Scheuklappen

Manchmal könnte man als Autist Scheuklappen ganz gut gebrauchen. Aber genau das kann manchmal zum Problem werden. Ich habe schon Situationen erlebt, wo aufgrund einer großen Reizbelastung meine Konzentration gezwungenermaßen so sehr auf der momentanen Arbeit oder dem Funktionieren lag, dass ich eine drohende Gefahr erst spät erkannt habe (was würde ich nur ohne meine vielen Schutzengel machen?).

Auch bei unsicheren Situationen mit vielen Variablen, wo ich ständig am Kontrollieren bin, ob ich auch auf alles geachtet und nichts vergessen habe – meine morgendlichen Fahrten zur Berufsschule sind da recht exemplarisch –, bin ich sozusagen mit Scheuklappen und einem Tunnelblick unterwegs, da ich immer die Angst im Hinterkopf habe, dass meinen zurechtgelegten Abläufen etwas dazwischenkommt. Häufig ist diese Art von Angst eigentlich unbegründet.

Dann sind da noch die Scheuklappen beim Thema Einfühlungsvermögen und beim Senden und Empfangen nonverbaler Signale. Ich reagiere in sozialen Situationen nicht nur unbeholfen, sondern merke oft genug gar nicht, wie es dem Gegenüber geht und bin dadurch schnell unsensibel.

Scheuklappen können allerdings auch eine ganz nützliche autistische Eigenschaft sein. Während wir Autisten es vielleicht schwer haben, das Gesamtbild einer Situation zu sehen, ist unser Fokus klar auf Details gerichtet und auf das Erreichen eines Ziels. Es ist eine typische Eigenschaft von mir, dass ich noch weiterkämpfe, wo andere schon aufgegeben haben. Dabei lasse ich mich von meinem Ziel nicht abbringen. Natürlich bin ich dadurch auch furchtbar unflexibel, dennoch braucht unsere Gesellschaft solch zielstrebige Menschen ganz besonders.

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3 Gedanken zu „Scheuklappen

  1. Natürlich braucht die Gesellschaft solche Leute wie dich. Es ist ihnen nur nicht immer bewusst, wobei ich glaube dass viele Firmen heutzutage das wohl ernster nehmen bzw. ihnen das langsam bewusst wird.
    Ich glaube dazu kommt auch, dass es immer mehr Aufklärung gibt (wenn auch immer noch viel zu wenig, doch da machst auch du gut mit).
    Ich persönlich denke, dass es auch für Nichtautisten oft schwierig ist Situationen komplett in Sicht zu haben. Wobei ein Blick für Details immer wichtiger wird und auch sehr wichtig ist. Ich wüsste nicht wo ich ohne mein Blick für die Details jetzt wäre. Ohne sie würde ich keiner meiner Ziele, die ich bis her habe, verfolgen.

  2. Ich finde übrigens nicht, dass du nicht einfühlsam bist. Du bist es soweit dir das möglich ist und weitaus mehr als viele Nichtautisten. Ich glaube nicht, dass du jemanden absichtlich verletzen könntest. Übrigens: Deine Art zu schreiben gefällt mir sehr gut, weiter so, gerne mehr Blogs!

    • Danke für das Kompliment. Es ist natürlich so, dass ich inzwischen eine Menge Menschenkenntnis hinzugewonnen habe und deshalb durch meine „gesammelten Daten“ weiß, wie Menschen auf bestimmte Situationen regieren. Habe ich aber einen Menschen vor mir, kann ich nicht ohne Hintergrundwissen sagen, wie es der Person gerade geht. Dadurch passiert es dann schnell mal (aber zum Glück inzwischen seltener), dass ich etwas sage, was diese Person in dem Augenblick verletzt, wo mir dann von vielen Seiten gesagt wird: „Ja, weißt du denn nicht, wie es der Person geht?“ oder „Hättest du das nicht etwas taktvoller ausdrücken können?“ Ich stehe dann nur verwundert da und frage mich, was eigentlich los war. Bis vor einigen Jahren konnte ich wirklich grob verletzend sein, damals hatte ich quasi nichts, was man Sozialkompetenz nennen könnte. Inzwischen weiß ich wie gesagt ganz gut wie Menschen funktionieren.

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