Eine Prägung für das ganze Leben

Heute will ich über ein sehr schwieriges Kapitel in meinem Leben schreiben, das Thema Mobbing und wie es mich geprägt hat.

Es gibt wohl kaum einen erwachsenen Autisten, der nicht schon mit dieser Thematik zu tun hatte. Bei mir ging es bereits im Kindergarten los und nahm bis zu fünften Klasse meiner Schulzeit immer weiter zu. Auch auf dem Gymnasium gehörte dies für mich – und zwar nicht nur in der eigenen Klasse – leider zum Alltag. Auch außerhalb der Schule hatte ich regelmäßig mit Mobbing zu tun. In der Oberstufe hörte es dann allmählich auf und ich wurde immerhin in Ruhe gelassen.

Aber es ist schon interessant, dass die anderen Kinder bereits im Kindergarten offensichtlich gemerkt haben, dass ich anders bin, auch mir war es schon irgendwie bewusst, ich definierte mich öfter darüber, dass ich eben nicht so „komisch“ bin, wie die anderen. Mit diesem Anderssein vermochten meine Mitschüler wohl nicht umzugehen. Ich bin heute auch so weit, dass ich nicht mehr das Bedürfnis habe, mich an jenen zu rächen, was wohl ohnehin nicht möglich wäre, ich kann nun verstehen, warum sie so gehandelt haben, auch wenn ich es nicht gutheiße. Meine Diagnose war mir da eine Antwort auf viele Fragen.

Ich bin recht erstaunt, wenn ich heute betrachte, was ich damals alles für Strategien ausprobiert habe, um von den anderen nicht mehr gemobbt zu werden. Anfangs versuchte ich es mit der Konfrontation, also ich wehrte mich und rastete aus, das Problem war allerdings, dass ich mit meiner physischen Kraft gegen die anderen nicht anzukommen vermochte und kein Wutanfall meine Mitschüler daran hinderte, weiterzumachen, sie schienen mich ja genau dazu provozieren zu wollen. Später versuchte ich dann, ihre eigenen Waffen gegen sie einzusetzen. Ich nervte sie also bewusst, erzielte aber auch damit keinen Erfolg. Genauso wenig funktionierten Strategien wie das klassische „einfach ignorieren“ oder Argumente. Mir blieb also nur noch eins: es bis zum Ende durchzuhalten.

Bis vor kurzem habe ich mich noch gefragt, ob mir eine Menge Mobbing erspart geblieben wäre, hätte ich die Diagnose schon als Kind erhalten. Meine Mutter hatte ja bereits den Verdacht, dass ich Asperger haben könnte, als ich vier Jahre alt war. Aber wie sollte es anders sein, der Kinderarzt hatte eigentlich keine Ahnung von Autismus und sagte ihr, dass die Symptome für die Erfüllung der Kriterien des Asperger-Syndroms deutlich stärker sein müssten. Somit wurde der Verdacht vierzehn Jahre lang nicht weiter verfolgt.

Heute brauche ich mir diese Frage nicht mehr zu stellen, da ich nun weiß, dass ich in diesem Fall, wäre ich dann wirklich von Mobbing verschont geblieben, ein völlig anderer Mensch geworden wäre, nicht auf schwierige Situationen im Leben vorbereitet und wohl kaum alltagstauglich. Wahrscheinlich wäre ich mit der Welt da draußen so überfordert gewesen, dass ich mich völlig zurückgezogen hätte. Es mag makaber klingen, aber ich sollte wohl dankbar für diese Lektion meines Lebens sein, die wirklich eine tiefe Prägung in mir hinterlassen hat.

Natürlich habe ich es dadurch auch sehr schwer, anderen Menschen zu vertrauen und wenn, dann nur solchen, die ich gut kenne und die mich ebenso gut kennen. Gott ist der einzige, dem ich wirklich bedingungslos vertrauen kann, ohne ihn hätte ich die Schulzeit mitsamt dem Mobbing wohl nicht bis zum Abitur durchhalten können.

Eben diese Erfahrungen haben mich aber auch zum Einzelkämpfer gemacht, was sowohl Vor-, als auch Nachteile hat. Ich habe immer erst eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden, bis ich auf jemanden zugehen kann, wenn ich Hilfe benötige, andererseits bekomme ich viele Dinge selbst hin und lasse mich nicht so schnell entmutigen.

In der Tat bin ich jemand, der eigentlich nie aufgibt, ich erinnere mich da immer gerne an die fünfte Klasse. Am Ende des vierten Schuljahres hatte ich noch einen Notendurchschnitt von 3,6. Dann kam ich in die fünfte Klasse (das war damals noch ein Jahr Orientierungsstufe, ich ging in Niedersachsen zur Schule und gehörte zum ersten Jahrgang, der in zwölf Jahren das Abitur gemacht hat) und hatte das feste Ziel, auf das Gymnasium zu kommen, dazu würde allerdings ein Durchschnitt, der besser als 2,5 ist, gehören. Meine Muitter sagte mir, ich sollte mich doch mit der Realschule zufrieden geben, eine Gymnasialempfehlung wäre utopisch, doch ich hatte meinen festen Willen. Nach der fünften Klasse kam unser Jahrgang dann auf die weiterführenden Schulen und ich aufs Gymnasium, ich glaube mit einem Durchschnitt von 2,3 oder so ähnlich.

Vielleicht hätte ich ohne das Mobbing also kein Abitur gemacht und wäre nicht da, wo ich heute bin. In jeglicher Hinsicht ist es auf jeden Fall eine Prägung für das ganze Leben.

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9 Gedanken zu „Eine Prägung für das ganze Leben

  1. Du kannst froh sein, dass Du Dein Selbstwertgefühl durch das Mobbing nicht verloren hast!

    Denn dass ist es, was bei den meisten geschieht!

    Dass sie gerade aufgrund des Mobbings eben nicht mehr in der Lage sind, auszuhalten, was schon kaum auszuhalten ist, wenn man kein Mobbing erlebt.

    Da ich vier Kinder habe, und nur der vierte derzeit von Mobbing verschont bleibt (dank Schulbegleitung), kann ich sagen, dass Mobbing eine massiv zerstörerische Kraft hat. Vor allem Lehrergestütztes Mobbing. An der Selbstständigkeit wird aber nicht herumgewerkelt. Sondern am Selbstverstrauen in die Selbstständigkeit! Jedenfalls ist der derzeitige Zustand.

    Wenn das Selbstvertrauen zerstört wird, dann laufen viele Hilfen zu einem späten Zeitpunkt nur noch ins Leere.

    • Das schwierige daran ist ja auch, dass man quasi alleine gegen alle anderen steht und eben auch von den Lehrern nicht verstanden/ ernst genommen wird. Dieses Gefühl, alle gegen mich zu haben ist etwas, was ich in der Schulzeit fast durchgängig erleben musste, es hat allerdings mein Selbstvertrauen nicht geschwächt, sondern vielmehr meinen Durchhaltewillen gestärkt und mich zu einer Kämpfernatur gemacht. Leider entwickeln sich, wie du schon sagst nur wenige in einer solchen Situation dementsprechend, deswegen kann ich wirklich dankbar sein, dass mir zum Beispiel Dinge wie Depressionen erspart geblieben sind.
      Zerstörerisch ist Mobbing eigentlich immer, aber ich kann heute sagen, dass ich nicht als Verlierer aus all dem hervorgegangen bin.
      Aber ich freue mich von dir zu lesen, dass offensichtlich eine Schulbegleitung auch bei den Mitschülern einem solchen Maße Verständnis erwecken kann, dass dem betreffenden Schüler das Mobbing erspart bleibt. Sollte ich später auch mal Kinder haben, von denen eins oder mehrere vielleicht Autisten sind, werde ich sicher daran denken.

      • Wenn die Schulbegleitung früh einsetzt und die Schule über die Probleme informiert ist. Weiter ist eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit von allen unbedingt notwendig.

        Wenn ich nun sehe, dass mein 7jähriger ein tolles Zeugnis mitgebracht hat und die „schlechten“ Bewertungen nur aus dem Spektrum stammen, dann bin ich soooo stolz auf meinen Zwerg. Denn er hat durchgehalten. Schulbegleitung und Lehrer sind hier aber maßgeblich am Erfolg beteiligt!

        Beim Ältesten kam die Diagnose zu spät, danach folgte eine Zeit der Nichtbeschulung, wieder Einstieg ins Schulsystem und gestern wurde klar, an der Regelschule wird es einfach nichts. Weil die Wunden durch das Mobbing zu tief sind. Das Vertrauen in irgendwas nicht mehr vorhanden ist. Die Depression verhindert, dass klare und zielgerichtete Gedanken gefasst und durchgeführt werden können.
        Auch zeigt es, dass Schulen noch einen weiten Weg vor sich haben, gerade mit den Spätdiagnostizierten und traumatisierten Schülern umzugehen!!
        Das Schulsystem erscheint mir starrer im Denken, als meine autistischen Kinder. Die Lehrer vom Zwerg können mit ihm lernen. Geben ihm aufgrund seines Alters und der auch nicht gefestigten Mitschüler mehr Zeit. In den weiterführenden Schulen erwartet man ab Klasse 8 teilweise gefestigte Charaktere. Damit konnten wir leider nicht aufwarten. Den Mädchen geht es auch nur darum gut, weil die Lehrerschaft dieser Schule ganz anders handelt als die Lehrerschaft an der Schule des Großen!! Denen kann man sagen, wo Mobbing und/oder MissTverständnisse vorhanden sind und die Sachlage dann objektiv betrachten. Denn die Lehrer unterstützen uns und vor allem die Mädchen sehr! Wenn wir dies nicht hätten, wären auch hier die „Karrieren“ vorgezeichnet.

        Beim Querdenker schrieb ich ja schon, wie hier in NRW die Förderschulen und die ATZ’s Forderungen aufstellen, ABA im jugendlichen Alter einsetzen und damit Forderungen an die Jugendlichen stellen, die diese nicht erfüllen können und wollen, weil sie das System durchschauen. Aber ABA ist ein Therapiemittel, das gerne und viel angewandt wird. Und DAS macht mich wahnsinnig, wenn ich sehe, wie die Voraussetzungen selbst in den Förderschulen an den Bedarfen der spätdiagnostizierten Jugendlichen Autisten vorbeilaufen. Weiter Aber ich glaube, dass ich gerade in meinem Frust voll am Thema vorbeischreibe. *sorry*

      • Mit der ABA-Therapie habe ich mich noch nicht so intensiv beschäftigt, aber was ich bisher davon gelesen habe, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass hier nur die Symptome therapiert werden, anstatt auf die Ursachen zu schauen, eine sehr kurzsichtige Herangehensweise, welche dem Kind auf jeden Fall schadet. Ich finde nicht, dass du am Thema vorbeigeschrieben hast, aber offenbar hast du eine Menge zu berichten, da könntest du fast selbst einen Blog eröffnen, sofern bei der Erziehung von vier Kindern noch Zeit für so etwas bleibt.

  2. Eine Menge zu berichten habe ich bestimmt. Aber ob es derzeit sinnig ist, selber einen Blog zu starten, ist mir noch unklar. Hängen doch sehr viele Dinge mit davon ab, wie ich bin und was ich sage. Zb sämtliche Hilfen.

    Das System ABA ist übrigens eine Sache, die unbedingt betrachtet gehört. Denn ja, oft wird es „Dressur“ eingesetzt. Teile von ABA sind in der „norm“alen bzw. einfachen Erziehung verankert, so das es „harmlos“ daher kommt. Ist es aber nicht. Ich kann nicht aus jeder sozialen Situation eine Therapiesituation machen. Und Eltern als „Therapeuten“ zu missbrauchen und damit die Vertrauensbasis zu zerstören betrachte ich sehr kritisch. Einfach nur Eltern sein, die eigenen Erziehungsansprüche „durchzusetzen“ (was in der Pubertät genug Schwierigkeiten bringt) ist Eltern von „verhaltensoriginellen“ Kindern nicht gestattet. So zumindest hat es den Anschein, wenn ich wortwörtlich an manche Ideen und Therapien herangehe.

    Und, tja, die Wortwörtlichkeit ist nun mal auch meins. Vielleicht waren und sind meine Kinder mir auch immer verständlich gewesen. Nur die Lebenserfahrung von 45 Jahren UND dem lesen von „leichter“ Literatur (wo man Menschen beim Denken „beobachten“ kann) haben hier eine Übersetzungsmöglichkeit gegeben.

    Auch „seichte“ Fernsehserien eignen sich durchaus, soziale Konstellationen und Interaktion zu betrachten und darüber ins Gespräch zu kommen.

    Und welcher Therapeut nimmt die „Krücke“ elektronisches Spielzeug (Konsole oder Handheld) um ein Gespräch zu führen ohne sich anschauen zu müssen. Welcher Lehrer akzeptiert, dass am Handy gespielt wird, aber der Unterrichtsstoff trotzdem wahrgenommen und vertieft wird. Passt halt nicht in die Norm.

  3. Ja,ja das kenne ich natürlich auch sehr gut. Ich wurde zwar im Kindergarten nicht gemobbt, aber wirklich Freunde hatte ich auch nicht. Die ganze Grundschule lkang wurde ich gemobbt, ich weiß nicht mal wie ich das ausgehalten habe. Auf jem Gymnasium wurde es dann zu heftig, da wurde ich deppresiv und musste Schule Welcheln. Jezt geht es einiger maßen. (bin aber erst nächstes Jahr in der Oberstufe). Meine Eltern und er ganze Rest den ich kenne wussten auch schon immer das ich anders bin. Ich selber dachte am Anfang ich wäre normal und der Rest um mich rum einfach nur verrückt. Ich habe immernoch keine Diagnose, habe aber vor mich noch testen zu lassen, warscheinlich erst wenn ich 18 bin. Meine eltern denken nicht wirklich an Autismus, die kennen aber auch nur so das was jeder so denkt : Autisten leben in ihrer eigenen Welt blabla. Als ich mal über das Thema Autismus/ Asperger angfangen habe, sind sie mir ausgewichen. Naja ich hoffe auf jeden Fall, dass du in deinem Leben nie mehr gemobbt wirst, weder auf der Arbeit, noch sonst auf irgendeiner Weiße. Den Grund wieso Menschen mobben verstehe ich nicht, ich nehme mal an sie haben angst für ,,das Unbekante, das Anderssein“, wie meine Mutter vormulierte.

    • Ich denke, Menschen benutzen Mobbing vielfach, um sich gegenüber anderen besser zu fühlen, bei Tätern geht dementsprechend oft ein niedriges Selbstwertgefühl voraus, welches sie unbewusst damit stärken wollen. Solche Leute fühlen sich dann aber nur an der nach außen hin sichtbaren Oberfläche stark, es fehlt aber das Fundament für ein gesundes Selbstwertgefühl, sodass sie sich außerhalb einer Clique wohl unsicher fühlen würden. Als Opfer werden häufig Leute ausgesucht, die entweder anders sind oder schüchtern, bei denen man also das Gefühl hat, sie seien kaum imstande, sich zu wehren. Gerade dieser Wehr- und Hilflosigkeit – meistens alleine gegen die Masse – macht es für den oder die Gemobbte(n) so schwer.
      Zu einer Diagnose kann ich dir übrigens nur raten, für mich hat es vor allem die jahrelang unbeantwortete Frage geklärt, warum ich, wohin ich auch kam, ständig gemobbt wurde. So wusste ich nun, dass nichts an mir falsch ist, außerdem habe ich, dadurch dass ich mit meinem Autismus offen umgehe, eher die Chance, bei anderen Verständnis für mein so völlig anderes Denken und Handeln zu erlangen. Bitte ruhig deine Eltern darum, sich intensiver mit der Thematik Autismus zu beschäftigen, es lohnt sich!

      • Danke für deine Antwort die hilft mir sehr 🙂 und leider ist es so das egal wann ich gegenüber meinen Eltern damit anfange sie mir ausweichen, ich verstehe nicht wieso und wie ich das fragen soll weiß ich nicht weil sie wegen wolche sachen oft sauer auf mich werden. Das mit dem sich nicht währen können gegenüber den Tätern stimmt wol, obwol ich ein mal ausgerastet bin (passiert mir sonst nie ich hab irendwie eine weiß ich wie gute Selbsbeherschung) Aufjedenfall danke das du mir die Antwort gegeben hast, jetzt versteh ich zumindest einigermaßen, wieso andere mobben, auch wenn sie sich vielleicht wenn sie alleine sind unsicher fühlen, finde ich das trotzdem keine Entschuldigung.

  4. Mobbing ist der Grund, warum ich mich überhaupt nicht gerne an meine Schulzeit zurückerinnere. Meine ganze Schullaufbahn hindurch wurde ich gemobbt, habe deswegen sogar einmal die Schule gewechselt, aber auf der neuen Schule ging es weiter. Ich denke auch, wenn ich viel früher diagnostiziert worden wäre und nicht erst nach dem Abitur, hätte mir das einiges ersparen können. Die Erfahrung, nicht gemobbt zu werden, habe ich das erste Mal in der Berufsschule gemacht, und das sogar, ohne mich als Aspie geoutet zu haben.

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