Neurotypische Alltagsfloskeln

Sooft ich nichtautistischen Menschen begegne, stoße ich auch auf (für mich vollkommen sinnlose) Alltagsfloskeln, mit denen ich nichts anfangen kann. Schon beim Begrüßen heißt es dann oft: „Hallo, wie geht’s dir?“ In vielen Fällen wird diese Frage nicht einmal beantwortet, wenn überhaupt, dann kommt häufig die Antwort: „Gut, danke!“ Doch diese Antwort scheint auch gegeben zu werden, wenn es der antwortenden Person eigentlich gar nicht gut geht, wirklich sehr logisch, nicht wahr (Ironie 😉 )?

Mit der Begrüßung an sich könnte ich ja noch leben, auch wenn ich selbst nicht darauf angewiesen bin, aber man macht es eben aus Höflichkeit, weil es meist vom anderen erwartet wird. Kommt dann aber die Frage „Wie geht’s dir?“, habe ich ein Problem, ich weiß nicht, wie ich mit dieser Fragestellung umgehen soll.

Berichtet man als Antwort über seinen momentanen Gefühlszustand, – das würde ja eigentlich der Frage entsprechen – geht die andere Person meist sehr bald über zum nächsten oder versucht mich – sollte es mir wirklich nicht gut gehen – zu trösten, was ich gar nicht leiden kann. Einige wenige gibt es, die tatsächlich interessiert zuhören, aber solche Leute haben in diesem Fall auch aus Interesse gefragt.

Sagt man als Antwort, es würde einem gut gehen und dem ist aber nicht so, wäre dies eine Lüge, für mich also ein Ausschlusskriterium.

Meistens winde ich mich raus, indem ich antworte: „So wie immer.“ Das entspricht sogar im großen und ganzen der Realität, da mein Gemütszustand meist recht gleichbleibend ist. Ab und zu sage ich aber auch offen, dass ich mit dieser Frage nichts anfangen kann, mit dem Risiko, die Leute vor den Kopf zu stoßen, aber wie sollte ich es sonst machen?

Ich weiß nicht, ob die „normalen Menschen“ in der Lage sind zu erkennen, ob eine Person es mit der Frage „Wie gehts’s dir?“ ernst meint oder ob es sich nur um eine Floskel handelt, also ich kann es nicht.

Nichtautisten scheinen in großem Maße mithilfe vieler Belanglosigkeiten zu kommunizieren. Seien es Ausdrücke wie „Danke.“ oder „Entschuldigung.“, die häufig nur so dahergesagt werden und nicht wirklich ernst gemeint sind. Man sagt es offensichtlich einfach, weil es wohl zu der jeweiligen Situation gehört (und da behaupte einer, nur Autisten hätten feste Rituale).

Dann sind da noch die Verabschiedungen es gibt manche, die kommen mit einem kurzen „Tschüß!“ oder „Auf Wiedersehen!“ aus, andere bevorzugen es lieber lang und breit und tauschen dann noch jede Menge Belanglosigkeiten aus, um sich auf die Verabschiedung vorzubereiten, die eigentlich längst im Gange sein sollte. Da frage ich mich manchmal: „Wann sind die denn endlich fertig?“

Ich habe nicht das Bedürfnis, mich verabschieden zu müssen, ich kann zudem mit einer solchen Situation auch nicht wirklich umgehen und stehle mich lieber heimlich, still und leise davon. Ich weiß bei Verabschiedungen nie so richtig, was andere da eigentlich von mir erwarten und bin deshalb oft unsicher und ratlos. Das dürfte auch eines meiner Lernfelder sein, dass ich manchmal zu sehr versuche, die Erwartungen anderer zu erfüllen, doch ich werde es nie allen recht machen können.

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9 Gedanken zu „Neurotypische Alltagsfloskeln

  1. Solche Sprachrituale haben für uns Neurotypische ganz wichtige Funktionen, über die wir aber normalerweise gar nicht nachdenken.
    Eine Begrüßung enthält z. B. eine ganze Reihe von Informationen. Wenn ich zu jemandem „Hallo!“ sage, dann bedeutet das:
    – Ich habe dich wahrgenommen. (Es kann ja auch sein, dass man an jemandem vorbeiläuft, ohne ihn zu erkennen.)
    – Ich bin prinzipiell zu irgendeiner Art von Interaktion bereit.
    – Ich bin freundlich gesonnen.
    Z. B. grüßt mich ein bestimmter Nachbar nicht mehr, seit dem er beschlossen hat, mir Feind zu sein. Was mich nicht davon abhält, ihn zu grüßen, womit ich signalisiere, dass ich seine Feindschaft „nicht annehme“ und versöhnungsbereit bin.

    Natürlich gibt es auch Begrüßungen, wenn jemand keine Zeit und Lust hat, mit mir (oder ich mit ihm) zu kommunizieren. Aber dann erkennen wir Neurotypischen das meistens an der Art und dem Tonfall. Z. B. wenn das „Wie geht’s?“ nicht hinzugefügt wird.

    Das „Wie geht’s?“ ist nämlich eine Gesprächseröffung unter Freunden. Erwartet wird dann in der Regel nicht ein Arztbericht über den Gesundheitszustand des Befragten. Aber schon eine Auskunft darüber, ob irgendeine Form von Solidarität (dazu gehört auch das Trösten) oder konkreter Hilfe nötig ist. Das fördert den Zusammenhalt in der Gruppe. Nichtssagende Antworten wei „Es geht.“ oder ein flüchtiges „Gut.“ bedeuten dann: „Ich will nicht darüber reden.“

    Die Verabschiedung ist wichtig, um zu signalisieren, dass der Kommunikationsprozess abgeschlossen oder unterbrochen ist und der Gesprächspartner erst einmal nichts weiteres zu erwarten braucht. Wenn jemand aus einem Gespräch einfach so weggeht, dann bedeutet das, dass er mich missachtet. Deshalb entahlten manche Verabschiedungen auch zumindest ansatzweise eine Begründung des Weggehens:
    „So, ich muss jetzt mal wieder an die Arbeit. Tschüß dann, – bis nachher!“

    In diesem Sinne: Tschüß! 🙂

    • Interessant, mal die andere Perspektive zu sehen. Das ist eben etwas, was ich bei Nichtautisten öfter beobachte, sie machen Dinge einfach und denken nicht weiter darüber nach, Autisten müssen hingegen deutlich mehr Einzelheiten mithilfe des Verstandes planen. Man könnte spekulieren, welche der beiden Arten zu handeln besser wäre, die neurotypische ist auf jeden Fall weniger zeitaufwendig.
      Was mir eben immer wieder Rätsel aufgibt, warum neurologisch-typische Menschen oft Dinge sagen und etwas anderes meinen (wie du es zum Beispiel bei den Alltagsfloskeln beschrieben hast). Für einen Autisten ist das dann eine Sprache voller Rätsel, da er nicht weiß, was nun wirklich gemeint ist.

  2. okay tur mir leit ich kann gar nicht mit meinem neuen Gerät umgehen (Veränderungen halt…) ich werde es noch ein Mal versuchen: also so sehr es auch den sozialen Regeln entspricht, ich sage nie hallo zurück. Wieso sollte man hallo sagen wenn man sofort weiter geht? Und wieso fragen wie geht es dir wenn die Person sowieso das Thema wechselt? Nein nein, ich sorge lieber dafür, dass niemand mich erst anspricht und wenn mich schon jemand fragt wie es mit geht, antworte ich nicht sondern sage sofort und dir? (tut mir leit das es so schief gegangen ist mit dem Absenden)

  3. „So wie immer“! Ja, das traue ich mich seit ich eine ältere Frau bin auch oft zu sagen auf die „Wie geht´s“ -Frage! Da schauen die Leut dann manchmal doof! Oder ich sage einfach: „Es geht!“
    Da ich aber schon als Kind vor vielen Jahrzehnten darauf getrimmt wurde mit „Höflichkeitsfloskeln“ aller Art umzugehen und diese korrekt anzuwenden habe ich damit weniger Schwierigkeiten. Natürlich habe ich auch eingeschärft bekommen, niemals zu sagen es ginge mir NICHT gut! „Danke, gut!“ sollte ich IMMER sagen.
    In der Kindheit wunderte ich mich täglich warum so viele Menschen so viel unlogisches tun/sagen und ich mitmachen muss….aber damals in den Sechzigern traute ich mich als kleines Mädchen danach nicht zu fragen. Ich sagte einfach das was ich sagen sollte, „spulte meine Sprüche ab“ um keinen Ärger zu bekommen…

  4. Als NT kann ich das gut nachvollziehen; aber bei all dem – sachlich betrachtet – tatsächlich überflüssigen Begrüßungs- und Abschiedsgelaber bleibt ein entscheidender Vorteil: man weiß immer sofort und zuverlässig, wann ein Gespräch beginnt und wann es endet. Je unwichtiger und kürzer das Gespräch, umso kürzer und oberflächlicher sind Begrüßung und Abschied. Wer jedoch vor hat, ein tiefes, wichtiges und langes Gespräch zu führen, wird auch eine entsprechend umfangreiche Begrüßung wählen.

  5. Pingback: Ein Jahr „Echt anders“ | Echt anders

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