Perfektionismus

Perfektionismus ist ein so negativ besetzer Begriff. Ich selbst habe wohl jede Menge davon und finde das manchmal sehr nützlich.

Ein Teil meiner Gärtnerausbildung beinhaltet auch das Pflastern, das wir auf einer speziellen Fläche gelegentlich üben. Mein größtes Problem ist dabei die Zeit, da ich extrem ordentlich und gründlich arbeite. Die kleinste Unebenheit versuche ich sofort auszugleichen. Ich könnte sonst das Ergebnis nicht nach außen hin vertreten.

Andererseits kann man sich durch meinen Perfektionismus auch gut auf mich verlassen. Irgendwo unpünktlich zu erscheinen wäre für mich absolut ausgeschlossen. Lieber rechne ich mir so viel Zeit ein, dass ich noch lange warten muss. Sollte ich doch mal unpünktlich sein, kommt das für mich einem Weltuntergang gleich.

Wenn ich Perfektion suche, dann sehe ich die in der Musik Johann Sebastian Bachs. Deshalb liegt mir sein Musikstil wohl auch so sehr, dass ich ihn ebenfalls für meine Kompositionen verwende. Es ist einfach beeindruckend, wie die Motive ineinander verschlungen sind und doch alles wunderbar zusammenpasst.

Es war mal vor einiger Zeit bei der Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz, dass wir am Schluss ausgemacht haben, als nächstes das Thema „Perfektionismus“ durchzunehmen. Die (nichtautistische) Moderatorin der Gruppe schrieb dann aber versehentlich „Perfektismus“ an das Flipchart, was natürlich sofort unser aller Aufmerksamkeit erregte.

Aber warum wird eigentlich Perfektionismus so negativ gesehen? Es ist ja nicht so, als gäbe es das nur bei Autisten. Eigentlich ist Perfektion doch etwas Gutes. Da jedoch kein Mensch perfekt ist, wird das Streben danach offenbar als Übertreibung, Anmaßung oder Überheblichkeit gesehen.

Andererseits ist es einem Chef wohl am liebsten, bei der Arbeit ein perfektes Ergebnis abgeliefert zu bekommen. Man stelle sich vor, der Vorgesetzte sagt zum Arbeitsauftrag, dass die Arbeit unvollkommen erledigt werden soll.

Ich würde behaupten, dass das Streben nach Perfektion in der Natur des Menschen liegt. Wenn diese Eigenschaft allerdings im Alltag offen zutage tritt, stört das viele Menschen offenbar. Ich selbst bin gerne ein perfektionistischer Mensch, alles andere wäre für mich selbst schon Nachlässigkeit.

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6 Gedanken zu „Perfektionismus

  1. Ich muss zugeben, dass ich auch nicht verstehe, wieso Perfektionismus negativ bewertet wird. Immerhin hat es sehr viel Positives. Es gibt noch kaum Negatives daran, außer vielleicht so wie du auch schon gesagt hast, dass die Zeit oft zu knapp ist. Aber was denn sonst? Ich wüsste es nicht.
    Es regt vielen auf die nicht perfektionistisch sind, da sie dabei schnell die Geduld verlieren. Aber am Ende kommt eben ein besseres Ergebnis raus.

    Liebe Grüße,
    Jana

  2. Ein Nichtautist und Therapeut ist ebenfalls mit diesem Thema konfrontiert. Ein erwachsener Asperger, der in der Landwirtschaft arbeitet, schafft sein Pensum nicht in der vorgegeben Zeit. Dies gelang ihm anfangs. Doch seine ungenügende Flexibilität im Handeln bzw. seine Gewohnheit, sich auf Details zu fokussieren statt die gesamte Situation zu erfassen, zwingen ihn zum Perfektionismus. Er arbeitet feste Schichten. Sein Chef hat Den Eindruck er würde bummeln. Die Folgeschicht ist darauf angewiesen, dass er seine Arbeit pünktlich geschafft hat. Das Pensum ist in der zur Verfügung stehenden Zeit gut schaffbar, aber der Klient verzettelt sich häufig mit unwesentlichen Tätigkeiten. Der Chef weiß noch nicht, dass sein Angestellter Asperger ist. Das soll sich jetzt ändern. Aber wie kann ihm geholfen werden. Der Chef hat ihn auf seine übertriebene Ordnung angesprochen, trotzdem hörte der Klient nicht die dahinter steckende Ermahnung heraus, sich bitte zu beeilen. Stattdessen bleibt der Angestellte unbezahlt für drei oder vier Stunden mehr im Betrieb bis er selbst zufrieden ist. Das führt auf Dauer zu mehreren Problemen.
    Perfektion ist ihm wichtig, dass sehe ich ein. Mir scheint jedoch, dass er Prioritäten falsch setzt und sich nicht am Umfeld orientiert bzw. deren Erwartungen nicht voll erfassen kann. Ich kenne das Problem, dass aus eigenem hohen Anspruch und den realen Umständen erwächst, ebenfalls. Dabei fand ich im Pareto-Prinzip eine gute Möglichkeit, meine Arbeit zufriedenstellend zu leisten, ohne mich bis ins letzte zu verausgaben. Auch wenn der Klient seine Arbeit mit seinen Interessen verbunden hat und dies ihn automatisch motiviert, es für ihn also keine Anstrengung bedeutet, hoffe ich, ihm verstehbar zu machen, dass an keinen Menschen der Anspruch gestellt wird, er muss jeden Tag und immer 100% geben und alles richtig machen. Das schafft man nicht, das ist nicht schlimm und dafür wird man auch nicht bezahlt. Was wären denn aus eurer Sicht weitere Möglichkeiten gegen diese inneren Zwänge vorzugehen und seinen Tages-/ Arbeitsablauf flexibler zu gestalten?

    • Anfangs wird er mit der Zeit noch hingekommen sein, weil er wohl erst nach und nach die Einzelheiten gesehen haben wird, die aus seiner Sicht bei der Arbeit wichtig zu beachten sind. Ich bin ja selbst seit der Schulzeit mit diesem Problem konfrontiert.
      Wichtig ist aus meiner Sicht erstmal, dass der Arbeitgeber von seinem Autismus erfährt, damit er ihn auch mit anderen Augen sehen kann und die Hintergründe seiner Eigenarten versteht.
      Dennoch sollte er selbst auch langfristig seine Arbeitsweise anders gestalten, da vermutlich auch die wirtschaftliche Existenz des Betriebes an der Arbeit hängt.
      Aber genau das ist dann die große Frage, wie kann er seine Arbeitseinteilung einfach so verändern, wenn wahrscheinlich feste Abläufe und Routinen zugrunde liegen?
      Er könnte versuchen, sich für die einzelnen Arbeitsschritte feste Zeitvorgaben zu setzen, wenn allerdings der Zeitdruck von außen, sprich durch andere Personen kommt, kann das schnell Stress bewirken.
      Auf jeden Fall dürfte es nützlich sein, dass der Therapeut mit ihm mal im Detail auf die einzelnen Arbeitsschritte schaut, damit er weiß, was wichtig ist und was nicht.
      Das Thema „Immer 100% geben“ ist so eine Sache. Obwohl ich vom Verstand her weiß, dass nicht immer die vollen 100% erwartet werden, könnte ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, weniger als mein bestes zu geben. Doch das „100% geben“ kann sich ja auch auf die Einhaltung der Schicht beziehen.

      • Danke. Das sind richtig gute Hinweise für mich. Ich werde es mit ihm ausprobieren. Und ja, mal auf der Arbeit zu hospitieren, wäre nach dem Gespräch mit dem Chef, mein nächster Schritt. Das „Outing“ muss er aber selbst initiieren. Da helfe ich gern aber er mische mich nicht vorher ein. Da er wenig liest, sind schriftliche Pläne kein geeignetes Instrument für ihn. Ich habe, weil er auch sein Smartphone gern nutzt, überlegt, ob er sich Arbeitsanweisungen und Schritte als Audiodatei aufspricht und abspeichert. So kann er sie sich immer wieder anhören. Die Zeit werde ich ihm auch verdeutlichen. Das ist ein generelles Problem. Er benötigt für alles scheinbar sehr lange, ist aber auch in der Lage schneller zu agieren. Da passt er sich an, was Energie erfordert, die er in der Freizeit kompensieren soll und da so sein darf wie er möchte. Seine Eltern denken, dass er ohne Struktur einfach in den Tag hineinleben würde. Die Arbeit ist ihm wichtig. Hier war er auch nur ein mal bisher zu spät.
        Ich bin gespannt auf und zuversichtlich für die nächste Zeit und die gemeinsame Arbeit.

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