Die Sache mit dem Vergessen…

Man sagt Autisten häufig nach, ein besonders gutes Gedächtnis zu haben.
Die meisten Leute haben da Szenen aus dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman im Kopf, wo „Raymond Babbit“, einer der Hauptcharaktere, ganze Telefonbücher innerhalb eines Tages auswendig gelernt hat.
Als Vorbild diente hierbei der Savant Kim Peak (, der übrigens nicht einmal ein Autist war).
Aber wie ist es nun wirklich mit den Gedächtnisleistungen der Autisten beschaffen?
Zuallererst ist natürlich jeder von Autismus betroffene Mensch so individuell wie ein neurologisch-typischer auch, es ist also schon mal schwierig, eine Pauschalaussage zu treffen.
Von mir selbst kann ich sagen, dass ich mir Dinge sehr gut visuell und akustisch merken kann, das war es dann aber auch schon.
Das sich mein Gedächtnisaufbau in dieser Art und Weise von dem der meisten Menschen unterscheidet, habe ich schon lange vermutet, aber genau wusste ich es erst, als ich meine Mutter vor ein paar Monaten mal fragte, wie sie sich Dinge merkt. Die Antwort war die, welche ich erwartet hatte: „Als Information.“
Und genau das ist es, was ich nicht kann.
Ich bin in der Lage, manche Telefonnummern, die ich nur einmal gehört habe mein ganzes Leben lang zu behalten, mich durch einen einzigen Blick auf die Landkarte in einem fremden Gebiet zurechtzufinden (wenn ich ein Auto hätte, würde ich also auch nie ein Navigationsgerät benutzen) oder Musikstücke von zehn Minuten Länge, nachdem ich sie ein paar Mal gehört habe, auswendig auf der Trompete wiedergeben zu können (ich bin momentan kurz davor, das komplette „Magnificat“ von Carl Philipp Emanuel Bach auswendig zu können).
Wenn mir aber jemand aufträgt, zum Beispiel am Sonntagabend Brot aus dem Gefrierfach zu holen, dann würde ich nie im Leben in der Lage sein mir das zu merken, außer es würde fest in meinen, Tages- oder Wochenablauf gehören.
Wenn ich es mir dann auf einen Zettel schreibe, vergesse ich auch, auf den Zettel zu schauen.
Ich könnte ja versuchen, mir das Gefrierfach mit dem Brot darin visuell oder das von der anderen Person Gesagte akustisch einzuprägen, nur müsste mein Gehirn dies, wenn es dann so weit ist, auch erst mal in verwertbare Informationen konvertieren, geschweige denn wissen, wann es denn nun abzurufen ist.
Zum Glück habe ich da für mich eine gute Lösung gefunden. Ich schrieb ja, dass es mit Zetteln nicht klappen würde – tut es doch, aber nur wenn ich den irgendwo anbringe, wo ich ihn garantiert nicht übersehen kann, was bei mir momentan die Schranktür ist. Dort schreibe ich alles drauf, was ich sonst vergessen würde. Das erspart mir auch so manche Panik, wenn ich am Überlegen bin, woran ich denn noch so denken muss oder was ich vielleicht vergessen haben könnte.
Auch mit Terminen verhielt es sich viele Jahre ähnlich, ich habe aber mittlerweile gelernt, mir diese akustisch oder visuell (manchmal auch beides, es ergänzt sich sehr gut) einzuprägen.
Ob es nun bei anderen Autisten ebenfalls so ist, weiß ich nicht, umso gespannter bin ich dementsprechend auf Rückmeldungen, ob sich vielleicht der eine oder andere darin wiederfinden konnte.
Insgesamt würde ich sagen, dass mein Gedächtnis ähnlich gut sein dürfte, wie das anderer Menschen, allerdings ist das, was mir in der Informationsmerkfähigkeit fehlt dafür im visuellen und akustischen Gedächtnis umso verstärkter.
Das führt dazu, dass sich schon viele Leute unfreiwillig lange Sketche von Dieter Hallervorden (natürlich wortwörtlich!) von mir anhören mussten. 🙂

Advertisements

Ein Gedanke zu „Die Sache mit dem Vergessen…

  1. Pingback: Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit | Echt anders

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s