Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

Schulprojekt „Verrückt – Na und?“

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, in einer Gesamtschule in Greiz einen Projekttag zusammen mit zwei Mitarbeitern aus dem Betreuungsteam meines Ausbildungsbetriebes auszugestalten. Ich habe mich bereits im Vorfeld sehr darauf gefreut, denn ich konnte den Schülern (etwa fünfzehn aus den Klassen 8-10) etwas über Autismus, Mobbing und meine Erfahrungen damit erzählen.

Der Projekttag stand unter dem Hauptthema „seelische Gesundheit“ und war in drei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Teil ging es ums „Verrücktsein/ verrückt sein“, sowie um psychische Erkrankungen bei Prominenten. Nach einer Pause ging es in die Gruppenarbeit. Jede Gruppe musste anschließend ihre Ergebnisse in irgendeiner Form präsentieren und die Mitschüler mit einbinden.

Im dritten Teil kam für die Schüler dann die große Überraschung. Ich hatte mich ja bis dahin eher aus dem Hintergrund heraus unterstützend eingebracht und wirkte beabsichtigenderweise, als würde ich wie meine beiden „Kollegen“ im sozialen Bereich arbeiten. Dementsprechend konnte sogar ich das Erstaunen in den Gesichtern der Schüler sehen, als ich dann über mich als Autisten und meine Erfahrungen mit dem Thema Mobbing berichtete. Eigentlich bin ich ja jemand, der Dinge bis ins Detail planen muss, aber hier konnte ich ohne Probleme frei reden und es hat mir auch Spaß gemacht.

Ich habe von den Schülern im Anschluss wunderbare und ermutigende Rückmeldungen erhalten. Insgesamt waren sie wirklich sehr interessiert und haben gut mitgearbeitet. Einzelne schienen richtig wissbegierig in Bezug auf das Thema seelische Gesundheit zu sein.

Nun werde ich vermutlich öfter mal für solche Projekte angefragt werden. Ich würde so etwas jedenfalls jederzeit wieder machen. Vielleicht ist das ja der Auftakt zu einer möglichen Tätigkeit als Referent über Autismus?

Vom ausgegrenzt werden zum sich abgrenzen

Heute soll es mit dem bereits im letzten Beitrag angefangenen Themenkomplex „Mobbing“ weitergehen.

In der Schule war ich immer ein Außenseiter. Ich hatte keine wirklichen Freunde (die, welche was ich damals als Freunde bezeichnete, waren eigentlich vor allem solche, mit denen ich mich gut verstand, weil sie selbst Außenseiter waren) und eigentlich auch nicht das direkte Bedürfnis danach, wollte aber doch dazugehören und nicht ausgegrenzt sein.

Ich war eigentlich schon immer jemand, der die Dinge auf die eigene Weise machte und sich nicht so sehr von anderen reinreden ließ. Das kam sicher nicht bei allen gut an, besonders vor dem Hintergrund, dass sich die meisten Menschen eher in einer Mehrheitsmasse sicher fühlen und nicht wenige, um angenommen zu werden, ihre Individualität aufs Spiel setzen. Ich hatte nun ein Problem: ich wollte dazugehören, aber passte doch nicht hinein, da ich nicht bereit war, meine – verglichen mit den anderen – völlig andere Persönlichkeit und Individualität aufzugeben.

Mich unterschied allein schon in den Interessen so viel von den anderen, dass ich mich schließlich damit abfand, nicht zur „Gruppe“ dazugehören zu können (so etwas wie Einsamkeit habe ich ohnehin bis heute noch nie erlebt). Ich begann also nun, mich bewusst von den anderen abzugrenzen und definierte mich, ohne auch nur einen blassen Schimmer vom Asperger-Syndrom zu haben, in vielen Bereichen über dieses Anderssein. Ich stand also in einem solchen Maße offen zu meinen Interessen und Vorlieben, dass ich manchmal schon aufpassen musste, mich nicht als zu anders darzustellen, als ich es denn nun war, dort die Balance zu halten war gar nicht so einfach.

Nun fand ich mich zwar damit ab, nicht dazuzugehören, aber von anderen bewusst ausgegrenzt zu werden, war für mich noch immer schlimm und berührte deutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ich fing an mich zu fragen, warum die sich ausgerechnet mich als Opfer ausgesucht wurden. Heute habe ich, dank meiner Diagnose, die Antwort auf diese Frage.

Dennoch frage ich mich immer wieder, ob es möglich ist, zu einer Gruppe dazuzugehören und sich trotzdem seine volle Individualität zu bewahren. Ich merke heute zudem, dass ich mit den vielen Verbindlichkeiten, die zu einer solchen Gesellschaftsform gehören, überfordert wäre.

Eine Prägung für das ganze Leben

Heute will ich über ein sehr schwieriges Kapitel in meinem Leben schreiben, das Thema Mobbing und wie es mich geprägt hat.

Es gibt wohl kaum einen erwachsenen Autisten, der nicht schon mit dieser Thematik zu tun hatte. Bei mir ging es bereits im Kindergarten los und nahm bis zu fünften Klasse meiner Schulzeit immer weiter zu. Auch auf dem Gymnasium gehörte dies für mich – und zwar nicht nur in der eigenen Klasse – leider zum Alltag. Auch außerhalb der Schule hatte ich regelmäßig mit Mobbing zu tun. In der Oberstufe hörte es dann allmählich auf und ich wurde immerhin in Ruhe gelassen.

Aber es ist schon interessant, dass die anderen Kinder bereits im Kindergarten offensichtlich gemerkt haben, dass ich anders bin, auch mir war es schon irgendwie bewusst, ich definierte mich öfter darüber, dass ich eben nicht so „komisch“ bin, wie die anderen. Mit diesem Anderssein vermochten meine Mitschüler wohl nicht umzugehen. Ich bin heute auch so weit, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, mich an jenen zu rächen, was wohl ohnehin nicht möglich wäre, ich kann nun verstehen, warum sie so gehandelt haben, auch wenn ich es nicht gutheiße. Meine Diagnose war mir da eine Antwort auf viele Fragen.

Ich bin recht erstaunt, wenn ich heute betrachte, was ich damals alles für Strategien ausprobiert habe, um von den anderen nicht mehr gemobbt zu werden. Anfangs versuchte ich es mit der Konfrontation, also ich wehrte mich und rastete aus, das Problem war allerdings, dass ich mit meiner physischen Kraft gegen die anderen nicht anzukommen vermochte und kein Wutanfall meine Mitschüler daran hinderte, weiterzumachen, sie schienen mich ja genau dazu provozieren zu wollen. Später versuchte ich dann, ihre eigenen Waffen gegen sie einzusetzen. Ich nervte sie also bewusst, erzielte aber auch damit keinen Erfolg. Genauso wenig funktionierten Strategien wie das klassische „einfach ignorieren“ oder Argumente. Mir blieb also nur noch eins: es bis zum Ende durchzuhalten.

Bis vor kurzem habe ich mich noch gefragt, ob mir eine Menge Mobbing erspart geblieben wäre, hätte ich die Diagnose schon als Kind erhalten. Meine Mutter hatte ja bereits den Verdacht, dass ich Asperger haben könnte, als ich vier Jahre alt war. Aber wie sollte es anders sein, der Kinderarzt hatte eigentlich keine Ahnung von Autismus und sagte ihr, dass die Symptome für die Erfüllung der Kriterien des Asperger-Syndroms deutlich stärker sein müssten. Somit wurde der Verdacht vierzehn Jahre lang nicht weiter verfolgt.

Heute brauche ich mir diese Frage nicht mehr zu stellen, da ich nun weiß, dass ich in diesem Fall, wäre ich dann wirklich von Mobbing verschont geblieben, ein völlig anderer Mensch geworden wäre, nicht auf schwierige Situationen im Leben vorbereitet und wohl kaum alltagstauglich. Wahrscheinlich wäre ich mit der Welt da draußen so überfordert gewesen, dass ich mich völlig zurückgezogen hätte. Es mag makaber klingen, aber ich sollte wohl dankbar für diese Lektion meines Lebens sein, die wirklich eine tiefe Prägung in mir hinterlassen hat.

Natürlich habe ich es dadurch auch sehr schwer, anderen Menschen zu vertrauen und wenn, dann nur solchen, die ich gut kenne und die mich ebenso gut kennen. Gott ist der einzige, dem ich wirklich bedingungslos vertrauen kann, ohne ihn hätte ich die Schulzeit mitsamt dem Mobbing wohl nicht bis zum Abitur durchhalten können.

Eben diese Erfahrungen haben mich aber auch zum Einzelkämpfer gemacht, was sowohl Vor-, als auch Nachteile hat. Ich habe immer erst eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden, bis ich auf jemanden zugehen kann, wenn ich Hilfe benötige, andererseits bekomme ich viele Dinge selbst hin und lasse mich nicht so schnell entmutigen.

In der Tat bin ich jemand, der eigentlich nie aufgibt, ich erinnere mich da immer gerne an die fünfte Klasse. Am Ende des vierten Schuljahres hatte ich noch einen Notendurchschnitt von 3,6. Dann kam ich in die fünfte Klasse (das war damals noch ein Jahr Orientierungsstufe, ich ging in Niedersachsen zur Schule und gehörte zum ersten Jahrgang, der in zwölf Jahren das Abitur gemacht hat) und hatte das feste Ziel, auf das Gymnasium zu kommen, dazu würde allerdings ein Durchschnitt, der besser als 2,5 ist, gehören. Meine Muitter sagte mir, ich sollte mich doch mit der Realschule zufrieden geben, eine Gymnasialempfehlung wäre utopisch, doch ich hatte meinen festen Willen. Nach der fünften Klasse kam unser Jahrgang dann auf die weiterführenden Schulen und ich aufs Gymnasium, ich glaube mit einem Durchschnitt von 2,3 oder so ähnlich.

Vielleicht hätte ich ohne das Mobbing also kein Abitur gemacht und wäre nicht da, wo ich heute bin. In jeglicher Hinsicht ist es auf jeden Fall eine Prägung für das ganze Leben.