Liebster-Blog-Award

Vor kurzem wurde ich von autcry für den „Liebster-Blog-Award“ nominiert.

1. Gedanke: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt.

2. Gedanke: Muss man da nicht auch jemanden nominieren?

Also schaute ich auf autcry’s Blog nach, was dort in dem Beitrag über die eigene Nominierung so steht. Und da sah ich dann folgendes:

3. Gedanke: Ich muss ja auch Fragen beantworten.

4. Gedanke: Ich sollte einen Blogbeitrag darüber schreiben.

Nun, die Fragen zu beantworten dürfte noch machbar sein, aber zur Sicherheit wollte ich mich noch einmal generell über die Hintergründe des „Liebster-Blog-Awards“ informieren. Also schnell in eine gewisse Suchmaschine eingetippt, doch zu meiner Verwunderung fand ich nicht eine offizielle Homepage zu diesem Nominierungswettbewerb, stattdessen nur Einträge auf anderen Blogs/ Seiten, wo über beispielsweise über die eigene Nominierung geschrieben wurde oder über eigene Ansichten zum „Liebster-Blog-Award“. Manche erklärten auch, wie das ganze Prozedere abläuft. Man nominiert quasi seinen „Lieblingsblog“, das ganze soll der Vernetzung untereinander dienen.

5. Gedanke: Oh Schreck, ich muss elf weitere Blogger nominieren?

6. Gedanke: Auch das noch, es sollen welche sein, die noch nicht nominiert worden sind? Wie stellen die sich das eigentlich vor? Ich als kontaktaufnahmescheuer Asperger-Autist soll also einen Haufen Blogs abklappern, bis ich mal elf Nominierungen zusammen habe? Und dann soll ich mir für die noch elf Fragen überlegen und die müssen dann auch wieder elf nominieren und…

7. Gedanke: Es scheint wohl keine offizielle Seite zu geben, auf der die Regeln des „Liebster-Blog-Award“ festgeschrieben sind, also kann ich es auch vor mir selbst verantworten, wenn ich niemanden nominiere.

Auf manchen Seiten ist wiederum von fünf zu Nominierenden mit unter 3000 Aufrufen und zehn Fragen die Rede, was für ein Chaos!

Die an mich gestellten Fragen beantworte ich natürlich gerne, alles andere würde mich aber überfordern. Autcry stellte mir also folgende Fragen (die Antwort kommt immer gleich darunter):

1. Glaubst Du an Wiedergeburt oder an ein Leben nach dem Tod?

Ja, ich glaube, dass ich nach diesem Leben bei Gott sein werde und alles Leid und alle Sorgen aufhören werden.

2. Welche Eigenschaft oder Stärke schätzt Du an Dir am meisten?

Meine Zielstrebigkeit und Ausdauer.

3. Magst Du lieber den Sommer oder den Winter?

Natürlich den Winter (und das als Gärtner). Ich liebe Schnee und fahre selbst da noch Fahrrad.

4. Falls Du mit der Harry-Potter-Reihe vertraut bist: Wenn Du Schüler/in in Hogwarts wärst, in welchem Haus sähest Du Dich am ehesten?

Ich habe keine Ahnung von Harry Potter und verstehe nicht, warum viele Leute so darauf abfahren.

5. Gab es eine Situation, in der Du einmal richtigen Mut bewiesen hast?

Als ich mit kaputter Gangschaltung eine Fahrradtour über den Elstergebirgskamm bis nach Tschechien und wieder zurück gemacht habe, obwohl manche das wohl eher für Verrücktheit halten würden.

6. Wenn Du die Macht hättest, irgendetwas gesetzlich verbieten zu lassen, was wäre dies?

Abtreibung.

7. Gibt es irgendeine (berühmte) Persönlichkeit, die Du gerne einmal treffen würdest?

Johann Sebastian Bach.

8. Angenommen, Du könntest die Zeit zurückdrehen, was würdest Du in Deinem bisherigen Leben ändern?

Ich würde nichts ändern, weil auch die schwierigen Zeiten in meinem Leben mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin.

9. Wenn Du einen Tag lang unsichtbar sein könntest, was würdest Du mit dieser Fähigkeit anfangen?

Ich würde in fremden Gärten nach Mammutbäumen und Zedern suchen oder mich in eine Konzertaufführung von Ludwig Güttler schleichen.

10. Siehst Du Dich als einen spirituellen Menschen, und wenn ja, was bedeutet Spiritualität für Dich?

Ich würde vielleicht nicht den Begriff „Spiritualität“ gebrauchen, aber ja! Für mich bedeutet das eine lebendige Beziehung zu Gott.

Fragen ohne zuzuhören?

Letzten Donnerstag war ich mit meinem Chef aus dem Praktikum unterwegs zum Pflanzengroßhandel, um etwas Heidekraut für den Verkauf der Gärtnerei zu besorgen. Da ich nun einige Wochen nicht dort war, fragte er mich sogleich, wie denn meine Lehrgänge liefen.

„Wie hat’s dir den da gefallen?“, „Wie viele wart ihr denn da?“, „Warst du da im Internat?“, alles Fragen, die ich gerne beantworte, besonders gerne berichte ich über meine vielen Fahrradtouren von dort, nur muss ich in meine Antwort ja beide Lehrgänge, die auch noch an verschiedenen Orten waren, einbeziehen, aber alles kein Problem ließe er mich denn auch ausreden.

Immer wieder unterbrach er mich, indem er die nächste Frage stellte (in etwa so, wie er auch Arbeitsanweisungen gibt). Da frage ich mich als autistisch-denkender Mensch natürlich: Hat der mir denn eigentlich zugehört?

Nun, ich neige natürlich dazu, sehr auf Details einzugehen, weil sie mir wichtig erscheinen und insgesamt sehr ausführlich zu berichten.

Dennoch frage ich mich: Wie viel von dem, was ich gesagt habe, hat er auch behalten?

Erklärungsnot

In Situationen, bei denen es um Kontaktaufnahme geht, komme ich meist in Erklärungsnot, sei es bei einem Anruf, bei der Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis, bei der Anmeldung in Ämtern oder auch beim Schreiben einer E-Mail.

All dies ist mit Kontaktaufnahme verbunden und die größte Schwierigkeit für mich ist vor allem, erst mal mein Anliegen zu schildern. Habe ich dann endlich meine lange vorformulierten Sätze Wort für Wort über die Lippen gebracht, kommen manchmal noch Rückfragen. Mit manchen kann ich im Voraus rechnen, von anderen werde ich völlig überrumpelt und bringe dann nur noch schwer ein Wort heraus, weil ich entweder nicht weiß, was ich antworten soll oder mir nicht einmal klar ist, was mein Gegenüber von mir will.

Besonders ungünstig ist es, wenn mich die Person, der ich mein Anliegen schildern will, inmitten meines vorformulierten Satzes unterbricht und ich so den Faden verliere. Dann komme ich wirklich in Erklärungsnot.

Das sind Dinge, die natürlich bei der Kommunikation per E-Mail nicht passieren können, weshalb dies für mich noch eines der kleinsten Übel ist. Umso schwieriger ist für mich aber dementsprechend das Telefonieren.

Ich kann noch eher damit umgehen angerufen zu werden. Zwar habe ich da erst mal die Ungewissheit, wer da nun am anderen Ende ist, wenn das Telefon klingelt, aber ich brauche nicht selbst mein Anliegen zu schildern. Anders ist das, wenn ich selbst anrufen muss und immer im Hinterkopf ist auch die Angst, etwas Falsches zu sagen oder einfach nicht mehr weiter zu wissen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es vermeide, zum Arzt zu gehen, nicht nur aufgrund meiner robusten Konstitution, sondern vor allem, weil ich gar nicht weiß, was ich an der Anmeldung sagen soll.

Ich bin es sonst gewöhnt, auf mich gestellt zu sein, aber in solchen Fällen bin ich doch froh, dass es Menschen gibt, die mir sagen können, wie ich dort mein Anliegen zu schildern habe.

Als Autist in der Gesellschaft: Freundschaft

Als nächstes in der Themenreihe: das Thema Freundschaft.

Ich kann von mir selber sagen, wahrscheinlich noch nie so wirklich erfahren zu haben, was Freundschaft mit Menschen eigentlich bedeutet. In meiner Schulzeit gab es außer Mobbing auch Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das war es, was ich damals unter Freundschaft verstanden habe. Ich bekam natürlich mit, dass andere aus meiner Klasse sich regelmäßig verabredeten und viel miteinander unternahmen, doch irgendwie fehlte mir der Zugang dazu, noch wäre es für mich eine Überforderung gewesen, mich so oft mit anderen Leuten zu treffen, warum wusste ich damals noch nicht. Jemanden so nah an mich heranzulassen würde bei mir auch bedeuten, dass ich der Person gegenüber ziemlich sozial unbeholfen wäre, gerade bei sehr emotionalen Menschen.

Heute meine ich etwas besser zu wissen, was Freundschaft bedeutet. Man unternimmt nicht nur etwas miteinander (vorausgesetzt die räumliche Nähe ist auch gegeben), man kann miteinander auch über alles reden und zusammen lachen, verbirgt seine Gefühle nicht voreinander, gibt einander auch konstruktive Kritik und ist dem oder der anderen vor allem treu und loyal. Die letzteren beiden Punkte und das wären für mich kein Problem, ansonsten hätte ich bei dem meisten so meine Schwierigkeiten.

Es scheint wohl als wäre ich nicht wirklich für Freundschaft geschaffen, aber ich vermisse es auch nicht, was natürlich nicht heißt, dass ich mich nicht freuen würde, wenn sich so etwas doch mal entwickeln sollte.

In der Gesellschaft hört man immer wieder den Begriff „falsche Freunde“. Das ist leider ein sehr reales Phänomen und da wir Autisten häufig etwas naiver sind als andere Menschen, können wir umso schneller in etwas reingeraten. Unter „falschen Freunden“ versteht man Leute, die vorgeben jemandes Freund zu sein, aber eigentlich nur im Sinn haben, die Person auszunutzen oder gar auszubeuten. Oftmals erkennt man solche Menschen leider erst hinterher, wenn es zu spät ist, indem sie sich in schlechten Zeiten von einem abwenden. Ein wahrer Freund trägt dich auch durch die schweren Kapitel deines Lebens. Ganz exemplarisch ist da in der Bibel natürlich der Psalm 23:

„[…] Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir […].“

Ich kann wissen, wenn mich die ganze Welt im Stich lässt, Gott wird es nicht. Für mich ist er ein wahrer Freund. Auch wenn nie einen Menschen als Freund haben sollte, ich habe meinen Vater im Himmel.

Aber zurück zu den falschen Freunden. Wie erkennt man einen wahren Freund? Er oder sie wird sich für dich Zeit nehmen und auch Schwächen von sich selbst preisgeben. Das würde ein falscher Freund wohl kaum machen.

Wie ist es eigentlich, einen Autisten als Freund zu haben? Geht das überhaupt? Ich würde behaupten: Ja! Sicherlich würde er nicht viel über seine Gefühle sprechen, da ihm da ein bisschen der Zugang fehlt, sondern stattdessen sehr rational bleiben, auch mit dem getröstet werden wäre es schwierig, aber man hätte einen sehr treuen und loyalen Menschen zum Freund, der einen nicht ohne einen triftigen Grund im Stich lassen würde.

Redewendungen und Ironie

Christine Preißmann, eine Ärztin mit dem Asperger-Syndrom, die auch Vorträge hält, erzählte vor einiger Zeit von einem Kongress, auf dem der Dozent davon sprach, dass in jenem Ort um 18:00 Uhr „die Bordsteine […] hochgeklappt“ würden. Sie nahm diese Redewendung wörtlich und erkundigte sich sogleich dieses „Vorgangs“.

Ein häufiges Problem unter Autisten ist, dass Redewendungen oft wörtlich genommen werden, obwohl sie anders gemeint sind. Auch ich gehe dieser Problematik oftmals „auf den Leim“. Was „jemandem einen Bären aufbinden“ bedeutet, weiß ich inzwischen, beim „erweisen eines Bärendienst“ dachte ich noch bis vor kurzem, das Gegenteil wäre gemeint, also zu jemandes Unterstützung kräftig anpacken, da ein Bär ja stark ist, aber nichts da. Die Bedeutung ist vollkommen gegensätzlich. Wie man darauf kommen soll? Da hilft wohl nur, eine Redewendung nach der anderen zu lernen.

Es ist quasi Segen und Fluch zugleich, dass ich in Bildern denke. Was Redewendungen angeht ist es oftmals nachteilig, da ich mir so bestimmte Dinge bildlich vorstelle, die eigentlich im übertragenen Sinne gemeint sind.

Ironie kann für uns Autisten leider ebenfalls „zum Fallstrick werden“. Ich verwende diese Form der Kommunikation selbst gelegentlich, da ich es für ein gutes Mittel zur Auflockerung eines verbalen Dialogs halte (auch wenn manche, die es mit der Psychologie etwas übertreiben, behaupten, wer Ironie verwende, wäre nicht in der Lage, normal zu kommunizieren). Leider erkenne ich es oftmals nicht, wenn jemand Ironie verwendet, sodass ich dann genau das Gegenteil des Gemeinten verstehe. Auch umgekehrt kommt es vor, dass andere nicht merken, wenn ich „ironisiere“ und denken dann ebenfalls, ich würde das Gesagte so meinen.

Jene „anderen“ sind nicht etwa Autisten wie ich, die Probleme mit der Erkennung von nonverbalen Signalen haben, das Problem ist, das ich intuitiv offenbar auch kaum Nonverbales aussende, aber kann man sich denn nur mit funktionierenden Spiegelneuronen verstehen? Missverständnisse sind schon mal vorprogrammiert.

Asperger und Wissen

Wir Asperger-Autisten haben oft jede Menge zu erzählen, über seltene Naturphänomene, politische Strukturen, detaillierte geographische Verhältnisse, ganze Lebensläufe einer längst verstorbenen Person oder einfach über unsere Spezialinteressen. Wir wissen sämtliche Einzelheiten und jedes Detail, können zu fast allem etwas beitragen. Doch will das Gegenüber das eigentlich alles hören?

Ich selbst bekomme oft genug rückgemeldet, ich würde arrogant wirken oder wöllte mein Wissen zur Schau stellen. Nichtautisten würden vielleicht die kleinen nonverbalen Signale bemerken, die vom offensichtlich genervten Gegenüber ausgesandt werden, ich scheine dafür wohl völlig blind zu sein.

Besonders bei geographischen Themen trete ich sofort in Aktion. Es braucht nur ein Ortsname zu fallen und ich fange schon bald an, die umliegenden Orte aufzuzählen und Einzelheiten über die dortigen verkehrsgeographischen und topographischen Verhältnisse preiszugeben, aus meiner Sicht wirklich interessante Informationen. Die Beschreibung der nächstgelegenen Bahnstrecken darf natürlich auch nicht fehlen, sowie der aktuelle Status eben jener.

Spätestens an diesem Punkt versuche ich mich dann doch mal zu bremsen. Andere wollen ja auch noch zu Wort kommen. Und vor allem – hören die mir eigentlich überhaupt noch zu?

Andererseits gelingt es mir auf dieser Ebene am besten, mit fremden Leuten in Kontakt zu treten, indem mit jenen zum Beispiel über deren Herkunftsort fachsimple.
Es ist schon irgendwie Gratwanderung und Zwiespalt zugleich: Von uns Autisten wird oftmals erwartet, dass wir mehr die Gemeinschaft und die Interaktion mit anderen Menschen suchen, doch die sind dann schnell mal von uns genervt und finden uns häufig sogar arrogant.

Unsichtbar

Autisten sind unsichtbar – glaubt ihr nicht? Nun ja, etwas übertrieben ist es natürlich, aber irgendwie habe ich regelmäßig die Beobachtung machen können, dass ich selbst in einer kleineren Gruppe von Leuten manchmal kaum wahrgenommen werde. Auch andere Autisten berichten ähnliches.

Manchmal sage ich dann Dinge mehrmals, um sicherzugehen, dass ich auch gehört wurde, aber teilweise kommt einfach keine Reaktion. Die Kommunikationswissenschaftler, die uns nahegebracht haben, dass ein „normaler“ Mensch zu 80% nonverbal kommuniziert, dürften recht haben. Ich weiß nicht so recht, ob ich sagen soll: „Leider bin ich nicht normal.“ oder „Zum Glück bin ich nicht normal.“ Wahrscheinlich ist es etwas von beidem.

Nicht immer habe ich das Bedürfnis, mich an einem Gespräch beteiligen zu müssen, wenn ich es dann aber doch tue, fehlt mir offensichtlich die nötige nonverbale Kommunikation, sodass es manchmal scheint, als würden die anderen mich gar nicht wahrnehmen.

Dann gibt es noch den bewussten Rückzug, den wir Autisten oft antreten wenn andere Menschen uns mal wieder nicht verstehen oder einfach zu anstrengend werden. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass Autisten nichts mit anderen Menschen zu tun haben wöllten, es ist einfach eine Art Schutzmechanismus.

Aber irgendwie ist man als Autist da schon in einem Dilemma, man wirkt in einer Gesprächsrunde vielleicht unbeteiligt, will aber eigentlich mitreden. Spricht man dies dann offen an, wird man schnell als unhöflich wahrgenommen.

Angst contra Verstand

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits angesprochen, dass Angst ein essentieller Bestandteil meines Lebens ist.

Ich musste (auch noch vom Urlaub aus) ein Telefonat mit dem Jobcenter führen. In mir machten sich bereits tagelang die schlimmsten Befürchtungen breit, wie dieses Telefonat schiefgehen könnte oder was erst passiert, wenn ich gar nichts unternehme. Man kann sagen, ich stand innerlich unter einem enormen Druck.

Wie das bei mir mit dem Telefonieren ist, ich habe es tagelang hinausgeschoben und in dieser Zeit für sämtliche Eventualitäten vorgeplant, in welche Richtung sich das Telefongespräch entwickeln könnte.

Dann habe ich mir irgendwann ein Herz gefasst und angerufen, doch – es geht niemand ran. Mist! Eigentlich sollte ich in diesem Moment frustriert sein, doch mein Verstand sagte mir etwas anderes. Ich hatte mich überwunden und das war wichtig.

Ein paar Stunden später rief das Jobcenter zurück und ich konnte mein Anliegen verständlich rüberbringen und entgegen meiner Befürchtungen erhielt ich keinerlei negative, genervte oder abweisende Reaktion. Habe ich mir also umsonst Sorgen gemacht oder nur versucht mich selbst zu schützen?

Ab und zu gibt es dann auch Situationen, in denen ich es tatsächlich schaffe, diese Art von Angst durch den Verstand einfach auszuschalten (fast wie der Androide „Data“ in Star Trek: Der erste Kontakt, der einfach nur seinen Emotionschip deaktiviert). Es klingt so einfach, ist es eigentlich auch, ich komme aber viel zu selten darauf, dass ich es ja so einfach lösen kann. Ich trete gedanklich aus der Situation hinaus und analysiere sie, ich überlege also, ob es gerade berechtigt ist, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Falls nicht, schiebe ich einfach mein inneres „Schutzschild“ (wenn man die Angst denn als solches sehen will) beiseite und übernehme die realistische Situationsbewertung des Verstandes.

Manchmal kann es so einfach sein, aber noch immer ist die Angst in der Interaktion mit anderen Menschen eines meiner größten Probleme.

Neurotypische Alltagsfloskeln

Sooft ich nichtautistischen Menschen begegne, stoße ich auch auf (für mich vollkommen sinnlose) Alltagsfloskeln, mit denen ich nichts anfangen kann. Schon beim Begrüßen heißt es dann oft: „Hallo, wie geht’s dir?“ In vielen Fällen wird diese Frage nicht einmal beantwortet, wenn überhaupt, dann kommt häufig die Antwort: „Gut, danke!“ Doch diese Antwort scheint auch gegeben zu werden, wenn es der antwortenden Person eigentlich gar nicht gut geht, wirklich sehr logisch, nicht wahr (Ironie 😉 )?

Mit der Begrüßung an sich könnte ich ja noch leben, auch wenn ich selbst nicht darauf angewiesen bin, aber man macht es eben aus Höflichkeit, weil es meist vom anderen erwartet wird. Kommt dann aber die Frage „Wie geht’s dir?“, habe ich ein Problem, ich weiß nicht, wie ich mit dieser Fragestellung umgehen soll.

Berichtet man als Antwort über seinen momentanen Gefühlszustand, – das würde ja eigentlich der Frage entsprechen – geht die andere Person meist sehr bald über zum nächsten oder versucht mich – sollte es mir wirklich nicht gut gehen – zu trösten, was ich gar nicht leiden kann. Einige wenige gibt es, die tatsächlich interessiert zuhören, aber solche Leute haben in diesem Fall auch aus Interesse gefragt.

Sagt man als Antwort, es würde einem gut gehen und dem ist aber nicht so, wäre dies eine Lüge, für mich also ein Ausschlusskriterium.

Meistens winde ich mich raus, indem ich antworte: „So wie immer.“ Das entspricht sogar im großen und ganzen der Realität, da mein Gemütszustand meist recht gleichbleibend ist. Ab und zu sage ich aber auch offen, dass ich mit dieser Frage nichts anfangen kann, mit dem Risiko, die Leute vor den Kopf zu stoßen, aber wie sollte ich es sonst machen?

Ich weiß nicht, ob die „normalen Menschen“ in der Lage sind zu erkennen, ob eine Person es mit der Frage „Wie gehts’s dir?“ ernst meint oder ob es sich nur um eine Floskel handelt, also ich kann es nicht.

Nichtautisten scheinen in großem Maße mithilfe vieler Belanglosigkeiten zu kommunizieren. Seien es Ausdrücke wie „Danke.“ oder „Entschuldigung.“, die häufig nur so dahergesagt werden und nicht wirklich ernst gemeint sind. Man sagt es offensichtlich einfach, weil es wohl zu der jeweiligen Situation gehört (und da behaupte einer, nur Autisten hätten feste Rituale).

Dann sind da noch die Verabschiedungen es gibt manche, die kommen mit einem kurzen „Tschüß!“ oder „Auf Wiedersehen!“ aus, andere bevorzugen es lieber lang und breit und tauschen dann noch jede Menge Belanglosigkeiten aus, um sich auf die Verabschiedung vorzubereiten, die eigentlich längst im Gange sein sollte. Da frage ich mich manchmal: „Wann sind die denn endlich fertig?“

Ich habe nicht das Bedürfnis, mich verabschieden zu müssen, ich kann zudem mit einer solchen Situation auch nicht wirklich umgehen und stehle mich lieber heimlich, still und leise davon. Ich weiß bei Verabschiedungen nie so richtig, was andere da eigentlich von mir erwarten und bin deshalb oft unsicher und ratlos. Das dürfte auch eines meiner Lernfelder sein, dass ich manchmal zu sehr versuche, die Erwartungen anderer zu erfüllen, doch ich werde es nie allen recht machen können.

Wenn man nicht mehr zu Wort kommt…

Es gibt eine Art von Situation, die ich immer wieder erlebe: ich komme in Gesprächen, bei denen noch mindestens zwei weitere Leute beteiligt sind, häufig nicht zu Wort.

Ich gebe ja zu, ich habe manchmal ein größeres Redebedürfnis als andere, mir fallen einfach zu vielen Dingen, die angesprochen werden, meistens jede Menge eigene Erfahrungen oder Eindrücke ein, die ich dann natürlich auch einbringen möchte. Aber auch andere Leute wollen etwas sagen und scheinen in ihrer Gesprächsführung offensiver zu sein als ich.

In dem Gästehaus, in dem ich mein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht habe, übertönten wir, die wir zum Jahresteam gehörten, uns mit den Gesprächen am Mittagstisch gegenseitig, bis irgendwann die Regel aufgestellt wurde, dass nur eine Person zur gleichen Zeit redet. Ich war sehr zufrieden mit dieser Übereinkunft, ich musste mir das Wort nicht mehr erkämpfen und halte mich an diese Regel übrigens bis heute.

Nur trifft dies leider auf die wenigsten Menschen zu, auf die ich treffe. Ich neige generell dazu, in vielen Bereichen eher defensiv zu agieren und Rücksicht auf andere zu nehmen (und da behaupten manche, Autisten wären egoistisch und rücksichtslos), so auch in einem Gespräch. Das führt leider dazu, dass ich häufig gar nicht zu Wort komme. Wenn es dann gerade etwas gibt, was ich sagen will und werde quasi daran gehindert, bin ich für einen Moment erstmal bedient und überlege dann, ob ich die Sache, die ich einwerfen wollte, später noch einbringen kann, was leider meist nicht der Fall ist.

Immerhin schaffe ich es nun meistens, wenn ich gerade rede und plötzlich unterbrochen werde, darum zu bitten, dass man mich ausreden lässt. Dennoch frage ich mich manchmal, ob ich nicht vielleicht schon zu viel Rücksicht auf andere nehme.