Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit

Im Moment haben wir ja die Fußball-Weltmeisterschaft, es gibt in Deutschland also kaum jemanden, der nicht sich nicht die Spiele unserer Nationalmannschaft anschaut, es bricht ein wahres Fußballfieber aus und alles andere scheint nebensächlich zu sein.

Ich gehöre zu den wenigen, denen es reicht, die Ergebnisse auch im Radio zu hören, ich halte ja ohnehin auf Brasilien, schaue mir aber auch nicht jedes Spiel mit brasilianischer Beteiligung an. Es gibt Dinge, die mir wichtiger sind, als ein Fußballspiel zu sehen, beispielsweise meinen Verpflichtungen nachzukommen, egal ob diese von anderen oder von mir selbst festgelegt worden sind.

Gestern spielte Deutschland gegen Portugal, ich wusste zwar, dass das Spiel an den Tag stattfindet, wusste aber nicht mal die Uhrzeit. Abends war dann Chorprobe und ich war ganz verwundert, dass das Spiel bereits begonnen hatte, als mir die Kantorin vom Zwischenstand von 3:0 berichtete. Es war also schon abzusehen, dass wohl nicht viele Leute zur Probe kommen würden.

Nach und nach kamen die ersten Leute, die meisten aber zu spät und alle scheinen irgendwie das Spiel gesehen zu haben. Eine Frau kam erst nach den Spiel, aber die meisten Leute überhaupt nicht (im Bass war ich zum Beispiel alleine, aber da habe ich wenigstens mal einen Grund, laut und kräftig zu singen 🙂 ). Und da frage ich mich wirklich, ob bei vielen Menschen nicht irgendwie die Prioritäten verschoben sind.

Für mich wäre es ein gefühlter Weltuntergang, irgendwo auch nur eine Minute zu spät zu kommen und falls es doch passiert, erlebe ich ein Gefühl, was die meisten wohl mit „am liebsten im Erdboden versinken wollen“ beschreiben würden.

Auf dem Blog „Seinsdualität“ wird ja ganz gut der Unterschied zwischen autistischer und klassisch neurologisch-typischer Lebensführung beschrieben. Natürlich sind nicht alle Nicht-/ Autisten genau so, aber es lassen sich schon einige häufig auftretende Charaktereigenschaften ablesen.

Bei Autisten können das zum Beispiel sein: ordentlich, unflexibel, zuverlässig, pünktlich, gründlich, gleichförmig, beobachtend, abwartend, planend, distanziert, ehrlich, direkt, gerecht

Bei Nichtautisten kann es dann manchmal eher Eigenschaften geben wie: initiativ, flexibel, unpünktlich, gesellig, chaotisch, improvisierend, zwischen den Zeilen lesend

Viele dieser natürlich sehr stereotypen Eigenschaften können Stärke und Schwäche zugleich sein, aber es fällt deutlich auf, dass Autisten offensichtlich mehr Wert auf Dinge wie Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Ehrlichkeit legen, eine Erfahrung, die ich über die Jahre an mir selbst immer wieder gemacht habe. Bei mir kann man sich beispielsweise darauf verlassen, dass ich etwas, das ich fest zusage, auch einhalte, vorausgesetzt ich vergesse es nicht (zu letzterem Punkt an dieser Stelle mehr).

Ein zu starkes Pflicht- oder Verantwortungsbewusstsein kann aber auch ein Nachteil sein, da man sehr schnell ausgenutzt werden kann. Viele Autisten neigen dazu, sich schnell für Dinge verantwortlich oder zu etwas verpflichtet zu fühlen und in diesen Bereichen dann so korrekt wie möglich zu handeln, dies kann schnell ein Maß annehmen, welches für die betreffende Person irgendwann nicht mehr gesund ist.

Deswegen bin ich der Ansicht, dass Autisten und Neurotypische die Gelegenheit nutzen sollten voneinander zu lernen, da sie sich ergänzen doch eigentlich ganz gut ergänzen können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s