Irgendwo zwischen naiv und rational

Uns Autisten sagt man gerne ein sehr rationales Verhalten und Denken nach. Dies dürfte wohl in den meisten Fällen so sein. Doch es gibt auch die andere Seite – eine geradezu kindliche Naivität.

Kürzlich las ich einen Nachrichtenartikel in dem es darum ging, dass Autisten gegenüber den Lockmitteln der Werbung durch ihr rationales Denken immun sind. Diese These würde ich nur bedingt unterschreiben.

Rationales Denken und Verhalten ist etwas, das, wohl durch meinen Autismus, ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Mein Handeln wird nicht von Emotionen kontrolliert, sondern mein Verstand kontrolliert in einem gewissen Maße die Emotionen. Beste Voraussetzungen also, um Werbung die kalte Schulter zeigen zu können.

Doch leider ist es nicht ganz so einfach, denn Werbebotschaften werden nicht mehr nur auf der emotionalen Ebene transportiert. Immer wieder werden irgendwelche Studien angeführt, welche die Wirksamkeit eines Produktes beweisen, mal kommen Ausdrücke wie „wissenschaftlich erwiesen“ zum Vorschein oder es lobt irgendein „Professor Dr. [schlau klingender Name]“, wie toll doch das im Fernsehen Angepriesene ist.

Dass dahinter eine betrügerische Masche steht, sind so manche Autisten nicht in der Lage zu sehen. Da kommt nämlich das Problem mit den Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen auf.
Was uns Autisten auf der einen Seite gegenüber Werbebotschaften auf der emotionalen Ebene immun machen kann, lässt uns wiederum leichter gegenüber wissenschaftlich eingekleideter Werbung anfällig werden.
Wer macht sich schon die Mühe, nachzusehen, ob es jene „wissenschaftliche Studien“ überhaupt gibt oder wie diese durchgeführt wurden?

Liebster-Blog-Award

Vor kurzem wurde ich von autcry für den „Liebster-Blog-Award“ nominiert.

1. Gedanke: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt.

2. Gedanke: Muss man da nicht auch jemanden nominieren?

Also schaute ich auf autcry’s Blog nach, was dort in dem Beitrag über die eigene Nominierung so steht. Und da sah ich dann folgendes:

3. Gedanke: Ich muss ja auch Fragen beantworten.

4. Gedanke: Ich sollte einen Blogbeitrag darüber schreiben.

Nun, die Fragen zu beantworten dürfte noch machbar sein, aber zur Sicherheit wollte ich mich noch einmal generell über die Hintergründe des „Liebster-Blog-Awards“ informieren. Also schnell in eine gewisse Suchmaschine eingetippt, doch zu meiner Verwunderung fand ich nicht eine offizielle Homepage zu diesem Nominierungswettbewerb, stattdessen nur Einträge auf anderen Blogs/ Seiten, wo über beispielsweise über die eigene Nominierung geschrieben wurde oder über eigene Ansichten zum „Liebster-Blog-Award“. Manche erklärten auch, wie das ganze Prozedere abläuft. Man nominiert quasi seinen „Lieblingsblog“, das ganze soll der Vernetzung untereinander dienen.

5. Gedanke: Oh Schreck, ich muss elf weitere Blogger nominieren?

6. Gedanke: Auch das noch, es sollen welche sein, die noch nicht nominiert worden sind? Wie stellen die sich das eigentlich vor? Ich als kontaktaufnahmescheuer Asperger-Autist soll also einen Haufen Blogs abklappern, bis ich mal elf Nominierungen zusammen habe? Und dann soll ich mir für die noch elf Fragen überlegen und die müssen dann auch wieder elf nominieren und…

7. Gedanke: Es scheint wohl keine offizielle Seite zu geben, auf der die Regeln des „Liebster-Blog-Award“ festgeschrieben sind, also kann ich es auch vor mir selbst verantworten, wenn ich niemanden nominiere.

Auf manchen Seiten ist wiederum von fünf zu Nominierenden mit unter 3000 Aufrufen und zehn Fragen die Rede, was für ein Chaos!

Die an mich gestellten Fragen beantworte ich natürlich gerne, alles andere würde mich aber überfordern. Autcry stellte mir also folgende Fragen (die Antwort kommt immer gleich darunter):

1. Glaubst Du an Wiedergeburt oder an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass ich nach diesem Leben bei Gott sein werde und alles Leid und alle Sorgen aufhören werden.

2. Welche Eigenschaft oder Stärke schätzt Du an Dir am meisten?

Meine Zielstrebigkeit und Ausdauer.

3. Magst Du lieber den Sommer oder den Winter?

Natürlich den Winter (und das als Gärtner). Ich liebe Schnee und fahre selbst da noch Fahrrad.

4. Falls Du mit der Harry-Potter-Reihe vertraut bist: Wenn Du Schüler/in in Hogwarts wärst, in welchem Haus sähest Du Dich am ehesten?

Ich habe keine Ahnung von Harry Potter und verstehe nicht, warum viele Leute so darauf abfahren.

5. Gab es eine Situation, in der Du einmal richtigen Mut bewiesen hast?

Als ich mit kaputter Gangschaltung eine Fahrradtour über den Elstergebirgskamm bis nach Tschechien und wieder zurück gemacht habe, obwohl manche das wohl eher für Verrücktheit halten würden.

6. Wenn Du die Macht hättest, irgendetwas gesetzlich verbieten zu lassen, was wäre dies?

Abtreibung.

7. Gibt es irgendeine (berühmte) Persönlichkeit, die Du gerne einmal treffen würdest?

Johann Sebastian Bach.

8. Angenommen, Du könntest die Zeit zurückdrehen, was würdest Du in Deinem bisherigen Leben ändern?

Ich würde nichts ändern, weil auch die schwierigen Zeiten in meinem Leben mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin.

9. Wenn Du einen Tag lang unsichtbar sein könntest, was würdest Du mit dieser Fähigkeit anfangen?

Ich würde in fremden Gärten nach Mammutbäumen und Zedern suchen oder mich in eine Konzertaufführung von Ludwig Güttler schleichen.

10. Siehst Du Dich als einen spirituellen Menschen, und wenn ja, was bedeutet Spiritualität für Dich?

Ich würde vielleicht nicht den Begriff „Spiritualität“ gebrauchen, aber ja! Für mich bedeutet das eine lebendige Beziehung zu Gott.

Ein Fehler, der korrigiert werden muss?

Das Thema ABA ist ja unter uns Bloggern mit Autismus momentan in aller Munde, besonders bei Innerwelt und Quergedachtes die sich sogar die Mühe gemacht haben, sich in einer Gesprächsrunde den Vertretern dieser sogenannten „evidenzbasierten Verhaltenstherapie“ zu stellen.

Jene ABA-Verfechter kommen gerne mit positiven Erfahrungsberichten der Eltern von autistischen Kindern, welche diese Therapie mitgemacht haben (oder durchmachen mussten). Umso erfreuter war ich, als ich mir die Kommentare eines Medienartikels durchlas, dessen Autorin offenbar viel von ABA hält. Aber zunächst zu dem Artikel selbst.

Er kommt vom Schweizer Rundfunk (SRF) und ist, so weit ich das sehen konnte, Teil einer Sendereihe über Frühkindlichen Autismus. Als erstes werden die wahrgenommenen Defizite von Kindern mit Frühkindlichem Autismus aufgeführt (sie können nicht sprechen, wollen keinen Kontakt mit anderen Menschen, sind aggressiv…).

Natürlich gibt es für die besorgten und verzweifelten Eltern auch eine Lösung, hier nennt sie sich „Frühförderung durch Verhaltenstherapie“, was ja erst mal gar nicht schlecht klingt. Doch es dürfte wohl gewollt sein, dass man nicht gleich ABA dahinter erkennt.

Am Ende des Artikels steht es dann im kursiv Gedruckten:

Es handelt sich um eine frühe verhaltenstherapeutische Intervention (FIVTI), basierend auf der angewandten Verhaltensanalyse («Applied Behavior Analysis»).

Natürlich musste gleich noch hinzu, dass die Behandlungserfolge „belegt“ sind.

Meine Frustration legte sich jedoch schnell wieder, als ich die Kommentare las, die ersten zwei geschrieben von Müttern, die über ihre Kinder mit Frühkindlichem/ Asperger-Autismus berichteten und dabei so gar nicht zu den gegenüber ABA sonst so positiven Erfahrungsberichten mancher Eltern passen. Die beiden schreiben, dass ihre Kinder Fortschritte machten, als sie so angenommen wurden, wie sie waren bzw. sie für ihr Kind gekämpft haben. Das zu lesen hat mich wirklich ermutigt.

Auch die übrigen Kommentatoren entlarven das, was in diesem Artikel als harmlose Frühförderung dargestellt wird, als ABA und scheuen sich nicht, zu schreiben, was diese Art der Therapie mit Kindern macht.

Ich wünschte, die ABA-Therapeuten, die meinen, Autismus wäre ein Fehler, der korrigiert werden muss, würden sich jene Kommentare mal durchlesen, um diese andere Sichtweise auch mal von Eltern zu hören.

Schublade „Autismus“

Es ist irgendwie eine unendliche Geschichte mit den Medien. In diesem Artikel prangt es bereits in der Überschrift: „Autismus“. Weiter geht es dann komischerweise so:

Es gibt in diesem Beruf Konstanten. Manche davon schätzt man, wie etwa die Pizza mittags in der Kantine, weil diese von allen dort angebotenen Gerichten am wenigsten der oft irrlichternden Kreativität der hier tätigen Speisenzubereiter unterworfen ist.

Hä? Bezug zur Überschrift? Gleich null! Oder ist Autismus jetzt ein Beruf? Für einen solchen bräuchte ich wohl keine Ausbildung mehr, oder? Aber genug des Sarkasmus.

Ich dachte mir, vielleicht steht ja auch etwas Sinnvolles zu dem Thema drin, aber nichts da! Der Artikel hat rein gar nichts mit Autismus zu tun. Der Begriff kommt im Text obendrein nur einmal vor:

[…] es geht um etwas anderes. Um eine bestimmte Form von Autismus.

Im folgenden wird dann beschrieben, dass in sechs verschiedenen (ich glaube Münchener) Theatern am gleichen Tag Premieren/ ein Gastspiel stattfinden soll. Diese Häufung von Theatervorstellungen, ob nun gewollt oder nicht, wird vom Autor als egoistisches Verhalten skizziert. Und das soll nun also „Autismus“ sein? Das hatten wir doch schon einmal.

Man kann mir so manches vorwerfen, auch, dass ich die Bedürfnisse anderer manchmal nicht von selbst erkenne, aber ein Egoist bin ich ganz sicher nicht! Da hat sich der Autor Egbert Tholl einfach nur auf Kosten eines kleinen Teils der menschlichen Bevölkerung einen halbwegs schlagkräftig klingenden Artikel zusammengezimmert und ist damit leider in die Fußstapfen einiger Artikelschreiber vor ihm getreten.

Wenn jemand in der Vergangenheit Chancen auf die Inklusion von Autisten zunichte gemacht hat, dann waren es meist die Medien, indem die Autismus-Spektrum-Störungen für reißerische Artikel missbraucht worden oder beispielsweise einem Amokläufer vorschnell Autismus angedichtet wurde. So etwas muss endlich aufhören!

Ein Jahr „Echt anders“

Heute ist es so weit: Mein Blog wird ein Jahr alt. Am 25. Mai 2014 schrieb ich meine ersten drei Beiträge (siehe Archiv). Seitdem wurde mein Blog über 4000 mal aufgerufen. Der Beitrag mit den meisten Aufrufen ist bisher „Neurotypische Alltagsfloskeln“ mit 146 Aufrufen.

Zur Feier des Tages habe ich mal einige der Suchbegriffe herausgesucht, durch welche die Leute so hierher gefunden haben (ja ich weiß, andere haben das auch schon gemacht 🙂 ). Auch wenn meistens nur „Unbekannte Suchbegriffe“ angezeigt wurde, ist doch ein bisschen was zusammengekommen.

Der häufigste Suchbegriff (fünf mal) ist bisher „visuell denkende Menschen“, zu jenen zähle ich mich ja auch. Es gab noch einige andere Suchbegriffe zu demselben Thema. Obwohl visuell denkende Menschen unabhängig von Behinderungen oder ähnlichem überall auf der Welt verteilt sind, ist ihr Anteil bei Autisten, ADHSlern, Hochbegabten usw. doch um einiges höher, als bei „normalen“ Menschen. Ich habe selbst schon zwei Beiträge zum Thema „visuelles Denken“ geschrieben (I, II)

Natürlich gibt es auch die ganz klassischen Suchbegriffe, die auf jeden Fall zu meinem Blog geführt haben müssen: „echt anders wordpress“ und „echtanders wordpress“

Einige witzige sind natürlich auch dabei, und so manche waren damit auf meinem Blog wohl nicht an der richtigen Stelle.

„unsichtbar werden in echt“: Reise doch einfach ins 24. Jahrhundert, im Star Trek-Universum ist das Lieutenant Commander Geordi LaForge und Fähnrich Ro Laren schon passiert ;). Mit sozialer Unsichtbarkeit habe ich aber schon so meine Erfahrungen gemacht…

„hast dich gut gehalten für dein alter englisch“: You have worn well concerning your age! Gern geschehen!

„autist treten fahrrad“: Hä? Ein Autist tritt ein Fahrrad? Ah, ein Autist tritt beim Fahrrad in die Pedale. Und was ist daran so besonders?

„chorprobe nonverbal“: Eine nonverbale Chorprobe? Singen per Gedankenübertragung? Wahrscheinlich ging es der Person eher um die noverbalen Signale, die beim Singen zum Beispiel durch die Mimik mit ausgesandt werden. Meine Chorleiterin hat mir bei der Probe schon manchmal gesagt, ich würde „immer so grimmig gucken“…

„neurotypische sind dumm“: Es gibt sowohl Autisten, als auch neurologisch-typische Menschen, die, gänge man nur nach dem Intelligenzquotienten, durchaus als dumm zu bezeichnen wären. Aber dumme Menschen auf der einen und schlaue auf der anderen Seite? Was sollte sich Gott dabei denn gedacht haben?

Auch einige berechtigte Fragen, die ich natürlich gerne beantworten will, sind unter den Suchbegriffen dabei.

„visuell denkende menschen haben probleme gesprächen zu folgen“: Das muss nicht zwangsläufig der Fall sein, es kann aber zusätzlich eine aufmerksamkeitseinschränkende Beeinträchtigung wie ADHS vorliegen. Ansonsten kann es vorkommen, dass ein visuell denkender Mensch sich während eines Gesprächs etwas bildlich vorstellt und dem Gespräch nicht mehr folgen kann, weil er oder sie eventuelles Lachen unterdrücken muss :).

„neigen autisten zum diebstal“: Es mag sicherlich auch Autisten geben, die in Bezug auf Eigentumsdelikte straffällig werden, Diebstahl ist allerdings für einen Autisten eher untypisch, da die meisten von uns sehr darauf bedacht sind, Gesetze genauestens zu befolgen.

„man kann nicht einkaufen asperger“: Das stimmt, Asperger kann man wirklich nicht im Supermarkt kaufen. Aber wahrscheinlich ist die Frage eher, ob ein Asperger-Autist in der Lage ist, einen Einkauf zu tätigen. Ich bin das lebende Beispiel, ich gehe mindestens ein bis zwei Mal in der Woche einkaufen, aber einfach ist es nicht immer (siehe Beitrag) und es mag auch Autisten geben, die mit dem Einkaufen tatsächlich überfordert sind.

„sind autisten egoistisch“: Siehe mein Beitrag zu dem Thema.

„asberger kalt ohne wärme mitgefühl“: Eines der vielen Klischees über Asperger-Autisten. Auf die meisten Menschen mögen sie kalt und gefühllos wirken, dem ist aber keineswegs so. Sogar Mitleid können wir empfinden und Vulkanier sind wir auch nicht. Wo andere sich in einen Menschen hineinversetzen, bleibt uns eben nur der Verstand.

„impfung autismus ausgeschlossen“: Dem ist tatsächlich so. Obwohl es mehrfach durch die Wissenschaft widerlegt wurde, dass Imfungen eine Ursache für Autismus sein könnten, gibt es besonders in den USA noch immer eine breite Masse, die an diesem Mythos festhält.

„reizüberflutung ähnlich stromschläge“: Ja, so ähnlich fühlt es sich für mich an, wenn mich jemand leicht berührt oder versucht zu umarmen. So etwas kann bei mir tatsächlich zur Reizüberflutung führen.

„ist karl lagerfeld ein autist“: Da ich kein Arzt bin, fehlt mir natürlich die Berechtigung eine Diagnose zu stellen. Er sagt aber selbst über sich, er hätte Asperger, eine Diagnose hat er aber nicht. So bleibt mir nur zu sagen, er könnte Autist sein oder auch nicht.

Allen Lesern noch einen gesegneten Pfingstmontag!

Autismus – zwei Sichtweisen

Es gibt viele Perspektiven, Herangehensweisen und Meinungen in Bezug auf das Thema „Autismus“. Auf zwei Artikel im Internet bin ich gestoßen, die bei eine sehr unterschiedliche Sicht auf das Thema darstellen.

Kommen wir zum ersten Artikel aus dem FOCUS: Schon die Überschrift sagt so einiges. Das berühmte „an Autismus leiden“ ist wieder da. Ich als Autist kann die von außen aufgedrückte Erfahrung des „Leidens“ so nicht bestätigen, es sind eher bestimmte Arten von Leuten, unter denen Menschen wie ich leiden, aber gut, erst mal weiter im Text.

Offenbar wurde eine Studie des US-Verteidigungsministerium von 2008 veröffentlicht, nach der Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, das Asperger-Syndrom haben soll. Sein angeblicher Hang zu extremer Kontrolle wird dafür als Beleg herangezogen.

Als wäre das noch nicht alles, kommt es nun noch schlimmer:

Demnach leide Putin am Asperger-Syndrom […]. Alle seine Entscheidungen seien davon beeinflusst […].

Und da sind wir wieder bei der altbekannten Thematik „Autismus und Amokläufe“. Wie oft wurde insbesondere von Seiten der Autisten darauf hingewiesen, dass man Autismus nicht als Erklärung und oder gar Entschuldigung für einen Amoklauf heranziehen kann. Das gleiche ist es auch hier. Angenommen, Putin hätte Asperger, wäre es nicht nur blödsinnig, sondern vor allem Autisten gegenüber diskriminierend zu sagen, der Autismus hätte bedeutende Einflüsse auf seine außenpolitischen Entscheidungen, würde sie geschweige denn alle beeinflussen. Hier wird vielmehr versucht, Autismus pauschal in Zusammenhang mit negativen Eigenschaften zu bringen und diese damit zu erklären.

Genau dies ist eine Haltung die in besonderem Maße der Inklusion schadet. Genau wie es Vor- und Nachteile gibt, neurotypisch zu sein, ist dies auch beim Autismus nicht anders.

Einen deutlichen Unterschied (und zwar im positiven Sinne) macht der zweite Artikel:

Erst mal denkt man bei der Überschrift und dem ersten Teil des Textes vielleicht, dass es hier nur wieder darum geht, irgendwelche Ursachen für Autismus zu finden und daraufhin skurrile Heilmittel zu entwickeln, aber nichts da. Als die Autorin, eine Mutter die über ihren autistischen Sohn schreibt, die Ursache für den Autismus ihres Kindes erzählt, formuliert sie es folgendermaßen:

Jack hat Autismus weil, wie sein fünfjähriger Bruder Henry es ausdrückt, er damit geboren wurde.

Das ist schon mal eine überraschende Wendung im Text. Jene Mutter schreibt weiter, dass es zwar interessant wäre, zu wissen, woher Autismus kommt, für sie aber vielmehr feststeht, dass ihr Sohn so ist, wie er sein soll.

Genau das ist es was ich bewundernswert finde. Eine Frau, die durch eine offensichtlich Autism Speaks-verwandte Lobby mit Gerüchten, Vermutungen und Theorien über die Ursache von Autismus bombardiert wird und dennoch selbst sieht und verteidigt, dass ihr autistisches Kind so bleiben kann wie es ist.

Dennoch setzt sie sich auch mit den schwierigen Kapiteln im Alltag auseinander und beschönigt oder verteufelt nichts. Ich denke, das ist ein Umgang mit Autismus, aus dem jeder von uns wohl etwas lernen kann.

Nun schließe ich meinen Beitrag mit dem Schlusszitat des Textes:

Er ist genauso, wie er sein soll.

Inselbegabungen – wann kapieren es die Medien?

Neulich sah ich im Rahmen der ARD-Themenwoche zur Toleranz im MDR-Fernsehen einen kurzen Beitrag über einen Asperger-Autisten, der in einer Software-Firma arbeitet. Kenne ich doch alles schon, dachte ich mir, aber trotzdem schön, dass es so etwas für Autisten gibt, deren Spezialinteresse in diesem Bereich liegt.

Dann ging es weiter: „Dank seiner Inselbegabung ist er in der Lage sämtliche Fehler in der Programmierung zu erkennen.“ Es ist ja schön, dass er das kann und somit sicher unglaublich wertvoll für die Firma ist, aber mit einer Inselbegabung hat das absolut nichts zu tun. Ich bezweifle, dass jener Asperger-Autist überhaupt inselbegabt ist, ob eine Hochbegabung vorliegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Ja, Autisten sind in der Lage, Systeme und Muster zu erkennen, sie sehen meist eher die Details, als das Gesamtbild und bemerken so auch schnell Unregelmäßigkeiten oder Fehler. Sehen wir uns aber mal die Definition der Inselbegabung in der Wikipedia an: „Die Inselbegabung, auch Savant-Syndrom genannt, ist das Phänomen, dass Menschen, die eine kognitive Behinderung oder eine anderweitige (häufig tiefgreifende) Entwicklungsstörung aufweisen, sehr spezielle außergewöhnliche Leistungen in einem kleinen Teilbereich („Inseln“) vollbringen können. 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten.“ Und sicher auch noch wichtig zu erwähnen: „Zurzeit sind weltweit etwa 100 Menschen bekannt, die man nach dieser Unterteilung als erstaunliche Savants bezeichnen kann.“

Recherchiert man weiter, ergibt sich das Bild, dass bei einer Inselbegabung meist signifikante Einschränkungen in bestimmten Bereichen des Gehirns zu Überentwicklungen in anderen Bereichen führen, ich denke, so lassen sich Hoch- und Inselbegabung gut voneinander abgrenzen.

Dennoch sprechen Medien bei „herkömmlichen“ Autisten immer wieder von einer Inselbegabung. Tun sie dies aus Unwissenheit, Sensationslust oder beidem? Ich weiß es nicht, bitte aber die Journalisten darum, sich bitte besser zu informieren, bevor sie über Autismus und Autisten berichten. Es ist schon so viel falsches gesagt worden, was sich in den Köpfen der Leute festgesetzt hat. Und genau so können Vorurteile entstehen.

Sind Autisten Egoisten?

Dieses Thema ist eigentlich überfällig, da man als Autist häufig schon von klein auf nach außen hin egoistisch wirkt und sich rechtfertigen muss. Doch könnte im autistischen Gehirn vielleicht etwas ganz anderes vor sich gehen?

Die Saarbrücker Zeitung hat nun einen Artikel veröffentlicht, der für meinen Teil ziemlich an dem, was ich persönlich erlebe, vorbeigeht.

In den Beitrag berichtet ein Asperger-Autist, wie er persönlich die Welt sieht. Liest sich jemand, der sich mit Autisten nicht bestens auskennt, also die Mehrheit der Weltbevölkerung, den Text durch kommt die Person zu dem Schluss: „Autisten sind egoistisch und arrogant. Sie halten sich für etwas besseres und wollen nichts mit anderen Menschen zu tun haben.“

Einige Zitate dieses 29-jährigen Mannes mit dem Asperger-Syndrom wurden zum besten gegeben. Angefangen beim Titel: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums [.]“ Entsetzen kommt wohl auch bei diesem Zitat auf: „Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior.“ (für die Nicht-Lateiner: „homo excelsior“ bedeutet „höherer Mensch“).

Die Autorin hat offensichtlich von diesem (möglicherweise bewusst ausgesuchtem) Autisten auf die gesamte „Spezies“ geschlossen, außerdem wird Autismus als Krankheit angesehen. Den weiteren Inhalt des Beitrages brauche ich nicht wiederzugeben, er ist ja oben verlinkt. Vielmehr will ich versuchen zu erklären, wie ich persönlich die Thematik „Autismus und Egoismus“ erlebe.

Häufig wurde mir rückgemeldet, ich würde egoistisch oder arrogant wirken. Andererseits war ich in der Schule bekannt als derjenige, welcher den anderen immer die Türen aufgehalten hat. Mein Problem ist, dass ich kaum in der Lage bin, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und so nur unzureichend deren Bedürfnisse sehen kann. Ist man deswegen egoistisch? Gibt es nicht einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können? Mir ist es sehr wichtig, dennoch auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, so weit mir das möglich ist. Das ist natürlich anstrengend und manchmal habe ich das Gefühl, bestimmte Menschen wollen es gar nicht wahrnehmen, wenn ich in diesem Bereich Fortschritte mache. Dennoch bin ich durchaus in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Passt das zu einem egoistischen Menschen? Dann ist da noch der Vorwurf der Arroganz. Ich sage es gleich: ich sehe mich gegenüber anderen Menschen nicht als überlegen an. Trotzdem scheine ich manchmal auf andere so zu wirken, wenn ich bei einem Thema gerade so richtig in Fahrt bin und sämtliche Einzelheiten präsentiere. Manche Leute denken dann, ich will nur meine Intelligenz zur Schau stellen, was aber ganz und gar nicht meine Intention ist. Ich nehme lediglich die nonverbalen Signale nicht wahr, wenn mein Gegenüber bestimmte Dinge eigentlich gar nicht hören will.

Um wieder zum Artikel zurückzukommen, ich bitte die Autorin darum, sich vor dem Schreiben solcher Texte näher mit dem Thema zu befassen und nicht zuerst in die Klischeeschubladen zu schauen. Es mag Autisten geben, die nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen, der überwiegende Teil fühlt aber völlig anders. Genauso gibt es auch einige autistische Menschen, die verheiratet sind und Kinder haben. Kann man denen noch vorwerfen, sie würden nichts von Liebe halten oder kein Interesse an anderen Menschen haben?

Sehr erschüttert bin ich auch über völlig unzutreffende und als Tatsachen hingestellte Behauptungen wie: „Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen.“ Fast der gesamte Text sorgt dafür, dass wir Autisten noch mehr verachtet und ausgegrenzt werden, er schadet in erheblichem Maße der Inklusion. Ist es das, was damit erreicht werden soll? Falls nicht, wäre mir sehr daran gelegen, wenn es eine Richtigstellung geben würde.

Autismus als Spielball von Medien und Gesellschaft

Ich glaube ich kann froh sein, dass wir in Deutschland eine derartige Diskussion nicht haben, aber in den Vereinigten Staaten scheint gerade ein Streit im Gange zu sein, bei dem es zwar um Autisten geht, der ihnen aber sicher mehr schadet als nützt.

Gerade stieß ich auf diesen Nachrichtenartikel vom Samstag. Er greift eine Debatte auf, die man eigentlich längst zu den Akten legen könnte, aber die leider immer wieder ausgegraben wird. Es geht um die Behauptung, dass Autismus durch Impfungen verursacht werden könnte. Schaut man im Wikipedia-Artikel zu Autismus unter dem Abschnitt „Schäden durch falsche Impfung/Impfstoffe“, sieht man, dass diese These haltlos ist, aber dazu später.

Offenbar hat CNN vor kurzem das berichtet, was in Deutschland offenbar viel eher akzeptiert wird, als in den USA: dass Impfungen als Ursache von Autismus ausgeschlossen werden können. Dagegen wehren sich nun eine Reihe von Eltern autistischer Kinder. Jene fühlen sich offenbar im Stich gelassen und starten Aufrufe auf YouTube. Sie kehren dabei den Inhalt des CNN-Berichtes um und sagen: „Impfungen verursachen Autismus“.

Zu dem Artikel selbst kann man sagen, dass die Überschrift allein schon Bände spricht, wenn der CNN-Bericht als „Propaganda“ und deshalb automatisch als „pro impfen“ angesehen wird. Es zeigt sich deutlich, wie die Autoren des Textes sich in dieser Sache positioniert haben und dass sie die ganze Debatte offensichtlich als einen Kampf zwischen der Pharmaindustrie und Eltern betroffener Kinder sehen. Ich bezweifle jedoch eine direkte Einflussnahme von Pharmaziekonzernen auf den CNN-Bericht.

Die Nebenwirkungen bestimmter Impfungen zu leugnen wäre vermessen, es besteht aber, wie man immer wieder feststellen konnte, kein Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen, was man schon daran sehen kann, dass man nicht als Kind erst autistisch wird sondern es von Geburt an ist. Es gibt zwar Fälle, in denen sich ein Kind im ersten Lebensjahr noch annähernd normal entwickelt und erst dann Symptome des Autismusspektrums zeigt, ich behaupte jedoch, dass auch jene Kinder bereits autistisch geboren wurden, denn ein Gehirn kann sich nicht „mit der Zeit“ selbst anders verdrahten.

Vielmehr sticht unter den Ursachen vor allem die genetische Komponente heraus. Viele Autisten haben jemanden in der Familie – womöglich sogar ein Elternteil – , der oder die ebenfalls autistisch ist.

Mein Anliegen ist nicht, zu beweisen, dass Autismus nicht von Impfungen herrührt, ich sehe viel mehr ein größeres Problem, was das Thema Autismus in der Öffentlichkeit betrifft. Immer wieder muss ich leider beobachten, dass Autisten den Medien häufig dazu dienen, Einschaltquoten oder Verkaufszahlen zu erhöhen, da wird dann schnell mal ein Amokläufer oder ein gefallener Politiker zum vermeintlichen Autisten.

Hier sind es jene zuvorgenannten Eltern, welche dieses Thema ausschlachten und dabei Autismus als Krankheit, Seuche und Fremdkörper darstellen. Damit richten sie möglicherweise einen verheerenden Schaden an, da nun Autisten vielleicht noch eher als krank und unzurechnungsfähig angesehen werden. Das könnte somit auch die Problematik „Autismus und Arbeitslosigkeit“ noch weiter verschärfen.

Mir ist nicht daran gelegen, generell Eltern autistischer Kinder anzuklagen, ich wünsche vielmehr denen, die solche Aufrufe gestartet haben, dass sie im Alltag die Unterstützung und Entlastung erhalten können, die sie brauchen. Vielleicht sind jene dann auch in der Lage, die positiven Seiten des Autismus zu sehen.

Und den Medien kann ich nur sagen: Ich wünsche mir endlich eine faire Berichterstattung über Autisten!

Mithilfe von Google Autismus „behandeln”?

Soeben fand ich diesen Nachrichtenartikel. Es ist ja schon länger bekannt, dass – durch europäische Augen gesehen – in den Vereinigten Staaten so manches Seltsames vor sich geht, was ich aber in diesem Artikel lesen musste, hat mir glatt die Sprache verschlagen. Google ist demnach kürzlich mit der US-Organisation „Autism Speaks“, die bereits mit zweifelhaften Aktionen und Kommentaren, mit denen die Darstellung von Autismus als Krankheit, die geheilt werden müsste, verbreitet wurde, von sich reden gemacht hat, eine Kooperation eingegangen. Es sollen die Genome von mehr als zweitausend Familien, in denen es Autisten gibt, in einer Datenbank gespeichert werden. Ich musste das mehrmals lesen, um mich zu vergewissern, dass ich es auch richtig verstanden habe, umso entsetzter bin ich. Warum Google? Nun ein solcher Internetriese besitzt riesige Datenbanken und Server, ich frage mich allerdings, wie Autism Speaks das finanzieren will. Vermutlich aus Spendengeldern, die eigentlich zum Wohle der Autisten gesammelt wurden und nicht, um diese irgendwann mittels der Genetik auszurotten. Fakt ist, dass man Autismus nicht „heilen“ kann und das ist auch ganz gut so, immerhin ist es keine Krankheit. Man könnte höchstens, zum Beispiel durch Abtreibung, versuchen, sämtliche Autisten umzubringen, was ich davon halte, dürfte klar sein. Sehr passend zu diesem Thema ist nebenbei dieser Blogbeitrag von „Quergedachtes“. Schade finde ich übrigens, dass im Artikel nur eine Sicht dargestellt wird, nicht eine Zeile, wo Autisten (oder Menschen, die tatsächlich auch für jene sind) zu Wort kommen, es scheint nur die Meinung zu geben, dass Autismus eine Krankheit sei und geheilt werden müsse. Auf dieser Seite ist übrigens auch ein YouTube-Video eingebunden, welches Autism Speaks vorstellt. Dort bezeichnet die Mitgründerin dieser Organisation, Suzanne Wright, Autismus als Epidemie, ich denke das allein spricht schon Bände. Demnach dürfte ziemlich deutlich sein, dass Autism Speaks nicht das Ziel hat, Autisten zu unterstützen und zu fördern, sondern Autismus zu „behandeln“, was schlicht und einfach nicht möglich ist, auch nicht für ein mächtiges Unternehmen wie Google!

Siehe auch der Beitrag von Quergedachtes zu diesem Thema.