Erklärungsnot

In Situationen, bei denen es um Kontaktaufnahme geht, komme ich meist in Erklärungsnot, sei es bei einem Anruf, bei der Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis, bei der Anmeldung in Ämtern oder auch beim Schreiben einer E-Mail.

All dies ist mit Kontaktaufnahme verbunden und die größte Schwierigkeit für mich ist vor allem, erst mal mein Anliegen zu schildern. Habe ich dann endlich meine lange vorformulierten Sätze Wort für Wort über die Lippen gebracht, kommen manchmal noch Rückfragen. Mit manchen kann ich im Voraus rechnen, von anderen werde ich völlig überrumpelt und bringe dann nur noch schwer ein Wort heraus, weil ich entweder nicht weiß, was ich antworten soll oder mir nicht einmal klar ist, was mein Gegenüber von mir will.

Besonders ungünstig ist es, wenn mich die Person, der ich mein Anliegen schildern will, inmitten meines vorformulierten Satzes unterbricht und ich so den Faden verliere. Dann komme ich wirklich in Erklärungsnot.

Das sind Dinge, die natürlich bei der Kommunikation per E-Mail nicht passieren können, weshalb dies für mich noch eines der kleinsten Übel ist. Umso schwieriger ist für mich aber dementsprechend das Telefonieren.

Ich kann noch eher damit umgehen angerufen zu werden. Zwar habe ich da erst mal die Ungewissheit, wer da nun am anderen Ende ist, wenn das Telefon klingelt, aber ich brauche nicht selbst mein Anliegen zu schildern. Anders ist das, wenn ich selbst anrufen muss und immer im Hinterkopf ist auch die Angst, etwas Falsches zu sagen oder einfach nicht mehr weiter zu wissen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es vermeide, zum Arzt zu gehen, nicht nur aufgrund meiner robusten Konstitution, sondern vor allem, weil ich gar nicht weiß, was ich an der Anmeldung sagen soll.

Ich bin es sonst gewöhnt, auf mich gestellt zu sein, aber in solchen Fällen bin ich doch froh, dass es Menschen gibt, die mir sagen können, wie ich dort mein Anliegen zu schildern habe.

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Ein stressiger Tag

Der Alltag kann ja schon anstrengend sein, aber der gestrige Tag war für mich wirklich der Inbegriff von Stress.

Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück, da wurde ich von der Einladung zum psychologischen Gutachten, auf die ich schon seit Monaten gewartet habe, überrascht. Der Termin war auf den übernächsten Tag angesetzt, also ausgerechnet an einem Mittwoch, der Tag, an dem ich normalerweise am wenigsten Zeit habe.

Aber ich wollte ja nicht noch einmal Monate warten, also ging es kurzfristig in die Intensivplanung des Tages, selbst das war schon sehr anstrengend. Manche Dinge waren anfangs überhaupt nicht planbar, schon angefangen bei der Fahrt (warum ist nur die Deutsche Bahn nicht in der Lage, die Fahrpreise bei bestimmten Strecken anzuzeigen, die sie selbst betreibt?). Auch zum Mittagessen würde keine Zeit bleiben. Insgesamt musste ich einiges improvisieren und manches spontan erledigen, da ich ja nicht mal genau wusste, wie lang der Termin gehen würde. So viel zur Planung, hier ein Teil des stressigen Tagesablaufs dieses Mittwochs:

05:20-07:03 Uhr: mit dem Fahrrad 27 Kilometer bis zum Leipziger Hauptbahnhof fahren, Fahrkarte am Automaten buchen

07:08-07:54 Uhr: Fahrt mit dem Zug bis Grimma oberer Bahnhof, mit dem Fahrrad bis zur Arbeitsagentur in Grimma fahren

08:10-12:57 Uhr: psychologisches Gutachten bei der Arbeitsagentur

13:00-13:06 Uhr: mit dem Fahrrad bis Grimma oberer Bahnhof fahren

14:00-16:02 Uhr: Fahrt mit dem Zug bis Leipzig Hauptbahnhof, dort umsteigen in den Anschlusszug bis Pegau, mit dem Fahrrad nach Hause fahren

16:15-19:08 Uhr: Zeitung austragen

19:18-21:20 Uhr: Posaunenchor

Nach diesem Tag bräuchte ich eigentlich Urlaub, den ich doch gerade erst hatte. Ich beneide auf keinen Fall Menschen, die so etwas vielleicht täglich durchmachen müssen. Mir hat gewiss schon dieser eine Tag vollkommen gereicht, zum Glück kamen nicht noch irgendwelche Hürden der sozialen Interaktion hinzu. Ein solches Maß an Zeitdruck und für meine Begriffe unsichere Planung könnte ich wohl langfristig nicht überstehen. Umso mehr weiß ich nun die Ruhepausen zu schätzen, die ich mir im Alltag immer wieder nehmen kann.

Angst contra Verstand

In einem anderen Beitrag hatte ich bereits angesprochen, dass Angst ein essentieller Bestandteil meines Lebens ist.

Ich musste (auch noch vom Urlaub aus) ein Telefonat mit dem Jobcenter führen. In mir machten sich bereits tagelang die schlimmsten Befürchtungen breit, wie dieses Telefonat schiefgehen könnte oder was erst passiert, wenn ich gar nichts unternehme. Man kann sagen, ich stand innerlich unter einem enormen Druck.

Wie das bei mir mit dem Telefonieren ist, ich habe es tagelang hinausgeschoben und in dieser Zeit für sämtliche Eventualitäten vorgeplant, in welche Richtung sich das Telefongespräch entwickeln könnte.

Dann habe ich mir irgendwann ein Herz gefasst und angerufen, doch – es geht niemand ran. Mist! Eigentlich sollte ich in diesem Moment frustriert sein, doch mein Verstand sagte mir etwas anderes. Ich hatte mich überwunden und das war wichtig.

Ein paar Stunden später rief das Jobcenter zurück und ich konnte mein Anliegen verständlich rüberbringen und entgegen meiner Befürchtungen erhielt ich keinerlei negative, genervte oder abweisende Reaktion. Habe ich mir also umsonst Sorgen gemacht oder nur versucht mich selbst zu schützen?

Ab und zu gibt es dann auch Situationen, in denen ich es tatsächlich schaffe, diese Art von Angst durch den Verstand einfach auszuschalten (fast wie der Androide „Data“ in Star Trek: Der erste Kontakt, der einfach nur seinen Emotionschip deaktiviert). Es klingt so einfach, ist es eigentlich auch, ich komme aber viel zu selten darauf, dass ich es ja so einfach lösen kann. Ich trete gedanklich aus der Situation hinaus und analysiere sie, ich überlege also, ob es gerade berechtigt ist, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Falls nicht, schiebe ich einfach mein inneres „Schutzschild“ (wenn man die Angst denn als solches sehen will) beiseite und übernehme die realistische Situationsbewertung des Verstandes.

Manchmal kann es so einfach sein, aber noch immer ist die Angst in der Interaktion mit anderen Menschen eines meiner größten Probleme.

Behinderung

Immer wieder kommt bei Autisten nach der Diagnose die Frage auf: „Bin ich jetzt behindert?“

Autismus wird leider auch heute noch sehr häufig als eine Krankheit angesehen, obwohl, kurz gesagt, das Gehirn einfach nur anders (aber nicht falsch!) „verdrahtet“ ist. In vielen Medienberichten darüber heißt es dann zum Beispiel: „Person X leidet am Asperger-Syndrom.“

Von Autismus betroffene Menschen sollten sich davon nicht verunsichern lassen, Autisten sind nicht falsch, sondern einfach nur anders.

Aber wie ist es nun mit Autismus als Behinderung? Offiziell ist das Autismusspektrum ja als tiefgreifende Entwicklungsstörung (allerdings ist es weder eine Persönlichkeitsstörung, noch eine psychische Erkrankung, es ist ohnehin neurologisch bedingt) und als seelische Behinderung klassifiziert.

Als diagnostizierter Autist kann man auch einen Schwerbehindertenausweis beantragen, es besteht aber natürlich kein Zwang dazu. Der Grad der Behinderung richtete sich früher nach der jeweiligen diagnostizierten Autismusform, mittlerweile ist man da etwas weiter und geht dabei nach der Schwere der sozialen Anpassungsschwierigkeiten an die Gesellschaft. Will man aufgrund des Autismus staatliche Unterstützungen jeglicher Art wahrnehmen, ist eine Diagnose und ein Schwerbehindertenausweis notwendig. Ich persönlich habe einen Schwerbehindertenausweis mit einem Behinderungsgrad von 60% und ich muss sagen, wirkliche Nachteile habe ich dadurch nicht, im Gegenteil, für mich bringt er eine Menge Vorteile. Aber nicht jeder ist bereit, mit seiner Diagnose so offen umzugehen, wie ich das auch im Alltag tue. Jeder sollte selbst entscheiden und vor allem gründlich darüber nachdenken, ob er oder sie einen Behindertenausweis beantragen will oder nicht. Arbeitgeber sind leider noch immer sehr zögerlich, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Aber wie kann nun Autismus eine Behinderung sein? Eigentlich müsste man sagen, dass unser nicht auf Autisten ausgerichtetes Umfeld die Behinderung darstellt, die Menschen mit Autismus an einer normalen Teilhabe an der Gesellschaft hindert. Sei es durch die alltäglich notwendige Kontaktaufnahme (auch ein Thema für sich) die für die meisten Autisten schwierig ist oder durch die oftmals reizüberflutende Umgebung, durch die ein Autist schnell am normalen Funktionieren gehindert werden kann. Im Umkehrschluss lässt sich also sagen, dass Autismus in einer Welt, wie wir sie momentan vorfinden, eine Behinderung ist. Wäre die Welt ausschließlich auf Autisten ausgerichtet, wäre wohl das Fehlen von Autismus die Behinderung, die Erde wäre voll mit Menschen, deren Gemeinschafts- und Kommunikationsbedürfnis nicht ansatzweise erfüllt werden könnte.

Ich persönlich habe kein Problem damit, Autismus als Behinderung zu sehen, ich will mir aber nicht anmaßen, jemandem den Stempel „behindert“ aufzudrücken, wenn diese Person es eigentlich anders sieht. Obwohl es für mich eine Behinderung ist, würde ich meinen Autismus gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Gott hat mich als Autist geschaffen und das ist gut so!