Visuelles Denken Teil II

Dies ist die Fortsetzung des Beitrages über das Denken in Bildern.

Wer visuell denkt, hat häufig etwas zu lachen. Von sämtlichen ausgesprochenen Dingen werden im Kopf Bilder ausgelöst, die dann manchmal wirklich witzige Vorstellungen erzeugen können. Auch ich erlebe das immer wieder, zum Beispiel, als ich vor vielen Jahren an einer Bläserrüstzeit im niedersächsischen Neetze teilnahm. Der Dirigent beschrieb dort einmal einen jämmerlichen Trompetenklang mit den Worten: „Das klingt wie ein toter Hund über ‚m Gartenzaun.“ Und schon war das Bild in meinem Kopf, über das ich noch heute gelegentlich lachen muss: ein toter Hund mit heraushängender Zunge, über einem Holzlattenzaun hängend.

Ich frage mich dann, wie andere Menschen, die nicht in Bildern denken, sich so etwas ebenfalls bildlich vorstellen können, ob sie die Bilder dann bloß bewusst erzeugen müssen? Ich weiß es nicht, aber es wäre doch mal interessant, wenn Menschen mit unterschiedlichen Arten zu denken sich darüber austauschen könnten.

Im ersten Teil der Beitragsreihe habe ich bereits angedeutet, dass ich Schwierigkeiten habe, Dinge sprachlich auszuformulieren und vieles nur in gedanklichen Bildern ausdrücken könnte. Es ist tatsächlich so, dass es in meinem Kopf so etwas wie eine Übersetzungsmatrix gibt, welche die gehörte Sprache in Bilder umwandelt oder die Bilder in sprachliche Formulierungen. Wenn ich verbale Kommunikation wahrnehme, ist es für mich eigentlich erst mal nur ein Geräusch ohne Inhalt. Durch die „Übersetzungsmatrix“ wird es im Bruchteil einer Sekunde analysiert und in Bilder umgewandelt, sodass ich gefühlt sofort erfasse, was der Inhalt der verbalen Äußerung ist. Dieser Prozess kann aber auch mal etwas länger dauern, in diesem Fall brauche ich dann ein paar Sekunden, bis ich überhaupt verstehe, was gesagt wurde, so als würde man einer Fremdsprache zuhören, die man gut, aber noch nicht perfekt kann. Umgekehrt, also aus den Bildern selbst etwas sprachliches zu formulieren, ist es noch schwieriger. Die schriftliche Äußerung fällt mir wohl deshalb leichter, weil ich da nicht den Zeitdruck habe, in einer zwischenmenschlichen Kommunikation muss ich schneller reagieren, beim Schreiben habe ich einfach mehr Zeit, meine Sätze auszuformulieren.

So viele Dinge gibt es, die sich durch die Beschränkung unserer verbalen Sprache nicht wirklich ausdrücken lassen, in Bildern aber schon. Nehmen wir mal einen Satz, der vermeintlich aus einer These und einer Antithese besteht: „Wo andere nur ein Chaos sehen, erkennen Autisten ein System – wo andere Ordnung empfinden, sehen Autisten nur Chaos.“ Das klingt auf jeden Fall nach einem interessanten Beitragstitel und geht man nur nach der verbalen Sprache, erscheint es so, als würde sich bei dieser Doppelthese ein Widerspruch ergeben. Stellt man es sich jedoch in Bildern vor, handeln beide Thesen von jeweils völlig anderen Themen und plötzlich ergibt es einen Sinn.

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5 Gedanken zu „Visuelles Denken Teil II

  1. Pingback: Visuelles Denken | Echt anders

  2. Pingback: Ein Jahr „Echt anders“ | Echt anders

  3. Es ist sehr interessant, das zu lesen. Ich bin kein Autist und ganz so stark in Bildern denke ich nicht, aber bei mir laufen meistens auch direkt Filme oder Bilder vor dem inneren Auge ab. Dann lache ich mich z.B. über etwas kaputt und keiner kann es nachvollziehen, weil sie diese Bilder nicht im Kopf haben.

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