Wie Angst mein Leben bestimmt

Als Kind war ich lange Zeit der Meinung, ich hätte vor nichts Angst, nicht vor Hunden, Spinnen, Wespen, dass Außerirdische die Erde angreifen, nicht vor Mobbing – auch wenn es alles andere als angenehm gewesen ist – nicht einmal vor dem Tod. Was mir damals noch nicht klar war: soziale Ängste gehören auch dazu. Ich fasste unter dem Begriff „Angst“ damals ausschließlich das, von dem ich wusste, dass viele Leute sich irgendwie davor fürchten.

Tatsächlich habe ich aber Angst vom Telefonieren, vor Kontaktaufnahme, etwas Falsches zu sagen, nicht verstanden zu werden, dass jemand schlecht von mir denkt, Regeln oder Gesetze zu brechen, vor unsicheren und nicht bis ins Detail geplanten Situationen, dass jemand mein System oder meine Ordnung zerstört und vor Menschen. Am stärksten ist bei mir die Angst vor Kontaktaufnahme ausgeprägt, zu der auch die Angst vorm Telefonieren dazugehört (näheres zu beidem habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben).

Immer wieder hindert mich diese Angst vor Kontaktaufnahme an einer normalen Lebensführung, Dinge, die für andere selbstverständlich sind, fallen mir dadurch unheimlich schwer oder sind für mich gar völlig unmöglich. Mal eben jemanden anrufen, eben schnell zum Friseur oder zum Arzt, um ein Rezept zu holen, Fehlanzeige! Solche Dinge sind bei mir nur unter großer Überwindung und nach teils intensiver Vorplanung möglich.

Und da sind wir auch schon bei der Angst vor unsicheren oder ungeplanten Situationen. Ich denke da an das Deutsche Evangelische Chorfest in Leipzig zurück, an dem ich zusammen mit unserem Pegauer Kirchenchor teilgenommen habe. Bereits Wochen vorher habe ich intensiv jede Einzelheit durchgeplant (Wo muss ich wann hin? Stimmen die Karten für den Workshop und das Konzert? Ist an meinem Fahrrad alles in Ordnung? Wann muss ich losfahren? Was mache ich in den Pausen? Was nehme ich mir an Proviant mit? Habe ich alle Noten, die ich brauche? Was muss ich sonst noch mitnehmen? Inwiefern haut es mit den Mahlzeiten hin? …) und das erzählte ich auch, als wir gegen Ende der nächsten Probe nach dem Chorfest noch zusammen saßen. Das witzige ist, dass ich mich selbst auf die Frage, die darauf unweigerlich kommen sollte – „Was muss man denn da planen?“ – am Vortag schon vorbereitet und in meinem Kopf noch mal die Liste zusammengestellt habe, was ich alles wegen des Chorfestes hatte planen müssen.

Regelmäßig merke ich, wie Angst so sehr zu meinem Alltag gehört, dass sie mein Leben bestimmt. Nicht immer verstärkt sich diese bis zur Panik, steht mir jedoch in einer freien und unabhängigen Lebensführung im Weg. Viele meiner Probleme würden sich in Luft auflösen, gäbe es die Angst nicht.

Dennoch schützt sie mich auch davor, dass ich mich selbst in bestimmten Situationen überfordere. Kann Angst also doch manchmal nützlich sein?

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7 Gedanken zu „Wie Angst mein Leben bestimmt

  1. Naja,

    die Planung ermöglicht doch, dass Du frei und unabhängig Entscheidungen treffen kannst. 💡

    Denn was heißt denn bitte „frei und unabhängig“ ??

    Frei und unabhängig „mal eben“ shoppen gehen ………… wäre das für Dich ein Inbegriff von Freiheit?

    Mit zunehmendem Alter haben sich bei mir „Registerkarten Muster Ablaufpläne“ gebildet. Diese Erfahrungswerte lassen einiges „freier“ wirken, als es wirklich ist.

    Das Planen gibt Sicherheit. Sicherheit bietet Freiheit. Unsicherheit macht unfrei.

    • Zum Beispiel auf die Angst vor Kontaktaufnahme bezogen, ist es bei mir so, dass ich dadurch regelmäßig in Vermeidungssituationen komme, ich gezwungen bin, mich irgendwie zu überwinden oder zum Beispiel Telefonate hinausschiebe. Ohne die Angst würde es bestimmte Probleme im Alltag einfach nicht geben, ich weiß aber, dass ich daran nicht wirklich etwas ändern kann, mir bleibt also nur, es zu akzeptieren, wie es ist.
      Es stimmt, die Planung gibt mir Sicherheit und ist ein Werkzeug, um mit dieser Angst umzugehen. Aber angenehmer wäre es natürlich, wenn die Unsicherheit gar nicht erst vorhanden wäre.

      • Aber die Angst vor Kontaktaufnahme basiert doch auf Erfahrungswerten.
        Lässt sich also nicht so einfach ausschalten.

        Also hilft doch nur,
        (- tranieren nach eigenem Belastungsvermögen
        – Ablaufplan für gewisse Dinge erstellen und versuchen)
        Plan erstellen 🙂

        Für gewisse Dinge wird es einfacher werden. Für manche eher weniger. Je nach dem, wie planvoll das Gegenüber reagiert oder reagieren kann.

        Denn im Gegenüber kann man durchaus Muster im Verhalten erkennen lernen. So funktioniert die Rezeption bei einem bestimmten Arzt immer nach demselben Muster.

        Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dort sagen kann, was ich leisten kann, was nicht und was ich nicht verstehe. Dann habe ich auch keine so großen Ängste mehr, denn „die funktionieren“ nach einem Plan.

  2. Na klar kann Angst nützlich sein! Es ist nicht nur ein teil von Menschen, sondern auch von Tieren. Würde es die Angst nicht geben, dann sähe diese Welt ziemlich anders aus. ich würde damit sagen, ein ganzes Stück schlechter. Klar, Angst ist nicht gerade angenehm, aber sie macht uns auch zu den Menschen, den wir sind.

  3. Ich kann deinen Wunsch nach Minderung dieser Angst gut nachvollziehen. Gerade in letzter Zeit hindert sie mich daran Dinge zu tun, die ich gerne machen würde. Ich will nicht in ständiger Anspannung leben, dafür muss ich aber viele Situationen vermeiden.

  4. Pingback: Angst contra Verstand | Echt anders

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