Hindernis Kontaktaufnahme

Nachdem ich am Mittwoch in unserer Asperger-Selbsthilfegruppe in der Leipziger Autismusambulanz den theoretischen Teil zum Thema Kontaktaufnahme gehalten habe, dachte ich mir, dass ich doch gleich mal einen Blogbeitrag über diese gerade für Autisten nicht unerhebliche Sache schreiben könnte. Ich war erstaunt, wie wenig im Internet über den Kontext Autismus und Kontaktaufnahme zu finden ist (umso mehr ein Ansporn für mich 😉 ).

Tja, Kommunikation könnte so viel einfacher sein, wäre da nicht diese sprichwörtliche Mauer der Kontaktaufnahme, aber dummerweise ist gerade das ein fester und untrennbarer Bestandteil von Kommunikation, das Hindernis würde sich also nur durch Vermeidung umgehen lassen, aber mal von vorn.

Es ist ja bekannt, dass Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Autisten und Nichtautisten schon fast alltäglich sind. Gründe dafür sind zum Beispiel die unterschiedliche Denkweise oder, dass man als Autist Schwierigkeiten hat, sich in andere hineinzuversetzen und Mimik sowie Gestik der anderen Person zu deuten. Im Umkehrschluss kann auch die andere Person häufig mit den nonverbalen Signalen von Autisten wenig anfangen, da diese anders und in einem deutlich geringerem Maße ausgesandt werden. Man ist also zum großen Teil auf die verbale Kommunikation angewiesen, was ein wahrer Blindflug sein kann, da der nonverbale Anteil in einem Gespräch ja normalerweise um die 80% ausmacht.

Was passiert nun, wenn ein Autist sich jahrelang rechtfertigen musste, weil er regelmäßig von der Mehrheit der „normalen“ Leute falsch verstanden wurde, wenn anstatt der gesendeten Sachinformation auf einmal beim Gegenüber eine Bewertung ankommt, nur weil die Person zu sehr „zwischen den Zeilen gelesen” hat? Es entwickelt sich über die Jahre eine Angst und zwar vor Kontaktaufnahme, weil solche Missverständnisse am häufigsten in diesem Teil der Kommunikation auftreten, also bevor man die Gelegenheit hat, eine gleiche Kommunikationsbasis zu finden.

Bei mir zieht sich diese Angst vor der Kontaktaufnahme durch sämtliche Kommunikationsmedien am stärksten zeigt es sich bei mir aber beim Telefon (mehr dazu hier). Immer wieder kommen mir, wenn ich dann wieder vor diesem riesigen Hindernis stehe, in einer solchen Situation Gedanken hoch wie zum Beispiel: „Wie formuliere ich das jetzt am besten?“„Hoffentlich sage ich nichts Falsches.“, „Hoffentlich versteht die Person, was ich meine.“, „Was mache ich, wenn die Person mich nicht versteht?“„Dann muss ich mich ja schon wieder erklären oder rechtfertigen…“, „Fragt die andere Person vielleicht irgendetwas, womit ich nichts anfangen kann?“ Und dann versuche mal einer in so einer Situation den Verstand, der eigentlich weiß, dass mir die andere Person nicht „den Kopf abreißen“ will, über die Angst zu bekommen.

Wenn es darum geht irgendwo etwas nachzufragen, dann fällt es mir leichter, den Verstand dazu einzuschalten und mir selbst zu versichern, dass ich eigentlich keine genervte oder verständnislose Reaktion zu erwarten habe (so etwas passiert leider auch gelegentlich), aber dennoch ist auch diese Art der Kontaktaufnahme für mich sehr schwer. Da finde ich es übrigens noch einfacher, eine fremde Person, mit der ich dann nie wieder etwas zu tun habe etwas zu fragen, als eine Person die mir beispielsweise nahesteht und mir, so sagt es mir dann meine Angst, doch glatt noch lange nachtragen könnte, dass ich sie mit einer Frage belästigt habe, es klingt verrückt, ich weiß.

Übrigens läuft Kontaktaufnahme unter Autisten meist deutlich anders ab, als unter Neurotypischen. Während erstere in der Regel schnell zu Sache kommen, verwenden viele Nichtautisten Kommunikationsmittel wie „Small-Talk“ (oft eine wahre Fremdsprache für Autisten) oder beginnnen ihre Kommunikation mit einem „Hallo, wie geht’s dir?“, obwohl es sie eigentlich gar nicht interessiert, wie es dem andern gerade geht und diesen Satz nur als Floskel verwenden.

Aber wie wird man nun mit dem Problem „Kontaktaufnahme“ fertig? Da gibt es wohl, wenn man dann wieder vor dieser Mauer steht, nur zwei Möglichkeiten: Umkehren oder versuchen, drüberzuklettern!

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2 Gedanken zu „Hindernis Kontaktaufnahme

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