Autismus – zwei Sichtweisen

Es gibt viele Perspektiven, Herangehensweisen und Meinungen in Bezug auf das Thema „Autismus“. Auf zwei Artikel im Internet bin ich gestoßen, die bei eine sehr unterschiedliche Sicht auf das Thema darstellen.

Kommen wir zum ersten Artikel aus dem FOCUS: Schon die Überschrift sagt so einiges. Das berühmte „an Autismus leiden“ ist wieder da. Ich als Autist kann die von außen aufgedrückte Erfahrung des „Leidens“ so nicht bestätigen, es sind eher bestimmte Arten von Leuten, unter denen Menschen wie ich leiden, aber gut, erst mal weiter im Text.

Offenbar wurde eine Studie des US-Verteidigungsministerium von 2008 veröffentlicht, nach der Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, das Asperger-Syndrom haben soll. Sein angeblicher Hang zu extremer Kontrolle wird dafür als Beleg herangezogen.

Als wäre das noch nicht alles, kommt es nun noch schlimmer:

Demnach leide Putin am Asperger-Syndrom […]. Alle seine Entscheidungen seien davon beeinflusst […].

Und da sind wir wieder bei der altbekannten Thematik „Autismus und Amokläufe“. Wie oft wurde insbesondere von Seiten der Autisten darauf hingewiesen, dass man Autismus nicht als Erklärung und oder gar Entschuldigung für einen Amoklauf heranziehen kann. Das gleiche ist es auch hier. Angenommen, Putin hätte Asperger, wäre es nicht nur blödsinnig, sondern vor allem Autisten gegenüber diskriminierend zu sagen, der Autismus hätte bedeutende Einflüsse auf seine außenpolitischen Entscheidungen, würde sie geschweige denn alle beeinflussen. Hier wird vielmehr versucht, Autismus pauschal in Zusammenhang mit negativen Eigenschaften zu bringen und diese damit zu erklären.

Genau dies ist eine Haltung die in besonderem Maße der Inklusion schadet. Genau wie es Vor- und Nachteile gibt, neurotypisch zu sein, ist dies auch beim Autismus nicht anders.

Einen deutlichen Unterschied (und zwar im positiven Sinne) macht der zweite Artikel:

Erst mal denkt man bei der Überschrift und dem ersten Teil des Textes vielleicht, dass es hier nur wieder darum geht, irgendwelche Ursachen für Autismus zu finden und daraufhin skurrile Heilmittel zu entwickeln, aber nichts da. Als die Autorin, eine Mutter die über ihren autistischen Sohn schreibt, die Ursache für den Autismus ihres Kindes erzählt, formuliert sie es folgendermaßen:

Jack hat Autismus weil, wie sein fünfjähriger Bruder Henry es ausdrückt, er damit geboren wurde.

Das ist schon mal eine überraschende Wendung im Text. Jene Mutter schreibt weiter, dass es zwar interessant wäre, zu wissen, woher Autismus kommt, für sie aber vielmehr feststeht, dass ihr Sohn so ist, wie er sein soll.

Genau das ist es was ich bewundernswert finde. Eine Frau, die durch eine offensichtlich Autism Speaks-verwandte Lobby mit Gerüchten, Vermutungen und Theorien über die Ursache von Autismus bombardiert wird und dennoch selbst sieht und verteidigt, dass ihr autistisches Kind so bleiben kann wie es ist.

Dennoch setzt sie sich auch mit den schwierigen Kapiteln im Alltag auseinander und beschönigt oder verteufelt nichts. Ich denke, das ist ein Umgang mit Autismus, aus dem jeder von uns wohl etwas lernen kann.

Nun schließe ich meinen Beitrag mit dem Schlusszitat des Textes:

Er ist genauso, wie er sein soll.

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2 Gedanken zu „Autismus – zwei Sichtweisen

  1. Leider verstehen sehr viele das Thema Autismus nicht, so gab es ein Junge in meiner Klasse (er ist jetzt in England) der die ganze Zeit nur meinte „Autismus. Was soll den das. Diese Leute sind einfach behindert und dumm, kommen nicht klar mit Sozialem, die sollten das mal lernen.“ (wer ist hier bitte nicht sozial?-mein Gedanke)
    Ich finde es schrecklich wie Leute einfach über Solches entscheiden und verurteilen.
    Das hat wohl auch sehr viel mit der Gesellschaft zu tun. Heutzutage muss schließlich alles „perfekt“ sein.

    • Ja, gerade als Autist hat man in der heutigen Zeit immer noch sehr mit Vorurteilen zu kämpfen. Wo es früher einfach noch nicht bekannt war, meinen heute so manche Leute, sie wüssten bestimmte Dinge über das Autismusspektrum besser, als ein Betroffener. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Menschheit irgendwann zu erkennen bereit sein wird, was Autisten für die Gesellschaft beitragen können.

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