Visuelles Denken

„The world needs all kinds of minds.“ („Die Welt braucht alle Arten des Denkens.“) Dieser Satz stammt von Temple Grandin, einer bekannten Autistin, die in Bildern denkt.

Es gibt verschiedene Arten zu denken, ob in Worten, in Zahlen oder eben in Bildern, letzteres trifft auf mich zu. Unter Autisten, hochbegabten und hochsensiblen Menschen gibt es auffallend viele visuelle Denker.

Was versteht man nun genau unter dem Denken in Bildern? Temple Grandin beschreibt es so, dass etwas ähnliches abläuft, wie auf der Bilderseite von Google. Fällt also ein bestimmtes Stichwort wie beispielsweise „Dachziegel“, laufen in ihren Kopf Bilder ab, wo sie schon überall Dachziegel gesehen hat. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, allerdings kann ich nun nicht alles in meinem Kopf aufrufen, was ich schon mal gesehen habe. Bevor ich den Film über Temple Grandin gesehen habe, dachte ich, alle Menschen würden in der Art und Weise denken wie ich.

Für mich ist das visuelle Denken zum Beispiel beim Einkaufen sehr praktisch. Wenn ich im Supermarkt bin, unternehme ich einfach einen virtuellen Rundgang durch meine Küchenschränke und den Kühlschrank und weiß dann, was ich noch so brauche; so spare ich mir obendrein den Einkaufszettel!

Auch zu meinen geographischen Spezialinteressen gehört das Denken in Bildern fest dazu. Nicht nur dass ich mir einen Weg, den ich gefahren bin, nach dem ersten Mal merken kann, ich muss da auch immer wieder über eine Situation bei der Chorprobe schmunzeln, wir sangen gerade ein Stück, dass ich auswendig konnte, in meinem Gehirn waren dementsprechend noch genügend Kapazitäten frei. Ich rief also in meinem Kopf eine dreidimensionale Landkarte der Region zwischen Hohenmölsen und Lützen auf und plante den Trassenverlauf meiner selbst erdachten B 177 unter Einbeziehung des Reliefs – und sang dabei einfach weiter. Manchmal unternehme ich in Gedanken eine virtuelle Führerstandsmitfahrt mit meiner ebenfalls selbst ausgedachten Hohenmölsener S-Bahn.

Ich stoße allerdings auch immer wieder auf die Nachteile dieser Art des Denkens. So habe ich häufiger Schwierigkeiten, Dinge sprachlich auszuformulieren, schriftlich kann ich mich da weit besser ausdrücken. Es müsste so etwas geben, wie ein telepathisches Kommunizieren in Bildern, ungefähr wie bei den Cairn (einer Spezies aus dem Star Trek-Universum, zu sehen in der Episode: „Ort der Finsternis“ aus Star Trek: Das nächste Jahrhundert). Verbale Kommunikation ist für mich sozusagen nicht die Muttersprache, auch wenn ich im normalen Alter sprechen gelernt habe.

Das visuelle Denken dürfte auch einer der Gründe sein, warum ich in der gymnasialen Oberstufe im schriftlichen Bereich solche Probleme hatte. In sämtlichen Aufgabenstellungen der Klausuren standen sogenannte Operatoren wie „Erörtern Sie…“„Erläutern Sie…“„Interpretieren Sie…“, „Analysieren Sie…“ und noch viele andere, wer die Oberstufe besucht hat, weiß sicher, was ich meine. Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, was die da eigentlich von mir wollten, für mich waren diese Formulierungen zu abstrakt und irgendwie doch alle gleich. Hinzu kamen noch meine Schwierigkeiten als Autist, mich in andere hineinzuversetzen, was sich auch hier zeigte. Ich schrieb jedenfalls jedesmal völlig am Ziel vorbei und wunderte mich, warum außer mir niemand damit Probleme zu haben schien. Auch die Lehrer waren ratlos und ich konnte mich nur noch mithilfe einer verstärkten mündlichen Mitarbeit retten.

Generell sollten die Schulen noch deutlich nachbessern, visuell denkende Schüler als solche zu erkennen und den Unterricht auch an deren Bedürfnisse anzupassen, angefangen damit, mehr mit Zetteln zu arbeiten, da ausschließlich verbal geäußerter Unterrichtsstoff von einem Schüler, der in Bildern denkt, deutlich schlechter verarbeitet werden kann, ich spreche da aus eigener Erfahrung.

Hier die Fortsetzung

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7 Gedanken zu „Visuelles Denken

  1. Ich bin auch eine visuell denkende genauso wie mein Vater. Für mich hat es auch in vielen Situationen Vorteile, aber zum Beispiel in der Schule hat es Nachteile- schlechte Rechtschreibung, kein audiotiven Gedächtnis. Dafür habe ich ein überdurchschnittliches visuelles Gedächniss. Wie du sagtest, wenn ich sacheb höre sehe ich die Bilder. Ich kann mir Orte in meinem Kopf aufrufen die ich dann sehe, so kann ich auch Sachen ab meinem zweiten Lebensjahr deutlich und detailliert sehen. Alles was ich so lese, weiß ich-wenn ich mir von sen Texten Bilder machen kann. Einige sagen ich hätte eine art von fotografisches Gedächtnis, aber ich sehe es ganz einfach als eine Art zu denken. Die Welt in Bildern ist so wunderschön. Man sieht die Dinge von einer anderen Perspektive aus. Ich bin ganz deiner Meinung das Schulen bestimmte Sachen im Unterricht verändern sollten. So habe ich keine Schwierigkeiten mit auswendig lernen, aber mit Fächern wo es viel um audiotives geht wie Sprachen undso. Aber auch der Sport Unterricht. Anweisungen genaustens folgen kann ich nicht nur vom hören her, da muss ich tausendmal nachfragen. Und ja interpretieren-erläutern und al das, ich kann das genauso schlecht. Wenn jeder mit der Aufgabe fertig ist, sirze ich da noch und stelle mir alles mögliche vor, verschwende meine Energie und dann ist schonwieder die Zeit um.

    • Ja, der Sportunterricht – bei mir ein Kapitel für sich. Ich habe auch nie verstanden, was ich machen sollte, wenn es nicht auch gezeigt wurde. In Rechtschreibung, muss ich sagen, war ich eigentlich immer sehr gut. Es fällt mir meistens sofort ins Auge, wenn ein Wort falsch geschrieben ist. Da merke ich dann, dass mit diesem Wort etwas nicht stimmt. Da trotz meines visuellen Denkens meine akustische Wahrnehmung und mein akustisches Gedächtnis sehr ausgeprägt sind, bin ich auch in Sprachen sehr gut, ich erkenne schnell die grammatischen Systeme und nehme durch das Hören in kürzester Zeit die Phonetik auf. Als ich mal einen Polen in seiner Sprache begrüßte, dachte dieser erst, ich wäre ebenfalls Pole. Schwierig ist aber wiederum die gedankliche Verarbeitung von akustischen Inhalten, die in meinem Kopf erst noch „übersetzt“ werden müssen, somit dauert bei mir das Denken oft länger.

      • Ich höre auch sehr gut, kann allerdings überhaupt nicht filtern was dazu führt das ich nicht mal mehr genau versuche Gespräche zu folgen da es mir einfach zu viel Energie kostet. Dazu kommt noch das ich auf einem Ohr taub bin und deshalb schon immer sehr auf dem viduellen Gebiet aktiv war und bin. Rechtschreibung kann ich irgendwie nur im griechischen-ich weiß nicht wieso, warscheinlich weil man ss dort genau so schreibt wie man es hört. Französisch zum Beispiel kann ich überhaupt nicht, deutsch wird jetzt besser und holländisch geht so. Englisch ist in dem Fall meine beste Sprache. Das mit dem ,,übersetzen“ im Kopf des gehörten dauert bei mir auch sehr lange, ich versuche es aber zu üben indem ich öfter beim Fernsehen gucken die Augen schließe und versuche mich auf das zu konzentrieren, was gesagt wird.

  2. Pingback: Visuelles Denken Teil II | Echt anders

  3. Mir geht’s da auch so. Ich denke viel visuell und oder konstruiere Dinge virtuell in meinem Kopf. Als ich klein war, war es extrem anstrengend für ich, wenn ich diese Sachen nicht so zu Papier bringen könnte, wie ich sie sah oder Konstruierte in meinem Kopf.
    Gleiches gilt für die Orientierung in einer Stadt oder Ort. Ich kann den auch von oben ansehen.

    Mir half diese Art gut im Job, als erstes als Fahrzeugschlosser beim konstruieren und bauen, danach bei 3D Animationen und Visuellen Effekten. Als ich mit 11 die Virtuelle Welt von 3D entdeckte auf dem Computer, fand ich endlich eine Möglichkeit, meine Bilder im Kopf so zu bauen, wie ich sie sah und sogar in bewegter Form für andere Sichtbar zu machen.
    Und nun, hoffe bald schon, anfassbar mittels eines 3D Printers

    Es tut gut zu wissen, das ich aber nicht der einzige bin, der in dieser Art denkt.
    Und ja. Die Kommunikation mittels Gedankenübertragung in Bildern wäre echt einfacher

    • Bei 3D-Konstruktionsprogrammen scheitert es bei mir oft daran, dass ich mit der Bedienung irgendwie Probleme habe. Ich kann die Bilder in meinem Kopf nicht wirklich gut im Computer umsetzen, auf dem Papier ist es da schon einfacher.

  4. Pingback: Ein Jahr „Echt anders“ | Echt anders

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