ebene transportiert. Immer wieder werden irgendwelche Studien angeführt, welche die Wirksamkeit eines Produktes beweisen, mal kommen Ausdrücke wie „wissenschaftlich erwiesen“ zum Vorschein oder es lobt irgendein „Professor Dr. [schlau klingender Name]“, wie toll doch das im Fernsehen Angepriesene ist.

Dass dahinter eine betrügerische Masche steht, sind so manche Autisten nicht in der Lage zu sehen. Da kommt nämlich das Problem mit den Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen auf.
Was uns Autisten auf der einen Seite gegenüber Werbebotschaften auf der emotionalen Ebene immun machen kann, lässt uns wiederum leichter gegenüber wissenschaftlich eingekleideter Werbung anfällig werden.
Wer macht sich schon die Mühe, nachzusehen, ob es jene „wissenschaftliche Studien“ überhaupt gibt oder wie diese durchgeführt wurden?

Wunder Punkt

Während meiner Schulzeit hatten es meine Mitschüler sehr leicht, mich zum Ausrasten zu bringen. Sie wussten genau, womit sie mich aufstacheln konnten. Inzwischen haben es Leute schwer, bei mir einen wunden Punkt zu finden.

Ich würde behaupten, dass jeder Mensch irgendwo mindestens einen solchen wunden Punkt hat, der womöglich auch einen gemütsruhigen Menschen die Selbstbeherrschung verlieren lassen kann.
Wo man mich besonders kränken kann ist, wenn man mir vorwirft unzuverlässig, unordentlich, ungründlich, unpünktlich oder gar faul zu sein. Dadurch fühle ich mich dann besonders angegriffen, es sein denn, ich erkenne sofort, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Treffen diese Punkte in einer Situation aber doch mal zu, mache ich mir selbst mehr Vorwürfe als mein Gegenüber.
Alle diese Tugenden – Ordnung, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pünktlichkeit – würde ich als meine Stärken bezeichnen, typisch Asperger eben. Wenn also jemand auch noch im Recht damit ist, meine Stärken infrage zu stellen, wie würde es dann erst bei Dingen sein, die mir schwer fallen?
Rechtschreibung fiel mir schon immer leicht und Schreibfehler entdecke ich bei anderen meist sofort. Wenn aber mir tatsächlich mal einer unterläuft und der dann noch von anderen entdeckt wird, ist das für mich natürlich eine herbe Schmach.

Es ist halt doch so, dass ich mich sehr über meine Stärken definiere und wenn jemand das Fundament einreißt, was bleibt da noch?
Doch zum Glück geht ein Fundament nicht so schnell in die Brüche. Wo ich früher kaum Kritik zulassen konnte, ist es mir heute viel eher möglich, konstruktive Rückmeldungen anzunehmen, ich brauche sie sogar.
Bei Kritik, die nicht gerechtfertigt ist, kommt häufig noch immer meine Kämpfernatur zum Vorschein und ich fange an zu diskutieren, oder aber ich bemerke, dass diese nur dazu dient, mich schlecht zu machen oder aus der Reserve zu locken. Letzteres blockt meistens von mir ab.
Vieles, was früher für mich ein wunder Punkt war, ist es eben heute nicht mehr.

„Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

So lautet bei uns auf Arbeit eines unserer Mottos, um genau zu sein das vierte von insgesamt fünf. Angewendet wird der Satz bei uns eher in einem scherzhaftem Rahmen, aber er passt ganz gut zu meinem Leben.

Ich habe ja schon in manchen Beiträgen über meine Mobbingerfahrungen geschrieben und wie diese mich zu einem Einzelkämpfer gemacht haben, im positiven wie im negativen Sinne. Ich bin an sich damit zufrieden, dass ich mich durch viele Situationen so gut alleine durchschlagen kann und nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Es fällt mir dadurch aber auch schwer, von anderen Hilfe anzunehmen.

Wenn irgendjemand mir in einer Sache, lassen wir es nur eine Kleinigkeit sein, seine Hilfe anbietet, bin ich schnell dabei, gemäß dem obigen Motto zu reagieren. Ich habe sonst einfach das Gefühl, mein Gegenüber auszunutzen und will der Person keine Umstände machen (ganz zu schweigen davon, dass ein Abweichen von meinen eigenen Methoden für mich Stress bedeuten könnte). Wenn mich also jemand fragt, ob er oder sie mir beim Tragen eines sperrigen Gegenstands helfen soll, antworte ich tatsächlich oftmals:„ Ach, das geht schon so!“

Über viele Jahre war es so, dass ich quasi kaum Unterstützung in meinem Mobbingsituationen erfahren habe und es mir dadurch irgendwann nicht mehr möglich war, anderen Menschen zu vertrauen. Die Spuren davon finde ich heute noch in meinem Leben. Ich habe oft das Gefühl alleine besser zurechtzukommen als mit anderen Menschen. Die Tatsache ist jedoch, dass ich schon seit einigen Jahren verschiedene Menschen um mich habe, die mich unterstützen. Manchen davon und vor allem Gott selbst verdanke ich, dass ich heute vergleichsweise normal und unbeschwert leben kann.

So gerne ich ein Einzelkämpfer bin, es ist dann eben auch so, dass mich andere manchmal regelrecht dazu drängen müssen, ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ob sich das in meinem Leben jemals ändern wird? Ich weiß es nicht, aber bis dahin gilt für mich wohl das vierte Motto: „Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

Perfektionismus

Perfektionismus ist ein so negativ besetzer Begriff. Ich selbst habe wohl jede Menge davon und finde das manchmal sehr nützlich.

Ein Teil meiner Gärtnerausbildung beinhaltet auch das Pflastern, das wir auf einer speziellen Fläche gelegentlich üben. Mein größtes Problem ist dabei die Zeit, da ich extrem ordentlich und gründlich arbeite. Die kleinste Unebenheit versuche ich sofort auszugleichen. Ich könnte sonst das Ergebnis nicht nach außen hin vertreten.

Andererseits kann man sich durch meinen Perfektionismus auch gut auf mich verlassen. Irgendwo unpünktlich zu erscheinen wäre für mich absolut ausgeschlossen. Lieber rechne ich mir so viel Zeit ein, dass ich noch lange warten muss. Sollte ich doch mal unpünktlich sein, kommt das für mich einem Weltuntergang gleich.

Wenn ich Perfektion suche, dann sehe ich die in der Musik Johann Sebastian Bachs. Deshalb liegt mir sein Musikstil wohl auch so sehr, dass ich ihn ebenfalls für meine Kompositionen verwende. Es ist einfach beeindruckend, wie die Motive ineinander verschlungen sind und doch alles wunderbar zusammenpasst.

Es war mal vor einiger Zeit bei der Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz, dass wir am Schluss ausgemacht haben, als nächstes das Thema „Perfektionismus“ durchzunehmen. Die (nichtautistische) Moderatorin der Gruppe schrieb dann aber versehentlich „Perfektismus“ an das Flipchart, was natürlich sofort unser aller Aufmerksamkeit erregte.

Aber warum wird eigentlich Perfektionismus so negativ gesehen? Es ist ja nicht so, als gäbe es das nur bei Autisten. Eigentlich ist Perfektion doch etwas Gutes. Da jedoch kein Mensch perfekt ist, wird das Streben danach offenbar als Übertreibung, Anmaßung oder Überheblichkeit gesehen.

Andererseits ist es einem Chef wohl am liebsten, bei der Arbeit ein perfektes Ergebnis abgeliefert zu bekommen. Man stelle sich vor, der Vorgesetzte sagt zum Arbeitsauftrag, dass die Arbeit unvollkommen erledigt werden soll.

Ich würde behaupten, dass das Streben nach Perfektion in der Natur des Menschen liegt. Wenn diese Eigenschaft allerdings im Alltag offen zutage tritt, stört das viele Menschen offenbar. Ich selbst bin gerne ein perfektionistischer Mensch, alles andere wäre für mich selbst schon Nachlässigkeit.

Kategorien und Schubladen

Normalerweise verbindet man den Begriff „Schubladendenken“ ja vor allem mit einer negativen Voreingenommenheit, wie sie uns Autisten gegenüber schon in so manchem Medienartikel zu finden war. Aber eigentlich haben wir dieses Denken doch selbst, wenn auch unvoreingenommener.

Irgendwie trifft das in gewissem Maße auf jeden Menschen zu, aber insbesondere wir Autisten teilen unser Umfeld und die Personen, denen wir begegnen gerne in Kategorien ein, weil uns das beim Verstehen der Menschen und Situationen unseres Alltags hilft. Ich stelle mir das gerne so vor, dass ich mir über die Jahre so eine Art Datenbank angelegt habe. Diese hilft mir zum Beispiel, menschliches Verhalten vorauszusehen und zu verstehen, wo mir ansonsten das Einfühlungsvermögen fehlt. Ich kann inzwischen gut nachvollziehen, warum ein Mensch in einer bestimmten Weise reagiert, weil ich einschätzen kann, in welche Kategorie er gehört und welche Verhaltens- und Denkmuster zugrunde liegen.

Es ist uns Autisten eigen, einen Blick für Systeme und Regelmäßigkeiten zu haben. Obwohl Menschen aus meiner Sicht oft unberechenbar und irrational sein können, zeigt sich in deren Verhalten doch ein gewisses Muster. Dieses lässt sich als Grundlage nehmen um Menschen oder eine Situation zu analysieren.

Leute beobachten und analysieren, das ist etwas, das ich schon viele Jahre automatisch tue. Ich brauche das, um alles um mich herum einordnen zu können. Nur so weiß ich, wie ich mit meinem Gegenüber interagieren kann. Leute einordnen? Ja, ich sortiere Menschen in Schubladen ein, wie ich sie einzuschätzen habe, wie sie auf mich reagieren würden, wie deren politische Ansichten zu einem bestimmten Thema sein könnten, welchen Charakter sie haben…

Wenn man Menschen so in Schubladen einsortiert, ist immer die Gefahr da, dass man sich irrt und manchen Personen damit Unrecht tut, man hat ja schließlich nur die eigene subjektive Perspektive. Daher bin ich sehr vorsichtig damit, meine „gesammelten Daten“ nach außen zu tragen oder gleich als Tatsache hinzustellen. Trotzdem hat sich in vielen Fällen herausgestellt, dass ich bei meinen Einschätzungen richtig lag, zum Beispiel auch wenn es um Autismusdiagnosen ging.

Schubladendenken ist an sich etwas völlig Normales. Problematisch wird es erst, wenn eine Kategorie in der falschen Schublade ist und der Schrankinhaber sich partout weigert, umzusortieren.

Das Gefühl von Sicherheit…

…könnte ich manchmal wirklich gut gebrauchen, sei es an unbekannten Orten, in neuen Situationen oder auch bei Zugfahrten. Ich stelle mir da selbst immer wieder Fragen, ob ich denn auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, ob ich auch alles mitgenommen habe, was ich brauche, ob ich auch wirklich nicht irgendeinen Termin vergessen haben könnte oder ob ich denn auch im richtigen Zug in die richtige Richtung sitze und auch wirklich vorher eine Fahrkarte gebucht habe. Erst wenn ich diese Fragen für mich hundertprozentig beantwortet habe, kann sich allmählich das Gefühl der Sicherheit einstellen.

In einem Großteil der Fälle erweisen sich diese Befürchtungen als völlig unbegründet und ich wäre weniger angespannt, wenn ich stattdessen „einfach drauf los marschieren“ würde, wie es scheinbar die Nichtautisten tun. Doch dabei besteht dann die Gefahr, dass tatsächlich etwas schief läuft. Ich versuche dann manchmal eine Balance zwischen beidem zu finden.

Ein Gefühl der Unsicherheit habe ich auch vor der Gegensprechanlage einer verschlossenen Haustür. Erwische ich wirklich die richtige Person am anderen Ende? Versteht der- oder diejenige, was ich von ihm/ ihr will? Finde ich dann im Treppenhaus die richtige Eingangstür?

Diese Art von Unsicherheit bestimmt noch immer einen großen Teil meines Alltages und vielleicht wird dies auch immer so bleiben. Hätte ich immer dieses Fundament, dieses Gefühl der Sicherheit, es wäre vieles einfacher.

Die nächsten zwei Wochen ist es dann wieder so weit. Ich werde im Zug auf dem Weg zur Berufsschule sitzen und erst ein paar Minuten nach der Abfahrt ist dann die Anspannung verflogen und ich kann mich wieder an mein Notenprogramm setzen.

Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Als Autist in der Gesellschaft: Loyalität

Es ist mal wieder Zeit für eine Themenreihe, diesmal soll es um das Leben als Autist in der Gesellschaft gehen. Den Anfang macht das Thema „Loyalität“.

Uns Autisten sagt man ja des öfteren nach, wir seien egoistisch und hätten nichts übrig für die Belange, Sorgen und Nöte anderer Menschen. Ich muss gestehen, dass ich oft nicht sehe, was mein Gegenüber gerade braucht und bei Gefühlsausbrüchen anderer manchmal etwas hilflos daneben stehe und nicht so recht weiß, was ich nun eigentlich tun soll. Doch würde sich ein Egoist über so etwas überhaupt Gedanken machen? Er würde wahrscheinlich weitergehen und sich denken: „Ist mir doch egal!“

Was ich jedoch bei mir selbst erlebe und auch bei anderen Asperger-Autisten beobachten konnte, dass Loyalität anderen und vor allem Autoritätspersonen gegenüber einen hohen Stellenwert hat. Zum Beispiel verhalte ich mich Lehrern gegenüber loyal, weil ich sie auch als Autoritätsperson ansehe.

Das kam bei meinen Mitschülern nicht immer gut an, bei manchen Lehrern ironischerweise auch nicht. Während meine Klassenkameraden manchmal das Gefühl hatten, ich würde mich bei meinem Physiklehrer der Noten wegen einschleimen wollen, als ich ihm regelmäßig beim Abbauen der Geräte half, kamen (und kommen, wie ich in meiner ersten Berufsschulwoche merken konnte) manche Lehrer offenbar nicht gut damit zurecht, dass ich mich übermäßig mündlich beteiligte, nicht nur um meine oft nur mäßigen schriftlichen Leistungen auszugleichen, sondern auch, um den Unterricht voranzubringen. In der Berufsschule höre ich nun öfter so etwas wie: „Johannes, lass doch die anderen auch mal ran.“ Das ist leichter gesagt als getan. Ich muss also, wenn ich etwas zum Unterricht beizutragen habe, es ab und zu vermeiden, mich zu melden, aber gleichzeitig darauf achten, mich nicht zu wenig zu melden und trotzdem den Unterricht voranzubringen. Aber was tut man nicht alles für das Wohl anderer.

Es wäre mir auch nie eingefallen es meinen Mitschülern gleichzutun, als sie nur wenig Respekt gegenüber der durchsetzungsschwachen Englischreferendarin in der zehnten Klasse zeigten. Sie mag sich nicht so gefühlt haben, aber sie hatte für mich dennoch die Position einer Autoritätsperson. Dennoch gibt es Lehrer, die offenbar mir gegenüber misstrauisch waren, weil ich eben nicht das typisch pubertäre, rebellische Verhalten, wie es in dem Alter „normal“ gewesen wäre, an den Tag legte.

Meine Loyalität anderen gegenüber äußert sich auch in Form von Verlässlichkeit. Sich einfach krank zu melden, um sich einen freien Tag zu machen war und bleibt für mich immer ausgeschlossen und wenn ich nicht zu Schul- oder Arbeitsbeginn anwesend war, musste irgendetwas mit mir passiert sein. Für mich ist Pünktlichkeit immer selbstverständlich gewesen, für so manch anderen leider nicht. Ich habe mich aber auch nur selten getraut, die zu spät kommenden Personen explizit darauf anzusprechen, das wäre für mich einfach zu unhöflich und bloßstellend gewesen.

Vielleicht bin ich ja nur zu sehr in der ostdeutschen Mentalität verwurzelt, aber ich denke, mein Asperger hat doch eine Menge damit zu tun.