Als Autist in der Gesellschaft: Loyalität

Es ist mal wieder Zeit für eine Themenreihe, diesmal soll es um das Leben als Autist in der Gesellschaft gehen. Den Anfang macht das Thema „Loyalität“.

Uns Autisten sagt man ja des öfteren nach, wir seien egoistisch und hätten nichts übrig für die Belange, Sorgen und Nöte anderer Menschen. Ich muss gestehen, dass ich oft nicht sehe, was mein Gegenüber gerade braucht und bei Gefühlsausbrüchen anderer manchmal etwas hilflos daneben stehe und nicht so recht weiß, was ich nun eigentlich tun soll. Doch würde sich ein Egoist über so etwas überhaupt Gedanken machen? Er würde wahrscheinlich weitergehen und sich denken: „Ist mir doch egal!“

Was ich jedoch bei mir selbst erlebe und auch bei anderen Asperger-Autisten beobachten konnte, dass Loyalität anderen und vor allem Autoritätspersonen gegenüber einen hohen Stellenwert hat. Zum Beispiel verhalte ich mich Lehrern gegenüber loyal, weil ich sie auch als Autoritätsperson ansehe.

Das kam bei meinen Mitschülern nicht immer gut an, bei manchen Lehrern ironischerweise auch nicht. Während meine Klassenkameraden manchmal das Gefühl hatten, ich würde mich bei meinem Physiklehrer der Noten wegen einschleimen wollen, als ich ihm regelmäßig beim Abbauen der Geräte half, kamen (und kommen, wie ich in meiner ersten Berufsschulwoche merken konnte) manche Lehrer offenbar nicht gut damit zurecht, dass ich mich übermäßig mündlich beteiligte, nicht nur um meine oft nur mäßigen schriftlichen Leistungen auszugleichen, sondern auch, um den Unterricht voranzubringen. In der Berufsschule höre ich nun öfter so etwas wie: „Johannes, lass doch die anderen auch mal ran.“ Das ist leichter gesagt als getan. Ich muss also, wenn ich etwas zum Unterricht beizutragen habe, es ab und zu vermeiden, mich zu melden, aber gleichzeitig darauf achten, mich nicht zu wenig zu melden und trotzdem den Unterricht voranzubringen. Aber was tut man nicht alles für das Wohl anderer.

Es wäre mir auch nie eingefallen es meinen Mitschülern gleichzutun, als sie nur wenig Respekt gegenüber der durchsetzungsschwachen Englischreferendarin in der zehnten Klasse zeigten. Sie mag sich nicht so gefühlt haben, aber sie hatte für mich dennoch die Position einer Autoritätsperson. Dennoch gibt es Lehrer, die offenbar mir gegenüber misstrauisch waren, weil ich eben nicht das typisch pubertäre, rebellische Verhalten, wie es in dem Alter „normal“ gewesen wäre, an den Tag legte.

Meine Loyalität anderen gegenüber äußert sich auch in Form von Verlässlichkeit. Sich einfach krank zu melden, um sich einen freien Tag zu machen war und bleibt für mich immer ausgeschlossen und wenn ich nicht zu Schul- oder Arbeitsbeginn anwesend war, musste irgendetwas mit mir passiert sein. Für mich ist Pünktlichkeit immer selbstverständlich gewesen, für so manch anderen leider nicht. Ich habe mich aber auch nur selten getraut, die zu spät kommenden Personen explizit darauf anzusprechen, das wäre für mich einfach zu unhöflich und bloßstellend gewesen.

Vielleicht bin ich ja nur zu sehr in der ostdeutschen Mentalität verwurzelt, aber ich denke, mein Asperger hat doch eine Menge damit zu tun.

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Ein Gedanke zu „Als Autist in der Gesellschaft: Loyalität

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