Menschen bringen Unsicherheit – Menschen geben Sicherheit

Ich habe ein äußerst ambivalentes Verhältnis gegenüber anderen Menschen in meiner Umgebung. Sie bringen mir Unsicherheit und geben mir wiederum Sicherheit – klingt paradox? Ist es auch und wiederum auch nicht.

Manchmal würde ich mich wirklich gerne auf eine einsame Insel zurückziehen, wo mich niemand stört. Ich weiß aber, dass es ja auch Menschen braucht, die Lebensmittel herstellen oder Häuser bauen, außer ich will wirklich vollkommen „naturverbunden“ leben.

Wenn ich einen neurotypischen Menschen beschreiben sollte, fallen mir Begriffe ein wie chaotisch, laut, unberechenbar, vielschichtig, emotional, flexibel und ohne festen Plan. Ich weiß sehr häufig nicht, wie ich jene in der jeweiligen Situation einschätzen soll und bin schnell mit deren Weise zu denken und zu handeln überfordert.

Da jene die Mehrheit bilden, sind es vor allem die Nichtautisten, welche die Welt und die Gesellschaft gestalten. Und da beginnen für mich die Probleme. Ich bräuchte eigentlich eine Gesellschaft, die vollkommen anders ausgerichtet ist, als unsere jetzige, deutlich weniger künstliche Reize in der Umgebung, ein geringeres Maß an Kommunikation und Kontaktaufnahme und eine Entschleunigung der alltäglichen Prozesse. In dieser von Neurotypischen gemachten Gesellschaft kann ich mich nicht wirklich sicher fühlen und ich würde es eigentlich schon so beschreiben, dass ich Angst vor Menschen habe (ausgenommen Kleinkinder, mit denen ich mich sehr gerne beschäftige).

Man könnte daraus jetzt schließen, dass Nichtautisten grauenvolle, rücksichtslose und angsteinflößende Wesen seien, aber ich bin nicht unbedingt ein Freund eines solchen Schwarz-Weiß-Denkens, immerhin gibt es auch noch eine vollkommen andere Seite.

Neurotypische haben viel Erfahrung mit dieser „Welt“, was bedeutet, dass sie sich darin zurechtfinden. In mir völlig unbekannten Situationen bin ich recht froh, wenn ich einen Menschen an meiner Seite habe, der sich da auskennt und mir somit ein bisschen Sicherheit geben kann, zum Beispiel auf Ämtern.

Insbesondere wenn Entscheidungen oder Unklarheiten auf mich zukommen, fühle ich mich auf jeden Fall sicherer, wenn ich Leute um mich habe, die mich unterstützen. Ich habe momentan dieses Privileg und kann so auch meinen Alltag recht gut meistern. Auch wenn meine Mobbingerlebnisse in der Schule mich zu einer Art Einzelkämpfer gemacht haben, brauche ich doch andere Menschen, die mir helfen, mich zumindest ansatzweise in dieser Welt zurechtzufinden, die nicht wirklich die meine ist, in der ich aber dennoch lebe.

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2 Gedanken zu „Menschen bringen Unsicherheit – Menschen geben Sicherheit

  1. Danke, dass du diese Ambivalenz mal in Worte gefasst hast. Es gibt einige Menschen, die mir Sicherheit geben und die ich im Alltag schon fast „brauche“ (und auch mag), und das, obwohl ich den meisten Menschen aus dem Weg gehe. Ich kann nicht mal sagen, was einem NT die Möglichkeit gibt, diese Grenze zwischen „allen anderen“ und „der eine Besondere“ zu überschreiten. Aber manchen gelingt es dann doch.

    • Meistens hängt es davon ab, wie viel Verständnis das Gegenüber hat und wie vorurteilsfrei die Person herangeht. Es stimmt schon, dass es da solche und solche gibt, gerade deshalb ist ein Schwarz-Weiß-Denken, wie ich es in diesem Punkt auch von manchen Autisten leider schon wahrgenommen habe, nicht unbedingt zutreffend. Beide, Autisten und neurologisch-typische Menschen, sollten die Gelegenheit nutzen, voneinander zu lernen, es bringt beide Seiten auf jeden Fall weiter.

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