Brief an einen zehnjährigen Autisten

Nachdem sich schon einige andere an der Aktion beteiligt haben, will ich natürlich auch meinen Teil dazu beitragen, hier noch kurz die Einleitung:

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige® wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt.

Veröffentlicht die Texte auf eurem Blog und schickt uns den Link zu. Falls ihr kein eigenes Blog habt, schickt uns euren Text – Link siehe in der linken Seitenspalte – und wir veröffentlichen ihn. Schickt uns auch Bilder, Comics, Videos …

Macht einen Unterschied.

Hallo junger Mann,

ich kann mich noch erinnern, als ich zehn Jahre Alt war (also vor zwölf Jahren). Damals hatte ich noch keine Asperger-Diagnose. Ich kam gerade mit einem Notendurchschnitt von 3,6 aus der vierten in die fünfte Klasse, wir hatten als erster Jahrgang nur noch zwölf Jahre bis zum Abitur, allerdings noch bis zur sechsten Klasse, bis es auf die weiterführenden Schulen ging. Mein festes Ziel, von dem mich auch meine Mutter nicht abbringen konnte war, mich soweit zu verbessern, dass ich am Ende der fünften Klasse eine Gymnasialempfehlung bekomme. Dazu musste ich einen besseren Notendurchschnitt als 2,5 haben. Ich habe schließlich so sehr angestrengt, dass ich zum Endjahreszeugnis der fünften Klasse einen von 2,3 bekommen habe und so auf das Gymnasium weitergehen konnte.

Das ist eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle und ein wichtiger Punkt meines Einzelkämpferdaseins, aber leider nur ein kleiner Teil meiner Schulzeit. Der größte Teil war geprägt von Mobbing, Ausgrenzung, Verleumdungen, Beleidigungen, Schuldzuweisungen, jeder Menge verbaler Gewalt, Gelächter, Ungerechtigkeit und jeder Menge Unverständnis. Ich denke, die meisten anderen Autisten können wohl ebenfalls ein Lied davon singen.

Bei mir fing das ganze zum Teil schon im Kindergarten an. Wie die „normalen“ Menschen so sind, sie merken es, wenn jemand anders ist. Da Kinder in dem Alter zwar bereits Gruppen bilden und in Gemeinschaft interagieren, aber kaum einen Sinn für Toleranz oder Integration haben, kannte ich das Gefühl, ausgegrenzt zu sein bereits sehr früh. Ich habe mich aber ohnehin mehr mit mir selber beschäftigt, habe gern meine Umgebung erkundet oder Musiker eines Orchesters mitsamt ihren Instrumenten gezeichnet.

Wie sollte es anders sein, in der Schule ging es mit den Mobbing dann so richtig los. Oftmals reagierte ich darauf mit Wutanfällen. Ich wollte schon dazugehören konnte es aber nicht, weil ich in meinem Handeln, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und in meinen Interessen einfach viel zu anders war und noch heute bin. Auch so manche Lehrer haben sich da mir gegenüber zum Teil wirklich unfair verhalten. Am schlimmsten war es, sowohl mit dem Mobbing, als auch mit den Ausrastern meinerseits in der fünften Klasse, was sogar einen Klassenwechsel zur Folge hatte. Auf dem Gymnasium wurde ich leider auch weitergemobbt, erst in der Oberstufe hatte ich dann wenigstens meine Ruhe, integriert war ich während der Schulzeit aber nie.

Vor ein paar Monaten lernte ich dann erstmals das Gefühl kennen, wie es ist, integriert zu sein. Ich war für sechs Wochen in Plauen/Vogtland bei einer Art Arbeitserprobung, wo auch noch andere Menschen mit seelischen Behinderungen waren, und habe sogleich gemerkt, was für eine Verantwortung es mit sich bringt, integriert zu sein.

Jedenfalls habe ich in meiner Schulzeit immer wieder feststellen müssen, wie sehr ich mich doch von den anderen unterscheide, das markanteste Beispiel dürfte wohl der Musikgeschmack sein. Ich höre (und komponiere auch selbst) Barockmusik, also Musik aus der Zeit von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi, wahrscheinlich hast du schon aus dem Musikunterricht von denen gehört. Und wer sonst schneidet in seiner Freizeit zugewachsene Bahngleise frei oder macht 60 Kilometer Fahrradtouren, anstatt sich über Stars, moderne Musik, Casting Shows, Mode oder Zeitschriften zu unterhalten. Auch Partys und Diskothekenbesuche waren für mich immer undenkbar, allein vor dem Aspekt der Reizüberflutung.

Als unser damaliger Klassenlehrer in der sechsten Klasse einen meiner Mitschüler fragte, warum er und andere mich ärgern würden, sagte dieser sehr treffend: „Johannes ist irgendwie anders.“ Dieser Satz war übrigens auch für den Titel meines Blogs, in dem ich über Asperger-Autismus schreibe, ausschlaggebend.

Bei all dem Leid, welches das Mobbing verursacht hat, kann ich heute sagen, dass es mich auch zum Einzelkämpfer gemacht hat. Es mag verrückt klingen, aber ich profitiere heute auch von den schlimmen Erlebnissen meiner Schulzeit. Ich kämpfe solange für meine Ziele, bis ich sie erreicht habe. Aufgeben kommt für mich nicht infrage.

Nun habe ich fast noch nichts über meine Diagnose gesagt, die für mich eigentlich wie eine Identität geworden ist. Als ich vier war, hatte meine Mutter bereits den Verdacht, ich könnte Asperger haben, nachdem sie einen Zeitungsartikel darüber gelesen hatte. Also ging sie mit diesem Verdacht zum Kinderarzt, doch der sagte, die Symptome müssten in dem Fall stärker sein. Tatsächlich hatte er aber so ziemlich keine Ahnung von dem Thema „Autismus“. Doch es sollte daraufhin noch vierzehn Jahre dauern, bis der Verdacht erneut aufkam, ich war damals achtzehn und kurz vor dem Abitur. Ich begann mir in dieser Zeit ohnehin allmählich die Frage zu stellen, warum ich, wohin ich auch kam, fast immer Mobbing ausgesetzt war, warum haben die sich immer mich ausgesucht, was ist falsch an mir oder was mache ich falsch? Mit der Diagnose Ende 2012, da war ich gerade zwanzig geworden, bekam ich endlich die Antwort auf meine Fragen. Ich war nie falsch, ich war nur anders. Ich lernte mit der Zeit meinen Autismus besser kennen und konnte nun auch meine Stärken richtig nutzen und meine Einschränkungen allmählich annehmen. Heute kann ich sagen, dass mein Gehirn einfach anders verdrahtet ist und ich zu einigen Dingen fähig bin, die andere nicht können (nicht ohne Grund werde ich oft als menschliches Navigationsgerät eingesetzt 😉 ).

Ich habe mir manchmal überlegt, wie wohl meine Schulzeit und mein weiteres Leben gelaufen wäre, hätte ich schon als Kind die Diagnose erhalten. Wäre ich dann noch der Einzelkämpfer gewesen, der ich heute bin? Hätte ich all das erreicht, auf das ich heute zufrieden zurückblicken kann? Sicherlich wäre die Schulzeit angenehmer verlaufen, vielleicht bleibt ja auch dir so manches erspart, was ich durchmachen musste. An dieser Stelle eine Bitte von mir: Verstecke dich nicht hinter deinem Autismus, aber schäme sich auch nicht dafür, versuche so viel wie möglich in deinem Leben zu erreichen und sei dir immer bewusst, was für ein besonderes Geschenk du mit deinem Anderssein erhalten hast. Versuche auch andere davon profitieren zu lassen. Es ist eine einzigartige Perspektive, die Menschen und ihre Verhaltensweisen sozusagen als Außenstehender betrachten zu können und mit ein bisschen Lebenserfahrung vielen Leuten wertvolle Ratschläge mitgeben zu können. Strecke dich danach aus, die Menschen besser zu verstehen, dann kannst du ihnen helfen, dich besser zu verstehen.

Autismus ist erstmal nur eine Diagnose, aber du entscheidest, was du daraus machst!

Herzliche Grüße

Johannes Lewke

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