Schreckgespenst Telefon

Ich besitze etwas, was ich eigentlich gar nicht haben will, aber leider brauche: ein Telefon.

Mittlerweile habe ich mich ja so weit, dass ich (es könnte ja wichtig sein) auch rangehe, wenn das Telefon klingelt, aber immer die Ungewissheit habe, wer ruft an, was will die Person jetzt von mir, verstehe ich richtig, was die Person von mir möchte und kann ich gegebenenfalls mein eigenes Anliegen verständlich rüberbringen. Es gibt einfach so viele Variablen, es kann so viel schief gehen, natürlich, das ist sicherlich auch in vielen anderen Bereichen so, aber beim Telefonieren ist es für mich am schlimmsten.

Manch einer sagte mir dann: „Das ist bestimmt, weil du die andere Person beim Gespräch nicht siehst.“ Wenn dem so wäre, würde mir ja Kommunikation mit Bild dazu, zum Beispiel über Skype leichter fallen, aber Fehlanzeige! Was sollte es mir auch nützen, die Mimik einer Person sagt mir ohnehin nicht viel.

Schlimmer als angerufen zu werden ist es für mich noch, selbst anrufen zu müssen. Ein anstehendes Telefonat gleicht für mich unter Umständen dem Gang zum Galgen und ich versuche es oft so lange wie möglich aufzuschieben. Eine Person, die ich kenne anzurufen ist noch etwas leichter, als beispielsweise ein Telefonat mit Behörden (ganz schlimm), aber die Angst ist immer noch da.

Wenn ich es dann doch geschafft habe, mich zu einem Telefonat durchzuringen und erreiche dann niemanden, bin ich für einen kurzen Moment erst mal niedergeschlagen, da ich mich schon enorm angestrengt habe, es aber nichts gebracht hat und das Ganze in Kürze von vorne losgeht.

Manch einer würde in solchen Situationen „einfach“ auf den Anrufbeantworter sprechen, ich denke mir nur: „Bloß nicht!“ Ich frage mich manchmal, was für mich schlimmer wäre, Rhabarber essen oder auf den Anrufbeantworter sprechen. Letzteres ist für mich nämlich fast unmöglich und ich kann (im wahrsten Sinne des Wortes) an einer Hand abzählen, wie oft ich mich bisher dazu durchgerungen habe. Da probiere ich es lieber, eine Person anzurufen, bis ich sie irgendwann erreiche, als auf dieses Ding zu sprechen, bei dem jeder Versprecher gespeichert wird, ich keine Zeit habe, mir schnell einen Text zurecht zu legen und bei dem ich garantiert irgendetwas Falsches sage, weil ich einfach zu aufgeregt bin.

Noch schlimmer als Festnetztelefone sind für mich Handys. Ich habe ja leider auch eines (es dürfte ungefähr neun Jahre alt sein). Auf dem Handy angerufen zu werden, was zum Glück nur selten passiert ist für mich, auch wenn ich es mir nicht wirklich erklären kann, schlimmer, als selbst vom Mobiltelefon aus anzurufen. Ich habe es ja sowieso fast nie angeschaltet, da ich es fast nur für Banküberweisungen (mobile TAN) und für den Notfall, wenn ich zum Beispiel einen Anschlusszug verpasse und Bescheid geben muss, dass ich später komme, brauche.

Das dumme an unserer heutigen Zeit ist ja auch, dass eine Erreichbarkeit zu jeder Zeit schon fast vorausgesetzt wird, ein Anspruch, den zu erfüllen ich vermutlich nie in der Lage sein werde. Trotzdem scheint ein verhältnismäßig normaler Umgang mit dem Telefon schon sehr wichtig zu sein.

Auch von einigen anderen Autisten weiß ich, dass sie Probleme mit dem Telefonieren haben, ich kenne aber auch einen, der lieber telefoniert, als mit den Leuten persönlich zu reden, da er sie so auf Distanz halten kann. Für mich ist allerdings ein persönliches Gespräch einfacher, aber trotzdem mit Problemen behaftet, die ich wohl bei jeder Kommunikationsmethode mehr oder weniger hätte. Kommunikation per Mail scheint da für mich noch das einfachere zu sein, aber ganz angstfrei bin ich auch dort nicht.

Das Hauptproblem in der Kommunikation ist für mich die Kontaktaufnahme, die vor allem der Grund dafür ist, warum ich Dinge aufschiebe. Ist dieses häufig kolossal erscheinende Hindernis erst mal überwunden kann ich auch am Hörer einigermaßen ein Gespräch führen, obwohl es dann immer noch nicht einfach ist.

Wenn ich dann nichtsahnend in meinem Zimmer sitze und plötzlich das Schreckgespenst genannt Telefon wieder Gruselgeräusche von sich gibt, denke ich mir nur: „Oh nein, nicht schon wieder!“

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2 Gedanken zu „Schreckgespenst Telefon

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