Die nichtautistische Sicht

Wenn ein Nichtautist beschreibt, was Autismus ist, gibt es meist Aspekte, wo Betroffene widersprechen würden.

Man kennt das als Autist ja von Filmen über dieses Thema, da gibt es zum Beispiel „Ben X“, „Snow Cake“, „Der Kalte Himmel“, „Rain Man“, „Mozart und der Wal“, „Du gehst nicht allein“ und noch viele andere. All diese Filme haben eines gemeinsam: sie wurden von Nichtautisten produziert. Meistens sind dabei unweigerlich auch Klischeevorstellungen eingeflossen, die aus der neurotypischen Perspektive der Beobachtung von Autisten hervorgegangen sind, nicht aus dem Hineinversetzen in jene.

Beispielsweise gibt es in dem Zweiteiler „Der Kalte Himmel“ (eigentlich an sich ein guter Film über einen Jungen mit dem Asperger-Syndrom im ländlichen Bayern der sechziger Jahre) eine Szene, bei der ich als Betroffener so manches anders sehe. Die Hauptperson, der Junge namens Felix und seine Mutter kommen in Berlin vorübergehend in einer typischen 68er-Kommune unter, dort herrscht eigentlich das blanke Chaos, viele Leute und Durcheinander auf engstem Raum und eigentlich keine Rückzugsmöglichkeit. Im Film wird es so dargestellt, dass Felix sich dort sehr wohlfühlt, was dann vom Arzt Niklas Kromer mit der „freieren Atmosphäre“ die dort angeblich herrscht begründet wird, als würde der Junge also eigentlich an den strengen Regeln der patriarchalischen Gesellschaft leiden. Für mich hingegen wäre aufgrund der vielen Reize, der vielen Menschen auf engstem Raum und des extremen Chaos selbst ein kurzer Besuch in einer solchen Wohnform fast unerträglich und würde wohl schnell zu einer Reizüberflutung führen. Die Produzenten des Filmes scheinen sich, obwohl der Zweiteiler ansonsten wirklich sehenswert ist, keine Gedanken über das für Autisten sehr wichtige Thema Reizverarbeitung gemacht zu haben.

„Der Kalte Himmel“ ist insgesamt nicht so sehr mit Klischeevorstellungen übersät, wie manch andere Filme, bei denen man es als Betroffener oft schwer hat, sich mit der dort gezeigten Person zu identifizieren, da mehr auf nach außen hin sichtbare Symptome geschaut und dafür weniger überlegt wurde, was denn tatsächlich in bestimmten Situationen in einem Autisten vorgeht.

Ein positives Beispiel ist hingegen der Film „Du gehst nicht allein“ (englischer Originaltitel „Temple Grandin“) über das Leben der inzwischen weit über die Vereinigten Staaten hinaus bekannten Autistin Temple Grandin. Als Quellen sind auch Bücher von ihr mit eingeflossen und somit auch ihre eigene Sicht als Betroffene. Der Film gibt insgesamt ziemlich gut auch die Perspektive eines Autisten wieder und mir fiel es nicht so schwer, mich in vielen Punkten selbst dort wiederzufinden.

Es zeigt vor allem, dass auch neurotypische Menschen durchaus in der Lage sein können, Autisten zu verstehen, dazu braucht es aber auch genug Betroffene, die über ihr Erleben der Welt sprechen oder schreiben.

Dann gibt es ja noch auf diversen Nachrichtenportalen Artikel über Autismus. Manchmal kommen auch dort Betroffene zu Wort, aber insbesondere in dieser Mediensparte sind Klischeevorstellungen noch sehr weit verbreitet und häufig ist dann von Phrasen die Rede wie „Autisten leben in ihrer eigenen Welt“„… leidet am Asperger-Syndrom„ oder „Autisten haben oft mehrere Inselbegabungen“. Man könnte den Journalisten vorwerfen, dass sie es einfach nicht besser wissen, aber ich kann mich da nur einem schon oft geäußertem Appell anschließen: „Redet nicht über uns, redet mit uns!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s