Zweimal neu geboren

In der Bibel heißt es: „Ihr müsst von Neuem geboren werden.“ (Johannes 3,7). Das habe ich sozusagen gleich zweimal erlebt. Das erste Mal bei meiner bewussten Entscheidung für ein Leben mit Gott und das zweite Mal bei meiner Autismus-Diagnose. Bis dahin wusste ich zwar, dass ich irgendwie anders bin, konnte es aber nicht genauer einordnen.
Dann kam die Antwort auf viele meiner Fragen: „Asperger-Syndrom“.

Seidem hat sich mein Leben noch einmal völlig verändert. Ich hatte in drei Jahren in einer christlichen sozialtherapeutischen Einrichtung im sächsischen Pegau die Möglichkeit, mich unter dem Aspekt „Autismus“ völlig neu kennen zu lernen.
In meinem Freiwilligen Sozialen Jahr, das ich zuvor absolviert hatte, lernte ich den Satz „Nur wer sich selber kennt, lernt andere verstehen.“ – und genau so ist es. Ich musste mich selbst erst richtig kennen lernen, bevor ich die Möglichkeit hatte, elementare soziale Kompetenzen überhaupt anwenden zu können.

Dadurch, dass ich mich nun selbst kannte, habe ich auch einen Blick dafür bekommen, wie andere Menschen funktionieren (besonders im Vergleich zu mir). Auch wenn es nach Schubladendenken klingt, ich lernte, im Kopf die Persönlichkeiten der Menschen, denen ich begegnete, in Kategorien einzuteilen, konnte mir so gewissermaßen innerliche Datenbanken darüber anlegen und damit das, was mir an Einfühlungsvermögen und Empathie von Natur aus fehlte, ausgleichen.

Dadurch habe ich im Laufe dieser drei Jahre in Pegau nicht nur meine Mobbingerfahrungen aufarbeiten können, auch Sozialkompetenz habe ich erlangt.
Wenn ein Mensch vor mir steht, kann ich zwar in dem Moment kaum sagen, wie es ihm geht, könnte ihn aber analysieren, wie ein Psychater. So weiß ich auch, wie ich mit bestimmten Persönlichkeiten umzugehen habe.

All dies wäre ohne die Mitarbeiter der Arche Pegau und ohne Gottes Zutun nicht möglich gewesen. Die zweite „Neugeburt“ ist für mich ebenso wichtig geworden, wie die erste.

Klingt das, als wäre ich nun kein Autist mehr? Keineswegs, ich werde für den Rest meines Lebens mit gewissen Einschränkungen zu kämpfen haben, beispielsweise werde ich wohl niemals ein Freund des Telefons sein und auch Reizüberflutung wird immer ein Thema bleiben, aber ich habe aus einer Schwäche eine Stärke gemacht und kann Gott jeden Tag dafür dankbar sein.

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Ein Gedanke zu „Zweimal neu geboren

  1. Ich freue mich für Dich, dass Du aus diesen Erlebnissen Kraft ziehen kannst.
    Andere besser verstehen können, wenn man sich selbst versteht, das kann ich durchaus bestätigen. Seit ich achtsamer mit mir umgehe, bin ich auch geduldiger mit anderen, was auf alle Beteiligten eine positive Wirkung hat. Autist ist man ja dennoch.
    Was Gott angeht… hier befinde ich mich seit längerem in einem Konflikt, der aber wohl weniger mit Glauben an sich, sondern eher mit meiner Erziehung zu tun hat. Gehört nicht hierher.

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