Warum haben Autisten Spezialinteressen?

Insbesondere Asperger-Autisten entwickeln – meist schon in ihrer Kindheit – oft Spezialinteressen, manche nur eines, aber die meisten mehrere. Für neurologisch-typische Menschen kann es manchmal unverständlich sein, wie jemand in solchem Maße in einem Interessensgebiet „versinken“ kann, dass ihn oder sie nichts anderes mehr zu interessieren scheint. Auch das sehr umfangreiche Wissen, was mit diesem Spezialinteresse erworben wurde, erstaunt die meisten Leute, die damit konfrontiert werden, sehr.

Manche Eltern fragen sich dann: „Warum kann der nicht einfach mal mit anderen Kindern spielen?“ Auf diese Frage erwartet jene Person in der Regel keine Antwort, aber die Fragestellung ist natürlich berechtigt.

Wir Autisten nehmen diese Welt häufig als laut und chaotisch war und brauchen dann etwas, wo wir entspannen können und wo uns vor allem niemand stört. Ich würde zum Beispiel bei der Ausübung meiner Spezialinteressen keinen anderen Menschen mit einbeziehen wollen, eine Ausnahme ist das Spezialinteresse Star Trek, wo ich mit meiner Schwester manchmal das Ratespiel mache, dass eine Star Trek: Voyager-Episode genannt wird und der andere, sagen muss, worum es in der Folge geht. Allerdings erzähle ich gerne anderen von meinen Spezialinteressen, zum Beispiel präsentiere ich dann stolz meine Pläne eines S-Bahn-Netzes (inklusive Umgehungsstraßen und Autobahnzubringer) für die Kleinstadt Hohenmölsen im Süden Sachsen-Anhalts (ein Projekt, das nie jemand verwirklichen wird, da es einfach zu teuer wäre und keiner die weggebaggerten Dörfer wieder aufbaut, die ich in die Pläne mit einbezogen habe). Wenn ich (als visuell denkender Mensch) mir dann die Bahnhöfe, die Strecken, die Brücken und die S-Bahn-Triebwagen vorstelle, dann ist alles um mich herum vollkommen egal und ich kann für einen Moment sämtliche Sorgen und Probleme des Alltags ausblenden.

Wenn ich dann gerade keine Idee habe, mit welchem Spezialinteresse ich mich beschäftigen könnte, weiß ich dann nicht viel mit mir anzufangen. Insgesamt habe ich aber relativ viele Spezialinteressen, also finde ich meist irgendwas (da kann ich mich dann entscheiden zwischen Star Trek, Geographie, Bahnstrecken, Autismus, Radio oder Komponieren).

Während „normale“ Menschen ihre Zeit und Energie für die Gemeinschaft mit anderen einsetzen, üben wir Autisten, da uns ersteres meist nicht leicht fällt, stattdessen unsere Spezialinteressen aus. Es hat auch Vorteile, wenn man, sobald ein Ort genannt wird, sämtliche umliegende Dörfer aufzählen kann. 🙂

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8 Gedanken zu „Warum haben Autisten Spezialinteressen?

  1. Ich weiß gar nicht so genau, ob das tatsächlich die Gründe dafür sind, das ich (also ich kann ja selbstverständlich nur von mir sprechen) so sehr in irgendwelchen Themen versinke. Ich kann mich eben auch nicht auf so viele Themenfelder konzentrieren, weil ich auch schlichtweg keine Lust habe, mich auf andere Themenfelder zu konzentrieren. Ich bin eben ständig getrieben von der Frage, Warum funktioniert das so und so und was muss ich tun um die Funktionsweise effizienter zu gestalten? Da ist es dann auch fast egal, in welchem Bereich ich mich befinde, die Fragestellung bleibt immer die gleiche (fand ich beeindruckend, als mir das auffiel!).

    Ich will eigentlich sagen, ich suche gar nicht unbedingt meine Entspannung in meinem SI, ich bin ja nur in der Lage, mich um mein SI zu kümmern, wenn ich bereits auf einem gewissen Level der Entspannung bin und kann dann meine Entspannung weiter ausbauen (zwecks Erfolgserlebnisse, die ich generiere). Demnach könnte das natürlich doch wieder stimmen, auch wenn ich das bewusst nicht registriere. Der Mensch als solches ist ja bestrebt, Erfolgserlebnisse zu generieren. Und die Schwelle für Erfolgserlebnisse ist in dem Themengebiet, das gerade die große Leidenschaft darstellt, natürlich sehr viel niedriger für Asperger, als innerhalb des Themenbereichs „soziale Interaktion“. Was ist aber mit denen, deren Spezialinteresse nun soziale Interaktion ist? =D
    Bin ich auf einem zu niedrigen Level der Entspannung hilft eigentlich nur eins. Zurückziehen in die totale Stille, rumsitzen und warten, bis es langsam wieder etwas besser wird. Mein Hauptproblem ist dabei, dass bei einem niedrigen Level der Entspannung so viel Chaos in meinem Kopf existiert, das ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich brauche dann einfach etwas Zeit, bis ich eine effiziente Strategie zur Beseitigung des Chaos erarbeitet habe, um dann eben ordentlich aufzuräumen. Dann komme ich auf das Level der Entspannung, das ich benötige, um die für mich so notwendigen Erfolgserlebnisse zu generieren. Was die Entspannung dann weiter hebt.

    Ich wollt das nur mal so einwerfen, ich fand die Fragestellung für mich gerade interessant und wollt gern andre teilhaben lassen an meinen Gedanken! =)
    Danke für den Anreiz 😉

    • Danke für die ausführliche Rückmeldung!
      Natürlich haben Spezialinteressen auch immer etwas mit Hobbys zu tun und damit, dass man diesen auch gerne nachgeht. Spezialinteresse „Soziale Interaktion“, das wäre für einen Autisten wirklich sehr ungewöhnlich. 🙂 Ich habe an mir selbst beobachtet, dass zu Spezialinteressen auch eine gewisse Leidenschaft dazugehört, aber dies in der Intensität ja doch noch stärker ist, als bei den Hobbys der „normalen“ Menschen, weswegen sich ja schnell die Frage stellt: „Warum brauchen Autisten das eigentlich?“ Zu eben dieser Frage habe ich dann mal versucht, die tieferen Ursachen zu ergründen, die einem selbst eben häufig nicht bewusst sind.
      Was mir gerade noch als möglicher zusätzlicher Faktor eingefallen ist, dass Autisten ja meist mit den typischen Themen der neurotypischen Menschen nicht viel anfangen können (sei das Mode, Castingshows, immer das allerneuste Tablet, Party…) und sich deswegen lieber mit ihren eigenen beschäftigen, wo wir auch wieder beim Punkt „soziale Interaktion“ wären.
      Würde man aber die Autisten zwingen, anstatt ihren Spezialinteressen nachzugehen sich in Gemeinschaft hineinzubegeben, wer würde dann für den technologischen Fortschritt sorgen? 🙂
      Ich wünsche noch einen gesegneten Himmelfahrtstag!

      • Ja, warum _brauchen_ Autisten das? Das ist eben genau die spannende Frage dabei!

        Ja, naja … Ich denke es gibt schon Autisten (Karl Lagerfeld wird doch da immer gern angeführt, wobei ich da nun wirklich keine Ahnung habe, aber nehmen wir doch spaßenshalber einfach mal an es wäre so und er ist Autist, wieso auch nicht, möglich ist ja alles!), die sich dann sehr für Mode interessieren. Und auch bei mir was es lange ein Gemisch aus politischem Aktivismus und Musik, was jetzt durchaus gesellschaftsfähige Themen sind. Seitdem ich „spezieller“ unterwegs bin, habe ich da auch immer mehr Schwierigkeiten mit anderen zu kommunizieren. Aber nun gut, jetzt bin ich auch ein Mädchen und nun steht in jeder Fachliteratur, das gerade Mädchen auch deshalb unauffälliger sind, weil sie „gesellschaftsfähigere SIs“ haben. War bei mir der Fall.

        Der Unterschied ist aber, denke ich, wirklich, wir tiefgründig mit dem Thema umgegangen wird. Was wieder mit dem Monotropismus zusammenhängt. Den spüre ich an mir sehr deutlich. Wenn ich mich einmal in irgendwas festgebissen habe, dann ist es schwer, da wieder rauszukommen. Manchmal ist das auch etwas schädliches, und wenn man dann weiß, das es schädlich ist, ist es eben mega schwer, sich zu lösen (PC spielen war das bei mir).
        Ich bin, zumindest, nicht in der Lage meine Gedankenwelt auf mehr als ein Thema auszurichten und je mehr ich von außen bombadiert werde, umso mehr Chaos herrscht umso weniger schaffe ich. Sowohl die Anforderungen von außen, wie auch die Anforderungen von mir selbst. Und das ist eigentlich erst das dramatische. Finde ich. Während NTs eben dafür ausgelegt sind, sich breit zu fächern und von allem ein bisschen zu wissen, sind Autisten häufig (manchmal auch nicht) eher darauf ausgelegt, sich eben auf eines zu spezialisieren. Ja. Aber warum … ich merke ich komme dem nicht näher und kreise immer nur so drum herum =D Wie ärgerlich!

        Ich denke eben, die niedrigschwelligen Erfolgserlebnisse sind auf jeden Fall wichtig.
        Die Tiefgründigkeit, die Intensität, die Leidenschaft und das maßlose Interesse, auch den letzten Winkel dieser Thematik zu ergründen.
        Was ist die Ursache?

      • Ich überlege, wo ich bei meinen Spezialinteressen auf diese Erfolgserlebnisse abziele, wohl am ehesten dann, wenn ich meine Außenantenne rausstelle, zum Fichtelgebirge hin ausrichte und dann im Digitalradio bayrische Sender empfangen kann, was dann bei mir das Erfolgserlebnis darstellt.
        Ich habe zwar viele Spezialinteressen, aber natürlich nie wirklich mehr als eines gleichzeitig, dafür hätte ich wohl auch keine Kapazitäten.

      • Naja, du hast berichtet, dass du Karten zeichnest, für Bahnhöfe und Zufahrten. Ich denke, wenn dir etwas neues, effizientes gelungen ist, mit dem du dann zufrieden bist, ist das durchaus als Erfolgserlebnis zu bezeichnen. Eben immer dann, wenn du zufrieden mit deinem Ergebnis/Zwischenergebnis bist. Oder wenn du einen Aha-Moment hast, indem dir wieder etwas ein bisschen klarer wird. Das sind auch Erfolgserlebnisse.

        Oder bei dem Spiel mit deiner Schwester. Es fühlt sich doch gut an, wenn du möglichst häufig richtig liegst. Ich denke, innerhalb deines Spezielinteresses generierst du schon eine ganze Menge Erfolgserlebnisse, die du vielleicht nicht mal richtig als solche wahrnimmst, dein Körper schüttet aber dennoch entsprechende Belohnung aus.

        Nur meine Gedanken dazu =)

      • So, und wenn du jetzt auf der andren Seite die sozialen Interaktionen hast, wo eben „das Wahrnehmungsdefizit“ vorhanden ist, werden dort wahrscheinlich eher weniger Erfolgserlebnisse generiert und somit ist das Angebot höherschwellig. Es ist nur logisch, dass man sich das niederschwelligere Angebot aussucht. Der Weg des geringsten Widerstandes.

        Also zumindest wird meines Erachtens so ein Schuh draus (Die Redewendung hab ich nie so richtig begriffen, aber ich habe mir sagen lassen, das es bedeutet, das es so Sinn ergibt^^)

        Naja, so erkläre ich mir das in etwa^^

  2. Das mit den Interessen ist ein Grund dafür, wieso ich keine Freunde habe. Als ich kleiner war waren Delphine vorallem mein Intersse. Ich konnte über jede Art etwas erzählen, habe das dann auch gemacht. Ich habe ni ht gemerkt das die Anderen das nicht interessiert. Auch habe ich mich schon immer sehr für Krankheiten interessiert. Das finden viele in meinem alter sehr abstoßend wenn ich darüber was erzähle wenn ich wtwas interessantes neues darüber gefunden habe.
    Viele verstehen so etwas nicht, vielleicht weil sie es selber nicht kennen. Als ich noch so vertieft war in Delfine, wurde ich ständig runtergemacht und das nicht nur von Mitschülern. Auch von Lehrer und sogar von meinen eigenen Eltern. Und dass, obwohl mein Vater das Gleiche hat, nur dann mit seinen Pflanzen.
    Ich denke manchmal dient so ein Interesse auch dazu, sich vor der Außenwelt zu ,,flüchten“. Nicht immer,aber manchmal hilt es mir auch, mal ab zu schalten und das ganze Chaos der Außenwelt für einen Moment zu vergessen und mich ein Mal ruhig zu fühlen und einen klaren Kopf zu haben.

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