Das bewusste Unterbewusstsein

Nun finde ich nach einer längeren Pause endlich mal wieder die Zeit, einen Beitrag zu schreiben.
Die Menschen nehmen eine Menge im Unterbewusstsein wahr, was es nicht bis in die bewusste Wahrnehmung schafft. Ich spreche dabei nicht nur von Sinnesreizen, auch man selbst tut viele Dinge, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind. Wem fällt zum Beispiel von selbst auf, dass er die Beine übereinander geschlagen hat oder sich gerade am Kopf kratzt.
Es geschieht so vieles automatisch und eben oftmals unbewusst – aber würde ich diesen Beitrag schreiben, wenn es nicht auch anders sein könnte?

Ich würde nicht behaupten, dass ich alles bewusst wahrnehme, aber vieles von dem, was bei anderen Menschen im Unterbewussten liegt, bekomme ich ganz direkt mit.

Zum Beispiel kann ich meistens ziemlich genau sagen, warum ich in einer bestimmten Weise reagiere oder woher bei mir bestimmte Denkmuster kommen. Selbstreflexion gehört somit zu meinen Stärken.

Wenn es bei mir um alltägliche Dinge geht, wie etwa das Schuhe zubinden, bekomme ich das zwar ohne darüber nachzudenken hin, unbewusst laufen solche Handlungen bei mir jedoch nicht ab. Setze ich mich zum Beispiel an meinen Schreibtisch, nehme ich auch ganz bewusst wahr, wenn ich diesen mit den Beinen berühre
Bei jedem Menschen sind die jeweiligen Handlungsabläufe unterschiedlich automatisiert, je nachdem, wie oft man die gleiche Tätigkeit ausführt. Nun ist es bei mir so, dass – wenn meine Routinen durch ein außergewöhnliches Ereignis oder schwere Reizüberflutung aus den Fugen geraten sind – vieles dann eben nicht mehr so automatisch abläuft und ich bei manchen selbstverständlichen Dingen wirklich nachdenken muss. Solche Zeiten gab es bei mir mehrfach und es zeigt einmal mehr, wie sehr bei mir die Dinge in der bewussten Ebene liegen.

Ich stütze mein Kinn auf meine Hand auf und spüre sogleich die Bartstoppeln. Das klingt nach bewusster Achtsamkeitsübung, ist aber für mich völlig normal.

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Zweimal neu geboren

In der Bibel heißt es: „Ihr müsst von Neuem geboren werden.“ (Johannes 3,7). Das habe ich sozusagen gleich zweimal erlebt. Das erste Mal bei meiner bewussten Entscheidung für ein Leben mit Gott und das zweite Mal bei meiner Autismus-Diagnose. Bis dahin wusste ich zwar, dass ich irgendwie anders bin, konnte es aber nicht genauer einordnen.
Dann kam die Antwort auf viele meiner Fragen: „Asperger-Syndrom“.

Seidem hat sich mein Leben noch einmal völlig verändert. Ich hatte in drei Jahren in einer christlichen sozialtherapeutischen Einrichtung im sächsischen Pegau die Möglichkeit, mich unter dem Aspekt „Autismus“ völlig neu kennen zu lernen.
In meinem Freiwilligen Sozialen Jahr, das ich zuvor absolviert hatte, lernte ich den Satz „Nur wer sich selber kennt, lernt andere verstehen.“ – und genau so ist es. Ich musste mich selbst erst richtig kennen lernen, bevor ich die Möglichkeit hatte, elementare soziale Kompetenzen überhaupt anwenden zu können.

Dadurch, dass ich mich nun selbst kannte, habe ich auch einen Blick dafür bekommen, wie andere Menschen funktionieren (besonders im Vergleich zu mir). Auch wenn es nach Schubladendenken klingt, ich lernte, im Kopf die Persönlichkeiten der Menschen, denen ich begegnete, in Kategorien einzuteilen, konnte mir so gewissermaßen innerliche Datenbanken darüber anlegen und damit das, was mir an Einfühlungsvermögen und Empathie von Natur aus fehlte, ausgleichen.

Dadurch habe ich im Laufe dieser drei Jahre in Pegau nicht nur meine Mobbingerfahrungen aufarbeiten können, auch Sozialkompetenz habe ich erlangt.
Wenn ein Mensch vor mir steht, kann ich zwar in dem Moment kaum sagen, wie es ihm geht, könnte ihn aber analysieren, wie ein Psychater. So weiß ich auch, wie ich mit bestimmten Persönlichkeiten umzugehen habe.

All dies wäre ohne die Mitarbeiter der Arche Pegau und ohne Gottes Zutun nicht möglich gewesen. Die zweite „Neugeburt“ ist für mich ebenso wichtig geworden, wie die erste.

Klingt das, als wäre ich nun kein Autist mehr? Keineswegs, ich werde für den Rest meines Lebens mit gewissen Einschränkungen zu kämpfen haben, beispielsweise werde ich wohl niemals ein Freund des Telefons sein und auch Reizüberflutung wird immer ein Thema bleiben, aber ich habe aus einer Schwäche eine Stärke gemacht und kann Gott jeden Tag dafür dankbar sein.

Ist das journalistische Präzision?

Letzte Woche saßen wir wieder einmal fassungslos vor den Nachrichten und mussten erneut erfahren, dass es wieder einen Amoklauf mit einer Menge Toten an einer Schule in den USA gegeben hat.
Nun, wir Autisten haben da ja schon so unsere Vorahnungen, welche Verlautbarungen da von den Medien wohl wieder zu hören sein werden – und schon ein paar Tage später wurde es hinausposaunt: „Autismus“

Speziell aufgefallen ist mir ein Nachrichtenartikel der ZEIT. Während in anderen Zeitungen/ Nachrichtenportalen nur davon die Rede ist, dass „eine Frau“ der Sun Sentinel (vom Format etwa mit der BILD-Zeitung vergleichbar) sagte, der Amokläufer hätte als Kind eine Autismus-Diagnose erhalten, was ja alles noch sehr relativ und vage klingt, ist sich die ZEIT völlig sicher:

Auch wurde bei dem Attentäter Autismus diagnostiziert, eine neurologische Erkrankung, die oft zu Isolation und Problemen im Umgang mit anderen Menschen führt, sowie die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS.

Dieser Satz mit exakt dem gleichen Wortlaut gibt es in dem Artikel gleich zweimal, aber sehen wir darüber mal hinweg. Sehen wir uns allerdings zum Vergleich den Satz an, der in vielen anderen Quellen zu finden ist, so zum Beispiel bei der WELT:

Eine Frau berichtete der Zeitung „Sun Sentinel“, bei Nikolas sei schon als Kind Autismus diagnostiziert worden.

Die ZEIT versucht also schon wieder, diese schreckliche Tat auf Kosten von Menschen mit Autismus und ADHS zu erklären? Ob er nun wirklich Autismus hat oder nicht ist völlig nebensächlich, denn das kann kein Grund für einen Amoklauf sein. Und hört sich das wirklich nach einem Autisten an, jemand, der begeistert Bilder von Waffen in Sozialen Netzwerken postet? Ich mache jedenfalls um Dinge wie Facebook, Twitter, Instagramm oder WhatsApp einen großen Bogen.

Die ZEIT hat mit ihrem Artikel eines erreicht – dass in den Köpfen der Leute die Vorurteile gegenüber Autisten weiter gefestigt werden. Die Zeitung hat wieder einmal dafür gesorgt, dass man Autisten auch weiterhin als gewalttätige, gefühlskalte Monster ansehen wird, die nach dem Willen mancher Leute vorsorglich weggesperrt gehören. Ist es das was ihr, die „Journalisten“ der ZEIT, wollt?

Grobmotorisch und ungeschickt – typisch Asperger?

Eine Eigenschaft, die Asperger-Autisten von frühkindlichen Autisten unterscheidet, ist die immer wieder genannte motorische Ungeschicktheit. Aber ist das wirklich typisch Asperger? Nehme ich mich selbst als Beispiel, kann ich darauf nur antworten: Ja, auf jeden Fall!

Ich war schon immer sehr grobmotorisch und dann auch noch Linkshänder. Es versteht sich von selbst, dass ich mit üblichen Rechtshänderscheren schlecht bis gar nicht schneiden kann. Beim Schreiben tut mir sehr schnell die Hand weh und wenn irgendwelche feingliedrigen Arbeiten zu machen sind, bin ich gänzlich ungeeignet (vielleicht sollte ich mich mal als Chirurg versuchen – nein besser nicht!), geht es aber darum, anzupacken und besonders schwere Sachen zu schleppen, bin ich sofort zur Stelle.
Befindet sich irgendwo eine Ecke, die herausragt, ein Kabel auf dem Fußboden oder eine andere Stolperfalle – ich nehme alles mit. Natürlich passiert mir trotzdem nie etwas.

Eigentlich kann man wirklich drüber lachen, aber warum ist das eigentlich so?
Ich nehme an, dass es mit einer eingeschränkten Wahrnehmung des eigenen Körpers im Verhältnis zum umgebenden Raum zu tun hat. Ich merke das, wenn ich um Ecken herumlaufe, gerade, wenn ich dabei durch eine Tür gehe. Ich muss mich oftmals etwas an der Wand entlangtasten, da ich die Ecken und Kanten zwar sehe, aber diese sonst trotzdem mitnehme.

Schwierigkeiten merke ich auch immer wieder in der motorischen Koordinationsfähigkeit. Gerade, wenn ich im Sportunterricht Übungen nachmachen sollte, fiel es mir mitunter schwer, das Gesehene zu reproduzieren.

Interessant finde ich ja, dass sich die motorischen Eigenschaften bei vielen von uns Aspergern fast eins zu eins auf soziale Situationen übertragen lassen. Auch dort reagieren wir meist etwas unbeholfen, da wir mit nonverbalen Signalen ein Problem haben.

Allen Lesern ein frohes neues Jahr!

Der Reiz des Lernens

Jeder Mensch hat es von Natur aus in sich, manche mehr, manche weniger. Es eine Eigenschaft, die uns von Tieren unterscheidet, das Bestreben, sein Wissen zu vergrößern, immer mehr zu lernen und neue oder unbekannte Dinge zu entdecken.
Bei mir ist das ganz besonders ausgeprägt, vielleicht finde ich deshalb Star Trek so „faszinierend“.

Schon als Kind bin ich immer gerne auf Entdeckungstour gegangen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, ob meine Eltern wollten oder nicht. Bis heute mache ich jedes Wochenende meine großen Fahrradtouren und versuche dabei Gebiete zu erkunden, wo ich noch nicht war. Das bedeutet natürlich, dass ich mit der Zeit immer weiter fahren muss, weil ich irgendwann alles kenne.

Ich bin aber auch ein klassischer „Faktensammler“. Ich weiß nicht, was zu Grundschulzeiten andere Kinder in meinem Alter so gelesen haben, aber bei mir waren es hauptsächlich Sachbücher.
Bis heute bin ich immer weiter am Lernen. Da ist es praktisch, dass es das Internet gibt. Ich stoße meinetwegen auf irgendetwas Unbekanntes, etwas das mir Fragen aufwirft, ein weggebaggertes Dorf, eine stillgelegte Bahnstrecke oder einfach eine Pflanze, die ich noch nicht kenne und sofort verspüre ich den intensiven Drang, alles darüber in Erfahrung zu bringen. Ich werde dann in jenen Bereichen innerhalb kurzer Zeit zum Experten.
Ich denke das ist es, wodurch sich übrigens ein Spezialinteresse von einem Hobby abgrenzen lässt, nur mal so am Rande für alle, die sich mit Asperger beschäftigen.

Als Gärtner-Lehrling muss ich bis zu meiner Abschlussprüfung eine bestimmte Anzahl von Pflanzen mit deutschem und botanischem Namen wissen und diese auch erkennen. Jene sind bei mir in einer Pflanzenliste mit fast 400 Stück zusammengefasst.
Für viele andere Auszubildende im Gartenbau ist das manchmal eine Last, aber ich habe richtig Freude daran, das alles auswendig zu lernen und die Pflanzen sämtlichst kennenzulernen, aber inzwischen kenne ich alle, also suche ich mir noch mehr Pflanzen, die nicht in der Liste stehen.
In der Berufsschule bin ich nicht nur als Einserkandidat, sondern auch als Pflanzenkenntnisexperte bei Schülern und vor allem Lehrern berüchtigt. Ich bin dort der einzige, der die Pflanzenkundeübungen gar nicht erwarten kann.

Das ist eben der Reiz des Lernens, der, wie ich vermute, bei Asperger-Autisten ganz besonders ausgeprägt ist, während bei Nichtautisten dann sicher der Gemeinschaftssinn stärker sein dürfte.

Allen Lesern einen fröhlichen Tag der Deutschen Einheit!

Irgendwo zwischen naiv und rational

Uns Autisten sagt man gerne ein sehr rationales Verhalten und Denken nach. Dies dürfte wohl in den meisten Fällen so sein. Doch es gibt auch die andere Seite – eine geradezu kindliche Naivität.

Kürzlich las ich einen Nachrichtenartikel in dem es darum ging, dass Autisten gegenüber den Lockmitteln der Werbung durch ihr rationales Denken immun sind. Diese These würde ich nur bedingt unterschreiben.

Rationales Denken und Verhalten ist etwas, das, wohl durch meinen Autismus, ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Mein Handeln wird nicht von Emotionen kontrolliert, sondern mein Verstand kontrolliert in einem gewissen Maße die Emotionen. Beste Voraussetzungen also, um Werbung die kalte Schulter zeigen zu können.

Doch leider ist es nicht ganz so einfach, denn Werbebotschaften werden nicht mehr nur auf der emotionalen Ebene transportiert. Immer wieder werden irgendwelche Studien angeführt, welche die Wirksamkeit eines Produktes beweisen, mal kommen Ausdrücke wie „wissenschaftlich erwiesen“ zum Vorschein oder es lobt irgendein „Professor Dr. [schlau klingender Name]“, wie toll doch das im Fernsehen Angepriesene ist.

Dass dahinter eine betrügerische Masche steht, sind so manche Autisten nicht in der Lage zu sehen. Da kommt nämlich das Problem mit den Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen auf.
Was uns Autisten auf der einen Seite gegenüber Werbebotschaften auf der emotionalen Ebene immun machen kann, lässt uns wiederum leichter gegenüber wissenschaftlich eingekleideter Werbung anfällig werden.
Wer macht sich schon die Mühe, nachzusehen, ob es jene „wissenschaftliche Studien“ überhaupt gibt oder wie diese durchgeführt wurden?

Wunder Punkt

Während meiner Schulzeit hatten es meine Mitschüler sehr leicht, mich zum Ausrasten zu bringen. Sie wussten genau, womit sie mich aufstacheln konnten. Inzwischen haben es Leute schwer, bei mir einen wunden Punkt zu finden.

Ich würde behaupten, dass jeder Mensch irgendwo mindestens einen solchen wunden Punkt hat, der womöglich auch einen gemütsruhigen Menschen die Selbstbeherrschung verlieren lassen kann.
Wo man mich besonders kränken kann ist, wenn man mir vorwirft unzuverlässig, unordentlich, ungründlich, unpünktlich oder gar faul zu sein. Dadurch fühle ich mich dann besonders angegriffen, es sein denn, ich erkenne sofort, dass diese Vorwürfe haltlos sind. Treffen diese Punkte in einer Situation aber doch mal zu, mache ich mir selbst mehr Vorwürfe als mein Gegenüber.
Alle diese Tugenden – Ordnung, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pünktlichkeit – würde ich als meine Stärken bezeichnen, typisch Asperger eben. Wenn also jemand auch noch im Recht damit ist, meine Stärken infrage zu stellen, wie würde es dann erst bei Dingen sein, die mir schwer fallen?
Rechtschreibung fiel mir schon immer leicht und Schreibfehler entdecke ich bei anderen meist sofort. Wenn aber mir tatsächlich mal einer unterläuft und der dann noch von anderen entdeckt wird, ist das für mich natürlich eine herbe Schmach.

Es ist halt doch so, dass ich mich sehr über meine Stärken definiere und wenn jemand das Fundament einreißt, was bleibt da noch?
Doch zum Glück geht ein Fundament nicht so schnell in die Brüche. Wo ich früher kaum Kritik zulassen konnte, ist es mir heute viel eher möglich, konstruktive Rückmeldungen anzunehmen, ich brauche sie sogar.
Bei Kritik, die nicht gerechtfertigt ist, kommt häufig noch immer meine Kämpfernatur zum Vorschein und ich fange an zu diskutieren, oder aber ich bemerke, dass diese nur dazu dient, mich schlecht zu machen oder aus der Reserve zu locken. Letzteres blockt meistens von mir ab.
Vieles, was früher für mich ein wunder Punkt war, ist es eben heute nicht mehr.

Diagnose Autismus

Immer häufiger wird bei Menschen die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ oder kurz „Autismus“ gestellt. Manch einer spricht deswegen schon von einer Modediagnose.
Ich persönlich glaube, dass die steigenden Fallzahlen schlicht und einfach daher rühren, dass man heute mehr über Autismus weiß. Früher wurden viele mittlerweile Erwachsene, die dieser Tage als Autisten – oftmals Asperger-Syndrom – diagnostiziert werden, einfach als verrückt, schüchtern, psychisch krank oder schlecht erzogen abgestempelt. Die inzwischen bessere Kenntnis vieler Therapeuten, Pädagogen und Psychologen zum Thema Autismus-Spektrum-Störungen sorgt natürlich dementsprechend auch dafür, dass vermehrt Diagnosen schon in der Kindheit gestellt werden.

Für mich war die Diagnose „Asperger-Syndrom“ die lang ersehnte Antwort auf meine Fragen:
„Warum werde ich, wo ich auch hinkomme gemobbt? Mache ich irgendetwas falsch oder ist irgendetwas an mir falsch? Was macht mich so anders als die anderen? Warum gelingt es mir nie, Freundschaften zu finden?“
Durch meine Diagnose hatte ich endlich die Antwort auf meine Fragen und ich wusste, dass ich nicht falsch war, sondern einfach anders, ich wusste warum dies so war und dass mein Umfeld mit meinem Anderssein einfach nicht umgehen konnte.

Aber wie kann man für sich oder sein Kind eigentlich eine Autismus-Diagnose stellen lassen? Nun, der Weg dorthin ist oftmals steinig.
Meine Mutter hatte den Verdacht „Asperger-Syndrom“ schon als ich vier war, der Kinderarzt redete ihr das aber recht schnell aus. Mit meiner Diagnosestellung hatte ich dann aber wirklich Glück. Im Spätsommer 2012 rief meine Mutter bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Chemnitz an und im Dezember war die Diagnose gestellt. Leider ist es nicht immer so einfach.
Der übliche Weg ist, dass man mit dem Autismusverdacht zum Kinder-/ Allgemeinarzt geht und dieser dann die Überweisung zum Spezialisten, einem Psychiater etwa oder einem Psychotherapeuten, der sich im Idealfall auch auf Autismus spezialisiert hat. Oft sitzen auch in Autismuszentren Fachleute, die Diagnosen stellen.
Wie ich oben ja schon beschrieben habe gibt es leider oft genug Kinder-/ Allgemeinärzte, die Autismus gleich ausschließen und gar nicht erst eine Überweisung schreiben, damit der Weg zur Diagnose überhaupt beginnen kann. In dem Fall hilft es nur, einen anderen Arzt aufzusuchen, das ist zwar stressig, aber es gibt ja genug davon.
Hat man dann die Überweisung zur Autismusdiagnostik, muss man sich meistens leider auf eine lange Wartezeit einstellen, manchmal zwei Jahre.
Viele Menschen scheuen sich deshalb, diesen steinigen Weg überhaupt zu beschreiten, sicher weil einigen auch der Gedanke kommt: „Autismus… und was nun?“

Ich persönlich kann nur dazu ermutigen, bei einem Verdacht, dass man selbst oder sein Kind autistisch sein könnte, diesen Weg auf sich zu nehmen, ich habe es jedenfalls nie bereut, im Gegenteil. Ohne meine Diagnose wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Sehr gut erklärt ist der Weg der Diagnosestellung auch auf http://autismus-kultur.de/autismus/autismus-diagnose-bei-kindern.html.

„Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

So lautet bei uns auf Arbeit eines unserer Mottos, um genau zu sein das vierte von insgesamt fünf. Angewendet wird der Satz bei uns eher in einem scherzhaftem Rahmen, aber er passt ganz gut zu meinem Leben.

Ich habe ja schon in manchen Beiträgen über meine Mobbingerfahrungen geschrieben und wie diese mich zu einem Einzelkämpfer gemacht haben, im positiven wie im negativen Sinne. Ich bin an sich damit zufrieden, dass ich mich durch viele Situationen so gut alleine durchschlagen kann und nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Es fällt mir dadurch aber auch schwer, von anderen Hilfe anzunehmen.

Wenn irgendjemand mir in einer Sache, lassen wir es nur eine Kleinigkeit sein, seine Hilfe anbietet, bin ich schnell dabei, gemäß dem obigen Motto zu reagieren. Ich habe sonst einfach das Gefühl, mein Gegenüber auszunutzen und will der Person keine Umstände machen (ganz zu schweigen davon, dass ein Abweichen von meinen eigenen Methoden für mich Stress bedeuten könnte). Wenn mich also jemand fragt, ob er oder sie mir beim Tragen eines sperrigen Gegenstands helfen soll, antworte ich tatsächlich oftmals:„ Ach, das geht schon so!“

Über viele Jahre war es so, dass ich quasi kaum Unterstützung in meinem Mobbingsituationen erfahren habe und es mir dadurch irgendwann nicht mehr möglich war, anderen Menschen zu vertrauen. Die Spuren davon finde ich heute noch in meinem Leben. Ich habe oft das Gefühl alleine besser zurechtzukommen als mit anderen Menschen. Die Tatsache ist jedoch, dass ich schon seit einigen Jahren verschiedene Menschen um mich habe, die mich unterstützen. Manchen davon und vor allem Gott selbst verdanke ich, dass ich heute vergleichsweise normal und unbeschwert leben kann.

So gerne ich ein Einzelkämpfer bin, es ist dann eben auch so, dass mich andere manchmal regelrecht dazu drängen müssen, ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ob sich das in meinem Leben jemals ändern wird? Ich weiß es nicht, aber bis dahin gilt für mich wohl das vierte Motto: „Das geht schon so, das haben wir immer schon so gemacht!“

Absolutes Gehör

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad nach Schöneck hinauf und hörte dabei im Radio auf BR-Klassik einen Beitrag über das absolute Gehör (die Fähigkeit, gehörte Töne zu identifizieren oder einen geforderten Ton sofort ansingen zu können). Da ich dieses selber habe, war das Thema natürlich für mich hochinteressant. Relativ zum Schluss des Beitrages wurde auch noch darauf eingegangen, dass es unter Autisten einen erstaunlich hohen Anteil an Absoluthörern gibt.

Das erste Mal hörte ich den Begriff „Absolutes Gehör“ im Musikunterricht in der zehnten Klasse. Unser Musiklehrer wollte uns am Klavier anhand zweier Dreiklänge den Unterschied von Dur und Moll erklären und sagte, als er beides nacheinander gespielt hatte, dass man da kaum einen Unterschied heraushören könnte. Ich sagte daraufhin, dass man schon einen Unterschied hören kann, da der eine Dreiklang ein fis und der andere ein f hat. Darauf hat der Lehrer mir gleich ein paar weitere Töne vorgespielt um herauszufinden, ob ich wirklich das absolute Gehör habe. Er erklärte mir, dass diese Fähigkeit sehr selten sei. Bis dahin bin ich davon ausgegangen, dass jeder Mensch das kann.

Aber ist es wirklich so, dass das absolute Gehör bei Autisten häufiger vorkommt als bei Nichtautisten? Zumindest gibt es einige Studien und Untersuchungen darüber, die aber allesamt noch kein stichhaltiges Ergebnis zutage fördern konnten geschweige denn zu erklären in der Lage gewesen wären, warum diese Fähigkeit bei Autisten häufiger auftritt. Meine Vermutung ist, dass die häufigere Veranlagung des absoluten Gehörs bei Autisten mit der bei jenen häufig auftretenden akustischen Übersensibilität zusammenhängt, aber wie gesagt, es ist nur eine Vermutung.

Mich persönlich hat das absolute Gehör mein Leben lang begleitet und ich empfinde es als sehr wertvolle Eigenschaft, für die ich meinem Schöpfer im Himmel eigentlich nicht genug danken kann. Wenn irgendwo eine Gitarre zu stimmen war, wurde ich meist zurate gezogen, es hilft mir beim Auswendiglernen von Musikstücken und beim Komponieren. Wo andere Komponisten zum Schreiben ihrer Stücke das Klavier benötigen, habe ich die Melodie im Kopf, schreibe sie einfach auf und weiß genau, wie die Begleitung klingen würde, die ich ergänze. Im Chor kann ich durch diese Fähigkeit obendrein wunderbar vom Blatt singen.

Natürlich setzt mir das absolute Gehör auch gewisse Grenzen. Manchmal – das trifft vor allem auf die Musik des Barock zu – müssen Stücke einen Halbton tiefer oder in noch einer anderen Tonart gesungen/ gespielt werden. Manch einer würde einfach das Instrument dementsprechend umstimmen oder schlicht in der anderen Tonart singen. Bei mir geht das dann nicht so einfach. Ich muss bewusst transponieren, also statt einem e zum Beispiel ein es spielen. Und wenn mir jemand zwei aufeinander folgende Halbtöne vorspielt (also das Intervall einer kleinen Sekunde), ist das für mich wie Folter, die ich selbst mit Gehörschutz nicht ertragen würde.

Ich selbst würde das absolute Gehör durch nichts eintauschen wollen und bin gespannt, was die Forschung noch so über den Zusammenhang Autismus und absolutes Hören herausfindet.